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Der falsche Vergleich

Markus Diem Meier am Donnerstag den 16. Februar 2012

Eine schon länger hier vertretene Ansicht lautet, dass harte Sparmassnahmen (Austerität bzw. eine restriktive Fiskalpolitik) mitten in der Krise diese weiter verschärft und über dadurch fallende Steuereinnahmen und höhere Sozialausgaben letztlich auch die Lage der Staatsfinanzen sich weiter verschlechtert. Diese Ansicht wird praktisch täglich aufs Neue bestätigt. Dabei denke ich noch nicht einmal in erster Linie an Griechenland - obwohl sich das auch dort zeigt. So ist die Wirtschaft des Landes im vierten Quartal 2011 im Jahresvergleich um 7 Prozent eingebrochen. Seit 2009 schrumpft die griechische Wirtschaft und sie wird es weiterhin tun. Aber klar, die griechischen Politiker waren besonders verantwortungslos, daher beeindruckt das Beispiel möglicherweise weniger. Nehmen wir also Portugal, wo die Politiker sich dagegen wie Musterschüler alle Mühe geben, die harten Auflagen zu erfüllen. Das Resultat ist genauso niedersschmetternd, wie dieser Bericht der «New York Times» zeigt.

Steuernsenkung mit Voodoo? US-Präsident Reagan mit Newt Gingrich, 1984. (Keystone)

Steuernsenkung mit Voodoo? US-Präsident Reagan mit Newt Gingrich, 1984. (Keystone)

Dennoch: Die Ansicht, dass harte Sparmassnahmen mitten in der Krise die Lage verschlimmern können, bleibt umstritten. So bringt Daniel Gros, Direktor des Think Tanks «Center for European Policy Studies» ein interessantes Argument ins Spiel, das Thema dieses Blogbeitrags sein soll.

Gros meint, die Ansicht mit den schädlichen Sparwirkungen mitten in der Krise sei nichts anderes als die umgekehrte Fassung jener berühmten These, wonach tiefere Steuersätze am Ende zu einer Verbesserung bei den Staatsfinanzen führen werde. Diese letzte Ansicht habe sich schliesslich klar als falsch herausgestellt. Hier die entscheidenden Sätze aus einem Aufsatz von Gros bei «Project Syndicate», wie ihn die «Finanz und Wirtschaft» am Samstag abgedruckt hat:

Allerdings fragen sich viele Beobachter angesichts der Tatsache, dass die europäische Volkswirtschaft in die Rezession zu rutschen droht, ob eine derartige «Sparpolitik» nicht selbstzerstörerisch sein könnte. Könnte eine Reduzierung der Staatsausgaben (oder eine Erhöhung der Steuern) zu einem derart steilen Rückgang bei der Wirtschaftsaktivität führen, dass die Staatseinnahmen fallen und sich die Haushaltslage tatsächlich weiter verschlechtert? Dies ist angesichts der Funktionsweise unserer Volkswirtschaften höchst unwahrscheinlich. Mehr noch: Wenn es so wäre, würde daraus folgen, dass Steuersenkungen zur Verringerung der Haushaltsdefizite  führen, weil das größere Wirtschaftswachstum selbst angesichts niedrigerer Steuersätze für höhere Staatseinnahmen sorgt. Diese Annahme wurde in den USA schon mehrmals getestet, und immer folgten auf diese Steuersenkungen höhere Defizite.

Um es vorweg zu nehmen: Ich halte den Vergleich von Gros für unzulässig. Der Reihe nach:

  • Gros spielt mit seinem Vergleich auf die so genannte «Supply Side»-Theorie an, wie sie ursprünglich vor allem von Arthur Laffer zu Beginn der Regierungszeit von Präsident Ronald Reagan ins Spiel gebracht worden sei. Der Kern von Laffers Überlegung (die dieser auf einer Serviette notiert haben soll) wird mit der Laffer-Kurve ausgedrückt. Sie besagt, dass bei einem steigenden Steuersatz anfänglich die Steuereinnahmen steigen, ab einer gewissen Höhe der Sätze aber (weil dann immer weniger noch etwas leisten wollen) die Steuereinnahmen mit höhere Sätzen abnehmen. Die «Supply-Siders» glaubten zu Beginn der 1980er Jahre, dass sich die USA bereits in dem Bereich befinden. Demzufolge hätte mit abnehmenden Steuersätzen die Leistungsbereitschaft der Wirtschaftssubjekte derart stark zunehmen müssen, dass die Steuereinnahmen daraus den Effekt der abnehmenden Sätze überkompensiert hätten. Die staatlichen Einnahmen hätten also zunehmen müssen.
  • Mit dieser Theorie wurden in Reagans Regierungszeit Steuersenkungen rechtfertigt. Tatsächlich scheiterte die Theorie dann gemessen an ihrem wichtigsten Anspruch (wie Gros auch festhält): Die geringeren Steuersätze führten zu andauernden Defiziten in der Staatsrechnung und einer erstmals dramatisch ansteigenden Staatsverschuldung. George H. W. Bush, Reagans Nachfolger im Amt und Vater von Barack Obamas Vorgänger George W. Bush, nannte die «Supply Side»-Theorie wenig schmeichelhaft «Voodoo-Economics». Hier die Entwicklung der Budgetdefizite in Prozent des Bruttoinlandprodukts:

Unten die Entwicklung der Gesamtverschuldung, ebenfalls in Prozent des Bruttoinlandprodukts:

Quelle beider Grafiken ist die FRED Datenbank des Federal Reserve of St. Louis. Die Verschlechterung der Finanzlage zu Beginn des Jahrzehnts ist allerdings vor allem eine Folge der damaligen schweren Rezession.

Zuerst zur Gemeinsamkeit der beiden von Gros gleichgesetzten Thesen:

  • Die «Supply Side»-Theorie und die Kritik am harten Sparen in gefährdeten Euroländern im jetzigen Augenblick argumentieren grundsätzlich beide mit dem Wirtschaftswachstum. Bei den «Supply Sidern» soll dieses in einem Ausmass ansteigen, dass die daraus generierten zusätzlichen Steuereinnahmen so stark zunehmen, dass sie die Wirkung der Steuersatzkürzungen überkompensieren. Die Kritik an harten Sparmassnahmen setzt am dadurch ausgelösten starken Einbruch des Wachstums an, was letztlich zu einer Verschlechterung der Staatsfinanzen führt, die die Sparmassnahmen überkompensieren. Hier geht es also um eine absolute Steigerung der Verschuldung, nicht bloss um eine steigende Schuldenquote. Denn die Schuldenquote steigt auch bei einer gleichbleibenden (oder sogar sinkenden) absoluten Verschuldung, wenn das Bruttoinlandprodukt (noch stärker) einbricht.

Nun zum entscheidenden Mangel des Vergleichs:

  • Die beiden Thesen beziehen sich auf komplett unterschiedliche wirtschaftliche Lagen. Die Aussage, dass harte Sparmassnahmen in der Krise schädlich sind, bezieht sich nur darauf – auf wirtschaftliche Krisen. Keinesfalls ist damit gesagt, dass Sparmassnahmen des Staates in jeder Konjunkturlage und auch langfristig schädlich seien und die Finanzlage verschlechtern würden. Eine solche Aussage wäre absurd. Ist die Verschuldung hoch und befindet sich die Wirtschaft nicht in der Krise, sind Sparmassnahmen die vordringlichste wirtschaftspolitische Aufgabe. Es geht also nicht um die Frage, ob gespart werden soll, sondern darum, wann es getan werden soll, bzw. wann der Effekt von Sparmassnahmen am grössten ist.
  • Eine Wirtschaftskrise (im Sinne einer konjunkturellen Krise) zeichnet sich generell durch einen Einbruch der gesamtgesellschaftlichen Nachfrage aus, ausgelöst zum Beispiel durch stark sinkende Investitionen, Nettoexporte oder Konsumausgaben oder durch einen Einbruch gleich mehrerer dieser Komponenten. Wenn in dieser Situation der Staat strikte Sparmassnahmen beschliesst, fällt noch mehr von dieser Gesamtnachfrage aus und die Produktion passt sich dieser fallenden Nachfrage bei einem tieferen Niveau an. Der einbrechende Gesamtausstoss der Wirtschaft verschärft eine Rezession und führt zu einer steigenden Arbeitslosigkeit. Die Folgen sind dann tiefere Steuereinahmen und höhere Sozialausgaben.
  • Die «Supply Side»-These steht nicht in Abhängigkeit von Konjunkturlagen. Das heisst unabhängig von der Konjunkturlage sollten demnach Steuerkürzungen zu höherem Wachstum und höheren Steuereinnahmen führen. Hieraus erklärt sich auch der Name «Supply Side»-Theorie, bzw. Angebotstheorie. Damit ist gemeint, dass Steuersenkungen nicht wegen ihrer Wirkung auf die Gesamtnachfrage («Demand Side») ergriffen werden sollen, sondern wegen ihrer Wirkung auf das Gesamtangebot («Supply Side») der Wirtschaft. Konkret ist damit die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft (das Wachstumspotenzial) angesprochen.

Die Probleme mit einer staatlichen Sparpolitik mitten in einer Rezession verschärfen sich, wenn ein betroffenes Land Teil der Währungsunion ist, wenn es sich in einer Liquiditätsfalle befindet, wenn die Krise auch andere wichtige Handelspartner erfasst hat und wenn die Verschuldung des Privatsektors hoch ist - also unter Bedingungen, wie sie bei den meisten Ländern in der Krise aktuell vorherrschen. Die Gründe im Folgenden nur kurz, sie waren meist schon Thema hier:

  • In einer Währungsunion entfällt die Möglichkeit einer ausgleichenden Geldpolitik (tiefere Zinsen zur Stimulierung von Investitionen) und einer Abwertung der eigenen Währung (zur Stimulierung der Nettoexporte) für ein Mitgliedsland in der Krise. Als Alternative wird oft auf eine interne Abwertung – über sinkende Löhne – verwiesen. Doch diese verschärft zumindest in einer Konjunkturkrise die Lage noch weiter  - auch weil die Last der privaten Schulden dadurch steigt. Der Ausweg über sinkende Löhne würde am ehesten noch mit einer für ein betroffenes Land zugeschnittenen Geldpolitik funktionieren (was es in der Währungsunion nicht gibt). Sie könnte eine leicht höhere Inflation anstreben und so statt der Nominal- die Reallöhne und ebenso die reale Last der Schulden vermindern.
  • Auch in einer Liquiditätsfalle ist die Geldpolitik ausgeschossen. Die Leitzinsen befinden sich schon bei Null Prozent. Das wichtigste Beispiel hier sind die USA.
  • Sparmassnahmen des Staates könnten eher ergriffen werden, wenn Handelspartner-Länder mit guter Wirtschaftslage vorhanden sind, die durch ihre eigenen Importe die dringend benötige Nachfrage generieren. Doch auch das ist momentan in der Währungsunion (und nicht nur dort) nicht gegeben. Selbst das stärkste Land der Eurozone - Deutschland - hat seine Wirtschaft auf Exportüberschüsse ausgerichtet.

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Keine Kommentare zu „Der falsche Vergleich“

  1. Theo Nötzli sagt:

    Die obigen Ausführungen sind soweit gut nachvollziehbar, aber: welche Staaten haben in guten Zeiten wirklich gespart? Die meisten Politiker verhalten sich doch kontraproduktiv, indem sie in guten Zeiten das Geld der Steuern- und Gebührenzahler grosszügig zugunsten ihrer Clientele ausgeben. In schlechten Zeiten ist es einfacher von Sparen zu Reden (ob man das dann auch macht, ist eine andere Sache), weil man finanzielle ‘Zwänge’ geltend machen kann, an denen man als Politiker natürlich (!) unschuldig ist. Eine rigorose Schuldenbremse ist daher in florierenden Zeiten eine gute Sache, weil sie den Politikern das offenbar nötige Alibi zum Sparen verschafft.

    • Richtig. Viel anders als in der Privatwirtschaft ist es nämlich nicht; das ganze theoretische Geschwafel der Volkswirtschaftler ist unbrauchbar. Von den Banken wird ja jetzt auch eine höhere EK Unterlegung verlangt. Genau gleich müsste man im Sinne einer Schuldenbremse einen Eigenfinanzierungsgrad von zB 30% verordnen. Das hätte aber zur Folge, dass dringende Investitionen u.U. nicht sofort realisiert werden könnten, also Aufgabenverzicht (ausser bei reiner Selbstfinanzierung). Wenn bereits Überschuldung vorhanden ist, ist Sanierung nur möglich wenn kumulativ Ausgaben gekürzt, Steuern erhöht und Schulden erlassen werden, Punkt; alles andere ist Humbug. Grosse und mächtige Staaten wie USA haben es natürlich einfacher, sie können notfalls ihre Gläubiger über den Tisch ziehen oder wieder mal einen neuen Krieg anzetteln.

      • T.ORM sagt:

        Bei den Überlegungen bitte berücksichtigen, dass Schulden der Einen, die Vermögen der Anderen sind. Staatsschulden sind z.B. bei uns in der Schweiz i.d.R. die Vermögen von Pensionskassen und Lebensversicherungen, sprich: von Arbeitnehmern, Rentnern und Versicherten. Die Schulden des Häuslebauers sind die Grundlage für die Zinsen des Sparers.
        Apropos Sparer … diese sind ja nicht ganz unschuldig an der Misere … springen zu dem Anbieter, welcher 0,01 % Zinsen mehr bietet, unabhängig davon, ob der angebotene Zinssatz realistisch ist oder nicht.
        Stellen wir uns die Frage: Wie kann z.B. die Posfinance Zinssätze auf kurzfristigen Einlagen auf Sparkonten von 0,75-1,75 % refinanzieren? Bei risikolosen Zinssätzen kongruenter Anlagen die derzeit weit tiefer liegen? Und die Postfinance ist nun wirklich kein kleines Institut, wenn auch keine Bank … und für die Sparer noch viel wichtiger, auch nicht Mitglied in der Einlagensicherung (vgl. http://www.einlagensicherung.ch/bankkunden-link/home.htm). Geht ‘was schief ist das Geld futsch.

        • Ich stimme Ihnen zu. Beim Schuldenschnitt können Bankenpleiten folgen. Werden diese Banken dann nicht wieder gerettet, sind die Sparguthaben der kleinen Durchschnittsbürger futsch; den Letzten beissen die Hunde. Sie können es drehen und wenden wie sie wollen, Gewinne werden immer privatisiert und Verluste sozialisiert (und damit auch die Sanierungskosten bankrotter Staaten). Immerhin werden angeblich in der CH bis Fr. 100’000 garantiert.

          • T.ORM sagt:

            Das mit der Garantie aus der Einlagensicherung stimmt für Einlagen bei Banken und Effektenhändlern. Die Postfinance ist weder das Eine noch das Andere. Deren Kunden schauen bei einer Pleite entweder in die Röhre oder der Staat – also wir Steuerzahler – greift ein.
            Machen wir uns klar, was das heisst: Weil Sparer gierig werden, verletzt die Postfinance die goldene Bilanzregel (geht auch umgekehrt … die Postfinance verletzt die goldene Bilanzregel und lockt die Sparer mit unseriösen Renditeversprechen). Die Geschäftsleitung der Postfinance kann Mittelzuflüsse verbuchen (welche wieder angelegt werden müssen … nur wo und zu welchem Risiko?) und klopft sich auf die Schulter. Geht das Geschäftsmodell nicht auf, sollen alle Steuerzahler eingreifen, da sehr viele Kunden (ebenfalls Steuerzahler) betroffen sind.
            Exakt an diesem Punkt muss eingehakt werden und sich unser Denken und auch die Berichterstattung in den Medien ändern. Unternehmerisches Risiko muss wieder heissen … falls es schief geht, ist die Firma pleite. Basta. Falls ein Anleger für höhere Rendite höhere Risiken eingeht, muss ein Totalverlust wieder möglich sein.

          • Anh Toan sagt:

            Ein paar Gedanken zu Postfinance:

            - Postfinance ist halt ein Staatsbetrieb, damit ist alles “demokratisch legitimiert”! Wettbewerbsverstösse (Dumping) interessieren niemanden, die Banken sind die bösen, weil sie den Sparern weniger Zinsen bieten.

            - Die Postfinance verwendet wohl die Mittel zur Finanzierung des Mutterkonzerns “die Post”, welche PK Deckungslücken füllen, Eigenkapital aufbauen und einen Gewinn zu Handen der Bundeskasse abliefern soll: So wie die finanzielle Situation von “die Post” aussieht, sind 0.75-1.75% günstige Finanzierung, “die Post” weist per 31.12.2010 gerademal ein Eigenkapital von 1.25% der Bilanzsumme aus. Als Buchhalter denke ich, wenn sie mehr ausweisen könnten, würden sie es tun.

  2. Urs sagt:

    …am Ende bleibt die Frage, wer war zuerst da, der Lobbyist der sein Geld über (bzw. unter dem) den Tisch schiebt oder der Politiker der seine Hand aufgehalten hat… ?

    So oder so, bei diesem Spiel ist die Merhheit der Bürger die Ihre Rechte noch mit den Wahlen wahrgenommen haben, komplett draussen. Es gibt hier keine Volksvertretung mehr und somit geht auch die Demokratie konsequent den Bach runter. Von daher ist auch die Aussage “jedes Volk wählt sien Politiker selber” ziemlich gewagt und eigentlich von Zynismus und/oder Ignoranz geprägt…

    Am Ende geht es hier nur um den Schutz von Investitionen bzw. vergebenen Krediten (und damit sind genau nicht die Keinkredite bzw. der Lebensstil der normalen Bürger gemeint)… mehr ist da nicht. Leider ist das so… aber dann, schon in früheren Zeiten wurden die Bürger/Leibeigenen dazu herangerufen die Schulden und/oder Expansionsgelüste der Herrschaftshäuser mit repressiven Massnahmen zu finanzieren…

    Von daher ist auch die bürgerliche Abneigung gegen zu grosse staatliche Macht verständlich. Blos sind die Bürgerlich-Konservativen mit ihrer Neoliberalen Gesinnung von heute in die authoritäre Rolle der ehemaligen Herrenhäuser gerutscht. Die Repressionen bestehend u.a. aus Zwangssparmassnahmen und Zwangsabgaben werden heute via staatliche Systeme durchgesetzt um zumindest noch den Anschein von Demokratischen Strukturen aufrecht erhalten zu können…

    Wirklich gefragt werden die Bürger so oder so nicht… da gibt es genügend Checks and Balances um dieser ständig drohenden Gefahr aus dem Weg gehen zu können.

    Mit den aktuellen Massnahmen einher geht ein ziemlich schrecklicher Abbau Demokratischer Gepflogenheiten. Technokraten als Ersatz für gewählte Volksvertreter da die Bürger in der Regel sehr genau wissen von wem und weshalb sie über den Tisch gezogen werden.

    Demokratie wurde und wird durch Authorität und Austherity ersetzt…

  3. Michael Schwarz sagt:

    Die USA in einer speziellen Situation, weil der Dollar immer noch die Leitwährung ist. Deshalb werden die Währungen der Schwellenländer mit dem Dollar gekoppelt. Die Abwertung des Dollars kann damit die Nettoexporte mit Schwellenländern nicht abbauen. Im Gegenteil, die Abwertung des Dollars schadet die USA selbst, weil sie mehr Dollar aufwenden muss, die Rohstoffe und Industriegüter und Konsumgüter im Ausland einzukaufen. Das bremst die Erholung der Konjunktur, hemmt die direkte Investition und destabilisiert die Märkte durch überschüssige Liquidität. Die Liquiditätsfalle entstand durch den Verlust des Vertrauens an amerikanischer Regierung, sowie dessen Wirtschaftskraft die gigantische Staatsverschuldung abbauen zu können. Die Lücke der Nettoexporte mit Schwellenländern vergrösst sich, obwohl der Dollar in letzten 10 Jahren massiv abgewertet wurde.

    Wenn Sie die Daten aus USA von letzten zwei Jahren analysieren, dann werden Sie feststellen, dass die Liquidität der Fed fast vollständig verpufft ist. Was noch schlimmer an Ben Bernankes Geldpolitik ist der Schock, den er durch die Überflutung der Liquidität im Markt verursacht wird. Er ist nicht daran interessiert die Realwirtschaft nachhaltig zu stützen – die Transfermationskanäle sind fast zusammengebrochen nach fast drei Jahren.

    Ben Bernanke verstand wie die Wirtschaft in der Krise zu stabilisieren, aber was danach kommt, bzw. nach der Stabilisierung hat er überhaupt keine Ahnung, nämlich wie man die Stabilität wahrt, die direkte Investition in USA fördert. Die Zinsen sind kein Argument für eine mittel- und langfristige Investition.

    Die USA hat nie gelernt zu sparen und die Staatsverschuldung abzubauen. Jetzt muss die US-Regierung rasche lernen zu sparen, und Steuer erhöhen, auch wenn sie politisch gezwungen werde. In letzten 10 Jahren haben die Amerikaner schlechte Entscheidung getroffen, bzw. unfähiger und inkompetenter Präsident gewählt wurden.

    Deshalb haben die Amerikaner nicht besser verdient in Armut und Elend zu leben. Das haben Sie gewählt und gewollt.

  4. Anh Toan sagt:

    Ein überschuldeter Staat kann kein Deficitspending machen:

    Das Rezept (Defizitspending) taugt bei starken Staatsbilanzen (Verschuldungsquoten), aber auf Grund der Krise schwachen Erfolgsrechnungen (Budgetdefizite): Dass die Defizite kurzfristig die Schulden erhöhen, ist in diesem Fall unproblematisch. Wenn jedoch ein wesentlicher Grund für die Krise, gerade der Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Staaten ist, zweitens auf Grund der Höhe der Staatsschulden, an erster Stelle jedoch auf Grund der strukturellen Budgetdefizite (auch ohne Rezession hatten die Problemstaaten zu hohe Defizite) erscheint mir, dieser Problematik mit mehr Staatsschulden zu begegnen, als Voodoo Oekonomie; Voodoo darum, weil niemand diesem überschuldeten Staat diese Kredite gewährt. Diese Kredite werden als Guthaben der Notenbanken gebucht (FED, BoE, EZB). Werden Kredite durch die Notenbanken gewährt, wird “Geld gedruckt”, nicht Schulden gemacht, denn Gläubiger und Schuldner sind wirtschaftlich die gleiche Person. Der Staat finanziert nicht am Markt sein Deficitspending, sondern indem er neues Geld von der Notenbank bekommt.

    Bis heute ist weder Europa als Ganzes, noch die USA oder UK in einer Rezession, schlimmstenfalls in Stagnation. Trotz tiefster Zinsen wollen die Investitionen nicht richtig anspringen. Ich meine der Grund dafür liegt in erster Linie in einer überalternden und stagnierenden Bevölkerung, die weder konsumieren noch investieren, sondern nur noch verwalten will. Das Öffnen der Geldschleusen durch die Notenbanken wird einzig dazu führen, dass aus dieser Stagnation eine Stagflation wird.

  5. christian lindgens sagt:

    das problem fuer griechenland ist der euro. solange griechenland am euro festhaelt wird die krise sich nach und nach durch die gesamte volkswirtschaft fressen und am ende zum totalen desaster fuehren. die geschichte zeigt wie mit derartigen krisen umgegangen werden muss, suedamerika, asien. Umsetzung der jahrzehntelang vermiedenen strukturreformen, schuldenschnitt, massive abwertung der landeswährung und entsorgung der politischen elite.
    die mit der einfuehrung der neuen drachme verbundenen kosten sind verkraftbar, insbesondere wenn man sich vorstellt was ein fortschwelen der krise fuer die anderen laender des euroraums bedeuten wird, naemlich die andauernde finanzierung der handelsbilanz- und staatshaushaltsdefizite von griechenland.

    • T.ORM sagt:

      Entschuldigen Sie meine naive Frage: Wie soll Ihrer Meinung nach die ausländische Nachfrage nach griechischen Produkten und Rohstoffen angekurbelt werden? Denn diese stetige Nachfrage benötigt Griechenland, um nicht ausverkauft zu werden.
      Lassen Sie mich bitte etwas präziser fragen: Welche Produkte werden überhaupt von griechischen Firmen produziert? Ich meine explizit Unternehmungen, welche sich noch nicht in ausländischer Hand befinden? Welche Dienstleistungen werden von griechischen Unternehmungen produziert, welche nicht von ausländischen Investoren beherrscht werden? Über welche wirtschaftlich interessanten Rohstoffe – ausser Sonne und Ruinen – verfügt Griechenland? Ein Grieche, so er ehrlich ist, würde antworten: Tipota … nichts.
      Und genau da liegt das Problem …
      Wenn Ihre Vorschläge umgesetzt würden, wäre Griechenland in wenigen Jahren ein ziemlich entvölkerter, meist touristisch genutzter Landstrich mit langer Geschichte aber ohne Zukunft. Für viele Teile Griechenlands ist diese Beschreibung schon heute mehr als zutreffend.

      • Urs sagt:

        Diese Frage stellt sich eigentlich nur, weil es “modern” geworden ist sich auf Exporte als primären Faktor für Wohlstand festzulegen der zudem immer ungleicher unter die Bürger gebracht wird.

        Die Binnenwirtschaft wurde deswegen sträflich vernachlässigt weshalb auch viele Länder mit heruntergelassenen Hosen dastehen wenn sich die Steueroptimierten Investoren auf den Weg zum nächsten Schlachtfest machen… Dank dem heute Systemsich gewordenen Standort– und damit auch Steuer- bis hin zu Subventionswettbwerb ruinös für eigentlich alle Staaten und die Menschen die nach wie vor dort leben weiles ihre Heimat-Lebensraum ist.

        Das gleiche gilt übrigens auch für die Zentralbanken und deren Strategie. Auch hier ist der primäre Faktor die Inflation und deren limitierung nach oben. Das war aber nicht immer so. Genauso gut kann man die Nationalbanken dazu verpflichten sich auf die Beschäftigung i.e. bekämpfung der Arbeitslosigkeit und stärkung der Binnenmärkte zu orientieren…. auch das wird eben nicht mehr gemacht.

        man könnte ach die Steuern- Abgaben und Regeln für die Buchhaltung in die gleiche Richtung führen… aber auch das will heute niemand. Heute wird der Aktionär und Investor al primärerr Anspruchshalter zelebriert… alles andere geht unter ferner liefen. Falls überhaupt noch… eher wird abgerissen was Generationen vor uns aufgebaut haben…

  6. Alex Zatelli sagt:

    An Griechenland wird grad beides demonstriert:
    – es ist ein faktisches Niedrigsteuerland für Grossverdiener und Vermögende. Wirtschaftliche Auswirkungen? Bitte sehr …
    - seit Beginn der Krise und der Auferlegung der Spar-Weisheiten der Troika hat sich die Verschuldung von ca. 106% des BIP auf 160% gesteigert. Bravo!

    Fetszuhalten ist auch, dass im vergangene Jahrzehnt (in den “fetten Jahren”) in Europa weitgehend Steuern abgebaut wurden (mit Ausnahme von Gebüren und Lohnsteuern, die erhöht wurden). Der Erfolg? Bitte sehr.

    Und was sind die Folgen der Niedrig- oder Nichbesteuerung von Kaiptalgewinnen und -erträgen sowie der Senkung der Unternehmenssteuern plus der wettbewerbsverzerrenden Möglichkeiten der Steuervermeidungsstrategien der internationalen Konzerne: bitte sehr, haben wir jetzt.

    Wenn relativ hohe Besteuerung, hohe Staatsakitivtät und wirksame Regulierung schädlich wäre, dann wäre Skandinavien verarmt und pleite. Pleite sind aber regelungsarme Niedrigsteuerländer wie Griechenland oder Irland.

    Man nennt das auch: Reality check.

    • Max Wartenberg sagt:

      Reality Check:
      1. Wenn mit einem Obolus an den Beamten Steuerrechnungen in der Schblade verschwinden, spelt es keine Rolle mehr, ob es nun ein Hoch- oder Niedersteuerland ist.
      2. Wenn ein Staat einer privilegierten Klasse schon ab 50 Rentenzahlungen ausrichtet, massenhaft Autos verschenkt und den Staatsapparat mit weiteren Privilegien verwöhnt, bringen auch höhere Steuern nicht den gewünschten Effekt.
      3. Die skandinavischen Ländern funktionieren gut dank den effizienten korruptionsfreien Verwaltungen. Davon ist Griechenland noch meilenweit entfernt.

      • Alex Zatelli sagt:

        “Die skandinavischen Ländern funktionieren gut dank den effizienten korruptionsfreien Verwaltungen. Davon ist Griechenland noch meilenweit entfernt.”

        Und dank hohen Infrastrukturleistungen, die dank hoher Besteuerung möglich sind.

        Auf welchem Weg Steuerrechungen verschwinden, kann den Anhängern der Niedrigsteuerreligion wurscht sein. Am Ende behaupten sie einfach, niedrigere Steuern seien immer besser.

        Die Nullerjahre haben gezeigt, dass das nicht stimmt. Zumal die Steuersenkungen (Unternehmensteuern, Kapitalertragstseuern, Erbschaftsteuern) fatalwerweise weitherum über höhere Lohnsteuern kompensiert werden mussten, um eine völlige Überschuldung zu vermeiden.

        In den Krisenländern (also bald alle in Europa und USA) geniesst die privilegierte Klasse (die 20% mit echtem Vermögen) Steuerprivilegien schon ab der Geburt: niedrigere Besteuerung der Kapitalerträge, der Dividendeneinkünfte, etc.
        Ob der Staat einnimmt und ziellos verteilt oder ob er nicht einnimmt und dafür Feudalsysteme stützt ist wurscht. Die Folgen sind überall NICHT gut.

  7. H. Trickler sagt:

    Der ausführliche Text zeigt das Dilemma in all seinen Facetten. Ich vermisse darin nur die Schlussfolgerung, dass Staaten unter keinen Umständen eine zu hohe Verschuldung tolerieren dürfen, weil dies ab einem “Point of no return” zum Bankrott führt (gilt für Staaten wie auch Bürger wenn auch Staaten sich manchmal höher verschulden können).

    Für Griechenland ist dieser Punkt imho längst überschritten und für die anderen PIGS eine Umkehr äusserst schmerzhaft aber noch möglich:

    “Als Alternative wird oft auf eine interne Abwertung – über sinkende Löhne – verwiesen. Doch diese verschärft zumindest in einer Konjunkturkrise die Lage noch weiter”

    Natürlich ist eine interne Abwertung schwieriger als die in der Vergangenheit noch so gerne praktizierte Inflation, welche in vielen Ländern 50% der Verschuldung wegschmelzen liess.

    Daraus kann man aber nicht schliessen, dass die Konstruktion des Euros grundsätzlich nicht funktionieren könne, denn wenn Italien Spanien und Portugal jetzt noch ernsthaft die Staatsausgaben senken findet ihre Wirtschaft in einem einheitlichen Euroraum doch bessere Möglichkeiten als auf dem Fundament einer inflationären Landeswährung, ganz abgesehen dass bei Inflation auch immer viele Unschuldige die Rechnung bezahlen müssen.

    • Alex Zatelli sagt:

      >” denn wenn Italien …. die Staatsausgaben senken”

      Warum senken, was soll das bringen?

      Italien hat ein Defizit von ca. 80 Milliarden im Jahr. Die Bürger hinterziehen Steuern von ca. 120 Milliarden im Jahr.
      Italien muss die Steuern gehörig eintreiben, dann haben die Italiener einen Budgetüberschuss.

      Griechenland ist überschuldet, weil die faktische Niedrigsteuerpolitik eben KEIN nachhaltiges Wirtschaftswachstum erzeugen konnte, sondern nur eine Überschuldung mit jetziger Spar-Abwärts-Spirale geschaffen hat.
      Man nennt das auch: Voodoo-Ökonomie.

      Die Skandinavier zeigen, dass hohes (aber faires) Steueraufkommen und kluge Verwendung der Staatseinnahmen Wohlstand und hohe soziale Mobilität (aka Meritokratie) bei relativ hohen Löhnen schafft.

      • H. Trickler sagt:

        @Alex Zatelli:

        Sie haben Recht, ich hätte statt “Staatsausgaben senken” schreiben müssen “Staatsdefizit vermindern”.

        Die Ursachen für Griechenland aufzuzählen würde ein paar Seiten füllen …

        Die Skandinavischen Staaten haben tatsächlich einigermassen den Ausgleich gefunden, aber ob die hohe Staatsquote dort die Menschen glücklicher macht als z.B, das schweizerische System wage ich zu bezweifeln, denn die nach Abzug von Löhnen und Sozialabgaben verfügbaren Löhne der Arbeiterschaft sind vergleichsweise viel tiefer als hier.

        • Nur erstaunlich, dass zB in Schweden viel mehr Leute als in der CH im Einfamilienhaus wohnen und immer den neusten Saab und Volvo vor der Tür haben. Natürlich, Norwegen darf man nicht nehmen, die können nur den Ölhahnen aufdrehen und deren Staatsfonds ist proppenvoll, sie können notabene mit niedriger Bevölkerungszahl gigantisch umverteilen für alle und haben offenbar kein Problem, dass allfällige Lehrstellenschaffer wie zB Schindler mit dem Wegzug nach Rumänien drohen könnten.
          Jedenfalls sind die skandinavischen Länder dank ihrer Mentalität die am höchsten entwickelten Zivilgesellschaften, da sie untereinander eine minimale Solidarität pflegen und daher mit dem Hochsteuersystem gut leben können im Gegensatz zu unserer Neidgesellschaft, wo jeder der es zu etwas gebracht hat unzufrieden ist, weil immer jemand anderer noch reicher ist, und bei uns ist ja Solidarität ein Schimpfwort.

  8. mueller martina sagt:

    Sie könne sparen oder Geld drucken/herbeizaubern soviel sie wollen, es nütztz alles nix mehr. Bzw. es nützt nur den Abzockern, die mittels Schattenbanken alles “abzügläd”. Die haben ihre Leute in den Schlüsselpositionen, um regulierende Gesetze zu verhindern und abzusahnen. Wohin geht das ganze Geld zZ? Es scheint, nach Hongkong und Singapore.
    Solange das Offshore-System nicht überwacht und reguliert wird, isch alläs fürd Chatz!
    Wie ein guter Mann sagte: es wurde alles getan, um die Banken zu retten, Milliarden Steuergelder wurden dafür aufgewendet, aber um die Ursache des Problems zu beheben, die Regulierung der Märkte nämlich, ach ja, dafür gibts keinen Rappen.
    Die Griechen wurden von A bis Z verars..t. Man hat die Ressourcen privatisiert, und die neuen Eigner werden über ausgeklügelte Schattenbanksysteme den Griechen grad mal nKrümel an Steuergelder zahlen, wenn überhaupt…

  9. Michael Schwarz sagt:

    Das Konzept des Sparens wie die Griechen betreibt, funktioniert natürlich nicht, weil das Sparen nicht ein entweder-oder-Prozess ist. Die Politiker versuchen durch dem Staat einen politischen Wahl zu begünstig. Deshalb muss die Zentralbank absolut unabhängig bleiben. In der Realität sind die Zentralbank nicht so unabhängig wie sie es behaupten, dies führt zum lender of last ressort. Man kann heute niemand mehr noch behaupten, dass der Fed unabhängig ist, wenn der dem US-Staat finanziert.

    Die USA muss lernen zu sparen, wenn nicht, werden die Amis in 30-40 alle in Elend und Armut enden. Das Gelddrucken hat die US-Wirtschaft und beim Abbau der Handelsdefizite und Staatsdefizite kaum unterstützt. Wenn Ben Bernanke noch mehr Geld druckt, wird er die Märkte und Investoren noch mehr erschrecken, d.h. die Investition in den USA noch weiter zurückgehen. Wie er die Wirtschaft promoviert hat, ist man unbegreiflich.

    Wie ich seit über zwei Jahren gefordert habe, Ben Bernanke muss weg, weil er ein Akademiker ist, ohne empirische Erfahrung mit der Geldpolitik. Er kann die Konjunktur stabilisieren durch QE, aber was danach der Stabilisierung geschieht, hat er überhaupt keine Ahnung gehabt, er folgt lediglich die mathematische Gleichung, ohne Praxisbezug.

  10. Marc Schinzel sagt:

    Die Konstruktion, dass der Staat die Folgen einer Rezession mildern kann, indem er sich antizyklisch verhält und seine Ausgaben in dieser Phase zumindest nicht zurückfährt, hat etwas für sich. Funktionieren kann dieses Rezept allerdings nur unter drei Voraussetzungen, die im Fall der Schuldenkrise der EU-Südstaaten allesamt nicht erfüllt sind.

    1. Sparen in Zeiten des Wirtschaftswachstums: Wer in Krisen mehr ausgeben will, muss in Zeiten des Wachstums die Defizite reduzieren. In Spanien, Protugal, Italien und Griechenland, aber auch in Frankreich geschah jedoch das Gegenteil. Die Defizite stiegen in Wachstumsphasen gar noch schneller, weil sich die entsprechenden Regierungen ihren Wählern gegenüber nicht lumpen lassen wollten und Prestigeprojekte aufgleisten, die den Staat über Jahrzehnte hinaus belasten.

    2. Vorhandenes Vertrauen in die langfristge Stabilität des Landes: Wer zusätzliche Schulden machen will, muss das Vertrauen der Gläubiger haben. Ist das Defizit bereits so hoch, dass die ökonomische Tragbarkeit für die entsprechende Volkswirtschaft von den Märkten grundsätzlich in Frage gestellt wird, hat ein Staat keinen Spielraum mehr. Er muss in diesem Fall auch dann mit dem Sparen beginnen, wenn es aus konjunktureller Sicht ungünstig ist, weil er sich in eine dermassen grosse Abhängigkeit begeben hat, dass faktisch nur die Wahl zwischen einer verschärften Rezession odern einem Staatsbankrott bleibt.

    3.Notwendige strukturelle Anpassungen wurden regelmässig vorgenommen: Die Milderung einer Rezession mittels staatlichem “deficit spending” wirkt sich nur dann nachhaltig positiv auf eine Volkswirtschaft aus, wenn diese strukturell stark genug ist, um in Phasen der Konjunkturerholung konkurrenzfähige Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Deckt das zusätzliche staatliche Geld jedoch nur strukturelle Mängel zu und verhindert notwendige Reformen, so ist der Effekt kontraproduktiv. In solchen Fällen kann eine Rezession, die überfällige Strukturbereinigungen beschleunigt, langfristig das kleinere Übel sein .

    • H. Trickler sagt:

      @Marc Schinzel

      Die unter 1. genannte Voraussetzung des vorsorglichen Sparens wurde auch von der schweizerischen Linken zu gerne negiert. Eigentlich kenne ich keinen Staat wo es praktiziert wurde?

      Das als 2. Voraussetzung genannte Vertrauen ist eine labile Angelegenheit! Derzeit wird z.B für Japan eine exorbitant hohe Verschuldung noch akzeptiert, aber wie lange noch?

    • Michael Schwarz sagt:

      @Marc Schinzel

      Ich stimme Ihre Analyse 100iger zu. Die drei Voraussetzung können weder USA noch überschuldete EU-Staaten erfüllen, deshalb bekommen sie mehr Probleme als sie in der Krise lösen können. Eine geringe Deflation wird die USA helfen, die Strukturbereinigung zu beschleunigen. Das Problem ist es, dass die US-Ökonomen nur auf Wachstum dressiert sind und eine geringe Deflation nicht mehr zulässt – die politische Interesse sind wichtiger als der Wohlstand der Menschen.

  11. Andres Müller sagt:

    Die tatsächlichen Probleme haben nicht mit Steursenkung oder Steuererhöhungen zu tun, sondern mit Steuerungleichgewichten zwischen Nationen und nationalen Entitäten. Mario Monti beschrieb das 2001 in seinem Buch “Der Binnenmarkt und das Europa von morgen. Ein Bericht der europäischen Union”.

    In der Vorgänger-Ausgabe 1997 war zu lesen, daraus folgende Zeilen:

    “Bereits zur Vollendung des Binnenmarktes war anfangs eine Angleichung der steuerlichen Bedingungen vorgesehen. Dies ist bis jetzt noch nicht geschehen und wird voraussichtlich auch nicht bis 1999 geschehen. Daraus resultieren wiederum eine Wettbewerbsverzerrung. Ein Unternehmen, das beispielsweise verhältnismäßig niedrige Lohnnebenkosten tragen muss, ist eher in der Lage Wettbewerbsfähig zu bleiben, als ein Unternehmen mit hohen Lohnnebenkosten. ”

    Es entstehen also Handelsungleichgewichte zwischen den Staaten und substaatlicher Entitäten die zu Wettbewerbsverzerrung führt. Im erweiterten Sinn gilt das natürlich auch für die Zeit des aufkommenden Freihandels mit China. Um den Wettbewerb zu überstehen sagt Monti bereits treffend voraus:

    “In Staaten, die eine relative starke soziale Absicherung besitzen, könnten möglicherweise ihren Staat als Industriestandort gefährdet sehen. Das betreffende Land wird deshalb in Erwägung ziehen, die soziale Absicherung zu vermindern. ”

    Als Schweizer ist diese These interessant, zumal es den Abbaudruck auf die Sozialwerke gut erklärt. Langfristig bringt das aber keine Lösung, im Gegenteeil -da sich dieser Abbau im Dominoeffekt über den westlichen Globus fortsetzte, führt es zum Zusammenbruch der Mittelschicht und schliesslich zu unsinnigen privaten Sparanstrengungen um sich eben selbst ohne Staat abzusichern. Hier wird die Umlaufgeschwindigkeit von Kapital verringert.

    “Schwächere europäische Partnerländer werden bei der gemeinsamen Währung einem verstärktem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Durch ihre geringere Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit werden diese Staaten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen haben.”

    Bingo! richtig erkannt. Das tragische an Mario Monti is nur -die Voraussicht blieb ohne jegliche Folgen in der Politik. Man könnte soar sagen, im Rückblick erscheint das alles wie eine geplante Verschwörung mit Hilfe einer neu eingeführten Währung -dem Euro.

    Die Eliten der Politik scheinen nämlich ganz scharf auf diese Zeile in Montis Vorschau eblickt zu haben:

    “Die Exportwirtschaft, bei der die Kunden innerhalb des Euro-Währungsraumes sind, ziehen die grössten Vorteile aus der WWU”

    Es ist eben auch die Exportwirtschaft, welche die Installation der supernationalen Oligarchie ermöglicht hat, also einem Netzwerk von Konzernen die sich jeglicher staatlichen Kontrolle entziehen können -und die es verstehen nationale Entitäten zu umgehen um Steuern zu sparen. Sie nutzen die von Monti geäusserte Aussage -dass ein Ausgleich der steuerlichen Bedingungen nicht zustande kommen soll -und wenn man genau hinhört was Monti in Italien gegenwärtig fordert -dann gehört es merkwürdigerweise zu seinen Vorstössen ungleiche Steruersätze zu verteidigen. Daher glaube ich an ein Euro-Komplott durch eine aufstrebende Oligarchie, ermöglicht durch die Globalisierung unter Partizipation von Landern wie China.

    • Heiner Gautschi sagt:

      Die tatsächlichen Probleme haben mit der verantwortungslosen Schuldenpolitik sozialistischer Regierungen zu tun, und deren ideologisch bestimmtes und oekonomisch unsinniges Verhalten kann auch nicht mit Steuererhöhungen oder Steuerharmonisierung gelöst werden. Jeder, und dazu gehören auch Firmen, Gemeinwesen und Staatengemeinschaften, können nicht mehr ausgeben als sie erwirtschaften. Der Monti-Bericht täuscht die Möglichkeit eines funktionierenden Europas in EU-Form vor, und das ist schlicht nicht möglich; da können noch so viele Bücher darüber geschrieben werden. Als linker Politiker verfolgt Monti ideologische Ziele, welche letztendlich immer in den Abgrund führen. Wirtschaft und Handel leben von ständig sich verändernden Gleichgewichten, und da eine Harmonisierung herbeizuführen zu wollen ist schlichte Dummheit. Die Wirtschaft und die heutigen globalen Märkte leben von und durch diese Ungleichgewichte. Wer diese Grundsätze der Oekonomie aus blinder Ideologie verleugnet oder missachtet, wird vom Markt abgestraft. Die Mittbewerber profitieren davon und ziehen aus dieser Schwäche ihren Vorteil; das macht China so, das setzen die US mit wirtschaftlichen und militärischen Mitteln rücksichtslos durch, und wenn sich unser saturiertes Europa dem entziehen will, hat es bald noch weniger zu sagen. Sozialistische Steuerwirtschaft ist gefährlich und bingt Elend und Verderben, das zeigt die Geschichte zur Genüge. Ich frage mich, woher dieser blinde Gutmenschenglaube kommt, der meint, mit vordergründiger Harmonisierung und “Steuergerechtigkeit” irgendetwas ausrichten zu können. Empirische studien zeigen, dass die steuerliche Schmerzgrenze – also das, was vom jeweiligen Steuerzahler als “gerecht” angesehen wird – bei 25-30% liegt. Wenn die Steuersätze höher sind, fliesst das Geld dorthin ab, wo es besser behandelt wird. Und China, die Tigerstaaten oder Lateinamerika sind nur zu willig und bereit, dafür Investitionsmöglichkeiten zu bieten. Was nützen angeblich “gerechte” Steuern und höchster Arbeitnehmerschutz, wenn keine Arbeit und kein Einkommen mehr vorhanden sind? Dann haben wir sozialistische Zustände wie im früheren Ostblock, wo es allen gleich schlecht geht und alle nichts haben. Ausser die Apparatschiks der alleinzugelassenen Partei. Heute ist es Griechenland, morgen folgen weitere europäische Länder.

      • Andres Müller sagt:

        Nun Herr Gautschi, würde man ihr Gedankengut weltweit pflegen, dann hätten wir wohl nirgends mehr sozialistische Ansätze, dafür müssten wir uns wohl mit Diktatoren wie Pinochet rumschlagen und in den USA mit der Tea Party -also psychopathischer neureligiöser Substanz. In Arabistan gibts auch keine Linken, etwa so würde es dann Weltweit aussehen -mit einem wahabitischen Scheich oder einen Kapitalgesteuerten Chinaregime wäre man noch gut bedient im Vergleich -wenn man den Verhaftungswellen und Gefängnissklaverei entkommen kann. Wenn Herr Moni ein Linker ist, dann bin ich der Kaiser von China ;) . Monti erscheint nur Links wenn man zum Beispiel einen Blocher oder Freysinger als Mann der Mitte betrachten würde.

        • Helga Biester-Rittmeyer sagt:

          @Müller: Ihr Weltbild scheint etwas undifferenziert. Sozialistischer Misswirtschaft entspringt diktatorischem Verhalten, und in Ihrem Weltbild lässt sich anscheinend eine Diktatur nur durch ein Terror-Regime – oder umgekehrt – ersetzen. Die sozialistische staatliche Planwirtschaft verstand sich als Gegenentwurf zur freien Marktwirtschaft und ist im lezten Jahrhundert grossartig gescheitert und zog Millionen von Menschen in Elend und Not. Die einzig bekannte funktionierende Wirtschaftsform ist die freie Marktwirtschaft, nur sie ermöglicht Demokratie, Wohlstand und kulturelle Entwicklung.

  12. alfredo borlotti sagt:

    “Eine geringe Deflation wird der USA helfen, …”. Meinen Sie damit eine Deflation von mind. -3% ?, dh eine etwas gehobene Inflation von gut 3% ? OK dann stimme ich zu.

  13. Jack Biedermeier sagt:

    Politiker und Oekonomen sollten endlich den Begriff “Sparen” korrekt verwenden. “Sparen” bedeutet in der politischen Diskussion “Ausgaben nicht machen”, auch wenn die Geld für diese Ausgaben nirgends auf die Seite gelegt wurde. Sparen in diesem Sinn an produktiven Investitionen, mag langfristig schädlich sein. Sparen an Freibier für alle am Freitag ist ein anderer Fall. Vielleicht sollten wir uns die Volkswirtschaftsprofessoren sparen, die unfähig sind, Klarheit in diese babylonische Begriffsverwirrung zu bringen. Und den unzähligen politischen Hobby-Volkswissenschaftern einen Grundkurs in Volkswirtschaftlehre bezahlen. Als Kursleiterinnen empfehle ich Hausfrauen.

  14. Oliver sagt:

    Warum erscheint ein auch nur ansatzweise so vernünftiger Artikel, selbst in vereinfachter Form, nirgends in den breiten Medien? Stattdessen hören wir das immer gleiche, vor calvinistischer Moral triefende, neoliberale, als Wissenschaft verkleidete PIIG-bashing. Und dabei wird die Machtübernahme der peripheren Staaten durch die Troika beiläufig an uns vorbeigeschmuggelt. Der Griechische Staatspresident hat es als Erster auf den Punkt gebracht: wer ist Herr Schäuble?

  15. Klicki sagt:

    Wenn es generell schädlich ist, in der Krise zu sparen, und die Verschuldung dadurch noch steigt, dann wäre der Weg zum Abbau der Verschuldung, die Staatsdefizite noch zu steigern. Das wird aber nicht funktionieren, wenn jedermann weiss, dass früher oder später entweder hartes Sparen oder eine Staatspleite kommen müssen. Gerade der Vergleich zwischen Portugal und Griechenland deutet eher darauf hin, dass nicht erst die Sparbemühungen (ernsthaft in P, halbherzig in GR) die Wirtschaft schrumpfen lassen, sondern die schlichte Erkenntnis, dass die Party so oder so vorbei ist.

  16. Linus Huber sagt:

    Bei all diesen Theorien wird die Bedeutung der Gesamtschulden innerhalb eines Staates viel zu wenig berücksichtigt (Staat, Business, Finanz, Privat). Heute betragen diese Gesamtschulden (Kreditblasen) über 350% des BIP in den meisten westlichen Staaten. Dieses Aufblähen der Kreditmenge produzierte/unterstützte über viele Jahre den Wirtschaftserfolg, jedoch Schritt für Schritt hat sich ein immer höher Anteil von Fehlinvestitionen festgesetzt, welche heute eigentlich abgeschrieben werden sollten um die Möglichkeit eines “reboot” zu erreichen.

    Ob dies nun weiter verzögert wird durch die gegenwärtige Geldpolitik der Zentralbanken oder eben den natürlichen Verlauf nimmt, ist längerfristig nicht relevant. Wir werden entweder eine Deflation erfahren (Abschreibungen sind deflationär) oder den Verlust des Vertrauens in die Wahrung (Hyperinflation).

    Die Idee, dass staatliche Eingriffe positive oder negative Auswirkungen zeigen, muss unter längerfristiger Betrachtungsweise eher als neutral angesehen werden.

    Übrigens, jene welche mit Währungen und Zinsen manipulieren, werden eines Tages eher harsche Zeiten erleben, da die Menschen erkennen werden, dass dies hauptsächlich den 1% diente.

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