Leben


Archiv für die Kategorie „Vater“

Die Mommywars

Mamablog-Redaktion am Freitag den 20. April 2012

Eine Carte Blanche von Nicole Althaus und Michèle Binswanger.

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Wer sich als Frau gegen die traditionelle Definition des Weiblichen stemmt, wird angegriffen: Die Autorinnen Nicole Althaus und Michèle Binswanger. (Bild: Reto Oeschger)

Wer sich in der Öffentlichkeit exponiert, bietet Angriffsfläche – das gilt für beide Geschlechter. Frauen müssen jedoch zusätzlich in Kauf nehmen, dass die Kritik fast immer auch auf ihre Person, ihre Weiblichkeit, ihre Attraktivität oder ihre Intelligenz zielt. Diese Art der Kritik hat eine lange Tradition. Bereits die ersten Frauenrechtlerinnen, die im Zuge der Französischen Revolution gleiche Rechte beanspruchten, wurden von den damaligen Karikaturisten als Megären verspottet. Wer sich als Frau gegen die traditionelle Definition des Weiblichen stemmt und Geschlechterhierarchien in Frage stellt, wird als hässlich und unweiblich beschimpft. Und machthungrige Frauen sowieso.

In ihrem einflussreichen Buch «Backlash» aus dem Jahr 1991 beschrieb die US-Journalistin Susan Faludi, wie in der konservativen Reagan-Ära der Achtzigerjahre misogyne Stereotypen gegen den Feminismus in Stellung gebracht wurden: Die Medien brachten Horrorstorys über beruflich erfolgreiche Frauen, die unweigerlich an Burn-out, unfreiwilliger Kinder- und Ehelosigkeit, an Depressionen, Alkoholismus, Haarausfall oder gleich an allem zusammen litten. Heute, da eine grosse Mehrheit der Frauen berufstätig ist, hat sich der Fokus dieser Diskussion hin zu den Müttern verschoben. Es scheint, als hätten sich die ganzen konservativen Vorstellungen darüber, was eine «richtige» Frau ist und wie sie sich benehmen sollte, in unserem Ideal der guten Mutter abgelagert und, vom Feminismus unbeleckt, die Jahrzehnte überdauert.

Noch nie gingen die Vorstellungen darüber, wie eine gute Mutter zu sein hat, so weit auseinander wie heute. Noch nie wurde heftiger darüber diskutiert. Und noch nie haben Mütter sich dabei schlechter gefühlt: 425′000 Treffer bekommt, wer bei Google «Mutter und schlechtes Gewissen» eingibt. 1,5 Millionen Treffer, wer dasselbe auf Englisch eintippt. Eine gute Mutter hat nicht nur ihre Ansprüche, Bedürfnisse und Interessen ganz auf ihre Kinder auszurichten, sondern sie muss dies auch gern tun und volle Befriedigung darin finden. Aber selbst Mütter, die diesem Ideal zu entsprechen versuchen, sind vor Kritik nicht gefeit. Sie ist dann vielleicht eine gute Mutter, aber eine schlechte Frau, weil sie sich freiwillig in ein Abhängigkeitsverhältnis hineinbegeben hat und dem Mann die Rolle des Alleinernährers aufbürdet, der im Scheidungsfall für sie und die Kinder sorgen muss. Im englischen Sprachraum hat sich für den Begriff Zickenkrieg Mommywar, Mamikrieg, durchgesetzt.

Seit kurzem klagen auch Männer öffentlich, dass sie unter einem starken gesellschaftlichen Druck stehen: Auch sie werden heute unablässig dazu aufgefordert, ihren Körper zu trainieren, die richtigen Anzüge zu tragen, Karriere zu machen und trotzdem ein leidenschaftlicher Ehemann zu bleiben und ein guter Vater zu werden. Und auch ihnen ist nicht klar, wie sie das alles unter einen Hut bringen sollen. Auch Männer haben schon seit je darunter gelitten, die finanzielle Alleinverantwortung für ihre Familie zu tragen. Nur reden sie kaum darüber. Väter führen keinen Krieg darum, was ein guter Vater ist.

Gleichberechtigung zu leben ist für beide Geschlechter schwierig. Doch im Umgang mit den neuen gesellschaftlichen Forderungen könnten Männer und Frauen durchaus voneinander
lernen: Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass Männlichkeit nicht von der Höhe des Gehaltsschecks abhängt und Weiblichkeit sich nicht in der Mutterrolle erschöpft, sondern dass Frauen wie Männer gleichermassen fähig sind, für ihre Familie Geld zu verdienen und für ein Kind zu sorgen und es zu erziehen, wären wir schon einen grossen Schritt weiter.

Macho MamasDies ist ein Ausschnitt aus dem neuen Buch von Nicole Althaus und Michèle Binswanger: «Macho-Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen». Nagel & Kimche Verlag, Zürich. 176 Seiten.

Von dir oder von mir?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 11. April 2012

Ein Papablog von Raphael Diethelm.

Sein Grinsen, aber nicht seine Glatze: Bruce Willis' Töchter Rumer Glenn, Tallulah Belle und Scout LaRue begleiten ihren Vater an die Premiere von «Ocean's Twelve» 2004. (Bild: Reuters)

Sein Grinsen, aber nicht seine Glatze: Bruce Willis' Töchter Rumer Glenn, Tallulah Belle und Scout LaRue begleiten ihren Vater an die Premiere von «Ocean's Twelve» 2004. (Bild: Reuters)

«Jöh, sooo herzig, ist ihr Vater Asiate?» – «Nein, sein Vater ist Schweizer, und die Hautfarbe um die Schlitzaugen geht auf Neugeborenen-Gelbsucht zurück. Das wird sich noch ändern.» Solche oder ähnliche Gespräche durfte meine Frau nach der Geburt unseres Sohnes mehr als einmal führen. Zum Glück hat sie der zum Mädchen gemachte Junge damals nicht mitbekommen. Oder wenigstens nicht verstanden.

Er, der die Welt mit «meinen» Augen erst sehen lernte, wäre vor den Kopf gestossen worden. Den eigenen Kopf, wohlgemerkt. Denn anders als die auffällige Augenform oder die stolzen Füsse, die mir ebenfalls sehr bekannt vorkommen, kann dieser trotzige Grind nicht von mir sein. Nein, nein, nein.

Die Kopfsache betrifft eher meine Frau. Nicht bei den momentan dominierenden inneren Werten, welche die Fachliteratur als Trotzphase schönschreibt, sondern bei der Form des Schädels. Da ist der Sohnemann ganz die Mutter, beziehungsweise deren Vater. Während das strahlende Blau seiner Augen den Grossmüttern zu verdanken ist: Wir Eltern haben braune Augen – und den Witz mit dem Milchmann längst gehört.

Auch die Tochter strahlt mich, seit wir uns kennen, aus Schlitzaugen an und lebt auf grossem Fuss. Yes! Im Unterschied zum Bruder hat sie auch noch meinen Mund geerbt und ist – soweit man das nach drei Monaten erkennen kann – sowieso eher nach Papas Vorbild geraten. Yeah! (Ich weiss: Neugeborene machen von Natur aus auf Papa, damit der sie akzeptiert. Erst nach und nach wecken sie die Mama in sich …) Wenn das so weitergeht, wird ein drittes Kind mein Klon.

Die beiden Bisherigen geben auf jeden Fall regelmässig Anlass zur Frage: Hat er/sie das von dir oder von mir? Die äusseren Werte sind zwar nicht in Stein gemeisselt, sondern auf veränderliche Babyhaut gezeichnet – und trotzdem relativ endgültig einem Elternteil zuzuordnen. Oder, siehe oben, einem anderen Ahnen.

Doch gehen Sohnemanns innere Werte wie Freundlichkeit und Musikalität auf meine Kappe? Ist die Mutter der Quell seines ausgeprägten Humors und Bewegungsdrangs? Solche Gedankengänge können dazu führen, dass man dem Partner indirekte Komplimente macht, durch das Kind statt durch die Blume: Er hat deine kreative Ader, der Glückliche. Doch hinter jeder Ecke lauert Eigenlob, dessen Gestank jeden Windelberg versetzt. Doch Vaterliebe macht angenehm blind für Narzissmus.

Schwierig wirds bei entgleisten Charakterzügen oder anderen befremdenden (Un-)Fähigkeiten, die sich das Kind scheinbar im Schlaf aneignet. Dann sind gerne die Grosseltern gefragt: War ich so klein schon so gemein? Habe ich als Baby nicht besser geschlafen? Ekelte ich mich auch vor Sand?

Aus den ehrlichen Antworten malen wir uns ein verzerrtes Bild unserer Kinder. Die guten Eigenschaften leuchten in starken Farben – auf die Gefahr hin, dass das ganze Werk samt Bilderrahmen strotzt vor knalligen Tönen. Es sind ja unsere Kinder. Und sie haben ja nur Gutes von uns. Sie sind unsere Best-ofs.

Zum Glück bleiben sie das nicht. Zum Glück wachsen sie mit und an ihrer Welt. Zum Glück «beerben» sie nicht nur die Eltern, die Familie. Nur so werden sie ein Teil der Gesellschaft, der nicht nur auf unserem Mist gewachsen ist. Und eines Tages werden sie sich fragen, wem sie was weitergeben – von offensichtlichen Schlitzaugen bis zu verborgenen Sehnsüchten.

Raphael Diethelm

Raphael Diethelm (*1978) ist seit Mai 2011 Produzent bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich liebend gern mit Tochter (*2011), Sohn (*2010) und Gemahlin und ausnahmsweise mit Vererbungslehre.

Lieber nackt als Pelz?

Michael Marti am Mittwoch den 7. März 2012
MAMABLOG-BURT-REYNOLDS

Für 20 Prozent der Frauen ist es ein Must, dass sich der Mann intim rasiert: Schauspieler Burt Reynolds auf einer Aufnahme aus den 70er-Jahren.

Dort, wo ich aufgewachsen bin, im Luzerner Hinterland, hiess es jeweils, wenn die Sprache auf die Haarpracht oder allenfalls die Kahlheit eines Mannes kam: «En rächte Maa mit Frau und Chind, hät d’ Haar auf de Brust und nid auf em Grind.» Das war so Mitte der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts.

Ich fand den Spruch ziemlich treffend. Wir erinnern uns: Die Siebzigerjahre, das war die Zeit, in der ein Burt Reynolds als maskulines Super-Sexsymbol galt, ein Mann, der zwar auf dem Kopf mit fortschreitender Glatzenbildung kämpfte, auf der Brust aber nicht bloss Brusthaare, sondern vielmehr einen veritablen Brustwald herzeigen konnte. Und so ein Mann, das wollten damals alle Jungen einmal sein, nicht nur die im Luzerner Hinterland – alle sehnsüchtigst darauf wartend, dass eigenes Sekundärhaar möglichst schnell, möglichst dicht, möglichst überall spriessen möge.

An den pelzigen Burt muss ich jeweils denken, wenn ich zum x-ten Mal eine Studie lese über die neuesten männlichen Schönheitsideale, über die neuesten Ansprüche, Wünsche und Hoffnungen an die ästhetische Qualität des männlichen Geschlechts. Sie alle kennen diese Art Studien: Man findet sie schrecklich einfältig – aber liest sie dann trotzdem.

Doch zurück zum Thema: Können Sie sich vorstellen, dass ein Burt Reynolds, wäre er heute in seinen Dreissigern, sich die Achselhaare rasieren würde? Sich gar in einem Kosmetiksalon die Schamhaare sorgfältigst entfernen liesse?

Schwierig, in der Tat. Doch gut möglich, dass ihm heutzutage nichts anderes übrig bliebe, wenn er nicht als arbeitsloser Schauspieler enden möchte.

Jedenfalls legen diesen Schluss immer wieder neue Studien nahe, die sich der Sekundärbehaarung des Menschen annehmen. Bekannt ist ja: Frauen fügen sich seit langem schon freiwillig und grossmehrheitlich dem Ganzkörper-Rasurdikat – und dies in der Regel zum Entzücken des Mannes. Was aber insbesondere Burt-Reynolds-Typen beunruhigen wird: Dass Frauen nun zusehends diesselbe Komplettenthaarung vom Mann fordern, wenn er denn ihren gewandelten geschmacklichen Ansprüchen genügen soll.

So ist es offenbar bereits für knapp 20 Prozent der Frauen ein Must, dass sich der Mann intim rasiert – das ergab unlängst eine Umfrage des deutschen Lifestyle-Magazins «Neon». Und laut einer ähnlichen Studie des Gesundheitsportals Netdoktor.de wünschen 16 Prozent der Damen, dass sich Herren den Rücken enthaaren. 12 Prozent schliesslich stören Haare auf der männlichen Brust. Und gerade mal noch sechs Prozent der Frauen sagen schliesslich, Männer dürften ihre sekundäre Körperbehaarung überall ungehemmt spriessen lassen – wie das weiland Schnauzträger Burt Reynolds tat.

Was Wunder, hat der moderne Mann den Imperativ «Pelz weg!» verinnerlicht: Ein Drittel der Männer zwischen 18 und 30 Jahren setzt ihn gemäss Wikipedia-Zahlen ganzheitlich, in allen Regionen ihres Bodys um.

Ob glatt oder bepelzt: Ich mag hier gar nicht diskutieren, was richtiger, knackiger, allenfalls hygienischer ist. Am spannendsten ist, einmal mehr, die historische Perspektive: Damals, in den Siebzigern, opponierten bekanntlich die Feministinnen, die Schamhaarrasur bei den Frauen sei eine Unterwerfung unter ein männliches Schönheitsideal, eine «symbolische Kastration durch das Patriarchat», wie es auch zuweilen hiess. Ein starkes Wort, fürwahr.

Aber weshalb eigentlich, könnte man sich nun ja fragen, spricht angesichts des epilierten Mannes keiner von Selbstkastration?

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 45, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Dawn of the Dad

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 29. Februar 2012

Ein Papablog von Raphael Diethelm.

Hilfe, ein Kind! Gar grausig erschrockener Herr in George A. Romeros «Dawn of the Dead» von 1978.

Hilfe, ein Kind! Gar grausig erschrockener Herr in George A. Romeros «Dawn of the Dead» von 1978.

Alex Frei freut sich. Der Routinier des FC Basel hat sein Nachwuchstalent ausgespielt und wird Vater, was er prompt der Onlineausgabe der «Schweizer Illustrierten» steckte. «Ich freue mich riesig», präzisierte er ebenda exklusiv – was ihn von manch einem Mann in gleicher Position (abseits des Fussballplatzes, natürlich) unterscheidet.

Negative Reaktionen auf einen positiven Schwangerschaftstest gehören zum ersten Mal eines werdenden Vaters. Während sich die bessere Hälfte in erster Linie über die eigene körperliche Veränderung in den kommenden Monaten den Kopf zerbricht, blickt der Herr der gemeinsamen Schöpfung auf die Veränderungen nach der Geburt. Malt sich die Umstände nach dem Umstand aus, und das gerne schwarz.

«Durch Eheschliessung und Vaterschaft engen sich die Fluchtmöglichkeiten ein», schrieb der Psychoanalytiker Hans-Geert Metzger zur Angst der Väter. «Um neue Erfahrungen zulassen zu können, müssen (…) alte Sicherheiten aufgegeben werden.» Ein Kind bringe die innere Ordnung des Erwachsenen durcheinander, so Metzger weiter, und dieser «kommt in Situationen, in die er ohne ein Kind vermutlich kaum kommen würde».

Dabei denke ich weder an die Geburt noch an die Neupositionierung im Schlafzimmer, sondern etwa an die väterliche Standortbestimmung am Wickeltisch. Die immer gleichen Windeln wechseln, statt die Nase in den stets drehenden Wind der Freiheit halten? Unvorstellbar. Die innere Uhr von Freestyle auf geregelte Schlaf-, Still- und Spielzeit umstellen? Unmöglich. Das spontane Bier mit Freunden gegen den in Stein gemeisselten Frühschoppen mit dem Kind eintauschen. Der blanke Horror.

Was immer dem vor den Kopf gestossenen Mann durch ebendiesen geht, je weiter der noch gelebte Status quo von der gefürchteten Zukunft abweicht, desto nötiger hat er tröstende Worte: «Keine Angst, Junge, das Leben geht weiter», will er hören. Oder noch lieber (und im besten Fall wahrer): «Das Leben fängt erst richtig an.»

Die Vorteile einer Vaterschaft liegen im Vornherein nicht auf der Hand, sondern im Nachhinein auf dem Arm, auf dem Sofa oder auf der Krabbeldecke – vereint im eigenen Kind. Ein Kind öffnet einem Tür und Tor in das private Universum, das sich Familie nennt und eine Art Garage mit Tankstelle und eigener Rennstrecke ist. Mit dem Kind als Katalysator und Bremsassistent in einem. Den Anschluss an die Autobahn des Alltags kann man bei Bedarf selber bauen, es eilt nicht.

Ein Kind nimmt einem Entscheidungen ab (Nein, da hab ich schon was vor!) und gibt einem Antworten (Ja, du machst alles richtig so!), mit einem Blick, einem Griff, später mit Worten. Das gibt Selbstvertrauen und Superkräfte, Tag für Tag, «Wir sind Helden» wird mehr als der Name einer Band.

Klar, ein Kind hält einem einen Spiegel vor, bringt einen an Grenzen und nimmt Teile des väterlichen Denkens, Fühlens und Handelns derart in Beschlag, dass sich Mann fortan immer irgendwie ferngesteuert bewegt. Auch abseits der hauseigenen Rennstrecke. Aber das innere Durcheinander und die abgeschnittenen Fluchtwege des Psychoanalytikers – das tönt auch nach einer Menge Abenteuer, die ein Kind spielend zu bestehen hilft. Damit Mann als Vater auf die Welt kommt – und nie mehr zurück will.

Was meinen Sie: Welche Ängste werdender Väter sind berechtigt? Wie lassen sie sich überwinden? Und über welche Ängste kann der gewordene Vater nur noch lachen?

Raphael Diethelm

Raphael Diethelm (*1978) ist seit Mai 2011 Produzent bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. In seiner Freizeit beschäftigt er sich liebend gern mit Tochter (*2011), Sohn (*2010) und Gemahlin und, vorläufig nur am Rand, mit Musikinstrumenten.

Mann, wann wirst du endlich erwachsen?

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 11. Januar 2012

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

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Ein Kind beamt einen auf den Boden der Realität, meistens: Trekkies an einer Star Trek Convention.

Wenn ich einmal gross bin, werde ich Pilot. Vielleicht sogar Astronaut. Oder Gemeindeammann. Wie mein Papa. Ich werde zum Mond fliegen. Vielleicht sogar zum Mars. Ich werde fremde Welten entdecken wie Captain Kirk. Oder ein Dorf regieren und Kriege führen. Und immer gewinnen wie Asterix und Obelix. Ich werde eine Raketenkarre fahren wie Batman. Wenn ich einmal erwachsen bin, gehört mir die Welt.

Weihnachten. Ich sitze im Haus der Schwiegereltern auf der Toilette und blättere in Donald-Duck-Büchern. Ich hoffe sie haben die nicht für mich da hingelegt. Denn ich gehöre jetzt zu den Grossen. Nein, auf dem Mond war ich nicht. Und ich regiere auch kein Dorf. Unten warten Frau und Kind auf mich. Ich bin Familienvater. Und trotzdem gehört mir die Welt. Eine kleine zwar nur, aber ja, es stimmt, was alle sagen: Vater werden öffnet die Türe zu einem neuen Level. Endgegner vernichtet. Congratulations! You have reached Stage 2.

Ist das jetzt erwachsen? Wenn im Frühschoppen Folgemilch schäumt statt Spatenbier? Wenn der Kater ein Fell und dein Traumauto hinten plötzlich eine Schiebetüre hat? Wenn der Bonus in die dritte Säule fliesst statt in eine Runde Prairie Fire? Und du heimlich zum Hypothekenrechner der ZKB surfst statt zu Youporn?

Das Frauenzimmer nickt. Sie nennen es Reife. Der Wurm, der sich mit zwei Promille im Happybett krümmt, wandelt sich zum Schmetterling, der am Sonntagvormittag mit den Kleinen selbstgebaute Drachen steigen lässt. Es ist ein Wunder. Mann will es selber, kaum ist das Kind da. Ein natürlicher Wandel? Und vollzieht er sich komplett?

Kann Daddy Cool nicht auch mal bis um 3 Uhr in der «Zukunft» hängen bleiben? Das Sackgeld für Makavel-Andria-Chromfelgen und Momo-Leder verpulvern? Es jauchzt das Kind im Manne. Wer will schon die Hexe sein, die es dauernd bestraft?

Sicher gibt es Männer, die aber gar nie aus der Adoleszenz rauskommen. Problemkinder. Psychologen nennen sie «Child-Men» oder «Boy-Men». Sie wollen sich nicht festlegen oder fahren mehrgleisig. Halten sich alle Optionen offen. Sie werden verantwortlich gemacht, dass Frauen ab 30 kein Vatermaterial finden. Sie sind unreif, heisst es gern. Aber glücklich. Kaum wird aus dem One-Night-Stand ein Two-Week-Stand, hallt der Satz in ihren Köpfen nach: «Mann, wann wirst du endlich erwachsen?» Aber jetzt mal ehrlich: Gibt es nicht genau so viele «Child-Women» oder «Girl-Women»?

Ich gebe es zu. Ich war hinter dem Mond. Habe eine neue Welt entdeckt. Ich habe Kriege ausgefochten. Und einige gewonnen. Ich fahre eine Karre mit mehr PS und Türen als Batman (der VBZ sei dank). Manchmal bin ich der Schmetterling. Und manchmal steckt noch immer der Wurm drin.

Und was sind Sie?

2_rinaldo1Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

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