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Lotto ist korrekter als Spitzenfussball

Guido Tognoni am Donnerstag den 20. April 2017
Die Spieler jubeln zu unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Die Spieler jubeln zu Unrecht: Real Madrid nach dem zweiten Treffer von Cristiano Ronaldo gegen Bayern München. Foto: Daniel Ochoa de Olza (AP Photo, Keystone)

Was ist los mit den Schiedsrichtern? Hat es zu wenig gute, sind die besten nur in einem Formtief, oder sind sie dem aktuellen Fussball nicht mehr gewachsen? Irgendetwas stimmt da nicht mehr. Wir sehen in jüngster Zeit zu viele Spiele, die von falschen Entscheidungen massgeblich beeinflusst wurden. Und zu den Spielleitern gehören auch die Linienrichter, die bekanntlich mittlerweile zu Schiedsrichter-Assistenten befördert worden sind. Wenn etwa derart klare Abseitspositionen wie jene Ronaldos vor dem 2:2-Ausgleich Real Madrids nicht bemerkt werden, ist das mehr als nur ein Betriebsunfall, wie er von Fussballromantikern als unvermeidlicher Teil des Spiels verklärt wird. Das irreguläre Tor Ronaldos lieferte eindrückliche Bilder: hier der blitzschnelle Angriff der Spanier, da ein Schiedsrichter, der vom Tempo gleichermassen überfordert wird wie der Assistent an der Linie, welcher der Aktion statt auf Ballhöhe um mehrere Meter hinterherhechelt.

Millionen Zeugen

Millionen haben den Regelverstoss gesehen, nur der Schiedsrichter nicht. Die Bayern, für einmal nicht mit dem traditionellen Bayern-Bonus gesegnet, schäumen, und dies zu Recht. Solch krasse Fehlleistungen der Schiedsrichter sollten die Fifa endlich dazu bewegen, das gesamte System zu überdenken. Es braucht beispielsweise keine Torrichter, die quasi als bezahlte Fussballtouristen bei Spielen der Uefa die verlängerte Torlinie dekorieren und zwischendurch sogar jene Szene nicht beurteilen können, die in jedem 500. Spiel vorkommt, während es in jeder Partie mehrere umstrittene Abseits- und Elfmeterszenen gibt. Michel Platini hat diese Torrichter aus Trotz eingeführt, weil sein Rivale Sepp Blatter nach Jahren des Zauderns endlich seine Zustimmung für die Anfänge des Videobeweises gegeben hatte.

Jeder Quadratzentimeter ist reglementiert

Die perfekte Lösung für die Spielleitung wird es nie geben. Das Problem ist, dass nicht einmal ernsthaft nach Verbesserungen gesucht wird. Fifa-Präsident Gianni Infantino verschliesst sich zwar nicht dem Videobeweis, aber eine klare Richtungsangabe fehlt. Tatsache ist einzig, dass der Fussball rituell abgesicherte Ungerechtigkeit bleibt, solange die vorhandenen technischen Hilfsmittel nur für die Zuschauer, aber nicht für das Spiel eingesetzt werden. Fifa und Uefa reglementieren ausserhalb des Spielfelds jeden Quadratzentimeter Raum, den es zu vermarkten gibt. Aber die Spielleitung, die über die Verteilung der Millionen aus den gigantischen Geldmaschinen entscheidet, befindet sich noch im sportlichen Mittelalter. Lotto läuft korrekter ab als Fussball – das ist nicht nur schwer zu ertragen, sondern ganz einfach absurd.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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10 Kommentare zu “Lotto ist korrekter als Spitzenfussball”

  1. erich schweizer sagt:

    Es müsste einen Fernsehschiedsrichter geben der bei krassen Fehlentscheidungen eingreifen könnte. Dieser sitzt im Stadion und ist mit dem Schiri akkustisch verbunden. Weiter können Beide Teams je einmal pro Spiel beim Fernsehschiri reklamieren und dieser kann dann die Entscheidung des Feldschiris je nachdem korrigieren.
    Natürlich würde bei diesen Unterbrechungen die verlorene Zeit nachgespielt werden.

  2. loulou55 sagt:

    “Von Challenge League bis Champions League. Von Gotti Dienst bis Howie Webb. Vom Anspielkreis bis in die Katakomben.”
    Who the fu** ist Gotti Dienst…? Meint man damit die “Taufpatin vom Dienst”… oder wie… oder was…?
    Gott sei dank bin ich schon so alt und kenne einen gewissen Gottfried Dienst, ein CH-Schiedsrichter aus früheren Zeiten (1966 WM Final).
    Aber einen Gottfried mit Namen, nennt man in der Schweizerdeutschen Kurzform “Godi” und nicht “Gotti”. Ein “Gotti” ist hierzulande eine Taufpatin.

  3. Pascal Lischer sagt:

    was ich nicht verstehe ist, dass man neben dem Video-Beweis nicht noch weiter geht und vor allem bezüglich Abseits und Linie vollautomatische Lösungen sucht. Ein gutes Programm kombiniert mit der richtigen Technologie (z.B. Chips auf den Spielern, im Ball) müsste doch die Abseitsregel voll automatisiert abhandeln können. Bei der Torlinie ist man ja schon weiter, dies könnte man auf die sonstigen Out-Bälle erweitern. So könnte man sich die 4 Schiris an der Linie/hinter dem Tor sparen und dafür könnten z.b. 2 Schiri’s sich auf dem Feld auf die Fouls und Sonstiges konzentrieren – unterstützt vom Videobeweis. Wir leben ja im 21. Jahrhundert und nicht mehr in der Gründerzeit des Fussballs.

    • Röschu sagt:

      Problem bei Ihrem Vorschlag mit den Chips auf den Spielern und im Ball ist, dass das System wohl nicht zwischen aktiver und passiver Abseitsstellung unterscheiden könnte und einfach generell immer reagieren würde.

  4. Jan sagt:

    Ich stimme dem Kommentar so weit zu, dass die Freude am Fussball schrittweise verloren geht. Fairerhalber muss man jedoch betonen, dass dies auch an den Profis liegt, die sich der Schwächen und Menschlichkeit der Schiedsrichter bewusst sind und dies permanent zu nutzen versuchen. Ich verstehe nicht, wieso keine Challenge wie beim Tennis oder Eishockey eingeführt werden kann. Z.B. 2 x pro Halbzeit, wobei bei einem korrekten Entscheid eine Challenge abgezogen wird, bei einem falschen Entscheid jedoch bestehen bleibt; oder beschränkt auf Tor-, Penalty- oder Abseitssituationen. Das Spiel wäre unmerklich verlängert, aber etliche Diskussionen und Wutkommentare würden sich erübrigen.

  5. David sagt:

    Das war früher auch nicht besser. Was allerdings nichts daran ändert, dass die Mechanismen zur Durchsetzung eines regelkonformen Spielverlaufs derart schlecht sind, dass regelmässig nicht die Leistung der Teams ein Spiel entscheidet.

    Mir raubt es die Freude an diesem “Sport”. Wenn ich Glücksspielen zusehen möchte, geh ich ins Casino und guck Roulette. Die Fehlentscheidlotterie hingegen sorgt nur für Frust, und zwar unabhängig davon, wer grad davon profitiert.

    Kein Regelsystem ist perfekt, aber wenn man die Fehlentscheidquote um 40% senken könnte (mit technischen Hilfsmitteln und Regelanpassungen), wäre schon viel gewonnen und definitiv ein paar Spielunterbrüche wert.

  6. René Emery sagt:

    Ich kann die Bedenken gegen den Videobeweis im Fussball nicht nachvollziehen. In anderen Sportarten (z.B. Eishockey, Tennis etc.) funktioniert es ja auch, ohne dass es zu nennenswerten Spielverzögerungen durch die Konsultation der Videobilder kommt oder gar der Spielfluss beeinträchtigt würde.

    Im Sport geht es mittlerweilen um viel zuviel, als dass man die Fehlentscheide durch sogenannte “Tatsachenentscheide” legalisiert. Diese Regel geht auf die Frühzeit des Fussballs zurück und machte auch durchaus Sinn, da es noch keine Videotechnik gab.

    Sollte sich die FIFA weiterhin dagegen aussprechen, muss man ihr ganz klar Manipulationsabsichten unterstellen!

  7. Manni Sumbl sagt:

    Was nützen Millionen von Zeugen, wenn die Schiedsrichter zwar mit High-Tech bestückt sind, aber von draussen keine Info durchdringen darf? Solange der Fussball von ein paar alten Säcken gesteuert wird, kann Ronaldo eben mehrere Male im Abseits stehen ohne dass es jemand sieht. Mein Vorschlag: Wie im Eishockey eine Linie ziehen 30 Meter vor dem Tor, alles was sich in Richtung Tor abspielt, interessiert niemanden mehr!!! Wir sehen ja, unsere Schiedsrichter sind gute Schauspieler die sich immer aufspielen wenn Unruhe herrscht aber den Fussball haben sie nicht mehr im Griff (im Falle Aytekin könnte man fast glauben, der wurde gekauft). Und die besten Schiedsrichter müssen mit 45 in Pension!!

  8. Meyer R. sagt:

    Bei diesen Beträgen, in denen es hier für die Spieler und die Vereine geht und um den damit verbundenen Ruhm, ist es absolut vermessen zu sagen, dass es keinen Videobeweise braucht. Mehr denn je! Auch die Aufgabe der 4 “Richter” ist nicht zu beneiden. Aber, wie soll das in der Praxis ablaufen? Alle 2 Minuten einen vielleicht längeren Unterbruch, um die Situation zu klären? Ich möchte da nicht entscheiden müssen. Aber die letzten Wochen haben gezeigt, dass es so nicht weiter gehen kann.

    • Thomas sagt:

      Natürlich kann es so weiter gehen. Der Fussball lebte bis jetzt hervorragend ohne Video-Beweis und wird es auch in Zukunft tun. Daran ändern auch ein paar Fehlentscheide nichts. Der Videobeweis wird den Fussball kein Stück weiterbringen, im Gegenteil. Alles, was man damit erreichen würde, wären (noch) weniger Tore (siehe Real vs. Bayern) und zahlreiche minutenlange Spielunterbrüche, verbunden mit der Zerstörung jeglichen Spielflusses. Nein danke!

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