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Artikel-Schlagworte: „Eurokrise“

Vorsicht vor Griechen mit Primärüberschüssen

Mark Dittli am Freitag den 13. Dezember 2013
Proteste in Athen gegen Sparmassnahmen im öffentlichen Sektor, 6. November 2013. (EPA/Alexandros Vlachos)

Die Lage in Griechenland hat sich nicht wesentlich geändert: Proteste in Athen gegen Sparmassnahmen im öffentlichen Sektor, 6. November 2013. (EPA/Alexandros Vlachos)

Die Meldung ging am Donnerstag um die Welt: Griechenland hat in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres im Staatshaushalt einen Primärüberschuss von 2,7 Milliarden Euro erzielt. Dies teilte der stellvertretende Finanzminister Christos Staikouras in Athen mit. Werden die (horrenden) Zinszahlungen ausgeklammert, hat der griechische Staat in den letzten elf Monaten also mehr eingenommen als ausgegeben und damit den seit mehreren Monaten vorherrschenden Trend bestätigt.

Na also, wer sagt's denn. Wird nun alles gut?

Die Funktionäre in Brüssel und Frankfurt tun wohl gut daran, die Korken noch nicht knallen zu lassen. Es lässt sich nämlich die These aufstellen, dass  ein Primärüberschuss im Fall Griechenlands die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls (Default) nicht senkt, sondern sogar noch erhöht.

Hier zunächst fünf Zahlen, die zeigen, dass Griechenland auch nach bald vier Jahren brutalster Austeritätspolitik immer tiefer im Morast versinkt:

  • Einbruch der realen Wirtschaftsleistung seit 2008: mehr als 20 Prozent
  • Aktuelle Arbeitslosenquote: 27,3 Prozent
  • Aktuelle Jugendarbeitslosenrate: 58 Prozent
  • Aktueller Stand der Staatsschulden, in Prozent des Bruttoinlandprodukts: 175 Prozent
  • Aktuelle jährliche Deflationsrate: 2,9 Prozent (das ist der höchste je verzeichnete Wert in den vergangenen 15 Jahren)

Ich habe grosse Mühe, mir vorzustellen, wie es Griechenland schaffen soll, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen und dabei brav seine Zinsen zu zahlen und Schulden abzustottern.

Und das bringt uns zurück zum Primärüberschuss. Dieser bedeutet nämlich nichts anderes, als dass der Staat fähig ist, seine laufenden Ausgaben durch laufende Einnahmen zu decken und somit nicht mehr auf das Wohlwollen des internationalen Bondmarktes angewiesen ist. Das stärkt die Verhandlungsposition Athens, wenn es darum geht, eine weitere (dritte) Schuldenrestrukturierung durchzuführen.

Wie der Ökonom Benn Steil vom New Yorker Think Tank Council on Foreign Relations darlegt, haben Staaten in der Vergangenheit sehr oft kurz nach Erreichen eines Primärüberschusses beschlossen, ihre ausstehenden Schulden nicht mehr zu bedienen.

Die folgende Grafik veranschaulicht dies (Quelle: CFR):

NMTM_Griech_Dec13

Der obere Teil der Grafik zeigt die Primärdefizite und -Überschüsse von elf Staaten, die seit 1998 einen Default auf ihren Schulden verhängten. Der gelbe Diamant zeigt den Durchschnitt des Primärsaldos der elf Länder. In den Jahren vor dem Default lag die Primärbilanz in der Regel im Defizit, und das Jahr des Defaults war in der Regel das erste mit einem Primärüberschuss. Die Staaten wählten also ganz bewusst den Zeitpunkt, an dem sie für ihre laufenden Ausgaben nicht mehr auf neue Kapitalzuflüsse von Bond-Investoren angewiesen waren, für ihren Zahlungsausfall.

Der untere Teil der Grafik zeigt, dass Griechenland soeben diesen Punkt durchschritten hat.

Wetten, dass Griechenland im Jahr 2014 eine weitere Schuldenrestrukturierung erhalten wird?

Hier noch einige Links zum Wochenende:

  • Mein Kollege in New York, Christoph Gisiger, schreibt hier anlässlich des hundertjährigen Bestehens der US-Notenbank vom grössten geldpolitischen Experiment aller Zeiten. (Und hier der Zuger Hedge-Fund-Manger Felix Zulauf über die Verzerrungen, die die aktuelle Geldpolitik an den Finanzmärkten verursacht. Er spricht von der grössten Finanzmarktmanipulation der Geschichte.)
  • Der frühere IMF-Chefökonom Simon Johnson räumt in diesem No-Nonsense-Kommentar mit dem Irrglauben auf, dass mehr Regulierung der Grossbanken das Schattenbankensystem fördere.
  • Und wer sich für unsere Serie über die Altmeister der Ökonomie interessiert: Hier der zehnte Teil, über Frank H. Knight, den vergessenen Erforscher der Ungewissheit.

Die vergessene Insel

Tobias Straumann am Montag den 16. September 2013
Nur noch ein Schatten: Ein Demonstrant verschwindet hinter einer zypriotischen Flagge. (Reuters/Yorgos Karahalis)

Nur noch ein Schatten: Ein Demonstrant verschwindet hinter einer zypriotischen Flagge. (Reuters/Yorgos Karahalis)

Vor einem halben Jahr interessierte sich die ganze Welt für Zypern. Heute liest man kaum mehr etwas über die Mittelmeerinsel. Was ist passiert? Sind die Probleme gelöst?

Kurze Rückblende: Zypern kämpfte im März 2013 mit einer klassischen "Drillingskrise", d. h. einem kollabierenden Bankensektor, einem überschuldeten Staatssektor und einer sich beschleunigenden Kapitalflucht. Daraufhin ergriffen die Behörden Massnahmen, die ebenfalls einem klassischen Muster folgten: Bankensanierung, staatliches Sparprogramm und Kapitalverkehrskontrollen. Die Geschichte wiederholt sich.

Beim ersten Rettungspaket hätten auch die einfachen Sparer bluten müssen. Das wurde zum Glück rückgängig gemacht, aber nur schon die Ankündigung hatte eine verheerende Wirkung. Das Vertrauen in das Krisenmanagement der Euroländer sank auf einen neuen Tiefpunkt. Der Londoner Investor Pawel Morski schrieb treffend: «No human agency has achieved so much economic destruction in such a short time without the use of weapons.»

Die Massnahmen haben den Kollaps des Bankensystems und den offenen Staatsbankrott erfolgreich verhindert. Aber wie die neusten Zahlen zeigen, ist die Lage weiterhin dramatisch. Zypern steckt in einer schlimmen Krise.

  • Die Wirtschaft dürfte dieses Jahr um 15 Prozent schrumpfen – das ist ein absoluter Rekord, selbst im Vergleich zu Griechenland. Die Arbeitslosigkeit wird bald 20 Prozent betragen.
  • Die Bankkunden ziehen ihr Geld von den Banken ab. Schätzungen reden von 30 Millionen Euro pro Tag. Das ist eine hohe Summe angesichts der Tatsache, dass Bankkunden nur einen kleinen Betrag pro Tag abheben dürfen. Die Zyprioten trauen ihrem eigenen Euro nicht mehr, da er nicht mehr frei umtauschbar in den "richtigen" Euro ist.

Es ist seit langem klar, was geschehen muss, um die Abwärtsspirale zu beenden. Als Erstes müssten die Euroländer bei der Sanierung des Bankensystems helfen. Zweitens braucht Zypern einen Schuldenschnitt im Austausch gegen Reformen. Es handelt sich um relativ kleine Summen, die notwendig wären.

Doch leider besteht nach wie vor keine Einigkeit in diesen Fragen. Es gibt nun eine gemeinsame Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism), aber das reicht nicht, um die Eurokrise zu lösen. Man tut nur gerade so viel, um den Kollaps des Euro zu verhindern, und vertraut darauf, dass die Wirtschaft irgend einmal wieder anzieht.

Olli Rehn, der Währungs- und Wirtschaftskommissar in Brüssel, versucht periodisch gute Stimmung zu verbreiten. In einem der neusten Beiträge auf seinem Blog lobt er Spaniens Reformmassnahmen und bemüht ein Lied von Bob Dylan, um seine Einschätzung zu illustrieren. Man muss nicht ein guter Kenner von Dylans Musik sein, um zu erkennen, dass der Vergleich kaum schiefer ausfallen könnte:

«Something is happening here. But you don’t know what it is. Do you, Mr. Jones?» That’s Bob Dylan at the cultural and social turning point in the mid-1960s. Something is happening in today’s European economy as well...

Der französische Präsident François Hollande hat am Nationalfeiertag verkündet, dass die Krise vorüber sei: «La reprise économique, elle est là.» Die positiven Daten zum zweiten Quartal (+0,5 Prozent) schienen seine Aussagen zunächst zu bestätigen. Aber wiederum erwies sich der Optimismus verfrüht. Die neusten Zahlen zur französischen Industrieproduktion sind klar negativ. Auch die gesamte Eurozone verzeichnete im Juli eine weitere Schrumpfung der Industrieproduktion (Eurostat).

Im Endeffekt spielt es ohnehin keine Rolle, ob das französische BIP-Wachstum leicht negativ oder leicht positiv ausfällt. Tatsache ist, dass ein grosser Teil der Eurozone in einer Depression gefangen ist, d.h. eine schnelle wirtschaftliche Erholung ist auf Jahre hinaus nicht in Sicht. Die Schweizer Exporteure sind deshalb gut beraten, wenn sie die Erschliessung von aussereuropäischen Märkten vorantreiben - je schneller desto besser.

 

 

 

Weshalb die Eurokrise noch lange nicht vorbei ist

Mark Dittli am Freitag den 23. August 2013
Die Ökonomen Kevin O'Rourke und Alan Taylor. (Foto: Wikipedia)

Die Ökonomen Kevin O'Rourke und Alan Taylor. (Foto: Wikipedia)

«Whatever it takes.» Das waren die Worte, mit denen EZB-Chef Mario Draghi vor knapp dreizehn Monaten die Eurokrise entschärfte und die Finanzmärkte beruhigte (mehr Details dazu hier).

Wer allerdings glaubt, die seither verzeichnete relative Ruhe an den Finanzmärkten bedeute den Anfang vom Ende der Eurokrise, täuscht sich. Der irische Ökonom Kevin O'Rourke (hier haben wir ihn bereits einmal vorgestellt) hat zusammen mit Alan Taylor von der University of California (Davis) im aktuellen Journal of Economic Perspectives einen brillanten Aufsatz zu den grundlegenden, nach wie vor ungelösten Problemen der Eurozone geschrieben.

Wer ihn liest, muss zum Schluss kommen, dass wohl erst das Ende des Anfangs der Krise hinter uns liegt.

Hier der Link zum Originaldokument. Die Lektüre lohnt sich, das Papier ist in dichter, verständlicher Sprache geschrieben und bringt auf gut zwanzig Seiten die wichtigsten Probleme auf den Punkt.

Auf zwei Argumente gehen wir im Nachfolgenden etwas genauer ein.

Erstens kommen O'Rourke und Taylor zum ernüchternden Schluss, dass trotz zäher Rezession, Strukturreformen und Austeritätsprogrammen der Prozess der internen Abwertung in den Peripherieländern erst minimal fortgeschritten ist. (Zur Erinnerung: In den Boomjahren vor 2007 ist das Lohn- und Preisniveau in Peripheriestaaten wie Spanien und Irland übermässig gestiegen – unter anderem wegen der zu lockeren Geldpolitik der EZB. Mehr zu diesem «Dirty Little Secret» der Eurozone hier. Weil den Euro-Peripherieländern in der Krise der Weg zur Gesundung via externe Währungsabwertung verwehrt bleibt, wurden sie in den Pfad der internen Abwertung gedrückt, was bedeutet, dass sie eine Deflation ihres Lohn- und Preisniveaus erdulden müssen.)

Oft wurde in den vergangenen Monaten argumentiert, dieser Prozess der internen Abwertung funktioniere gut, weil die Lohnstückkosten in den Peripherieländern tatsächlich sinken. Dabei könnte es sich gemäss O'Rourke und Taylor allerdings um einen Trugschluss handeln. Werden die Niveaus der durchschnittlichen Nominallöhne betrachtet, hat nämlich vielerorts noch überhaupt keine Anpassung nach unten stattgefunden.

Hier die Daten für Spanien und Portugal:

NMTM_ORourke_1_Aug13

Die rote Kurve zeigt das Niveau der Nominallöhne, indexiert auf 100 Anfang 2008. Die blaue Kurve zeigt die Beschäftigungsrate, ebenfalls indexiert. Es ist eindrücklich zu sehen, dass die Beschäftigung in Spanien seit 2008 zwar um fast 20 Prozent eingebrochen ist (d. h. die Arbeitslosenquote ist in die Höhe geschnellt), die Nominallöhne seither aber trotzdem weiter gestiegen sind. Von Deflation in den Löhnen keine Spur.

Und hier die Daten für Irland und Griechenland: Auch der oftmals zitierte Austeritäts-Musterknabe Irland hat es nicht geschafft, sein Lohnniveau zu senken.

NMTM_ORourke_1a_Aug13

Einzig in Griechenland ist das nominelle Lohnniveau seit 2008 um etwa 10 Prozent gesunken – «dank» einem massiven Einbruch in der Beschäftigung.

Hier der trockene Kommentar von O'Rourke und Taylor dazu:

The one important eurozone exception to the general conclusion that nominal wages are rigid downwards is Greece, where manufacturing wages declined by more than 10 percent in the three years starting in 2010. The impact of the depression on the fabric of Greek society has been particularly harsh: if this is what it takes to produce nominal wage declines, prudence might suggest alternative adjustment mechanisms, such as rising wages and prices in surplus countries.

Wie ist es möglich, dass die Lohnstückkosten in Ländern wie Spanien zwar sinken, das nominelle Lohnniveau aber sogar noch weiter steigt? Dieses Paradox wurde schon vor zwei Jahren von O'Rourke und anderen Ökonomen wie Paul Krugman diskutiert. Sogar Irlands Zentralbank kam damals in einer Untersuchung zum Schluss, dass die sinkenden Lohnstückkosten eine statistische Täuschung sein könnten: Als die Arbeitslosenrate in den Peripherieländern anschwoll, verloren zuerst die vergleichsweise unproduktiven Arbeitskräfte ihre Stelle. In Irland und Spanien beispielsweise wurden Zehntausende von Bauarbeitern arbeitslos, während Softwareingenieure oder Mitarbeiter der irischen Pharmaindustrie ihre Stelle behielten.

Die Beschäftigung in diesen Ländern ist deutlich überproportional zum Einbruch der Wirtschaftsleistung gesunken; das heisst, die jeweilige Volkswirtschaft ist durch diesen Effekt «produktiver» geworden und die Lohnstückkosten sind tiefer. Der wichtige Punkt ist aber, dass das Absenken der Lohnstückkosten nicht durch ein niedrigeres Lohnniveau oder echte Produktivitätsfortschritte erreicht wurde, sondern durch das Ausscheiden der unproduktivsten Arbeitskräfte aus dem Markt. Dieser Effekt ist temporär und führt nicht zu einer dauerhaften internen Abwertung.

Im zweiten Teil ihres Aufsatzes zeigen O'Rourke und Taylor anhand mehrerer Parameter (u. a. die Mobilität der Arbeitskräfte) auf, dass die Eurozone nicht annähernd einem optimalen Währungsraum entspricht. Ein wichtiges Kriterium für einen optimalen Währungsraum ist, dass die Wirtschaftszyklen in den einzelnen Ländern und Regionen der Währungsunion einigermassen synchron sind. Das war in der Eurozone seit 1999 fast nie der Fall, was die EZB in ihrer Zinspolitik vor ein unlösbares Dilemma stellte.

Die folgende Grafik zeigt, weshalb:

NMTM_ORourke_2_Aug13

Die hellblaue Kurve zeigt, wie hoch die Leitzinsen in den Peripherieländern, berechnet nach der Taylor-Regel, sein sollten. Die dunkelblaue Kurve zeigt den nach der Taylor-Regel errechneten anstrebenswerten Leitzins in den Kernländern wie Deutschland. Die perforierte Kurve schliesslich zeigt die tatsächliche Entwicklung der von der EZB festgelegten Leitzinsen. In den Boomjahren von 1999 bis 2007 überhitzten Peripherieländer wie Spanien und Irland; sie hätten deutlich höhere Zinsen gebraucht. Die EZB folgte mit ihrer Geldpolitik aber den Bedürfnissen Deutschlands.

Seit Ausbruch der Eurokrise divergieren die hell- und die dunkelblaue Kurve wieder stark. Die Peripherieländer bräuchten eine noch expansivere Geldpolitik, während die Kernländer schon heute deutlich höhere Zinsen benötigten.

Die nächste Grafik von O'Rourke und Taylor zeigt, dass die Wirtschaftsdynamik in der Währungsunion USA deutlich synchroner verläuft, was es der US-Notenbank ermöglicht, eine kohärente Zinspolitik zu betreiben:

NMTM_ORourke_3_Aug13

Die nach der Taylor-Regel berechneten Zinsen für die US-Regionen Nordost, Süd, Mittelwest und West divergieren nicht allzu stark, und der effektiv von der US-Notenbank festgelegte Leitzins (perforierte Kurve) folgt diesem vorgegebenen Zielband recht genau (schön zu sehen übrigens, wie die Fed-Leitzinsen nach 2002 zu lange zu niedrig blieben).

Am Schluss ihres Papiers kommen O'Rourke und Taylor zu einem ernüchternden Fazit:

So where the eurozone needs to go in the long run, we argue, is towards a genuine banking union; a eurozone-wide safe bond to break the sovereign-bank doom loop; a central bank that is more flexible and willing to act as a true lender of last resort against such bonds and other assets as necessary; and a fiscal union at least sufficient to support the above. But the short-run problems facing countries in the periphery of Europe are now so great that politicians may never get a chance to solve these long-run problems because the eurozone may well have collapsed in the meantime.

Dem können wir nur zustimmen.

Hier noch einige Links in eigener Sache:

Herr Schäuble irrt

Markus Diem Meier am Mittwoch den 24. Juli 2013
epa03775496 German Minister of Finance Wolfgang Schaeuble during a press conference on the occasion of a KfW loan agreement being signed between Germany and Spain, in Berlin, Germany, 04 July 2013.  EPA/MAURIZIO GAMBARINI

Deutschland muss seine Führungsrolle in der Eurokrise wahrnehmen: Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble an einer Pressekonferenz, 4. Juli 2013. (Keystone/Maurizio Gambarini)

Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble wendet sich in einem Schreiben an die Europäer. Dabei offenbart er einmal mehr die verbreitete deutsche Fehlanalyse zur Eurokrise.

«Wir wollen kein deutsches Europa»: So lautet der Titel des Essays, das Wolfgang Schäuble am vergangenen Samstag in sechs europäischen Zeitungen veröffentlicht hat – hier der Link zum deutschen Text in der Onlineausgabe der «Süddeutschen». Schäuble will mit dem Text die Europäer beruhigen, den Deutschen gehe es nicht darum, Europa zu beherrschen oder nur schon, dass sein Land in Europa die Führung übernehmen wolle.

Besonders verblüffend scheinen mir vor allem die folgenden Sätze aus dem Text, in dem er die Länder der Peripherie ermahnt, den Weg der Reformen genauso einzuschlagen, wie es Deutschland einst getan hat:

«Diese Reformen greifen nicht über Nacht. Wer wüsste das besser als die Deutschen? Es hat eine schmerzhafte Zeit gebraucht, bis Deutschland vom «kranken Mann» vor zehn Jahren zum heutigen Wachstumsmotor und Stabilitätsanker Europas wurde. Wir hatten selber noch lange nach Beginn der damals dringend notwendigen Reformen eine extrem hohe Arbeitslosigkeit. Aber ohne diese Reformen kann es kein nachhaltiges Wachstum geben. Konjunkturprogramme auf Basis von noch mehr Staatsschulden erhöhen nur die Lasten für unsere Kinder und Enkel, ohne eine nachhaltige Wirkung zu entfalten.»

Der Text macht einmal mehr klar, dass die deutsche Regierung den Kern der ganzen Eurokrise nicht verstanden hat. Wie Herr Schäuble zeigt, ist es nötig, die Zusammenhänge der Krise wieder und wieder darzulegen. Sorry, liebe NMTM-Veteranen, das Kommende enthält für Euch nicht viel Neues. Das wichtigste vorab: Der deutsche Weg aus der eigenen Krise kann unmöglich Vorbild für die heutigen Länder in der Krise sein. Jetzt die Details:

  • Tatsächlich hatte Deutschland zu Beginn der 2000er-Jahre den Titel «kranker Mann Europas». Im Jahr 2002 verzeichnete das Land ein Nullwachstum, im Jahr 2003 sogar eine Rezession. Die Arbeitslosenquote erreichte im Jahr 2005 den Rekordwert von mehr als 11 Prozent. Wer waren die Wachstumsstars in diesen Jahren? Die heutigen Krisenländer! Irland trug den Titel «keltischer Tiger», dessen Wirtschaft ist in den Jahren von 1999 bis 2007 durchschnittlich mehr als dreimal so stark gewachsen wie die deutsche. Auch Griechenland, Spanien und Portugal haben über diese Jahre im Durchschnitt ein stärkeres Wachstum gezeigt. Die Staatsverschuldung lag in Irland und Spanien von 2000 bis 2010  tiefer (in einigen Jahren sogar deutlich) als in Deutschland. In Spanien blieb das sogar bis 2012 der Fall. Im folgenden die durchschnittlichen Wachstumsraten von 1999 bis 2007 auch noch grafisch, Datenquelle ist der Internationale Währungsfonds:

  • Dieser Vergleich macht alleine schon klar, dass nicht irgendwelche Wirtschaftsreformen für tiefe oder hohe (kurzfristige) Wachstumsraten und damit verbunden die Verschuldungsquote verantwortlich sein können.
  • Das gilt auch für den Weg von Deutschland aus der Krise, der sehr viel mit dem damaligen «Erfolg» der heutigen Krisenländer zu tun hat. Die hohen Wachstumsraten gingen mit einer hohen privaten Verschuldung einher (mit Ausnahme Griechenlands, wo vor allem der Staat überbordet hat). Das zeigte sich einerseits in einer übermässigen Kreditvergabe und anderseits in hohen Leistungsbilanzdefiziten. Letzteres bedeutet, dass Konsum und Investitionen in diesen Ländern nicht mit eigenen Ersparnissen finanziert werden konnten, sondern durch die Verschuldung gegenüber dem Ausland.
  • Und wer hat diese Leistungsbilanzdefizite finanziert? Richtig, das waren die deutschen Banken, die das angesichts höherer erwarteter Renditen in diesen Ländern mit einem boomenden Immobilienmarkt lieber taten, als das Geld in die heimische, nicht ausgeprägt reformierte Wirtschaft zu investieren.
  • Tatsächlich hat die deutsche Wirtschaft insgesamt mehr Kapital exportiert als importiert – man nennt das einen Nettokapitalexportüberschuss. Ein solcher ist aber nur möglich, wenn das deutsche wirtschaftliche Gesamtprodukt höher ausfällt (bzw. wenn die Einkommen daraus höher ausfallen), als was die Deutschen im Inland investieren oder konsumieren. Ein solches Mehrprodukt ist aber nur möglich, wenn das Ausland mehr deutsche Güter und Leistungen einkauft, als die deutschen ausländische Güter und Leistungen. Kurz: Nettokapitalexporte sind zwingend mit einem Leistungsbilanzüberschuss verknüpft.
  • Die Leistungsbilanzüberschüsse waren denn auch der tatsächliche Treiber der deutschen Wirtschaft, die dem Land ab Mitte der 2000er Jahre aus der Krise verholfen haben. Ihre starke Zunahme ist wenig überraschend parallel zur Zunahme der Leistungsbilanzdefizite in den Peripherieländern erfolgt. Die Übertreibungen in den Peripherieländern haben damit einen wesentlichen Beitrag zu höheren Wachstumsraten in Deutschland und zu einer sinkenden Arbeitslosigkeit beigetragen.
  • Die Gemeinschaftswährung Euro erwies sich in dieser Situation für Deutschland als besonders hilfreich. Verzeichnet ein Land steigende Leistungsbilanzüberschüsse, führt das gewöhnlich dazu, dass dessen Währung an Wert zulegt, denn diese Währung wird stärker nachgefragt. Hätte Deutschland noch über die Deutsche Mark verfügt, hätte diese gegenüber anderen Währungen deutlich an Wert zugelegt. Dadurch hätten sich deutsche Exporte verteuert und die Produkte der Länder mit Importüberschüssen vergleichsweise verbilligt. Doch innerhalb des gleichen Währungsraums war das nicht möglich. Die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands konnten ungebremst weiterwachsen, wie auf der anderen Seite die Leistungsbilanzdefizite der Peripherieländer.
  • Noch ein weiterer Faktor hat die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse befeuert (und damit das deutsche Wachstum aus der Krise): Ein zwischen den Sozialpartnern festgelegter Lohnverzicht der deutschen Beschäftigten. Die eingefrorenen Löhne haben die Kosten für die Exportgüter weiter verbilligt. Faktisch kommen sie einer Exportsubvention durch die Beschäftigten gleich, da die Beschäftigten kaum mehr an den Produktivitätsfortschritten partizipiert haben. Und sie haben zu einer Umverteilung von den Arbeitseinkommen zu den Kapitaleinkommen geführt. Das macht die folgende Grafik aus einer IWF-Studie deutlich:

  • Der vorherige Punkt lässt es bereits erahnen: Die Leistungsbilanzüberschüsse haben Deutschland zwar aus dem Konjunkturtal geholfen und die Arbeitslosigkeit gesenkt, aber neben den wieder beschäftigten Arbeitslosen haben nur relative wenige davon profitiert. Salopp gesagt haben die steigenden Leistungsbilanzüberschüsse bedeutet, dass Deutschland einen immer geringeren Anteil für die eigene Bevölkerung produziert hat, und einen immer grösseren für Ausländer gegen deren Geld.
  • Nicht nur die Gemeinschaftswährung war im obigen Sinn hilfreich für das deutsche Wachstum, das gilt auch für die Geldpolitik. Zwar richtet sich die Europäische Zentralbank (EZB) bei der Festlegung des Leitzinsen nicht nach den Bedürfnissen der einzelnen Länder aus, sondern an der durchschnittlichen Wirtschaftsentwicklung des gesamten Euroraums. Doch Deutschland bestimmt diesen Durchschnitt durch sein wirtschaftliches Gewicht sehr viel stärker als die Peripherieländer zusammengenommen. So hat denn die EZB parallel zur Abschwächung in Deutschland vom Mai 2001 bis zum Juni 2005 den Leitzins radikal von 4,75 auf 2 Prozent gesenkt. Die damaligen Boomländer wie Irland, Spanien und Griechenland hätten damals höherer, nicht tieferer Zinsen bedurft. Die Langfristzinsen sind dort allein deshalb eingebrochen, weil man sie als Mitglieder der Eurozone auch für sicherere Schuldner hielt, so sicher wie Deutschland.

Nun, wie könnten die heutigen Peripherländer also aus der Erfahrung von Deutschland lernen, um wieder aus der Krise zu kommen? Überhaupt nicht.

  • Die Gemeinschaftswährung Euro ist nicht wie im Fall von Deutschland hilfreich. Im Gegenteil: Die Währung von Ländern mit Leistungsbilanzdefiziten werten sich gewöhnlich ab, was der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Güter und Dienste hilft. Das ist in der Gemeinschaftswährung unmöglich.
  • Diesen Ländern bleibt anders als Deutschland (dessen Wettbewerbsfähigkeit von einer ausbleibenden Währungsaufwertung gegenüber den Peripherieländern profitiert hat) nur eine reale Abwertung, das heisst, statt der Währung müssen die Preise und Löhne sinken. Das führt aber zu einer steigenden realen Last der hohen privaten Verschuldung in diesen Ländern. Der durch tiefe Zinsen und auch deutsche Kapitalexporte befeuerte Boom in den 2000er-Jahren hat die Preise in diesen Ländern derart stark ansteigen lassen, dass diese Senkungen sehr weit gehen müssten, so weit, dass die politische Stabilität in den betroffenen Ländern weiter gefährdet würde. Mehr dazu hier.
  • Tiefere Zinsen, wie sie Deutschland in den 2000er-Jahren geholfen haben, stehen für die Peripherieländer nicht in diesem Ausmass zur Verfügung. Die EZB richtet sich bei der Festlegung der Leitzinsen nicht nach ihnen. Kommt dazu, dass die Geldpolitik der EZB ohnehin kaum mehr einen Einfluss auf die Bedingungen der Kreditvergabe in den Krisenländern hat.
  • Als die deutschen Budgetdefizite im Jahr 2003 krisenbedingt die Maastricht-Schwelle von 3 Prozent überschritten haben, ist es unter anderem der deutschen Regierung gelungen, die ordentlichen Verfahren der EU ausser Kraft zu setzen. Ein ähnliches Verständnis für den Zusammenhang von Wirtschaftsentwicklung und Verschuldung bleibt bei den Krisenländern weitgehend auf der Strecke.
  • Am wichtigsten: Diese Länder können den Weg Deutschlands zu Wachstum über Leistungsbilanzüberschüsse vor allem auch deshalb nicht einschlagen, weil Deutschland diese Rolle weiter selbst innehat. Während die Peripherieländer in den 2000er-Jahren Deutschlands Exportboom befeuern halfen, steht jetzt Deutschland den Peripherieländern hier im Weg. Angesichts des fehlenden Ausgleichs über die Währungen bleiben die Peripherieländer gegenüber Deutschland auf den Absatzmärkten chancenlos.

Fazit:

Deutschland hat in den 2000er Jahren durchaus Reformen eingeleitet. Beim Weg aus der Krise hatten aber die Leistungsbilanzüberschüsse einen wesentlichen Anteil. Und die waren mit der negativen Entwicklung in den heutigen Krisenländern eng verknüpft. Das heisst nicht, dass Deutschland eine moralische Schuld trifft und auch nicht, dass alle Deutschen von dieser Entwicklung profitiert hätten. Doch die Politiker Deutschlands sollten sich nicht weiter um die Wirkungszusammenhänge in der Währungsunion drücken. Diese Wirkungszusammenhänge müssten ihnen auch klar machen, welche besondere Verantwortung die Position als mächtigste Wirtschaftsmacht der Eurozone zur Folge hat.

Deshalb kann sich Deutschland nicht um eine Führungsrolle drücken, wie das Schäuble versucht. Zwischen Führen und Dominieren besteht schliesslich ein Unterschied. Eine Führungsrolle ist dann weniger notwendig, wenn stabile, akzeptierte und funktionstüchtige Institutionen bestehen. Davon ist die Eurozone noch weit entfernt. Den eigenen Einfluss geltend zu machen, solche Institutionen zu schaffen, ist daher die wichtigste Führungsaufgabe der grössten Wirtschaftsmacht. So lange Deutschland sowohl die Wirkungszusammenhänge in der Eurozone, wie auch die eigene Rolle darin negiert, wird die Eurozone nicht aus der Krise kommen. Aus diesem Grund sind Herr Schäubles Aussagen beunruhigend.


Lehren aus der deutschen Krise von 1931

Tobias Straumann am Montag den 8. Juli 2013
Kunden stehen vor einer Bank an, uzm ihr Geld abzuheben, 1931. (Foto: DPA)

Die jetzige Krise wird sich kaum entwickeln wie die Weltwirtschaftskrise von 1931: Kunden versuchen in Deutschland ihr Geld zu retten, 1931. (Foto: DPA)

Wenn man die heutige Krisenpolitik der Euroländer verfolgt, kommt einem immer wieder das Jahr 1931 in den Sinn. Auch damals galt es eine Währungs-, Schulden- und Bankenkrise zu entschärfen und eine europäische Zusammenarbeit zu erzielen, bei der jedes Land etwas geben musste, wenn es seine Ziele durchsetzen wollte.

Nur waren die Rollen vertauscht. Das starke Land war Frankreich, während Deutschland am Abgrund stand. Die Rolle Grossbritanniens war hingegen sehr ähnlich. Die britische Wirtschaft lahmte, und der Staatshaushalt war überschuldet (wegen der Kosten des Krieges). Die Londoner Regierung beobachtete die Krise aus der Distanz und wartete ab, bis sie sich auf eine Seite festlegte. Die US-Regierung interessierte sich lange Zeit kaum für Europa.

Wie wir wissen, scheiterte die Vermittlungspolitik. Im Juli 1931 brach die deutsche Krise aus. Die Banken brachen zusammen, die Regierung führte Devisenkontrollen ein, die Bezahlung der Reparationen wurde ausgesetzt. Einige Monate später wurde das britische Pfund vom Goldstandard weggefegt, und es setzte ein Run auf den Dollar ein. Darauf folgte eine Welle von Bankenzusammenbrüchen in den USA. Die weltweite Rezession kippte nun in eine Depression. Die europäische Krise riss die ganze Weltwirtschaft mit.

Warum musste es so weit kommen?

Ein Grund war die Komplexität der Krise. Deutschland war bereits 1929, noch vor dem Beginn der Rezession in den USA und dem Börsenkrach in New York, in einer prekären Lage. Die Banken finanzierten sich zu stark mit kurzfristigen ausländischen Krediten, die gesamte Staatsschuld ans Ausland – Reparationen an die Alliierten und angehäufte Schulden an ausländische Banken – betrug bereits fast 80 Prozent, und die grosse Koalition unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller war kaum in der Lage, die erforderlichen Sparmassnahmen durchzusetzen. Im Frühling 1930 zerfiel die Regierungskoalition, es folgte ein Präsidialkabinett unter Heinrich Brüning, das keine parlamentarische Mehrheit besass, und im Herbst 1930 gewannen die Nationalsozialisten aus dem Stand 15 Prozent bei der Reichstagswahl.

Aristide Brian

Hatte eine europäische Vision, aber scheiterte bei der Umsetzung: Aristide Brian, französischer Aussenminister (gest. 1932). Foto: Wikimedia Commons

Ein anderer Grund – und das macht die Episode relevant für die heutige Beurteilung – war die Unmöglichkeit, Innenpolitik und Aussenpolitik miteinander in Einklang zu bringen. In Deutschland bestand von links bis rechts ein grosser Konsens, dass man die Reparationen loswerden wollte, aber das war aussenpolitisch unmöglich. In Frankreich bestand zwar beim damaligen Aussenminister Aristide Briand – einem der Vordenker der europäischen Einigungsidee – die Bereitschaft zu einer engeren Zusammenarbeit mit Deutschland, aber er konnte bei den Reparationen aus innenpolitischen Gründen keine Zugeständnisse machen.

Erst im Juni, als Deutschland wegen der sich verschlimmernden Wirtschaftskrise damit drohte, keine Reparationen mehr zu bezahlen, reagierten die anderen Grossmächte. Am 20. Juni erklärte US-Präsident Hoover ein Zahlungsmoratorium für die deutschen Reparationen. Aber es gab nur eine vorübergehende Erholung, wie die folgende Grafik zeigt. Es handelt sich um den Kurs der Young-Anleihe, die im Zusammenhang mit einer Neuordnung der Reparationen 1930 emittiert wurde (u.a. auch an der Zürcher Börse). Der erste Strich markiert den Tag (6. Juni), an dem die deutsche Regierung das Zahlungsmoratorium androhte. Der zweite Strich markiert das Hoover-Moratorium (20. Juni). Der Kurs erholte sich sofort. Doch Mitte Juli, als die deutsche Krise ausbrach, gab es auf den Finanzmärkten kein Halten mehr.

Vielleicht gelingt es bei der aktuellen Krise besser, innen- und aussenpolitische Ziele miteinander zu vereinbaren. Dafür spricht, dass die internationalen Spannungen heute viel weniger gross sind als damals. Und mit der Europäischen Zentralbank (EZB) haben die Euroländer eine Institution, die in der Lage ist, eine Eskalation mindestens vorübergehend zu vermeiden.

Aber die Aufgabe ist immer noch formidabel, und die bisherigen Erfahrungen bestätigen, dass die Euroländer sich nur zusammenraufen, wenn es brennt. Die EZB hat zwar ein frühes Auseinanderbrechen des Euro verhindert, aber damit auch den Druck von der Politik weggenommen. Die Art und Weise, wie die Bankenunion verwässert wird, spricht Bände. Im Juni 2012 hiess es noch, man gehe jetzt ernsthaft daran, die verheerende Verbindung von Bankenkrise und Staatsschuldenkrise zu beseitigen. Davon ist heute kaum mehr etwas übrig geblieben. Wenn die Euroländer eine Wiederholung von 1931 verhindern wollen, müssen sie sich etwas mehr anstrengen.


Die frechen IWF-Ökonomen

Markus Diem Meier am Donnerstag den 13. Juni 2013
Olivier Blanchard, seit September 2008 Chefökonom des Fond, geht beim Abbau alter Dogmen beim IWF und bei den Ökonomen so weit wie keiner seiner Vorgänger:

Geht beim Abbau alter Dogmen so weit wie keiner seiner Vorgänger: IWF-Chefökonom Olivier Blanchard an einer Pressekonferenz in Washington, 16. April 2013. (Keystone/Stephan Jaffe)

Sie wagen das Offensichtliche zu sagen und machen sich damit bei der Politik nicht besonders beliebt – die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds.

«Strictly confidential» – streng vertraulich– war ein Bericht des Internationalen Währungsfonds IWF anfänglich überschrieben, bevor er nach Presseberichten letzte Woche öffentlich gemacht wurde. Das Papier umfasst 50 Seiten und trägt den fürchterlich umständlichen Titel:«Greece: Ex Post Evaluation of Exceptional Access under the 2010 Stand-By Arrangement». Es handelt sich um die Evaluation des IWF zur Griechenlandpolitik der letzten Jahre. Meine Kollegin Tina Haldner hat hier die wichtigsten Punkte und die ersten Reaktionen darauf zussammengefasst.

Warum der Text zuerst unter Verschluss hätte bleiben sollen, ist schon nach einem oberflächlichen Blick darauf unschwer zu erraten: Der Währungsfonds kritisiert das Vorgehen bei der Griechenland-Rettung überaus deutlich. Und weil diese Politik zwischen IWF, Europäischer Union und der Europäischen Zentralbank in der so genannten Troika eng abgestimmt war, ist der Bericht nicht bloss Selbstkritik des Fonds, sondern auch eine gewaltigen Ohrfeige für die europäischen Spitzenpolitiker.

Der IWF-Bericht kommt unter anderem zum Schluss, dass von Beginn weg klar war, dass Griechenland seine Schulden nicht mehr vollumfänglich zurückzahlen konnte. Damit wäre das Erfordernis für IWF-Hilfspakete nicht erfüllt gewesen, gemäss dem die Wahrscheinlichkeit hoch sein muss, dass die öffentliche Schuld mittelfristig nachhaltig ist.

Der Bericht hat ausserdem auf die folgenden Mängel hingewiesen:

  • Man hat viel zu optimistische Annahmen zur möglichen konjunkturellen Entwicklung getroffen,
  • Die Bremseffekte der Sparmassnahmen auf die Wirtschaft hat man unterschätzt und die möglichen Privatisierungserlöse überschätzt.
  • In der Folge hat man auch die steigende öffentliche Verschuldung unterschätzt,
  • ebenso wie auch die Schwierigkeiten in der griechischen Politik, die beschlossenen Massnahmen zu implementieren.
  • Das einigermassen intakte Finanzsystem des Landes hat man an den Rand des Kollapses geführt.

Die folgenden Grafiken aus dem Bericht zeigen die laufend revidierten Einschätzungen zur Entwicklung des griechischen Bruttoinlandprodukts (Grafik links) und zur Arbeitslosigkeit (Grafik rechts) seit dem ersten Rettungspakekt durch den IWF («Stand-By Arrangement bzw. SBA):

Die IWF-Ökonomen monieren, statt einen Schuldenschnitt ins Auge zu fassen, habe man das Land mit überaus harten Sparmassnahmen – die ohnehin nicht genügen konnten – in eine unnötig lange und tiefe Krise gestossen. Zudem habe man es privaten Gläubigern Griechenlands erlaubt, ihre gefährdeten Guthaben an staatliche Gläubiger zu überwälzen und damit auch die Risiken. O-Ton IWF:

«There was a large-scale substitution from privately-held to publicly-held debt.»

Weiter kritisieren sie, dass zu wenig unternommen wurde, um die Lasten der Einschnitte innerhalb der griechischen Gesellschaft auszugleichen:

The burden of adjustment was not shared evenly across society... little progress was made in checking tax evasion by high income earners.

Diese Sätze des IWF kommen bei der Europäischen Union gar nicht gut an. Ein Sprecher der Kommission erklärte, man sei fundamental anderer Meinung als der IWF («We fundamentally disagree»). Noch deutlicher wurde Wirtschaftskommissar Olli Rehn: An einer Konferenz in Helsinki meinte er gemäss einem Bericht der «Financial Times», der IWF hätte sich etwa so verhalten, wie wenn die transatlantischen Partner sich im Balkankrieg gegenseitig im Stich gelassen hätten. Weiter hätten schliesslich weder die heutige IWF-Chefin – und damalige französische Finanzministerin – Christine Lagarde, noch der damalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn sich gegen das damalige Vorgehen gewandt. Auch Mario Draghi, der aktuelle Chef der Europäischen Zentralbank (damals wars noch Jean-Claude Trichet) wies die Kritik an einer Pressekonferenz zurück. Auch er sah keine Veranlassung, sich der Einschätzung des IWF anzuschliessen:

«...often this mea culpa is in fact, as I will call it, a mistake of historical projection, i.e. you tend to judge the past by today’s standards. We cannot forget that four or five years ago, when the discussions about the adjustment in Greece were taking place, the climate was, in general, much worse. There was a fear of contagion there and very high volatility. That is, in a sense, where the fragmentation of the euro area really started. So, it is always very hard to pass ex post judgement on what happened four years ago»

Im Kern sagt Draghi damit, dass man eben nicht mit dem Wissen von heute die Lage von früher beurteilen sollte. Leider zielt diese Argumentation in diesem Fall ins Leere, da es schon zu Beginn dieser Griechenlandrettung klar war, dass sie so nicht funktioneren kann: Alleine weil niemand über die Schwierigkeiten überrascht sein konnte, in Griechenland rasch drastische Sparübungen durchzuführen – das Land war laut Reinhart/Rogoff seit 1800 in 50Prozent aller Jahre im Zustand des Staatsbankrotts («Default»). Aber auch ein anderes Land als Griechenland hätte bei der gleichen Verschuldung, den gleichen Wachstumsaussichten und bei einer Mitgliedschaft in der Eurozone die erhofften Resultate kaum erreichen können – wie das die ökonomische Logik nahelegt, wie sie etwa die Schuldenfallenformel zeigt.

Die Zweifel gab es von Anfang an und sie waren bekannt. Ich habe sie bereits im April 2010 in einem Artikel mit dem etwas dramatischen Titel «Die Griechen sind verloren» zusammengetragen. Im Mai wurde Joseph Ackermann - damals Chef der Deutschen Bank - von der deutschen Regierung dafür gerügt, diese Zweifel öffentlich geäussert zu haben. Diese haben sich laufend bestätigt, wie auch die obigen Grafiken zeigen. Eine Folgerung aus meinem Artikel vom April 2010:

«Das Land hat jetzt nur noch die Wahl zwischen einem konjunkturellen Niedergang oder einem Staatsbankrott. Die zweite Lösung könnte für das Land die bessere Option sein.»

Das ist jetzt auch die Schlussfolgerung des IWF im neuen Papier. Und genau zum gleichen Schluss sind später sogar die Europolitiker gekommen, als nach einem rasanten konjunkturellen Absturz – im Juli 2011  – dann doch ein teilweiser Staatsbankrott (unter dem Begriff des «Private Sector Involvement» PSI) beschlossen werden musste.

Damit stellt sich die Frage: Wieso hat man Frühjahr 2010 überhaupt einen Weg eingeschlagen, von dem man eigentlich wissen musste, dass er so nicht funktionieren kann?Auch dazu äusserst sich der Bericht recht klar: Politische Erwägungen der übrigen Euroländer waren wichtiger als die Rettung Griechenlands:

«An upfront debt restructuring would have been better for Greece although this was not acceptable to the euro partners. A delayed debt restructuring also provided a window for private creditors to reduce exposures and shift debt into official hands. As seen earlier, this shift occurred on a significant scale and limited the bail-in of creditors when PSI eventually took place, leaving taxpayers and the official sector on the hook.»

Sofortige Abschreiber auf griechischen Schulden hätten dem Land mehr genützt als die Alternativprogramme, konstatieren die IWF-Ökonomen. Den privaten Gläubigern wäre es dann weniger gut möglich gewesen, ihre Risiken auf die Steuerzahler abzuwälzen und die Restrukturierung hätte mehr Früchte getragen. Doch die übrigen Euroländer und die EZB haben diesen Ausweg beharrlich ausgeschlossen. Ihnen ging es vor allem um die eigenen Banken, die Gläubiger griechischer Staatsanleihen waren.

Kein Wunder hat die politische Agenda der Euroländer die Zusammenarbeit in der Troika belastet. Der IWF beklagt in seinem Bericht:

  • den Mangel an Arbeitsteilung zwischen den beteiligten Instituten und immer wieder auftretende ausgeprägte Differenzen,
  • den Mangel an Erfahrung und Expertise auf Seiten der Euroländer und der Europäischen Zentralbank,
  • die (wenig überraschende) Tatsache, dass es grössere Differenzen zu den Wachstumsperspektiven Griechenlands gegeben habe.

Der Bericht des IWF und der Streit mit den Europolitikern hat Bedeutung weit über die Geschichte des relativ kleinen Griechenlands hinaus: Konflikte zwischen der ökonomischen Vernunft und politischem Druck durch seine mächtigsten Mitglieder sind beim IWF nichts Ungewöhnliches. Wie das Mohamed El-Erian in einem Kommentar für CNN Money geschrieben hat, besteht der IWF eigentlich aus zwei Organisationen: Einem ökonomisch hoch kompetenten analytischen Bereich und einem operativen Bereich, der für die konktreten Programme zuständig ist. Letzterer sei immer wieder Geisel der mächtigsten Gläubiger des IWF – Europa und die USA – weshalb seine konkrete Politik oft wenig überzeugend sei:

«The IMF is not one, but rather, two institutions: a highly respected analytical outfit anchored by superb technocrats and delivering world class insights; and an inconsistent operator that frequently falls hostage to pressure from its political masters in advanced economies and thus fails to deliver on its promises. Never has the contrast been as strong as it is today. And never have the consequences been as material... The problem with today's IMF is that it is easily manipulated by western countries in general, and Europe in particular. And the detrimental consequences have been clear for all to see. Repeatedly over the last three years, the IMF has been pressured to participate in programs for struggling European economies that are inadequately designed, poorly monitored, and insufficiently financed.

El-Erian ist heute vor allem als CEO des grössten Anleihenfonds Pimco bekannt. Den Fond kennt er bestens auch von innen, er war 15 Jahre lang für den IWF tätig.

Ebenfalls beim IWF tätig – als Chefökonom in den Jahren 2001 bis 2003 – war der Ökonom Kenneth Rogoff. Sein Urteil in einem «Project Syndicate»-Kommentar ist noch gnadenloser:

«Bisher hat der Fond liebedienerisch jede neue europäische Initiative zur Rettung der überschuldeten Eurozonen-Peripherie unterstützt... Leider riskiert der IWF damit nicht nur das Geld seiner Mitglieder, sondern letztlich auch seine eigene Glaubwürdigkeit… Einfach gesagt, haben Europa und die USA zu viel Macht im IWF, und ihre Ansichten sind zu dominant… was Europa wirklich braucht, ist die ehrliche Bewertung und raue Zuneigung, die der Fond traditionell seiner anderen, politisch weniger einflussreichen Klientel angedeihen lässt... [Der IWF] sollte mit allem Nachdruck auf eine umfassende und glaubwürdige Lösung für die Schuldenkrise in der Eurozone drängen. Eine Lösung, die entweder eine teilweise Auflösung der Eurozone oder eine grundlegende Verfassungsreform beinhaltet. Die Zukunft Europas, ganz zu schweigen von der Zukunft des IWF, hängen davon ab.»

Die «Frechheit» der IWF-Ökonomen (gemessen am politisch opportunen für die Mächte hinter dem Fond) hat eine anhaltende Tradition. Die Studien des Fond – inklusive Berichte wie der World Economic Outlook (WEO) – greifen immer wieder die heissesten Eisen an und liefern unbefangene gescheite Analysen. Seine Chefökonomen (beim Fond «Counsellor» genannt) gehören zu den Topleuten des Fachs:

  • Raghuram Rajan (Chefökonom von September 2003 bis Januar 2007) hat an der Notenbankertagung von Jackson Hole im Jahr 2005 in weiser Voraussicht vor den Gefahren falscher Anreize im Finanzsektor gewarnt und sich damit heftige Rügen geholt, denn das entsprach damals ganz und gar nicht den (nicht nur dort) vorherrschenden Ansichten.
  • Der bereits erwähnte und zitierte Kenneth Rogoff (Chefökonom von August 2001 bis September 2003) hat sich zusammen mit Carmen Reinhart im Werk «Dieses Mal ist alles anders» anhand von umfassendem Datenmaterial deutlich gemacht, dass Finanzkrise deutlich schwerere und längere Wirtschaftseinbrüche zur Folgen haben als gewöhnliche Krisen.
  • Simon Johnson (März 2007 bis August 2008) setzt sich (wie einst schon Rajan) bis heute intensiv mit den Fehlanreizen im Finanzsektor auseinander: Früh schon hat er den grossen politischem Einfluss der Banker beklagt, die zu geringen Eigenkapitalpolster und das «Too big to fail»-Problem thematisiert. Sein Buch «13 Bankers» gehört zum Besten, was es zu diesem Thema zu lesen gibt.
  • Olivier Blanchard, seit September 2008 Chefökonom des Fond, hat die Krise zum Anlass genommen, so viele heisse Eisen anzupacken und Fragen neu zu stellen wie keiner seiner Vorgänger (mehr dazu hierhierhier oder hier). Und er hat Konferenzen mit den führenden Vertretern des Fachs organisiert, um Makroökonomie «neu zu denken».

Die «Frechheit» seiner Ökonomen ist das beste am IWF.


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