Wirtschaft


Never Mind the Markets

Ein Zerfall der Eurozone bleibt möglich

Tobias Straumann am Mittwoch 9. Mai 2012
François Hollande winkt seinen Anhängern zu, 7. Mai 2012. (Keystone)

Ob der neue französische Präsident Frankreich aus der Krise führen kann, steht in den Sternen: François Hollande winkt seinen Anhängern zu, 7. Mai 2012. (Keystone)

Nach den Wahlen in Frankreich und Griechenland wird überall beschwichtigt: Hollande sei ein Pragmatiker, Griechenland nur ein kleines Land am Rande der Eurozone, ausserdem könne man die Wahlen ja wiederholen. Die Optimisten sehen gar in der Wahl Hollandes eine grosse Chance. Endlich sei es möglich, eine Wachstumspolitik zu formulieren. Die Zeit der Austerität sei vorbei.

Schön wär’s. Das Wahlergebnis in Griechenland ist nichts anderes als ein Desaster. Es zeigt, dass das ganze Sparprogramm vollends unrealistisch geworden ist. Die Wirtschaft schrumpft seit vier Jahren, ohne jede Aussicht auf Besserung. Die Griechinnen und Griechen haben kein Vertrauen mehr und leeren ihre Konti, viele von ihnen verlassen das Land. Die Krise, die vor zwei Jahren ausgebrochen ist, ist trotz aller Massnahmen immer noch voll im Gang. Das Wahlergebnis beweist, dass die EU mit ihren Sanierungsideen vollkommen gescheitert ist.

Die Wahl Hollandes ist ebenfalls beunruhigend. Sie zeigt, dass auch in Frankreich das Vertrauen in das Krisenmanagement dramatisch abgenommen hat. Hollande ist ein farbloser Karrierepolitiker, der in seinem Wahlkampf alles getan hat, um den Franzosen die bittere Wahrheit zu verheimlichen. Die Wähler wollen, dass er Frankreich aus der Krise führt, ohne ihnen weh zu tun. Es ist unwahrscheinlich, dass er mit diesem schwachen Mandat grosse Schritte unternehmen kann. Dabei stehen Frankreich schwierige Jahre bevor: Die Löhne sind im Vergleich zu Deutschland zu hoch, die Staatsschulden steigen schnell, die Anleihemärkte sind misstrauisch, die Banken sind unterkapitalisiert, die Arbeitslosigkeit hat ein alarmierendes Niveau erreicht, besonders unter den Jungen. Und im Hintergrund lauert der Front National.

Aus diesen Gründen haben die Wahlergebnisse das Krisenmanagement noch schwieriger gemacht. Bis sich Hollande und Merkel auf eine gemeinsame Linie verständigt haben, wird viel Zeit verloren gehen. Am Schluss steht wahrscheinlich eine Art Wachstumspakt, der es beiden Seiten erlauben wird, das Gesicht zu wahren, aber so stark eingemittet ist, dass er irrelevant ist. Ich glaube deshalb, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Zerfalls der Eurozone seit dem vergangenen Wochenende erhöht hat. Sie ist insgesamt immer noch unter 50 Prozent, aber ich würde nie darauf wetten, dass es den Euro in zehn Jahren in der heutigen Form noch gibt.

Warum so pessimistisch? Bis heute sind keinerlei Ansätze für eine gemeinschaftliche Politik sichtbar, welche die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone verringern würde. Wer eine dauerhafte Währungsunion haben möchte, muss umfangreiche institutionelle Veränderungen vornehmen, wie wir sie aus Deutschland, der Schweiz oder den USA kennen. Wenn die UBS in Zürich ins Wanken kommt, muss nicht der Kanton Zürich geradestehen, sondern die Bundesbehörden. Wenn der Kanton Jura eine höhere Arbeitslosigkeit hat als der Kanton Zürich, muss er nicht die Arbeitslosengelder kürzen. Und der Finanzausgleich hilft mit, dass ärmere Gemeinden und Kantone ihre Steuersätze nicht in astronomische Höhen stemmen müssen und sich wegen Auswanderung entleeren. All diese Mechanismen existieren in der Eurozone nicht, weil der Wille zur Integration fehlt.

Stattdessen werden die wettbewerbsschwachen Ländern sich selbst überlassen, worauf eine Spirale aus Rezession und Sparpolitik einsetzt, ohne dass sich die Wettbewerbsfähigkeit verbessern würde. Nur wenn sie ihre Löhne und Preise mittels einer Währungsabwertung massiv reduzieren könnten, hätten sie eine Chance, wieder zu wachsen. Dieser Weg steht ihnen aber nicht offen, weswegen sie nicht mehr vom Fleck kommen und die politische Polarisierung zunimmt. Griechenland mag klein und speziell sein, aber was wir dort bisher beobachten konnten, ist in Ansätzen auch in den anderen südeuropäischen Ländern und neuerdings auch in Frankreich sichtbar. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, um die Eurozone mittels einer stärkeren Integration zu stabilisieren.

Bundeskanzlerin Merkel sagte einst: «Scheitert der Euro, scheitert Europa.» Der Satz ist falsch. Er muss genau umgekehrt heissen: «Scheitert Europa, scheitert der Euro.»

François Hollande und die Wachstumsdebatte

Markus Diem Meier am Montag 7. Mai 2012
François Hollande spricht zu seinen Wählern, 6. Mai 2012. (Keystone)

François Hollande spricht zu seinen Wählern, 6. Mai 2012. (Keystone)

Mit der Wahl von François Hollande zum französischen Präsidenten wird sich die Politik in der Eurozone verändern. Schon im Wahlkampf hat der Sozialist Hollande mit seiner Opposition gegen den Fiskalpakt die Debatte geprägt. Seine Kritik am Pakt, der ausschliesslich auf eine schärfere Kontrolle der Staatsausgaben fokussiert, hat Hollande damit begründet, es müsse auch über Wachstumsinitiativen gesprochen werden. Seither ist «Wachstum» zum Lieblingsthema der Politiker in der Eurozone geworden – ebenso von Mario Draghi, dem Chef der Europäischen Zentralbank. Mit der Wahl von Hollande wird das Thema die Politagenden wohl endgültig dominieren.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Diese «Wachstumsdebatte» – zumindest wie sie bisher geführt wird – scheint mir ziemlich schräg zu verlaufen. Warum? Zuerst einmal wird hier etwas als neue Einsicht verkauft, was es nicht ist. Es war noch nie umstritten, dass mehr Wachstum nötig ist, um die Arbeitslosigkeit zu senken und die Schuldenkrise zu bewältigen. Aber  wie kommen die gefährdeten Länder zu Wachstum? Das ist die entscheidende Frage. Unter anderem hier unterscheiden sich die verschiedenen Antworten der Politiker nicht im geringsten von denen, die sie schon immer gaben. Kommt dazu, dass nicht alle dasselbe meinen, wenn sie von Wachstum sprechen. Kurz: Die Wachstumsdebatte enthält nichts inhaltlich Neues. Aber sie sorgt für ein begriffliches Wirrwarr.

Wenn man von Wachstum spricht, sollte man zuerst einmal klären, woran man hier denkt. Die Ökonomen unterscheiden grundsätzlich zwischen zwei verschiedenen Wachstumsbetrachtungen:

  • Zum einen kann das Wachstum im Zuge einer Rezession einbrechen oder die Wirtschaft sogar schrumpfen, weil die Gesamtnachfrage zusammenbricht – etwa durch fehlenden Konsum, fehlende Investitionen, fehlende Exportchancen und einen Staat, der ebenfalls seine Ausgaben zurückfährt. Hier spricht man von einer konjunkturellen Wachstumsstörung. Sie zeichnet sich durch einen raschen Anstieg der Arbeitslosigkeit aus und meist auch durch eine sinkende Inflation. Die Lösung liegt hier darin, die so genannte Outputlücke – die fehlende Gesamtnachfrage – durch stimulierende Massnahmen zu schliessen. Am besten ist hier gewöhnlich die Geldpolitik geeignet. Über tiefe Leitzinsen stimuliert sie die Investitionen, den Konsum und – weil das die Währung schwächt – auch die Exporte. Doch wenn die Geldpolitik machtlos ist, bleibt bloss noch die Fiskalpolitik: Stimulierungsmassnahmen des Staates. Wann ist die Geldpolitik machtlos? Bei Verwerfungen im Finanzsystem (über das sie vermittelt wird), angesichts von Leitzinsen bei Null (wie in den USA) oder weil sie (wie in der Eurozone) bei einer stark unterschiedlichen Entwicklung der Mitgliedsländer gar nicht auf einzelne Länder eingehen kann.
  • Die zweite Wachstumsbetrachtung dreht sich um das so genannte Potenzialwachstum bzw. die Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft. Hier interessiert, welche Faktoren die Wirtschaft unabhängig von Nachfrageschwankungen in welchem Ausmass wachsen lassen, das heisst auch dann, wenn keine Output-Lücke existiert. Oft genannte Faktoren für das so betrachtete Wirtschaftswachstum sind hier das Wachstum der Bevölkerung (das allerdings für das relevantere Wachstum pro Kopf wieder bedeutungslos wird) und das Wachstum des Kapitalstocks. Langfristig hat aber der Faktor des Produktivitätszugewinns, bzw. des technologischen und organisationellen Wandels die grösste Bedeutung (pro Kopf zählt sogar nur dieser Faktor). Nach gängiger Lehre sind Marktstrukturen hierfür besonders förderlich. Entsprechend kann das Aufbrechen von Marktbehinderungen (wo Märkte grundsätzlich funktionieren) das langfristige Wachstum fördern. Funktionierende Marktstrukturen geben Anreize für Innovationen und beschleunigen den Strukturwandel, dank dem weniger produktive Bereiche einer Volkswirtschaft wegfallen und produktivere gedeihen. Kapital und Arbeit richtet sich dann ebenfalls den produktiveren Bereichen zu und wendet sich von den unproduktiven (bzw. unproduktiv gewordenen) ab.

Zurück zur Eurozone: Hier liegt das Problem gleich bei beiden Arten von Wachstum:

Die «Eurosklerose» mit all den dramatischen Strukturen insbesondere auf den Arbeitsmärkten ist ein Faktum. Für Unternehmen in Spanien oder Italien (und nicht nur dort) ist es kostspielig, Unternehmen zu begründen und im Falle des Scheiterns Leute zu entlassen. Das fördert eine Spaltung des Arbeitsmarkts. Wer einen festen Job hat, ist hier relativ gesehen sicherer positioniert. Wer neu einen Job sucht, hat es dagegen besonders schwer. Das trifft daher vor allem die Jugendlichen.Wenn die Arbeitslosigkeit generell zunimmt, trifft es sie am stärksten.

Doch die unflexiblen Marktstrukturen in der Eurozone sind kein neues Problem. Die dramatische Verschlechterung der Lage in den Krisenländern ist klar konjunkturell bedingt und die aktuellen Euroinstitutionen verhindern eine Linderung. Spanien war trotz seiner ebenfalls rigiden Arbeitsmärkte noch in den 2000er-Jahren konjunktureller Überflieger. Jetzt ist das Land tief in die Rezession abgestürzt. Was jetzt vor allem fehlt, ist die Gesamtnachfrage. Wie in diesem Blog schon so oft angeführt, fehlen gefährdeten Euroländern die üblichen Möglichkeiten, um einer Konjunkturkrise zu entkommen: eine unabhängige Geldpolitik, um die Zinsen und den Wert einer unabhängigen Währung zu senken, die so Investitionen und Exporten Schub verleihen könnte. Die Einheitswährung hat ausserdem zur Folge, dass Kapitalflucht aus dem Land sehr einfach möglich ist und die Lage weiter verschlimmert – weil die Währung dadurch nicht an Wert verliert (was wiederum die Exporte stützen würde) und weil keine Zentralbank als letzte Retterin bereitsteht. All diese Faktoren machen Staatsanleihen von Ländern wie Spanien zu einem viel höheren Risiko als etwa von Ländern wie Grossbritannien, dessen Verschuldung noch höher ist (mehr dazu hier).

Jetzt sollte klar sein, weshalb ich die Wachstumsdebatte für so schräg halte. Zwar stellen alle sich jetzt hinter die Forderung nach mehr Wachstum, aber jeder und jede meint damit das, was er oder sie schon immer gemeint hat. Vor allem die deutsche Regierung und die Europäische Zentralbank fordert Strukturreformen, während andere – darunter immer mehr Ökonomen und ja, auch Hollande – konjunkturelle Anschubmassnahmen fordern oder zumindest ein Ende der gegenwärtigen Austeritätspolitik, die von den Regierungen in den gefährdeten Staaten drastische Ausgabenschnitte verlangt, was die Gesamtnachfrage weiter einbrechen lässt und die Arbeitslosigkeit in der Eurozone insgesamt auf den Rekordwert von 10,9 Prozent (PDF) ansteigen liess. Die folgende Grafik ist von Eurostat:

Klar braucht es beide Arten von Wachstumspolitik, aber die Reihenfolge ist entscheidend. Bessere Marktstrukturen allein zeigen keine rasche Wirkung. Und selbst wenn sie es täten, würden sie nur das Potenzial der betroffenen Wirtschaft erhöhen, an der Nachfragelücke würden sie nichts verändern. Sie muss zuerst behoben werden. Kommt dazu, dass eine wirtschaftliche Depression wie in Spanien – mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 24 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent – auch das langfristige Wirtschaftspotenzial schwächt (mehr zu diesem so genannten Hysterese-Effekt hier und hier). Wie sehr die anhaltende Konjunkturkrise allein die politische Stabilität untergräbt, zeigt sich allein an den Wahlresultaten des gestrigen Sonntags in Griechenland und Frankreich. Und es sind nicht die ersten Regierungen, die über diese Krise gestolpert sind.

Wie soll aber weniger Austerität für ein Land wie Spanien funktionieren? Selbstverständlich kann dieses Land das nicht allein schultern. Das Geld dafür fehlt und die Zinsen auf den Kapitalmärkten machen eine zusätzliche Verschuldung unmöglich. Nötig ist ein gemeinsames Einstehen der gesamten Eurozone, wie das in jeder real existierenden Union mit Einheitswährung und wirtschaft unterschiedlich gedeihenden Regionen der Fall ist, etwa wie in der USA oder der Schweiz. Bei aller Einigkeit über die Notwendigkeit von mehr Wachstum fehlt aber ein Bekenntnis zu solchen gemeinsamen stützenden Institutionen. Ohne solche geht es nicht.

Was bewirkt nun die Wahl von François Hollande? Seine Forderung nach mehr konjunkturellem Wachstum und weniger Austerität stellt er zu Recht. Dennoch darf er es nicht dabei belassen. Warum?

Bei notwendigen Euro-Institutionen, die gefährdete Länder gemeinsam stützen, tragen jene Länder mit der grössten Finanzkraft das grösste finanzielle Risiko. Das ist aktuell vor allem Deutschland. Sie sind dazu eher bereit, wenn sie auf Seiten der aktuell unterstützten Länder auch die Bereitschaft erkennen, dort die eigenen wirtschaftlichen Strukturen anzupassen, wo das langfristig die eigene Wirtschaftskraft erhöht. Genau diesen Zusammenhang hat auch EZB-Präsident Mario Draghi an seiner Pressekonferenz vom vergangenen Donnerstag angesprochen, als er vom Fiskalpakt als dem Anfang eines Prozesses sprach, der in einer Transferunion enden könnte:

Collectively, we have to specify a path for the euro. How do we see ourselves ten years from now; what has to be in place in ten years’ time? If we want to have a fiscal union, we have to accept the delegation of fiscal sovereignty from the national governments to some form of central body, but how do we get there? Talking about a transfer union cannot be the starting point of this path. That is why the fiscal compact is so important, that is the starting point. But we also have to highlight what this path is and what conditions have to be in place in order to see what will happen to the euro in ten years’ time. In other words, clarity about our future, about our common European future, is one important ingredient of growth.

Wenn François Hollande seine Forderung nach mehr gemeinsamer konjunktureller Stützung mit innenpolitischen Massnahmen ergänzt, die dem langfristigen Wachstum zuwiederlaufen (wie einem sinkenden Rentenalter angesichts einer steigenden Lebenserwartung), dann wird es sehr schwer werden, die Institutionen in der Eurozone im notwendigen Sinn zu verändern – das heisst in dem Sinn, dass die aktuelle Krise überwunden werden kann.

Hinweis der Redaktion: Never Mind the Markets wurde ausgezeichnet. Wir gratulieren! Mehr dazu hier.

Hausmitteilung

Redaktion am Freitag 4. Mai 2012

Wir gratulieren unseren Bloggern zum dritten Platz beim Finanzblog Award 2012! Zitat der Jury:  «Sie beeindrucken durch Fachwissen und verzichten auf einen belehrenden Ton. ‹Never Mind The Markets› hat es deshalb verdient, ausgezeichnet zu werden!» Dem können wir nur zustimmen. Die Redaktion.

Mark Dittli (r.) und Markus Diem Meier (3.v.r.) im Kreise der Ausgezeichneten in Berlin, 2.5. 2012.

Mark Dittli (r.) und Markus Diem Meier (3.v.r.) im Kreis der Ausgezeichneten in Berlin, 2. Mai 2012.

Natürlich wäre dieser Erfolg nicht ohne Ihre Kommentare, die im Blog immer wieder zu angeregten Diskussionen geführt haben, zustandegekommen. Deshalb gebührt die Auszeichnung auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser:

Der talentierte Mr. Trichet

Mark Dittli am Freitag 4. Mai 2012

Die Stabs- bzw. Glockenübergabe kam keine Minute zu früh: Jean-Claude Trichet gratuliert seinem Nachfolger Mario Draghi. (Bild: Keystone)

Der Wechsel war auf den ersten Blick unspektakulär. Die Übergabe des Präsidiums der Europäischen Zentralbank von Jean-Claude Trichet an Mario Draghi am 1. November 2011 war personell keine Überraschung, nachdem Axel Weber im Frühjahr im Protest aus der EZB-Führung ausgeschieden war.

Dass mit Draghi ein deutlich pragmatischerer Mann an der Spitze der EZB stand, wurde allerdings rasch evident, als der Italiener Anfang Dezember die dreijährige Longer Term Refinancing Operation (LTRO) bekannt gab, in dessen Folge die EZB mehr als eine Billion Euro in das europäische Bankensystem pumpte und dieses möglicherweise in letzter Minute vor dem Kollaps bewahrte. Das hat am Donnerstag Mario Draghi selbst klargemacht, hier und hier war das auch schon Thema bei uns.

Was aber wäre geschehen, wenn Trichet das Amt nicht abgegeben und in den letzten sechs Monaten weiterhin die EZB geleitet hätte? Die Frage mag müssig klingen, denn alternative Geschichtsverläufe bleiben hypothetisch. Dennoch: Die Aussagen von Jean-Claude Trichet gestern Donnerstag am St. Gallen Symposium liessen meine (zugegebenermassen wenigen) Haare zu Berge stehen.

Als seinen grössten Leistungsausweis bezeichnete er, dass die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone von 1999 bis heute 2.03 Prozent betrug und das Ziel der Preisstabilität damit makellos erfüllt wurde. Fair enough.

Tiefe Einblicke gaben aber seine Aussagen über die letzten vier Krisenjahre in Europa:

Die Entscheidungen, die Leitzinsen im Juli 2008, im April 2011 und im Juli 2011 zu erhöhen, bezeichnete Trichet rückblickend als richtig, denn in Europa habe zu dieser Zeit schliesslich keine Rezession geherrscht. Bravo. Dass die Zinserhöhungen in allen Fällen zu einer Zeit geschahen, als im Finanzsystem unter der Oberfläche längst gewaltige Spannungen herrschten – die man sehen konnte, wenn man nur hinschaute -, scheint er bis heute nicht zu erkennen. Noch vor einem Jahr sprach Trichet vom geldpolitischen «Exit», während der Südrand des Währungsraumes, für den er zuständig war, in Richtung Exitus rauschte.

Vom Moderator angesprochen auf die Frage, was geschehen müsse, damit die Europäische Währungsunion in ihrer heutigen Form überleben könne, reagierte Trichet entsetzt. Der im März unterschriebene neue Fiskalpakt, der die Verschuldungs- und Defizitkriterien mit der Androhung von Sanktionen und Bussen durchsetzen soll, sei doch genau der Garant dafür, dass die Eurozone bestehen bleibe.

Vielleicht habe ich da ja etwas falsch verstanden: Aber wie genau soll ein Stabilitätspakt, der in den letzten zwölf Jahren von nahezu allen Mitgliedsländern komplett missachtet wurde, und der im Fall einer Rezession prozyklisch wirkt und den Abschwung noch verstärkt – wie soll der genau Garant für eine sonnige Zukunft der Währungsunion sein?

Drei Meter vor Trichet im Hörsaal der Uni St. Gallen sass der frühere griechische Premier Giorgios Papandreou. Was heute in Griechenland geschehe, sei bloss die Korrektur eines Booms, den das Land in den ersten Jahren der Euro-Mitgliedschaft erlebt habe, sagte Trichet. Das schmerze halt ein wenig.

Ja, so kann man es auch sehen. So ungefähr klang übrigens auch US-Finanzminister Andrew Mellon, als sein Land Anfang der Dreissigerjahre in die Grosse Depression absackte.

Von einem Zuschauer konkret gefragt, ob ein Land wie Spanien mit einer aktuellen Arbeitslosenrate von 24 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent mit der erzwungenen Austeritätspolitik nicht in eine Depression gedrückt werde, antwortete Trichet: «Wir alle müssen unser Haus in Ordnung bringen.»

Das war ein Satz, den er mindestens zehn Mal wiederholte, meist mit einem Seitenhieb an die USA und Grossbritannien verbunden, deren Verschuldungssituation nicht besser sei als die der europäischen Länder. Das stimmt – mit dem kleinen Unterschied, dass die USA und Grossbritannien eine eigene Geldpolitik betreiben können, während Spanien, Italien & Co. zumindest bis im Herbst 2011 mit einem Klon der Bundesbank lebten, der nur drei Mandate kannte: Preisstabilität, Preisstabilität, Preisstabilität.

Die Frage, ob es nicht überlegenswert sei, temporär das Potenzial etwas höherer Inflationsraten – um 4 Prozent – zuzulassen, um die nominalen Wachstumsraten hoch verschuldeter Länder etwas anzuheben, wischte Trichet mit dem Argument «akademische Idee» vom Tisch. Ein wichtiger Verfechter dieser These ist übrigens Trichets Kompatriot Olivier Blanchard, Chefökonom des IMF.

Als seine «grösste Überraschung» bezeichnete Trichet die Erkenntnis, dass das Finanzsystem viel instabiler sei, als er angenommen hatte – worauf er die Zuhörer aufforderte, sich diesem Forschungsgebiet mal etwas vertiefter zu widmen. Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: Versuchen Sie’s mal auf Google mit dem Suchbegriff «Financial Instability Hypothesis». Mit Aussagen wie diesen ist es nachträglich betrachtet kein Wunder, hat sich Trichet in den Jahren nach 2008 – im Gegensatz zu einigen seiner Notenbankkollegen in der Schweiz, Grossbritannien und den USA – nicht mit Ideen profiliert, wie die Robustheit des globalen Grossbankensystems erhöht werden könnte.

Dies sei keine Zeit für langweilige Notenbanker, schrieb der ehemalige SNB-Präsident Philipp Hildebrand am Montag in der «Financial Times». In der Tat. Nicht, dass Mario Draghi perfekt wäre: Aber der Wechsel an der Spitze der EZB im November 2011 war dringend nötig.

Die einflussreichste Kaderschmiede

Tobias Straumann am Mittwoch 2. Mai 2012
Massachusetts Intitute of Technology. (Bild: MIT)

Hat wichtige Entscheidungsträger im Bereich der Wirtschaftspolitik hervorgebracht: Massachusetts Institute of Technology. (Bild: MIT)

Die Universität Zürich ist zu Recht stolz auf ihr Institut für Volkswirtschaftslehre. Es gehört zu den besten im deutschsprachigen Raum und wird auch im übrigen Europa und den Vereinigten Staaten stark beachtet. Auch an den übrigen Schweizer Universitäten haben die VWL-Institute in den letzten Jahren stark zugelegt, wie die Rangliste von RePec belegt. Die Ökonominnen und Ökonomen suchen den direkten Wettbewerb mit dem Ausland und können offensichtlich mithalten.

Der Weg zu obersten Spitze scheint aber noch weit zu sein. Gemäss RePec sind 16 der 20 leistungsstärksten VWL-Institute der Welt amerikanisch. Nur Oxford, Toulouse, Barcelona und Paris sind in der Spitzengruppe vertreten. Zürich liegt auf Rang 59. Natürlich fällt jedes Ranking etwas anders aus. Aber die Tendenz ist überall dieselbe: Die US-Universitäten dominieren die VWL nach wie vor.

Ihr grosser Einfluss beruht nicht nur auf den Publikationen und Zitationen, sondern auch auf der Ausbildung von zukünftigen Entscheidungsträgern. Dabei sticht ein VWL-Institut besonders heraus: das Department of Economics am MIT. Praktisch alle wichtigen Entscheidungsträger in der internationalen Währungspolitik haben ihr Studium dort abgeschlossen: Ben Bernanke, Mario Draghi und Olivier Blanchard, der seit 2008 als Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) arbeitet und die Grundpositionen der Institution fundamental verändert hat. Blanchard, ein gebürtiger Franzose, hat nach allem, was man hört und liest, enormen Einfluss auf Christine Lagarde, die ehemalige Finanzministerin unter Sarkozy und seit Juni Managing Director des IWF. Auch in der Arena der öffentlichen Meinung dominieren MIT-Absolventen: George Akerlof, Paul Krugman, Gregory Mankiw, Kenneth Rogoff, Joseph Stiglitz und Robert Shiller. Im Bereich der internationalen Wirtschaftspolitik ist der Einfluss des MIT überwältigend. Es ist in diesem Bereich die einflussreichste Kaderschmiede der Welt.

Dabei waren es bei Bernanke, Draghi und Blanchard eigentlich nur zwei eingewanderte Professoren, die einen entscheidenden Einfluss ausübten: Rudi Dornbusch und Stanley Fischer. Dornbusch (*1942) stammte aus Nordrhein-Westfalen, studierte an der Universität Genf und brach Ende der 1960er Jahre nach Chicago auf, um dort zu doktorieren. 1975 kam er als Professor ans MIT. Leider verstarb er bereits 2002  im Alter von 60 Jahren. Stanley Fischer wuchs in Rhodesien (Zimbabwe) auf, studierte in London und übernahm 1977 eine Professur am MIT. Seit 2005 ist er Chef der israelischen Zentralbank. Dornbusch und Fischer begeisterten die Studierenden dadurch, dass sie die Ökonomie nicht nur als akademische Tätigkeit betrieben, sondern immer die Anwendung der Theorie auf konkrete wirtschaftspolitische Probleme («economics about the real world») einforderten.

Wenn sich also die führenden Notenbanker und Wirtschaftspolitiker jeweils im Frühling und Herbst am IWF-Treffen in Washington einfinden, so ist das im Wesentlichen eine Klassenzusammenkunft von MIT-Absolventen, die bei Dornbusch und Fischer studiert haben. Die Globalisierung ist eine Tatsache, aber die Welt der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger ist immer noch sehr überschaubar und amerikanisch geprägt.

Bernanke vs. Bernanke

Markus Diem Meier am Montag 30. April 2012

An der Pressekonferenz, die US-Notenbankchef Ben Bernanke letzte Woche nach dem offiziellen «Zinsentscheid» gehalten hat, war es vor allem eine Stellungnahme von ihm, die in angelsächsischen Ökonomenblogs auf besondere Beachtung stiess. Unten das Video der gesamten Pressekonferenz. Der hier interessierende Ausschnitt beginnt mit der 13. Minute. Man schiebe also den Regler im Video auf 13.00 und höre den zweiten Teil einer Journalistenfrage und Bernankes Antwort darauf:

Bernankes Aussagen sind eine direkte Antwort auf einen Artikel von Paul Krugman in einem längeren Beitrag im Wochenendmagazin der New York Times (gratis Anmeldung erforderlich). Der Wirtschaftsnobelpreisträger erklärt dort, Bernanke breche als Zentralbankchef mit seinen eigenen Ansichten, die er noch als Professor vertreten habe. Dabei bezieht sich Krugman auf den Aufsatz «Japanese Monetary Policy: A Case of Self-Induced Paralysis?» (PDF) aus dem Jahr 2000, den Bernanke noch vor seiner Zeit bei der Notenbank zur Liquiditätsfalle in Japan verfasst hat. So ganz nebenbei kennt Krugman Bernanke auch persönlich. Der heutige Notenbankchef hat Krugman einst an die Elite-Uni Princeton geholt.

Wem das im Video zu schnell ging. hier nochmals in schriftlicher Form, was Bernanke zu diesem Vorwurf gesagt hat. Quelle ist Business Intelligence – eine ohnehin empfehlenswerte Website:

So  there’s this view circulating that the views I expressed about 15 years ago on the Bank of Japan are somehow inconsistent with our current policies. That is absolutely incorrect. My views and our policies today are completely consistent with the views that I held at that time. I made two points at that time. To the Bank of Japan, the first was that I believe a determined central bank could, and should, work to eliminate deflation, that is it’s falling prices.

The second point that I made was that when short-term interest rates hit zero, the tools of a central bank are not exhausted, there are  still other things that the central bank can do to create additional accommodation.

Now looking at the current situation in the United States, we are not in deflation. When deflation became a significant risk in late 2010 or at least a moderate risk in late 2010, we used additional balance sheet tools to help return inflation close to the 2% target. Likewise, we’ve been aggressive and creative in using nonfederal funds rate centered tools to achieve additional accommodation for the U.S. economy. So the very critical difference between the Japanese situation 15 years ago and the U.S. situation today is that, Japan was in deflation and clearly, when you’re in deflation and in recession, then both sides of your mandate, so to speak, are demanding additional accommodation.

Why don’t we do more? I would reiterate, we’re doing a great deal of policies extraordinarily accommodative. You know all the things we’ve done to try to provide support to the economy. I guess the question is, does it make sense to actively seek a higher inflation rate in order to achieve a slightly increased pace of reduction in the unemployment rate? The view of the committee is that that would be very reckless. We the Federal Reserve have spent 30 years building up credibility for low and stable inflation, which has proved extremely valuable, in that we’ve been able to take strong accommodative actions in the last four or five years to support the economy without leading to an un-anchoring of inflation expectations or destabilization of inflation. To risk that asset, for, what I think would be quite tentative and perhaps doubtful gains on the real side would be an unwise thing to do.

Ben Bernanke am Schluss einer Sitzung der Fed in Washington, 25. April 2012.

Ben Bernanke nach der Pressekonferenz in Washington, 25. April 2012. (Bild: Reuters)

Was also stimmt jetzt? Hat Bernanke seine eigenen alten Erkenntnisse über Bord geworfen oder gings damals in Japan um etwas ganz anderes? Die Auseinandersetzung ist deshalb von Bedeutung, weil sie sich um den Kern von Zentralbankpolitik überhaupt dreht und um die Frage, ob eingespielte Dogmen einer notwendigen Politik jetzt im Wege stehen. Genau das war der Vorwurf, den Bernanke im erwähnten, sehr lesenswerten Papier im Jahr 1999 der Bank of Japan gegenüber gemacht hat.

Vier mögliche Interpretationen dieser Meinungsverschiedenheit scheinen mir prüfenswert zu sein:

  • Interpretation 1: Bernanke hat Recht und die Auseinandersetzung in seinem Paper hat nichts mit seinen Ansichten und seiner Politik jetzt zu tun. Der Notenbankchef begründet den Unterschied vor allem damit, in Japan hätte Deflation geherrscht, was in den USA heute nicht der Fall sei. Daher seien die Politikempfehlungen in seinem damaligen Papier ohne Relevanz für heute. Der Inhalt des Japan-Papiers von Bernanke scheint mir diese Interpretation zu widerlegen. Dem damaligen Professor ging es nicht in erster Linie um die Deflation, sondern vor allem um die fehlende Gesamtnachfrage und die Liquiditätsfalle, die eben in Deflation münden kann. Was die Liquiditätsfalle und die fehlende Gesamtnachfrage betrifft, herrscht die gleiche Situation heute auch in den USA vor. Kommt dazu, dass die Arbeitslosigkeit in Japan nicht besonders hoch war, meist lag sie sogar unterhalb der US-Quote. Mit nach wie vor mehr als 8 Prozent (seit 2009) ist sie dagegen für ein Land wie die USA extrem hoch. Wenn man eine hohe Arbeitslosigkeit genau wie eine Deflation als gefährliches Zeichen eines Nachfragemangels taxiert, dann drängen sich durchaus die von Professor Bernanke im Jahr 1999 verlangten Massnahmen für eine Zentralbank auf. Um welche Massnahmen handelt es sich denn da? Damit gleich zur nächsten Interpretation.
  • Interpretation 2: Eine der Massnahmen, die Bernanke 1999 vorgeschlagen hat, war ein höheres Inflationsziel. Wenn die Inflationserwartungen höher sind, dann sinken die Realzinsen, was die Schuldenlast erträglicher macht und die Kosten für Investitionen senkt. Die Nominalzinsen können bei einem Leitzins von Null Prozent nicht mehr sinken. An der Pressekonferenz hat Bernanke nun einen interessanten Hinweis zum Thema Inflation geliefert: «I guess the question is, does it make sense to actively seek a higher inflation rate in order to achieve a slightly increased pace of reduction in the unemployment rate? The view of the committee is that that would be very reckless.» Die Inflation müsste also entweder deutlich erhöht werden oder für längere Zeit etwas höher liegen, um die Arbeitslosigkeit deutlich zu senken. Bernanke stellt sich gleich nach dieser Bemerkung hinter das Zentralbankerdogma der strikten Inflationsverankerung (hier mehr dazu) und betont, wie gefährlich es wäre, diese über Jahrzehnte erkämpfte Stabilität zu riskieren. Das steht allerdings im klaren Widerspruch zu seiner eigenen früheren Haltung, dieses Dogma eben gerade nicht für sakrosankt zu halten. Und Bernanke betont auch, dass das «Committee» (seiner  Kollegen im Entscheidungsgremium) eine höhere Inflation für «reckless» halten würden. Das führt zu Interpretation 3.
  • Interpretation 3: Bernanke ist ein überaus schlauer Fuchs, der genau weiss, dass ihm in der US-Öffentlichkeit und selbst im eigenen Gremium der obersten Geldpolitiker (Federal Open Market Committee FOMC) ein scharfer Wind ins Gesicht blasen würde, wenn er sich offen zu einem höheren Inflationsziel bekennen würde. Viel besser passen würde es daher, ohne ein solches Bekenntnis die Inflationserwartungen zu schüren. Tatsächlich wird er dort wie in der Öffentlichkeit schon jetzt dafür kritisiert, mit seiner Politik tatsächlich eine höhere Inflation zu risikieren. Die konkreten Massnahmen der Notenbank würden jedenfalls zu dieser Interpretation besser passen als die offiziellen Bekenntnisse. Das gilt vor allem für die Festlegung, die Zinsen bis 2014 bei Null Prozent zu belassen. Das war hier schon mal Thema. Kommt dazu, dass neben Krugman sich auch schon eine Reihe anderer nahmhafter Ökonomen für ein höheres Inflationsziel ausgesprochen haben, so etwa der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard, einer seiner Vorgänger Kenneth Rogoff oder der einstige George W. Bush-Chefökonom und aktuelle Wirtschaftsberater Mitt Romneys Gregory N. Mankiw. Die Beispiele zeigen auch, dass die Idee keiner spezifischen Ideologie zugeordnet werden kann.
  • Interpretation 4: Sie setzt ebenfalls beim Druck von aussen an, der sich Bernanke anpasst. Nur erscheint er hier nicht mehr als schlauer Fuchs, sondern eher als Feigling. In diese Richtung argumentiert der Ökonom Lawrence Ball (hier). Aus einer Untersuchung der Fed-Verlautbarungen seit mehr als  einem Jahrzehnt glaubt er herauslesen zu können, dass Bernanke tatsächlich seine eigenen früheren Ansichten nicht mehr zu vertreten wagt. Dies darum, weil er sonst mit seinen Ansichten zu weit vom Mainstream entfernt gewesen wäre, weil er vom Wesen her ohnehin eher scheu sei und weil in den entscheidenden Gremien der US-Notenbank der Gruppendruck besonders gross gewesen sei. Ball datiert allerdings seinen behaupteten intellektuellen Kniefall Bernankes bereits auf das Jahr 2003 zurück. Sollte er Recht haben, dann wäre es wenig überraschend, wenn sich Bernanke aktuell noch sehr viel stärker an die gängigen Dogmen klammert. Immerhin ist er im letzten Jahr in einem Ausmass in der öffentlichen Kritik gestanden -  bis zu jener berühmten Drohung des einstigen republikanischen Präsidentschaftskanditaten Rick Perry – wie es schon lange keinem Notenbankchef mehr widerfahren ist.

Für ein abschliessendes Urteil ist es wohl zu früh und die Entwicklung bleibt spannend. Das untenstehende Zitat aus dem Japan-Paper (mit Verweis auf Roosevelt während der Depression) macht jedenfalls klar, was Ben Bernanke einst von geldpolitischen Dogmen mitten in einer aussergewöhnlichen Krise hielt:

But Roosevelt’s specific policy actions were, I think, less important than his willingness to be aggressive and to experiment—-in short, to do whatever was necessary to get the country moving again. Many of his policies did not work as intended, but in the end FDR deserves great credit for having the courage to abandon failed paradigms and to do what needed to be done…. Why isn’t more happening? To this outsider, at least, Japanese monetary policy seems paralyzed, with a paralysis that is largely self-induced. Most striking is the apparent unwillingness of the monetary authorities to experiment, to try anything that isn’t absolutely guaranteed to work. Perhaps it’s time for some Rooseveltian resolve in Japan.

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