Das Elend der wirtschaftlichen Bildung

Vorlesung an der Universität Genf.

Volkswirtschaftslehre sollte die aktuellen Vorgänge besser verständlich machen: Vorlesung an der Universität Genf.

Vielleicht zum letzten Mal werde ich diesen Samstag als Volkswirtschaftsdozent wirken. 17 Jahre lang war das eine spannende Nebenbeschäftigung von mir. Ein passender Moment, um  in diesem Blog das Unterrichten dieses Fachs zum Thema zu machen.

Schon vor längerer Zeit habe ich in der «Weltwoche» moniert, wie wenig eigentlich das Vermitteln von wirtschaftlichen Kenntnissen in die generellen Lehrpläne einfliesst – hier der Text aus dem Jahr 2004. Der folgende Absatz fasst die Quintessenz zusammen:

Auch wenn ökonomische Themen mittlerweile beinahe alle grossen politischen Debatten bestimmen, wird an Schweizer Schulen noch immer weit mehr Latein gebüffelt, Biologie und Chemie, als dass die Heranwachsenden etwas über die grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhänge und Begriffe erfahren. Abgesehen von den Fachleuten, kann kaum einer ökonomischen Diskussionen folgen, nur wenige verstehen die Wirtschaftsberichterstattung.

Wie weit sich die Lehrpläne in der Allgemein- bzw. Grundausbildung seit dem Erscheinen des Texts diesbezüglich verbessert haben, weiss ich nicht. Doch selbst wenn Volkswirtschaftslehre tatsächlich vermehrt unterrichtet wird, ist es gut möglich, dass das wirtschaftliche Verständnis dennoch nicht zunimmt. Hier ein paar Gründe:

  • Die Vermittlung des Fachs kann dazu führen, dass Vorurteile geschürt oder bestätigt werden. Ein solches Vorurteil kann zum Beispiel dadurch entstehen, dass Lernende des Fachs das (mikroökonomische) Modell der vollkommenen Konkurrenz oder das Menschenbild des «Homo oeconomicus» für ein Abbild der Realität halten. Die einen schliessen dann daraus, vollkommen unregulierte Märkte seien in jedem Fall die beste Lösung. Andere sehen sich dann in ihrem Vorurteil bestätigt, die Ökonomen seien ausserordentlich weltabgewandt, besonders kaltherzig oder würden jegliche Ungerechtigkeit zurechtrationalisieren.
  • Dass durch den Unterricht von Volkswirtschaftslehre Vorurteile geschürt werden, muss keineswegs nur an den Dozierenden liegen. Auch der Lehrplan spielt eine wichtige Rolle. Wenn das Ziel zum Beispiel in der Mikroökonomie lediglich darin besteht, den Studierenden nur die Theorie der vollkommenen Konkurrenz, bzw. der perfekten Märkte zu vermitteln (die als Einführung vor einer weiteren Vertiefung allerdings äusserst brauchbar ist), dabei aber für die viel wichtigeren Einschränkungen der Realität, wie etwa die Bedeutung von Marktversagen, kaum oder überhaupt kein Platz vorgesehen ist, dann erhalten die Lernenden tatsächlich ein ziemlich verzerrtes Bild vom Denken und Forschen der Ökonomen.
  • Wenn Lehrpläne so aufgebaut sind, liegt das vielfach daran, dass man den Studierenden nur relativ eingängige Modelle zumuten will. So mühsam zum Beispiel das Modell der vollkommenen Konkurrenz für Einsteiger möglicherweise zu lernen sein mag, es ist immerhin in sich stimmig und auf jeden Fall viel einfacher zu vermitteln und zu lernen, als die weitergehenden und realitätsnäheren Modelle und Einschränkungen.
  • Weil Fachhochschulen den Universitäten nicht nachstehen wollen, unterrichten sie ihre Studierenden zuweilen in denselben abstrakten, in sich stimmigen theoretischen Modellen, wie sie Volkswirtschaftsstudierende dort anfänglich büffeln müssen. Nur dass die Kurse der Fachhochschulen mit diesen Modellen enden – anders als an den Universitäten. Ein Beispiel dafür ist in der Makroökonomie zum Beispiel das so genannte IS-LM/AS-AD-Modell. So büffeln die Leute dann all die Formeln und Grafiken und können sie an der Prüfung im besten Fall sogar perfekt wiedergeben. Doch die Modelle machen eigentlich nur als Instrumente für eine weitere Vertiefung Sinn. Sie müssten am Anfang einer umfassenden volkswirtschaftlichen Ausbildung stehen, keinesfalls an ihrem Ende. Wenn mit ihnen die Ausbildung endet, nützen diese Modelle für das Verständnis realer Vorgänge herzlich wenig und auch hier drohen Missverständnisse und Vorurteile.

Hier drei (nicht abschliessende) Punkte, die beim Wirtschaftsunterricht meiner Ansicht nach mehr Beachtung finden müssten:

  • Erklärungen konkreter, praktischer Vorgänge müssen Pri0rität haben vor abstrakten Modellen – ganz besonders dann, wenn für die praktische Relevanz der komplexeren Modelle keine Zeit vorgesehen ist. Es ist frustrierend, wenn man Studierende mit Formeln und Grafiken bombardieren muss, die diese sich für die vorgegebene Prüfung am Ende der Ausbildung einprägen müssen, während zum Beispiel Themen wie die ganz konkrete Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank nicht im Stoffplan enthalten sind. So müssen die Leute zwar Kurven herleiten und mit Buchstaben um sich werfen, erfahren aber nichts über die Bedeutung des Libor, des Reposatzes oder über den unstabilen Zusammenhang zwischen der Notenbankgeldmenge und den Geldmengen M1 bis M3. Nur leicht überspitzt gesagt, bleiben sie damit trotz dem umfangreichen Stoff, den sie büffeln müssen, in Bezug auf praktische Belange weitgehend ökonomische Analphabeten.
  • Sozialwissenschaften (wozu die Ökonomie zählt) sind keine exakten Wissenschaften. Hier wird versucht, die extrem komplexe Realität gesellschaftlicher Entwicklungen mit Modellen möglichst gut abzubilden. Diese Botschaft sollte meiner Ansicht nach am Anfang des Wirtschaftsunterrichts stehen: Die Studierenden müssen verstehen, dass die zu lernenden Modelle keine Naturgesetze darstellen, sondern historisch gewachsene Versuche sind, die Realität möglichst gut abzubilden und dass diese Modelle im Lauf der Geschichte stets auch weiter ergänzt, modifiziert und einige auch verworfen wurden – und dass diese Geschichte nie zu Ende ist. Ganz entscheidend ist auch, dass die Studierenden den Anwendungsbereich und die Einschränkungen der Modelle lernen und Hinweise erhalten, was für das Verständnis realer Vorgänge weiter beachtet werden müsste. Für mich persönlich war das Verständnis gerade der  restriktiven Bedingungen, unter denen ein wirtschaftliches Modell überhaupt gültig ist, das wichtigste, um ein solches Modell zu begreifen und ganz generell, um Einschätzungen wirtschaftlicher Vorgänge vorzunehmen.
  • Die Schulen (über ihre Lehrpläne) und die Dozenten müssen die Studierenden dort abholen, wo sie sind: Die Leute lesen täglich über wirtschaftliche Entwicklungen. Unsere Zeit müsste die beste Zeit für den Unterricht dieses Fachs sein. Daher sollte er auf Erklärungen der Vorgänge ausgerichtet sein. Oder genauer – weil endgültige, hieb- und stichfeste Erklärungen nicht existieren: Er sollte auf das Verständnis dessen ausgerichtet sein, was als Erklärungen in den Medien und von Experten herumgeboten wird. Der Wirtschaftsunterricht sollte den Leuten brauchbare Instrumente an die Hand geben. Wenn man die Leute dort abholt, wo sie sind, dann sind sie in aller Regel begeistert vom Fach Volkswirtschaft.