Wir brauchen mehr Querdenker

Hyman Minsky und

Betonen die Rolle der Banken in der Allokation und Kreation von Kapital: Die Ökonomen Hyman Minsky und Dirk Bezemer.

Echte Querdenker sind enttäuschend rar unter den Ökonomen. Umso erfrischender ist es daher, dass diese Woche gleich zwei internationale Grossanlässe das Querdenkertum in der Volkswirtschaftslehre zelebrieren: In Berlin läuft dieser Tage die Jahreskonferenz des von George Soros ins Leben gerufenen Institute for New Economic Thinking (INET). Mitte Woche fand zudem in New York die jährliche Hyman P. Minsky Conference (benannt nach dem 1996 verstorbenen US-Ökonomen) statt.

An beiden Konferenzen ist/war das Thema Kredite und Schulden – respektive die Rolle des Finanzsystems in der Entstehung von kreditgetriebenen Exzessen – einer der zentralen Diskussionspunkte. (In diesem Blogbeitrag haben wir bereits ausführlich auf den Megatrend hingewiesen, der in der Zeit zwischen 1982 und 2007 die privaten Schuldenberge in den meisten entwickelten Ländern auf historische Höchst-Niveaus anschwellen liess.)

Gut so, denn möglicherweise erleben wir gegenwärtig eine Neudefinition der Rolle des Finanzsektors in der Wirtschaft.

Das mag nach nahezu fünf Jahren mehr oder weniger konstanter Finanzkrise sonderbar klingen, Tatsache ist aber, dass in der klassischen Lehrbuch-Ökonomie der Finanzsektor immer noch weitgehend negiert oder sogar ignoriert wird. In den gängigen Gleichgewichtsmodellen findet der Finanzsektor keinen Platz. Banken haben für klassische Ökonomen bloss eine simple Allokationsfunktion, indem sie Kapital von Sparern zu Investoren leiten.

Dass Banken aber nicht bloss allozieren, sondern auch Kredit aus dem Nichts schöpfen können – und damit eine entscheidende Rolle in der Entstehung von kreditbasieren Spekulationsblasen bilden –, wird weitgehend ausgeblendet. Hyman Minsky, Namensgeber der eingangs erwähnten Konferenz, und der Wirtschaftshistoriker Charles Kindleberger haben, nebst anderen, in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren intensiv über dieses Thema geschrieben.

Leider war das die Zeit, als die moderne Finance-Theorie mit ihrer aberwitzigen Hypothese der effizienten Finanzmärkte den Siegeszug antrat, so dass Minskys wichtige These vom potenziell destabilisierenden Einfluss, den der Finanzsektor auf die Realwirtschaft ausübt, marginalisiert wurde.

Heute, endlich, wird Minskys Arbeit wieder ausführlicher und seriöser thematisiert (unter anderem auch in diesem hervorragenden Papier von Moritz Schularick und Alan Taylor). Bleibt nur zu hoffen, dass sie auch Eingang in die Standard-Lehrmittel findet.

In diesem INET-Video (9 Min.) erklärt der niederländische Ökonomieprofessor Dirk Bezemer ausführlich und verständlich Minskys Gedanken zur Rolle der Banken in der Allokation und Kreation von Kapital:

Ein spannendes Thema, das wir an dieser Stelle weiter verfolgen werden.

Und jetzt, schliesslich ist Freitag, noch etwas völlig anderes.

Das hier ist die Eurokrise:

Sie ist wieder da.

Selbstverständlich war sie gar nie weg, bloss war sie im März nach der «freiwilligen» Schuldenrestrukturierung Griechenlands etwas aus der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verschwunden. Mitte März haben wir in diesem Blogbeitrag über die Verletzlichkeit von Spanien geschrieben, sowie unter anderem hier und hier von der Tatsache, dass das LTRO-Liquiditätsprogramm der Europäischen Zentralbank eine temporäre Entspannung an den Finanzmärkten erreichte. Dieser LTRO-Effekt ist nun verpufft.

Dieser Chart zeigt die Entwicklung der Rendite zehnjähriger spanischer Staatsanleihen seit Anfang März (Quelle: Bloomberg):

Sie ist von unter 5 auf gegen 6 Prozent gestiegen. Am Dienstag kletterten die Zinsen im Tageshandel kurzzeitig sogar über 6 Prozent.

Ähnlich das Bild am italienischen Bondmarkt (Quelle: Bloomberg):

Eine leichte Entspannung setzte am Dienstag Nachmittag erst ein, als an den Märkten das Gerücht kursierte, die EZB kaufe über ihr Securities-Markets-Programme wieder direkt spanische und italienische Anleihen.

Südeuropa brennt lichterloh. Griechenland und Portugal sind verloren, und in Spanien und Italien führen die Regierungen Rajoy und Monti einen weitgehend aussichtslosen Austeritätskampf. Die Finanzmärkte haben es erkannt. In Brüssel, Frankfurt und Berlin dauert es bloss – wie üblich – wieder etwas länger, bis diese Tatsache realisiert wird.