«Deutschland tanzt auf einem Vulkan»

Zigarrenabteilung im Kaufhaus des Westens in Berlin 1928. Foto: KaDeWe (Keystone)

Ein falscher Eindruck des Wohlstands: Zigarrenabteilung im Kaufhaus des Westens in Berlin 1928. Foto: KaDeWe (Keystone)

Was sich seit Jahren in Griechenland abspielt, ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Das Land ist längst insolvent, kann aber den Bankrott nicht erklären, weil es Teil einer Währungsunion ist. Der Grund ist, dass der Euro ein einzigartiges Projekt ist: eine Währungsunion ohne Bundesstaat. Wäre Griechenland ein Gliedstaat wie zum Beispiel Nevada in den USA, hätte der Schuldenschnitt längst stattgefunden, ohne Folgen für die Vereinigten Staaten als Ganzes. Und hätte Griechenland eine eigene Währung, wäre es längst zu einem Schuldenschnitt in Verbindung mit einer Abwertung gekommen.

Dennoch gibt es starke Parallelen zu vergangenen Episoden. Besonders frappant dünkt mich die Ähnlichkeit mit der deutschen Schuldenkrise von 1931. Denn der Kern des Problems war damals genau derselbe wie heute, nämlich dass der ererbte internationale Rahmen nicht mehr auf die neue Realität passte, die Gläubiger jedoch glaubten, sie hätten keinen Spielraum zum Handeln.

1931 war der Young-Plan das Problem. Er war 1930 verabschiedet worden und beinhaltete eine Neuregelung der Reparationen. Die Gläubiger kamen Deutschland ein Stück weit entgegen, aber der Plan beruhte weiterhin auf unrealistischen Annahmen. Vor allem war eine grössere Wirtschaftskrise nicht vorgesehen. Doch ein solches Szenario trat ein, kaum war der Young-Plan in Kraft. Die folgende Grafik zeigt, wie die Arbeitslosigkeit in Deutschland sich schnell verschlechterte (Daten von Theo Balderston).

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Was tun in einer solchen Situation? Normalerweise passen Politiker ihre Massnahmen recht schnell den geänderten Umständen an, wenn es um innenpolitische Probleme geht. Und so war es auch 1930–31 in den meisten Ländern. In der Reparationsfrage änderte sich hingegen kaum etwas. Die Gläubigernationen schauten zu, wie Deutschland immer mehr im wirtschaftlichen und politischen Sumpf versank. Am 14. September 1930 kam es schliesslich zu einem sensationellen Wahlzuwachs der NSDAP, wie die folgende Grafik zeigt. Daran anschliessend brach eine Währungskrise aus, die nur dank einem Notkredit einer amerikanischen Bank bewältigt werden konnte. Aber was das Grundsätzliche anbelangte: Nichts passierte.

Erst im Juni 1931 wagte US-Präsident Herbert Hoover einen Politikwechsel, indem er ein Schuldenmoratorium vorschlug. Die positive Wirkung verpuffte aber schnell, weil sich Frankreich zwei Wochen lang dagegen sperrte. Als das Moratorium dann Anfang Juli dennoch den Segen Frankreichs erhielt, war es bereits zu spät. Eine Woche später brach die deutsche Bankenkrise aus, die das globale Finanz- und Währungssystem in seinen Grundfesten erschütterte.

Gustav Stresemann, 1925. Foto: Bundesarchiv, Wikimedia

Gustav Stresemann, 1925. Foto: Bundesarchiv, Wikimedia

Wenn man die Quellen liest, fragt man sich immer wieder, warum die Bombe nicht früher entschärft wurde. Besonders eindrücklich ist eine Aussage des deutschen Aussenministers Gustav Stresemann aus dem Jahr 1928. Bereits damals, als die Wirtschaft immer noch rund lief, zumindest oberflächlich, sagte er dem Reparationsagenten Parker Gilbert, der eine Art Troika in einer Person war: «Das Ausland überschätzt Deutschlands Leistungsfähigkeit. Deutschland macht einen falschen Eindruck des Wohlstandes. Die Wirtschaftslage ist nur scheinbar eine glänzende. Tatsächlich tanzt Deutschland auf einem Vulkan.»