Leben


Archiv für die Kategorie „Scheidungsspezial“

«Die Kinder verletzt es noch viel mehr»

Mamablog-Redaktion am Freitag den 1. April 2011
Shawne Fielding bei einem TV-Auftritt.

«Wenn ich höre, dass sich in der Schweiz viele Männer in einer ähnlichen Situation befinden wie ich, kann ich verstehen, dass sie das sehr wütend macht»: Shawne Fielding bei einem TV-Auftritt.

Im Februar vergangenen Jahres trennte sich das Schweizer Glamour-Paar Shawne Fielding und Thomas Borer. In der Folge musste Fielding aus der gemeinsamen Villa in Thalwil ausziehen, die Obhut über ihren Sohn (7) und die Tochter (3) wurde nicht ihr, sondern dem Vater zugesprochen ein auch für die Schweiz aussergewöhnlicher Fall. Shawne Fielding erzählt exklusiv für den Mamablog von ihrem Leben nach der Trennung.

«Ich war eine Vollzeitmutter, die Kinder waren mein Leben. Und plötzlich wurde mir mitgeteilt, dass ich als Frau und Mutter nicht mehr gefragt bin. Das war ein totaler Schock, ein Horror. Ich könnte so etwas verstehen, wenn ich eine Prostituierte wäre oder alkohol- oder drogensüchtig. Mir ist nicht erlaubt, meine Kinder zu sehen, ausser zu den vom Gericht festgelegten Zeiten. Schlimm ist auch, dass die Kinder noch zu klein sind, um zu begreifen, was passiert. Ich finde, auch wenn man als Partner nicht mehr miteinander auskommt, sollte man versuchen, dies von der Beziehung zu den Kindern zu trennen. Alles andere ist traurig, vor allem für die Kinder.

Natürlich schmerzt es mich als Mutter, von meinen Kindern getrennt zu sein, aber die Kinder verletzt es noch viel mehr. Es ist schrecklich. Die Kinder sind jeweils mittwochs und jedes zweite Wochenende bei mir. An dem Tag bringe ich sie zur Schule, am Nachmittag hat meine Tochter Schwimmkurs, dann gehen wir nach Hause, wir essen zu Abend, pflegen unsere kleinen Rituale: vorlesen, Zähne putzen, ein Bad nehmen, ins Bett gehen. Ich versuche unsere Tage so normal wie möglich zu gestalten. Am nächsten Morgen bringe ich sie zur Schule und dann bleibe ich da meistens und helfe aus, wo Bedarf besteht. Anfangs war der Abschied immer sehr emotional, wir mussten uns mit dieser Situation alle erst zurechtfinden. Für mich ist es noch immer jeden Tag sehr schwierig. Ich versuche stark zu sein und bin dankbar für die Unterstützung meiner Freunde und meiner Familie – Gott sei Dank gibt es Facebook.

Die Tochter ist noch zu klein, aber der Sohn versteht, was abgeht. Er macht eine schwierige Zeit durch und geht in eine Therapie. Er wird jetzt beim Vater von zwei verschiedenen Nannys betreut und kann nicht begreifen, warum er nicht bei seiner Mutter sein kann. Kinder brauchen die emotionale Unterstützung von beiden Eltern. Deshalb sage ich auch nie etwas Schlechtes über ihren Vater, weil ich sie nicht zwischen die Fronten manövrieren will. Als ich noch mit meinem Mann zusammenwohnte, ergab sich eine Situation, in der er den Kindern eine andere Frau vorstellte und plötzlich ging es um die Frage, wen sie mehr lieben, ihre Mutter oder sie. Das war wohl die schlimmste Situation, in der ich mich je befunden habe. Aber ich entdeckte auch, dass ich stark genug bin, so etwas durchzustehen. Weil ich meinem Sohn den Loyalitätskonflikt ersparen wollte, sagte ich zu ihm: Hör zu, was auch immer du sagen oder tun wirst, ich werde dich immer lieben. Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, aber die Trennung hat mich meinen Kindern noch näher gebracht. Sie brauchen mich und ich muss ihnen ein Vorbild sein.

Sie müssen lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden, müssen lernen, was richtig und was falsch ist und das kann man ihnen nur beibringen, indem man es vorlebt. Ich habe dem Sohn dann ein Handy gekauft, so dass er immer eine Verbindung zu mir herstellen kann, das hilft ein bisschen. Aber meine Kinder werden heranwachsen, sie werden die Situation reflektieren können, sie werden für sich entscheiden, was richtig und was falsch gelaufen und was überhaupt passiert ist. Ich konzentriere mich einfach auf die Zukunft und hoffe, dass alles okay sein wird.

Ich glaube nicht, dass ich Fehler gemacht habe, ich habe es nicht kommen sehen. Ich denke, dass mir so etwas in den Staaten nicht hätte passieren können. Ich befinde mich in dieser Situation, weil ich das Schweizer Rechtssystem nicht kannte. Und je mehr Zeit verstreicht, desto schlechter stehen die Chancen, dass sich die Situation noch verändern lässt. Und es scheint auch niemanden zu kümmern. Wenn ich höre, dass sich in der Schweiz viele Männer in einer ähnlichen Situation befinden wie ich, kann ich verstehen, dass sie das sehr wütend macht. Ich halte mich fest am Gedanken: Was auch immer passiert, niemand wird mir die Liebe meiner Kinder wegnehmen können. Wir sind gesund und haben einander. Daran halte ich mich fest.»

Aufgezeichnet von Michèle Binswanger

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Rund 20′000 Scheidungen werden in der Schweiz pro Jahr ausgesprochen, Mütter Väter und Kinder müssen sich auf ein neues Leben ausrichten. Die Scheidung ist womöglich zum verlustreichsten Feld des Geschlechterkampfes geworden und mit dem Streit um das obligatorische gemeinsame Sorgerecht ist das Thema aktueller denn je. Der Mamablog widmet der Scheidung eine Themen-Woche. Am Montag konnten Sie als Einstieg den Beitrag von Ralph Pöhner «Scheidung gleich Befreiung?» lesen. Am Dienstag präsentierten wir Jeanette Kusters Interview mit einem Scheidungsanwalt. Am Mittwoch erzählten Scheidungskinder von ihrem Schicksal. Und gestern lasen Sie Michèle Binswangers Gespräch mit dem Paartherapeuten Jürg Willi.

«Respekt und Liebe sind das Wichtigste»

Michèle Binswanger am Donnerstag den 31. März 2011
MAMABLOG-VIRGINIA-WOLF

«Entscheidend ist die Frage, ob ein Paar realistische Erwartungen hat und tragfähige Entscheide treffen kann»: Richard Burton und Elizabeth Taylor in «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» (1966).

Herr Willi, weshalb werden heute so viele Ehen geschieden?
Es ist juristisch und gesellschaftlich viel einfacher geworden, sich scheiden zu lassen. Man kann heute selbstständiger entscheiden, ob man das Zusammenleben wagen will oder nicht.

Ist es auch emotional einfacher geworden?
Das nicht. Aber die Frauen sind heute privilegiert in der Frage, wer bei einer Scheidung die Kinder bekommt. Emotional sind Männer genau so auf Ehe und Familie ausgerichtet wie Frauen. Und sie leiden mindestens so sehr unter einer Trennung, auch wenn sie es anders verarbeiten und oft schneller wieder eine Beziehung eingehen. Das hat auch damit zu tun, dass sie sich oft nicht selber genügen, auf einen weiblichen Gegenpart angewiesen sind. Frauen dagegen haben oft einen grösseren Bekannten- und Freundeskreis und bekommen das Scheidungsprozedere besser in den Griff.

Sind die Ehen heute instabiler, weil man ständig über Aufgabenteilung diskutieren muss?
Nicht unbedingt. Dass wir das aushandeln können, ist ein gesellschaftlicher Gewinn. Es gibt keine richtigen oder falschen Modelle, es kommt immer darauf an, für wen. Entscheidend ist die Frage, ob ein Paar realistische Erwartungen hat und tragfähige Entscheide treffen kann.

jurgwilli Jürg Willi ist Paartherapeut und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie, war von 1989 bis 1999 Direktor der Psychiatrischen Poliklinik des Universitätsspitals Zürich. Heute leitet er das Institut für ökologisch-systemische Therapie. Er hat zahlreiche Bücher über die Psychologie der Paarbeziehung geschrieben.

An welchen Fragen scheitern Beziehungen?
Sehr wichtig ist Gleichwertigkeit. Niemand möchte benachteiligt sein. Da gibt es zum Beispiel Rivalitäten, wenn beide eine Karriere verfolgen. Oder es kommt bei geteilten Aufgaben wie beispielsweise der Haushaltsführung zu Konflikten, weil beide unterschiedliche Vorstellung haben, wie man es macht. Dann gibt es viel persönlichere Bereiche, zum Beispiel die Sexualität. Die ist sehr wichtig, wenn auch nicht der wichtigste Faktor.

Welches ist denn der wichtigste Faktor?
Für mein Buch «Psychologie der Liebe» habe ich eine repräsentative Befragung von Paaren vorgenommen. Als wichtigster Faktor für eine Beziehung wurde da die Liebe genannt. Wenn keine Liebe mehr vorhanden ist, geht es auseinander.

Was passiert mit einer Paarbeziehung, wenn Kinder kommen?
Das ist ein tiefer Einschnitt. Es gibt Eifersucht, weil sie sich plötzlich nur noch fürs Kind interessiert, er fühlt sich vernachlässigt. Aber Kinder sind auch eine starke Bereicherung für eine Beziehung, geben ihr einen tieferen Sinn. Es geht darum, dass nicht der eine das Kind als Besitz betrachtet. Viele Männer machen heute aktiv mit bei der Kindererziehung. Das machen sie auch im Bewusstsein, dass sie bei einer Scheidung so bessere Chancen auf ein Sorgerecht haben.

Ist der Mensch für die Zweierbeziehung gemacht?
Sie ist sicher ein Erfolgsmodell. Auch die Ehe übrigens, die ja oft schon tot gesagt wurde. Es ist sogar eine gewisse Renaissance zu beobachten. In der Gestaltung des Zusammenlebens mag sich viel verändert haben, aber in der Frage «Paar, ja oder nein?» ist man sehr konservativ geblieben.

Wie wichtig ist Treue?
Sehr wichtig. Viele probieren es mit offenen Beziehungen, aber es funktioniert selten. Warum das so ist, weiss ich auch nicht.

Wie wichtig ist Offenheit?
Was man sagt, sollte natürlich wahr sein, aber man muss die Freiheit haben zu sagen: Ich will mich dazu nicht äussern.

Wie wichtig ist die Sexualität?
Ein wichtiger, aber nicht der wichtigste Faktor. Wichtiger sind Liebe, Kommunikationsfähigkeit, Ehrlichkeit.

Gibt es da grosse Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Die Frauen haben sicher aufgeholt und haben auch deutlichere sexuelle Ansprüche. Das schüchtert die Männer zum Teil ein.

Wie zeigt sich das?
Zum Beispiel in sexuellen Störungen.

Was funktioniert eher: Gegensätze ziehen sich an oder gleich und gleich gesellt sich gern?
Gegensätze des Gleichen ziehen sich an.Völlige Gegensätzlichkeit ist nicht gut. Es braucht einen gemeinsamen Nenner, aber es braucht auch eine gewisse Spannung in der Beziehung.

Viele Kommentatoren im Mamablog werfen den Schweizer Frauen vor, sie seien zu emanzipiert, um noch Beziehungen führen zu können.
Bei Schweizer Frauen ist es eben schwieriger, den Macho rauszuhängen.

Funktioniert eine Beziehung mit einem Machtgefälle besser?
Machotum ist in unserer Gesellschaft nach wie vor weit verbreitet, weltweit übrigens, in vielen Kulturen – aus denen manche Migranten stammen – wird erwartet, dass der Mann die Hosen anhat. Und es gibt auch viele Frauen, die das von einem Mann erwarten. Ich glaube aber, die Idealvorstellung einer Beziehung hat mit Respekt zu tun, der Fähigkeit auf den andern einzugehen.

Und wenn der sich notorisch nicht respektiert fühlt?
Dann führt man eine Auseinandersetzung. Respekt ist ein gutes Beispiel. Vielleicht sagt sie: Das ist jetzt wieder typisch, du hast mich auf der Dinnerparty blöd aussehen lassen. Sie fühlt sich gekränkt, es kommt zum Streit.

Vielleicht ist sie ja tatsächlich etwas empfindlich.
Dann muss sie lernen zu sagen: Ja, ich bin empfindlich.

Wie bleibt eine Beziehung über Jahre lebendig?
Beziehung ist ein Wachstumsprozess. Anfangs macht man vielleicht viele Fehler, aber man sollte lernfähig sein, um das zu verbessern. Dazu gehören Auseinandersetzungen. Sie halten die Beziehung lebendig.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Rund 20′000 Scheidungen werden in der Schweiz pro Jahr ausgesprochen, Mütter Väter und Kinder müssen sich auf ein neues Leben ausrichten. Die Scheidung ist womöglich zum verlustreichsten Feld des Geschlechterkampfes geworden und mit dem Streit um das obligatorische gemeinsame Sorgerecht ist das Thema aktueller denn je. Der Mamablog widmet der Scheidung eine Themen-Woche. Am Montag konnten Sie als Einstieg den Beitrag von Ralph Pöhner «Scheidung gleich Befreiung?» lesen. Am Dienstag präsentierten wir Jeanette Kusters Interview mit einem Scheidungsanwalt. Am Mittwoch erzählten Scheidungskinder von ihrem Schicksal. Und morgen erzählt Shawne Fielding den Mamablog-Leserinnen und –Lesern über das Leben nach der Trennung.

Scheidungskinder erzählen

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 30. März 2011
Wie sagen wirs den Kindern? Szenebild aus dem Film «The Squid and the Whale»

Wie sagen wirs den Kindern? Szenebild aus dem Film «The Squid and the Whale»

Paul, 36:
Ich war vierzehn Jahre alt, als das mit der Trennung losging. Meine Mutter hatte einen Freund, mein Vater wusste zwar bereits davon, aber wir Kinder waren noch nicht in ihre Probleme eingeweiht. Eines Abends suchte ich nach einem leeren Buch für eine Schularbeit und stiess dabei zufällig auf Notizen meiner Mutter, in der sie eine leidenschaftliche Liebesnacht mit ihrem Freund beschreibt. Ich war sehr schockiert und zog mich in den Garten zurück, um zu weinen. Meine Eltern waren an diesem Abend zufälligerweise in einer Paartherapie wegen der ganzen Sache gewesen und als sie mich so im Garten fanden, erzählten sie mir und meiner Schwester, was los war.

Meine Eltern versuchten dann noch zwei, drei Jahre trotzdem weiterzumachen. Vor allem mein Vater wollte die Familie nicht aufgeben, ich glaube, ohne Kinder wäre alles viel einfacher gewesen. Es gab viele Gespräche, die Eltern versuchten uns zu vermitteln, was passiert ist, so dass wir verstehen können. Für uns war es aber der absolute Horror. In dieser Zeit begann bei mir auch das Ausflippen, Saufen, Rebellieren. Das hätte ich zwar vielleicht ohnehin gemacht, aber ich fühlte mich für die ganze Sache verantwortlich. Ich fragte mich immer: Haben wir Kinder etwas falsch gemacht? Hätten wir etwas anders machen können?

Irgendwann zog mein Vater aus, wir Kinder blieben bei der Mutter. Es ging beiden Eltern sehr schlecht. Wir gingen sporadisch zum Vater essen, aber als Kind ist man da immer in so einer Mühle drin. Zu Beginn machte ich meine Mutter für das alles verantwortlich, aber mit der Zeit begriff ich, dass es immer zwei braucht, dass es zu einer Scheidung kommt. Heute habe ich ein relativ liberales Verständnis von Familie. Ich glaube nicht, dass man ums Verrecken an der Familie festhalten sollen, wenn sie nicht tragfähig ist. Dann trennt man sich lieber. Heute habe ich zu Vater und Mutter ein sehr gutes Verhältnis. Die Scheidung ist kein Thema mehr.

Mama versucht den Kleinen zu trösten.

Mama versucht den Kleinen zu trösten.

Jonas, 8
Ich war vier, als meine Eltern sich trennten. Die einzige Erinnerung, die ich an unser Zusammenleben hatte, ist ein Streit. Es gab einen langen Flur, der zur Küche führte und ich weiss noch, wie ich um die Ecke schaute. Sie standen in der Küche und schrien sich an. Ich fand das nicht so toll und habe mich still und leise zurückgezogen. Jetzt habe ich zwei Zuhause. Mein Vater hat eine neue Familie, zwei neue Kinder. Meine Mutter ist alleine. Ich verbringe immer jeweils die halbe Woche beim Vater und die andere Hälfte bei der Mutter. Ich bin an beiden Orten gern, nur der Wechsel ist manchmal schwierig. Also eigentlich nur der Wechsel, wenn ich vorher beim Vater war und dann zur Mutter komme. Bei der Familie meines Vaters ist immer etwas los, das Baby schreit, weil die Schwester es gehauen hat. Oder wir gehen in den Wald und veranstalten Rambazamba. Wenn ich dann zur Mutter komme, dann habe ich nicht die richtigen Manieren und sie wird wütend. Also, eigentlich wird sie nicht wütend, sie macht mich nur darauf aufmerksam und das macht mich dann wütend. Dann schliesse ich mich manchmal im Zimmer ein. Ich hätte es lieber, wenn meine Eltern noch zusammen wären, viel lieber, ausser wenn es Streit gibt. Aber das ist jetzt natürlich schwierig wegen der neuen Frau meines Vaters. Inzwischen kommen meine Eltern eigentlich gut aus, nur manchmal am Telefon werden sie hässig. Aber meistens geht das dann wieder weg.

Wenn Mutter und Vater nur noch streiten.

Wenn Mutter und Vater nur noch streiten.

Larissa, 16
Ich war noch sehr klein, als meine Eltern sich trennten. Ich kann mich nicht mehr an allzu viel erinnern aus dieser Zeit. Ich war damals ihr einziges Kind. Ich kann mich noch an Ausflüge zusammen erinnern, das war schön. Zu Hause gab es immer Streit, es wurde oft geschrien. Sie trennten sich, als ich in den Kindergarten kam. Ich lebte bei meiner Mutter. Ich ging sehr ungern in den Kindsgi, hatte immer Bauchschmerzen, meine Mama massierte mir dann den Bauch, aber in den Kindsgi gehen musste ich trotzdem. Ich hatte dort immerhin eine gute Freundin. Anfangs kam mein Vater in die Wohnung, in der ich mit der Mutter lebte, um mich zu hüten. Später holte er mich ab und wir unternahmen etwas zusammen. Ich mochte diese Ausflüge nicht, weil er sich nicht um meine Bedürfnisse kümmerte, sondern mich einfach mitnahm und sein eigenes Programm verfolgte. Einige Male stand zur Diskussion, mich zu sich zu nehmen, so dass ich bei ihm gewohnt hätte, aber das wollte ich nie. Die Vorstellung, dass meine Eltern immer noch zusammen wären und ich ihr einziges Kind, finde ich schrecklich. Mir gefällt es besser jetzt in meiner Familie mit meinen Halb-Geschwistern. Mein Vater hat auch eine neue Familie. So auf die Distanz kommen wir eigentlich ganz gut aus.

Aufgezeichnet von Michèle Binswanger

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Rund 20′000 Scheidungen werden in der Schweiz pro Jahr ausgesprochen, Mütter Väter und Kinder müssen sich auf ein neues Leben ausrichten. Die Scheidung ist womöglich zum verlustreichsten Feld des Geschlechterkampfes geworden und mit dem Streit um das obligatorische gemeinsame Sorgerecht ist das Thema aktueller denn je. Der Mamablog widmet der Scheidung eine Themen-Woche. Am Montag konnten Sie als Einstieg den Beitrag von Ralph Pöhner «Scheidung gleich Befreiung?» lesen. Am Dienstag lasen Sie Jeanette Kusters Interview mit einem Scheidungsanwalt. Morgen folgt das Gespräch mit dem Paartherapeuten Willy Angst und zum Abschluss berichtet Shawne Fielding den Mamablog-Leserinnen und –Lesern über das Leben nach der Trennung.

«Viele Mütter hetzen den Nachwuchs gegen den Vater auf»

Jeanette Kuster am Dienstag den 29. März 2011
MAMABLOG-SCHEIDUNG

«Zudem kann die Frau immer noch jederzeit mit den Kindern auswandern, gemeinsame Sorge hin oder her, da kann der Mann überhaupt nichts machen»: Familienkrach.

Roger Groner, Sie bieten einen Online-Scheidungsservice an: Ein Klick und die Ehe ist Geschichte. Wird dieses Angebot oft genutzt?
Ja, vor allem wenn sich die Parteien grösstenteils einig sind und nur noch den Vorschlag eines Anwalts benötigen.

Es gibt sie also tatsächlich, die Scheidung ohne Kampf?
Solange die beiden Ehepartner finanziell gleich stark sind und keine Kinder haben durchaus. Verdient der Mann hingegen besonders viel Geld oder sind die Finanzen knapp, gibt es Streit.

Oft sogar heftig.
Nun ja, meine Erfahrung zeigt: Können Mann und Frau beim ersten Termin nicht vernünftig miteinander diskutieren, macht ein zweites Treffen gar keinen Sinn mehr, dann gibt es sowieso Krach. Und sobald sich jeder einen eigenen Anwalt nimmt, kann man eine Einigung vergessen.

Scheidungsanwalt Roger Groner

Dr. iur. Roger Groner, spezialisiert auf Scheidungs- und Wirtschaftsrecht.

Willigt nur ein Ehepartner in die Scheidung ein, wird diese erst nach einer zweijährigen Trennungsphase rechtskräftig. Wieso klammert sich jemand so an eine kaputte Ehe?
In erster Linie aus finanziellen Gründen: Hat die Ehe zum Beispiel nur zwei, drei Jahre gehalten und sind keine Kinder daraus hervorgegangen, so bekommt die Frau nach der Scheidung keine Unterhaltszahlung. Während der Trennungsphase hingegen muss der Mann sie finanziell unterstützen. Ausserdem steigt auch das Vermögen in der Pensionskasse, das nach der Scheidung aufgeteilt wird, weitere zwei Jahre lang an. Die Frau profitiert in dem Fall also gleich doppelt, wenn sie die zwei Jahre verstreichen lässt.

Sind Kinder vorhanden, ist das Sorgerecht neben den Finanzen einer der Hauptstreitpunkte. Heute sind die Frauen klar bevorteilt, wird das gemeinsame Sorgerecht doch nur mit ihrer Zustimmung erteilt.
Deshalb nutzen sie die Kinder sehr häufig als Druckmittel. Viele Mütter hetzen den Nachwuchs regelrecht gegen den Vater auf. Gerade letzte Woche habe ich so etwas erlebt, da ging der Ehemann nochmals zuhause vorbei, um seine Vitamintabletten zu holen, und der Sohn sagte zu ihm: «Du nimmst uns sogar unsere Tabletten weg!» Es wird Stimmung gemacht gegen den Vater, bis dieser nachgibt und am Ende mehr bezahlt.

Die Frau beantragt das alleinige Sorgerecht also nur, um dem Ex eins auszuwischen?
Natürlich nicht in jedem Fall. Oft sagen sich die Frauen auch: Weshalb soll ich mir das aufhalsen, dass ich jede Entscheidung erst mit dem Ex-Mann besprechen muss? Die wollen einfach einen klaren Cut und sich künftigen Ärger ersparen.

In Zukunft soll die gemeinsame elterliche Sorge zur Regel werden. Was halten Sie davon?
Das gemeinsame Sorgerecht wird überschätzt. Es tönt gut auf dem Papier, viel bringen wird es nicht.

Warum?
Was passiert, wenn sich die Parteien nicht einigen können? Dann bestimmt trotzdem die Mutter, weil die Kinder bei ihr wohnen. Zudem kann die Frau immer noch jederzeit mit den Kindern auswandern, gemeinsame Sorge hin oder her, da kann der Mann überhaupt nichts machen.

Wie müsste das Gesetz angepasst werden, damit die Väter tatsächlich gleichberechtigt mitreden können?
Man müsste einzelne Punkte spezifizieren. So könnte man etwa vorschreiben, dass der Vater seine Zustimmung geben muss, bevor die Kinder das Land verlassen dürfen. Oder dass die Schule auch gegenüber dem Vater eine Informationspflicht hat.

Benachteiligt, ja gar ausgenommen fühlen sich viele Scheidungsväter auch beim Thema Unterhaltszahlungen. Können Sie das nachvollziehen?
Ja, durchaus. Nehmen wir folgendes Beispiel: Ein Paar hat zum Zeitpunkt der Trennung zwei kleine Kinder, die Frau arbeitet zehn Prozent. Laut Gesetz muss die Frau ihr Pensum auf 50 Prozent erhöhen, sobald das kleinere Kind zehn Jahre alt ist. Erst nach seinem 16. Geburtstag hat sie wieder ein Vollzeitpensum anzunehmen. Das heisst, der Mann muss ewig lange Unterhalt zahlen. Und dies nicht zu knapp: Verdient ein Mann 8000 Franken pro Monat, so darf er ungefähr 3500 Franken für sich behalten, den Rest muss er an die Familie abgeben.

Sie halten also auch diese Regelung für männerfeindlich?
Der Mann bezahlt meiner Meinung nach nicht zu viel, aber zu lange. Die Frau könnte problemlos 50 Prozent arbeiten, sobald die Kinder sieben, acht Jahre alt sind. Sind sie 13 Jahre alt, könnte sie das Pensum auf 100 Prozent erhöhen. In der heutigen Zeit ist das machbar.

Glauben Sie selber eigentlich noch an die Institution Ehe?
Nein, ich würde niemals heiraten! Wenn man Tag für Tag mit all diesen schlechten Beispielen konfrontiert ist…nein danke.

Und heiratswilligen Bekannten raten Sie zu einem Ehevertrag?
Wenn die Heirat denn unbedingt sein muss, ist so ein Vertrag sicher nicht schlecht. Wobei man nur das Güterrecht vertraglich regeln kann, Unterhalt und Sorgerecht nicht. Es gibt also noch mehr als genug Gründe, sich bei einer Scheidung trotzdem in die Haare zu geraten.

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Rund 20′000 Scheidungen werden in der Schweiz pro Jahr ausgesprochen, Mütter Väter und Kinder müssen sich auf ein neues Leben ausrichten. Die Scheidung ist womöglich zum verlustreichsten Feld des Geschlechterkampfes geworden und mit dem Streit um das obligatorische gemeinsame Sorgerecht ist das Thema aktueller denn je. Der Mamablog widmet der Scheidung eine Themen-Woche. Gestern konnten Sie als Einstieg den Beitrag von Ralph Pöhner «Scheidung gleich Befreiung?» lesen. Am Mittwoch präsentieren wir der Beitrag eines sogenannten Scheidungskindes, am Donnerstag das Gespräch mit dem Paartherapeuten Jürg Williund zum Abschluss berichtet Shawne Fielding den Mamablog-Leserinnen und –Lesern über das Leben nach der Trennung.

Scheidung gleich Befreiung?

Mamablog-Redaktion am Sonntag den 27. März 2011

MAMABLOG-SCHEIDUNG

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende? Rund 20′000 Scheidungen werden in der Schweiz pro Jahr ausgesprochen, Mütter Väter und Kinder müssen sich auf ein neues Leben ausrichten. Die Scheidung ist womöglich zum verlustreichsten Feld des Geschlechterkampfes geworden und mit dem Streit um das obligatorische gemeinsame Sorgerecht ist das Thema aktueller denn je.

Der Mamablog widmet der Scheidung eine Themen-Woche. Lesen Sie als Einstieg den Beitrag von Ralph Pöhner «Scheidung gleich Befreiung?». Es folgen am Dienstag das Interview mit einem Scheidungsanwalt, am Mittwoch der Beitrag eines sogenannten Scheidungskindes, am Donnerstag das Gespräch mit dem Paartherapeuten Willy Angst und zum Abschluss berichtet Shawne Fielding den Mamablog-Leserinnen und –Lesern über das Leben nach der Trennung.

Von Ralph Pöhner
Es tobt wieder mal ein Kampf um die Gleichberechtigung im Land: Scheidungsväter gegen Scheidungsmütter, so das Setting. Und die Kernfrage dabei lautet: Wer wird stärker benachteiligt? Die Idee von Justizministerin Simonetta Sommaruga, das längst angedachte Gesetz über die gemeinsame Sorge nach Scheidungen nochmals zurückzuziehen, heizte im Januar den Streit frisch an. Für besorgte Väter bedeutet die von Sommaruga geplante «Neuregelung der Unterhaltszahlung» schlicht und einfach, dass Männer bald noch stärker zur Alimentenzahlung verknurrt werden – auch bis unters Existenzminimum.

Das zeigt, wie sehr die Scheidung zu einem der wichtigsten Felder des Geschlechterkampfs geworden ist, in einem Atemzug zu nennen mit Lohngleichheit, Quoten, Teilzeit-Möglichkeiten. Und das Thema hat auch einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert. Ob im TV, in Magazinen, im Kino, das traurige Ende der Liebe mausert sich zum Entertainment-Genre, sodass bereits von einer eigentlichen Scheidungs-Pornografie die Rede ist. Kein Wunder: Die Scheidungsrate liegt auch in der in der Schweiz derzeit bei 48 Prozent, es wimmelt also von Betroffenen; eine Scheidung provoziert fast zwangsläufig Frau-Mann-Zwistigkeiten; und auf der anderen Seite führen moderne Familienmodelle dazu, dass das bisher gängige Trennungs-Verfahren (Ex-Frau schaut zum Kind, Ex-Mann bezahlt Alimente) neu ausgehandelt werden muss.

Wie unsere Gesellschaft mit der Scheidung umgeht, dürfte noch verstärkt zu einer politischen Grundsatzfrage werden.

Im angelsächsischen Raum ist schon länger spürbar, dass die Feminismus-Debatte vermehrt anhand des «divorce issue» geführt wird. Soeben veröffentlichten in den USA denn auch zwei führende Vertreterinnen der konservativen Frauenbewegung ein Buch, in dem sie die Scheidung zu einem Hauptproblem erklären: «The Flipside of Feminism», so der Titel, «Die Kehrseite des Feminismus». Untertitel: «Was konservative Frauen wissen, aber Männer nicht aussprechen können».

Die Streitschrift stammt von Phyllis Schlafly (bekannt als «Mutter der konservativen Frauenbewegung») und Suzanne Venker, einer Publizistin, die sich durch Streitschriften gegen Karrierefrauen einen eigenen Namen machte. Ihre These: Der Feminismus hat die Scheidung überschätzt, überbewertet, übertrieben. «Wenn es etwas gibt, was die Feministinnen lieben, dann ist es die Scheidung», so formulierte es Phyllis Schlafly in einem Interview zur Lancierung des Buches. «Sie denken, die Scheidung sei befreiend.»

Denn in der Scheidung fokussiere sich alles, was der klassische Feminismus angestrebt habe: Befreiung vom Haus, vom Mann, von der Kindererziehung, von der Hausfrauenrolle. Es sei bezeichnend, so Schlafly, dass die stetige Erleichterung der Scheidung zu den vordringlichsten politischen Zielen der Frauenbewegung gehört habe.

Problematisch sei dabei nur schon die Idee, dass man zur Hochzeit geht mit dem Hintergedanken: «Zur Not können wir uns immer noch scheiden lassen.» So formulierte es Suzanne Venker in der «Huffington Post». Und fatal sei es, dass wir alle – eben wegen der leichten Scheidung – dazu erzogen werden, Versprechen ganz locker brechen zu können.

Was hat das mit Simonetta Sommaruga zu tun? Nun, man kann solche Ideen abtun als das, was sie sind: Ideen. Und als aktueller Ausdruck eines grösseren Streits. Schliesslich läuft in den USA derzeit eine ernsthafte Debatte darum, wer denn jetzt die wahren Feministinnen sind – warum nicht auch Frauen wie Sarah Palin? Die neuen Konservativen, die den Begriff Feminismus plötzlich für sich beanspruchen, unterscheiden sich in der eigenen Einschätzung nur in einem kleinen, aber entscheidenden Detail: Während die anderen (sprich: linken) Feministinnen die Frau als Opfer und als Unterdrückte betrachten, sind für die Konservativen heute schon alle Bedingungen gegeben, um als Frau glücklich und erfolgreich zu werden.

Es ist ein Links-Rechts-Streit, welcher der Schweiz wohl erst noch bevorsteht. Bemerkenswert sind aber die konkreten Folgen, die sich aus dem neuen alten Weltbild ableiten. Die Scheidung, so Schlafly und Venker, müsse wieder erschwert werden. Und vor allem sollte der Faktor der Schuld wieder in die Scheidungsprozesse eingeführt werden – Ideen, die auch in der Schweiz bereits wieder ganz, ganz sachte angeschnitten werden.

Besonders aktuell ist freilich eine weitere Forderung der Damen von rechts – sie führt direkt zurück zum Streit in Bundesbern: Das gemeinsame Sorgerecht, so Schlafly und Venker, müsse künftig bei einer Trennung die gesetzlich automatische Lösung im Umgang mit den Kindern sein. Denn dies erschwere es der treibenden Partei, «einfach aus allen ehelichen Verpflichtungen davonzulaufen, die Kinder zu nehmen und das Einkommen des Ehepartners gleich mit». Wobei Phyllis Schlafly klarmachte, wer zu diesem Benehmen neigt – «normalerweise die Frau».

Das gemeinsame Sorgerecht als Mittel, um die Frauen von der Scheidung abzuhalten? Die Debatte, welche Simonetta Sommaruga angestossen hat, bekommt da noch eine ganz neue Qualität

Ralph Pöhner, 48, ist Wirtschaftsjournalist, Autor für «Die Zeit» und Mitgründer des Online-Magazins Clack.ch.

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