Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

Singende Internatsschüler im Film «Les Choristes».
Ich hatte es erfolgreich verdrängt. Und dann verloren die Bayern im Hinspiel 0:1 gegen Basel. Franck Ribéry verweigerte dem Trainer nach seiner Auswechslung den Handschlag. Uli Hoeness brüllte die Journalisten an: «Ihr und euer Scheiss-Handschlag. Sind wir denn hier im Mädchenpensionat?»
Da kam es wieder hoch. Nein, ich war nicht im Mädchenpensionat. Sondern in einem ganz normalen Internat. Sofern man ein (damals noch) von Kapuzinern geführtes Gymnasium so nennen kann. Und ja: In unserer Klasse gab es auch Mädchen. Doch die stanken. Wir waren zwölf. Sie wohnten in einem separaten Trakt. Ohne Spiegel. Nonnen dürfen sich selbst nicht ansehen. War bei den meisten besser so. Männliche Besuche wurden mit Schwanz abhacken, nein, aber immerhin mit Ultimatum geahndet: «Noch ein Mal und du bist raus!» Heile Welt klingt anders. Ich bezweifle, ob das Drillprogramm des FC Bayern da mithalten kann.
Morgenmesse um 06:00 Uhr. Altes Brot um 06:50 Uhr. Das frische räumten sie jeweils hinten ins Regal. Danach Lernsaal, jeder an seinem Klapp-Pult, der Aufseher sorgte für Mucksmäuschenstille. Ab 07:30 Uhr Unterricht. Bei Pater Ferdinand. Bei Bruder Klaus. Latein war Pflichtfach. Auferstehung der Toten. Zum Zmittag gab es mit Tomatensuppe verdünnte Ravioli aus der Büchse. Das Essen wurde vom Keller per Esslift in die Mensa gebeamt. Es folgten Mittagsstudium und Unterricht, Fleischkäse mit Spiegelei, Abendstudium, Lichterlöschen um 21:30 Uhr.
Darf man einem Kind so etwas antun? Es in eine Klosterschule stecken? Oder noch besser in ein britisches College. Wo es für 30′000 Franken im Jahr eine international anerkannte Matura, geschliffenes Oxford-Englisch und astreine Umgangsformen erhält. Und am Ende doch mit einem Ägypter durchbrennt. Wie Diana Spencer. Sie war auf dem Riddlesworth-Halls-Internat. Was bringt Eltern dazu, ihre Kinder ins Internat zu schicken? Wollen sie ihnen die bestmögliche Ausbildung ermöglichen? Oder sie mit all ihren Problemen einfach abschieben?
Und wenn das Kind es selbst will? So wie ich. Mit zwölf wollte ich weg. Weg von allem. Raus aus dem Dorf, wo mich jeder kannte. Ich war ein bunter Hund, mein Vater regierte als Bürgermeister. Die Besichtigung war genial. Internate von innen sehen ja heute nicht mehr aus wie bei Jane Eyre oder Neil Perry in «Der Club der toten Dichter». Ich sah Dreierzimmer. Ich sah vier Commodore 64 in einem Computerraum. Ich zählte die Tage bis zum Einrücken.
18 Monate später rief ich aus einer verlassenen Telefonzelle im Nirgendwo meine Mama an. Im Internat musste man Anrufe an der Rezeption anmelden und wartete zum abgemachten Zeitpunkt im Nebenzimmer, bis es klingelt. Es hatte sich einiges auf meinem Kerbholz angesammelt. Und ich hatte Heimweh. Diese unheimliche Stille in den langen, kalten Gängen, die Einsamkeit in den Stunden, die sie Freizeit nannten – schrecklich.
Zurück in der Kaffschule merkte ich erst, wie viel ich gelernt hatte. In Geografie, Geschichte, Grammatik und vor allem in diszipliniertem Denken. Vieles empfand ich, natürlich erst im Nachhinein, als Bereicherung. Mit Kameraden Klassenzimmer und Schlafzimmer zu teilen. Eine echte Lebensschule. Jahre später im obligatorischen Mädchenpensionat namens Rekrutenschule – das Flashback. Aber da wusste ich bereits, wie Mann das Leben fern der Heimat meistert: mit viel Selbstvertrauen, noch mehr Bier, mit dem einen oder anderen Scheiss-Handschlag und einem Hafen, der sich Zuhause nennt.
Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.





Gabriela Braun ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp», freie Journalistin und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Erlenbach ZH.
*Dr. phil. Ruth Etienne Klemm ist Schulpsychologin und Mitglied des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Zürich.
Beat W. Zemp ist Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. (LHC)
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub. 

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