Heute begrüssen wir Gastblogger Martin Sturzenegger*

Jährlich müssen 10'000 Personen in der Schweiz wegen eines eines Schlittelunfalls zum Arzt: Vater und Kinder schlitteln in Langnau am Albis, Dezember 2003. (Bild: Keystone)
In meiner Jugend wurde der Schlittelsport stets belächelt. Wer mit 14 Jahren nicht mit einem Brett oder zwei Latten unter den Füssen unterwegs war, der überwinterte als Aussenseiter. Diese Personen waren entweder auf fahrlässige Weise unsportlich, und somit für den Pistenverkehr ungeeignet, oder das Geld der Eltern reichte nicht für die teuren Wintersportgeräte, sondern nur für eine Migros-Plastiktüte, die sich die Hangrutscher unters Gesäss klemmten. Die Schlittelpiste war ein Ort, den es zu meiden galt, der Treffpunkt aller Bemittleidenswerten. Ausser an Weihnachten wurde eine Ausnahme gemacht – der Familie zuliebe.
Im Jahr 2003 veränderte sich meine Meinung über den vermeintlichen Weicheiersport schlagartig. Zum Ende meiner Winterrekrutenschule durfte die gesamte Kompanie einem volkstümlichen Fest irgendwo in einer Ostschweizer Skihütte beiwohnen. Es gab Fondue à discretion und mit dem Weisswein wurde der Frust der vergangenen 15 Wochen weggespült. Für die rund 100 abgekämpften jungen Männer ein Abend im Paradies. Und das beste stand erst noch bevor: die Schlittelfahrt hinunter ins Tal. Quasi bereits als Ticket in die Freiheit zu verstehen.
Es sollte anders kommen: Rund zwei Stunden später war die Stimmung getrübt. Im Blaulicht des Krankenwagens mussten insgesamt vier junge Männer notfallmässig verarztet werden. Ein Beinbruch, eine Schnittwunde am Arm, ein verstauchter Knöchel und eine mittelschwere Kopfverletzung waren die traurige Bilanz dieses vermeintlichen Spasses. Die Wochen zuvor wurde mit schweren Geschützen geschossen, an Häusern rumgeturnt und durch unwegsames Gelände gerobbt. Doch den wahren Gegner fanden diese Männer nicht im simulierten Krieg, sondern auf einer Schlittelpiste, die im Internet als «Spass für die ganze Familie» angepriesen wird.
Dass junge, betrunkene Männer nicht eben zu übertriebener Vorsicht neigen, dürfte die Gefährlichkeit des Schlittelsports in diesem Fall etwas relativieren. Wären da nicht die Statistiken: Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung müssen jährlich rund 10’000 Personen wegen eines Schlittelunfalls einen Arzt aufsuchen. Eine gemeinsame Studie des Spitals Frutigen mit dem universitären Notfallzentrum des Berner Inselspitals zeigt, dass die Verletzungen gar gravierender als beim Ski- oder Snowboardfahren sind. Von den Schlittlern, die zwischen 1996 und 2009 ins Inselspital eingeliefert wurden, endete die rasante Fahrt oft mit einem Beinbruch (35 Prozent), einem Bruch der Arme (18 Prozent) oder einer Gehirnerschütterungen (7 Prozent).
Die Unfallorgie dürfte grösstenteils auf mangelnde Selbstverantwortung zurückzuführen sein. Wer sich mit Jeans und Turnschuhen ins Abenteuer stürzt oder beim Apéro über die Stränge schlägt, der erhöht das Risiko, dass bereits die Neujahrsfahrt im Strassengraben endet. Kommt dazu, dass die schweizerischen Bahnbetreiber offenbar ihren Beitrag leisten, dass Schlitteln zur Risikosportart verkommt: Laut einer Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) genügen mehrere Schlittelbahnen nicht den nötigen Sicherheitsansprüchen. Savognin und Schatzalp Davos erhielten bei einem Test lediglich ein «mangelhaft», die Strecken Eiger-Run im Berner Oberland wie auch die Schlittelbahn Furt-Wangs im Pizol-Wintersportgebiet ein «sehr mangelhaft». Zu enge Kurven, kaum sichtbare Warnhinweise oder eine schlechte Präparierung garantieren den Höllenritt.
Einen Vorteil besitzen jene, die mit ihrem Schlitten verletzt im Strassengraben liegenbleiben. Unfallversicherungen führen eine schwarze Liste, wie der «K-Tipp» einst berichtete. Die darin aufgeführten Sportarten gelten als so genanntes Wagnis und die Leistungen werden erheblich gekürzt. Schlitteln gehört nicht zu den genannten Sportarten, ausser man verwechselt Eis mit Wasser und stürzt sich mit einem Schlauchboot die Piste runter (Snowrafting). Somit liegen die Schlittelopfer der Suva jährlich mit rund 10 Millionen Franken auf der Tasche, wie der Unfallversicherer selbst schreibt.
Interessant wäre nun, was passiert, wenn die Versicherungen Schlitteln plötzlich als Risikosportart eingestuft würde: Ehe es zum privaten Bankrott kommt, zügeln die Eltern ihre Kinder von der Schlittelbahn und deponieren sie am nächsten Bubilift. Teenager entdecken Schlitteln als das, was es eigentlich schon immer war: Eine so kostengünstige wie coole Sportart mit hohem Spassfaktor. Der unsportliche Klassentrottel rutscht plötzlich nicht mehr alleine den Hang runter und wäre von nun an nicht mehr Aussenseiter. Und spätestens dann, wenn der unverwüstliche Davoser-Schlitten das Smartphone als beliebtestes Accessoire unter dem Weihnachtsbaum verdrängt, wäre eines klar: Die Welt würde im Winter ein klein wenig besser werden.
*Martin Sturzenegger ist begeisterter Schlittler, Jogger, Squash- und Tennisspieler. Seit 2010 ist er Nachrichten-Redaktor bei Newsnet.







Natascha Knecht ist Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin.
Geboren und aufgewachsen im östlichen Berner Oberland – dem Mekka für Kletterer, Alpinisten und Outdoorsportler –
entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Berge bereits in ihrer Kindheit. Sie lebt seit über zehn Jahren in Zürich. Natascha Knecht betreut im Outdoor-Blog die Ressort
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Martin Sturzenegger (29) ist weder Profisportler noch Experte einer bestimmten Outdooraktivität. Als sportliches Highlight ragt der Bronzemedaille-Gewinn in einem Sprintbewerb für Kinder heraus. Im Outdoorblog betreut er das Ressort 





































Sowohl beispielsweise in Braunwald als auch auf der Klewenalp werden die verschiedenen Schlittelpisten als schwierig oder einfach ausgewiesen. Wenn ich dann – wie letztes Wochenende – auf der schnellen Chälenpiste mitten am Berg entsetzte Grossmütter ratlos vor den Steilpassagen kapitulieren sehe, liegt wohl die Gefahr vor Ort mehr bei deren fehlender Selbstverantwortung als an meinem nicht existenten Helm…. Und a propos Verantwortung: Bevor ich mit den Kids irgendeine unbekannte Piste befahre, wird diese von mir erstmal alleine rekognosziert. Auch wenn es Bahnen und Pisten hat: Sie dienen lediglich der Bequemlichkeit, was man sich ja gern gefallen lässt. Aber letztendlich bleiben Berge eben Berge und sind Natur – und wer sich dorthin begibt, muss grundsätzlich stets seine Grenzen kennen, sowohl im Sommer als auch im Winter.
Ich gebe dem Autor völlig recht. Schlitteln hat es in der Schweiz leider immer noch nicht zu einer “richtigen” Sportart geschafft. Das fängt bei der stiefmütterlichen Behandlung der Schlittelpisten durch die Sportbahnen an und endet bei bei Leuten die angetrunken, zu viert und ohne richtiges Schuhwerk, geschweige denn Helm oä. (siehe Foto) auf der Piste liegen, nachdem sie gestürzt sind. “Schlitteln ist ja sooo lustig”.
Wer mit einem richtigen Sportrodel und entspr. Fahrtechnik mal ins Tal gerauscht ist, weiss dass Schltteln genauso anstrengend wie Biken ist. Entsprechend sollte man sich schützen und verhalten.
Hallo Benjamin
Das hast Dur sehr gut geschrieben. Nicht eine Sportart ist gefährlich, sondern die Menschen, die sich nicht richtig
verhalten… Training, Ausrüstung, Schulung, Verhältnisse, und Informationen holen…
Man muss seine sportlichen Tätigkeiten immer seinem Können und der Leistungsfähigkeit anpassen. Der Schnee, die
Natur und die Berge können ja nichts dafür, wenn sich der Mensch Ihnen nicht anpasst. Es ist ja nicht der Berg der tötet…
sonder der Mensch der im Gebirge umkommt.
Ich wünsche allen einen schönen Winter.
Viele Grüsse von
Raphael Wellig / Stadt Bern / http://www.raphaelwellig.ch
Solche Beiträge und der Sicherheitswahn der um sich greift nerven. Mehr Selbstverantwortung und weniger Gesetzte wären wünschenswert.
Absolut einverstanden. Zur Selbsverantwortung gehört aber auch für die Kosten selbst aufzukommen, wenn man besoffen und schlecht ausgerüstet mit dem Schlitten ins Tal stürzt. Da möchte ich als Suva-Beitragszahler nicht and den Folgen beteiligt werden. Es muss doch einen Weg geben solce Sachen von der Versicherung auszuschliessen, ohne dass gleich ein neues Gesetz geschaffen wird.
Jedes Skigebiet will eben dabeisein und eine Schlittelstrecke anbieten. Wenn so eine Strecke nicht gründlich geplant und überlegt ist und extreme Gefällspassagen aufweist, die eben auch vereisen können, dann sind Kinder stark gefährdet und selbst mit Spezialausrüstung wie Bremssohlen hat man Mühe, einen Sportrodel noch zu halten. Spass machen solche Strecken überhaupt nicht. Die Skigebiete wären gut beraten, sich die Ausgestaltung ihrer Schlittelstrecken genauer anzusehen statt einfach nur eine Abschussrampe anzubieten.
Preda-Bergün ist sicher nicht die gefährlichste Schlittelban, mit dem GPS haben wir über 50 km/h gemessen. Wenn die Bahn vereist ist, gehts noch schneller. Jeder der bei 50 km/h keine Schutzausrüstung, wie Helm und Rückenpanzer trägt handelt absolut verantwortungslos, über zu viel Alkoholkonsum muss man gar nicht reden. Schlitteln ist nicht weniger gefährlich als MTB Downhill, aber die meisten tragen nicht mal einen Helm. Klar ist jeder selber verantwortlich was er macht, aber viele sind einfach zu blöd um zu kapieren wie gefährlich es in wirklichkeit ist.
Interessant wäre es zu wissen, wie viele Verletzte mit bleibenden Schäden es beim Schlitteln gibt. Bin der Meinung, Arm- und Beinbrüche bei jungen Leuten sind nicht allzu tragisch, relativ günstig “zu reparieren” und können in einem aktiven Leben nun einmal vorkommen.
Wichtig ist, den Kopf und die Wirbelsäule zu schützen und den gesunden Menschenverstand (ungetrübt durch zu viel Alkohol) einzuschalten.
Und wem der altehrwürdige Davoser zu wenig trendy ist, dem kann ich nur ein Air-Board empfehlen.
Stellungsnahme eines professionellen Vielschlittlers
Das Problem: Die Konstruktion der Holzschlitten. Weil die Leute die Füsse in der Luft halten, prallen sie bei der kleinsten Unebenheit in die Piste. Dabei bildet sich eine Grube, und der nächste schlägt umso hefitger mit den Schuhen in den Boden, sodass bis spätestens am Nachmittag sich die Schlittelbahn in eine unbefahrbare, gefährliche Hügellandschaft verwandelt hat. Gleichzeitig bilden die Kufen hässliche Spuren und weichen die Bahn auf, besonders wennn es warm ist.
Die Lösung: Schlitten mit flachen Kufen und Steuerrad (Snow Racer). Mit denen kann man sicher lenken und zersört dabei nicht die Bahn. Ich selber habe so einen, fahre sehr oft, einmal sogar 100 km an einem Tag (als die Bahn eisig war und nur wenige Holzschlitten-Bahnzerstörer unterwegs waren), und habe mich dabei noch nie verletzt, u. a. weil damit Bremsen und Lenken gleichzeitig überhaupt kein Problem ist. Auf einem Holzschlitten dagegen komme ich mir vor wie ein Gelähmter.
Ja, nur leider haben die Schlitten mit den breiten Plastekufen in der Regel auch Bremsen, welche dann noch schlimmer die Piste zerfurchen, als es die holzrodler mit ihren Hacken schaffen. Meiner Beobachtung nach ist die Piste dann noch schneller hinüber. Ideal wäre also eine Kombination aus Plasteschlitten mit Lenkung und einem Bremsschirm oder so was. Ein Helm finde ich nur bei wirklich steilen Pisten wichtig. Oft sind die Pisten aber doch gut Schlittentauglich, ohne dass nun enorme Verletzungsgefahr besteht.
Manchmal frage ich mich schon wie die einen mit ihren Schlitten unterwegs sind, ich sehe das jeden Tag von meinem Haus aus in der Lenzerheide!
Die Schlittelgeschichte aus der RS finde ich gut. Apropos Militär: Sturzi, ist es möglich, dass du noch mein Hemd & Krawatte hast?
Da stimme ich gerne zu. Eine wahrlich differenzierte und humorvolle Auseinandersetzung mit einem völlig unterschätzten Thema, besonders der Abriss aus dem Militäralltag. Apropos Militär: Sturzi, meine aktuelle NinJump score: 11’650.
Speziell der Aspekt der potentiellen Versicherungsleistungen ist nicht zu unterschätzen. Da wird in den nächsten Jahren noch was auf uns zu kommen. Apropos nächstes Jahr: Sturzi, bist du auch wider im WK?