Meine grössten Irrtümer

Ein grosser Irrtum, war der Glaube, dass die Politik rechzeitig Massnahmen zur Rettung des Währungsunion einleitet: Demonstranten tragen den Euro zu Grabe.

Ein grosser Irrtum war der Glaube, dass die Euro-Politiker sich bewusst sind, dass es weitere institutionelle Massnahmen braucht, um die Währungsunion zu konsolidieren: Demonstranten tragen während des EU-Gipfels am 24. Juni den Euro zu Grabe.

Der US-Ökonom Bradford DeLong ist einer der wenigen, der immer wieder zugibt, dass er sich in wichtigen Punkten geirrt hat. In seiner letzten Kolumne beschrieb er zum Beispiel seine Überlegungen, die ihn in den 1990er Jahren dazu bewegt hatten, die Deregulierung des Finanzsystems zu unterstützen. Er war nicht ein prinzipieller Anhänger des Laissez-faire, sondern glaubte, dass mehr Wettbewerb im Finanzsystem für die Gesamtwirtschaft von Vorteil sein würde. Was er nach seinen eigenen Angaben unterschätzte, war die erhöhte Gefahr eines Kollapses. Jetzt weiss er es.

DeLong ist einer der klügsten Köpfe, die ich je kennengelernt habe. Er dürfte sich vermutlich weit weniger geirrt haben als andere. Dennoch hört man von anderen Ökonomen kaum je ein Geständnis. Dabei gibt es nichts Besseres für die Debatte, wenn man immer wieder feststellt, was sich nicht bewährt hat. Also fangen wir an, vor der eigenen Tür zu kehren. Ich beschränke mich auf vier Irrtümer, damit der Eintrag nicht zu lange wird…

Irrtum Nummer 1: Mir war dank des Shiller-Indexes bereits vor Ausbruch der Finanzkrise bekannt, dass der US-Immobilienmarkt überhitzt war und sich irgendwann einmal abkühlen würde. Aber dass der Rückgang der US-Häuserpreise zu einer internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise à la 1930er Jahre führen würde, hätte ich nie erwartet.

Irrtum Nummer 2: Bis 2009 bin ich davon ausgegangen, dass jede Krise mit einer klugen Geldpolitik überwunden werden kann. Seit 2009 ist klar, dass das falsch ist. Wir haben in den USA seit Jahren eine Nullzinspolitik, aber die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck. Wir befinden uns in einer Liquiditätsfalle. Bis 2009 war das für mich in der Lehre nur ein historisches Kuriosum.

Irrtum Nummer 3: Ich hätte nie geglaubt, dass die UBS von der Nationalbank und dem Bund gestützt werden muss. Noch im Frühsommer 2008 hatte ich das Gefühl, die von der Bank unternommenen Rekapitalisierungsaktionen nach Bekanntwerden der grossen Verluste seien ausreichend. Auch hier glaubte ich: Was sich in den 1930er Jahren in der Schweiz abgespielt hatte, kommt nie mehr vor.

Irrtum Nummer 4: Ich war immer skeptisch gegenüber der europäischen Währungsunion. Das Gebiet ist zu heterogen, die Ausgleichsmechanismen fehlen, die Wachstumsperspektiven für die schwächeren Länder sind nicht vorhanden, weil die Option der Abwertung weggefallen ist. Aber bis 2010 bin ich immer davon ausgegangen, dass die Euro-Politiker sich bewusst sind, dass es weitere institutionelle Massnahmen braucht, um die Währungsunion zu konsolidieren, und dass sie bereit sind, dafür einen Preis zu bezahlen. In dieser Hinsicht habe ich mich vollkommen geirrt. Die meisten Euro-Politiker wissen nicht, was sie tun. Nur mit der Pistole an der Schläfe sind sie bereit, ihre geistigen Luftschlösser aufzugeben. Jetzt wird die Zeit immer knapper.

Klingen diese Irrtümer vertraut? Was ist Ihrer Meinung nach der grösste Irrtum, der durch die Ereignisse der jüngsten Zeit zum Vorschein gekommen ist?