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Minderjährigenprostitution verbieten – auch in der Schweiz

Mamablog-Redaktion am Freitag den 13. April 2012

Eine Carte Blanche von Chantal Galladé*

SCHWEIZ PROSTITUTION

Junge Prostituierte am Sihlquai in Zürich. (Keystone)

Vor gut einem Jahr begleitete ich die Zürcher Stadtpolizei eine Nacht lang durchs Rotlichtmilieu und beim Einsatz auf dem Strassenstrich, um mir ein Bild vor Ort zu machen. Was ich da sah, hat sich mir bis heute in meine Erinnerungen eingebrannt. Zum Teil sehr junge Frauen, welche kaum ein Wort Deutsch sprechen konnten, welche ihre Körper verkauften; ihre Aufpasser, welche ihnen das Geld abnahmen und sie kontrollierten in unmittelbarer Nähe.

Die Schweiz ist das einzige europäische Land, das die Prostitution 16-Jähriger erlaubt. Das ist stossend und unverständlich. Damit wird die Schweiz auch attraktiv für Sextouristen, welche gezielt minderjährige Prostituierte suchen. Es gibt Schweizer Escortagenturen, welche damit werben, dass sie Minderjährige im Angebot hätten.

Zusammen mit meinem Nationalratskollegen Luc Barthassat habe ich deshalb Vorstösse lanciert, welche das Mindestprostitutionsalter auf 18 anheben wollen und die Ratifizierung des Übereinkommens des Europarates zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch fordern. Obwohl die Schweiz das Abkommen unterzeichnet hat, haben wir unsere Gesetze nie angepasst. Würden wir das tun, müssten wir das Mindestalter für die Prostitution auf 18 anheben, wie andere Länder auch. Dabei würden sich nicht die Minderjährigen selbst, sondern die Freier strafbar machen.

Nun ist der Bundesrat an der Arbeit. Die Reaktionen auf unsere Vorstösse waren zahlreich. Viele empörten sich mit uns, dass die Schweiz ihre Kinder nicht besser vor sexueller Ausbeutung schützt. Andere befürworteten die heutige Regelung. Zum Beispiel mit dem Argument, die sexuelle Mündigkeit sei mit 16 erreicht. Dazu gilt es jedoch zu bedenken, dass es ein Unterschied ist, ob ein Jugendlicher selbstbestimmt und altersgerecht seine körperlichen und sexuellen Erfahrungen machen kann, oder ob er seinen Körper gegen Geld verkauft. Ersteres ist wichtig für die gesunde physische und psychische Entwicklung eines Heranwachsenden, während Zweites zu Schäden an Körper und Seele führt und eine gesunde Entwicklung beeinträchtigt. Es handelt sich bei der Minderjährigenprostitution auch nicht um die gesunde und lustvolle Entdeckung einer altersgerechten Sexualität, sondern um eine Arbeit. Auch in anderen Arbeitsbereichen werden Jugendliche speziell durch das Gesetz geschützt, wenn man annehmen muss, dass sie sonst Schaden nehmen oder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden.

Andere meinten, die Jugendlichen hätten ja die Wahl und sollten deshalb selbst entscheiden. Auch das gilt so nicht. Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der der Mensch in vielem noch nicht gefestigt ist und besonderen Schutz verdient und braucht. Es gibt verschiedene Situationen, wie zum Beispiel Gruppendruck, falsche Vorstellungen der Prostitutionsarbeit, Neugier ohne die Folgen fürs eigene Leben abschätzen zu können oder eine finanzielle Notlage der Familie, die Jugendliche in diese vermeintlich freie Wahl drängen können. Die Folgen für ihr Leben und ihre Entwicklung können sie nicht voll abschätzen und die Gefahr, bleibende Schäden zu nehmen, ist gross.

Der Einwand, es sei für die Freier nicht möglich, das Alter des oder der Prostituierten herauszufinden, ist zu einfach und wohl eher ein Vorwand. Wer sich auf so junge Prostituierte einlassen will, der muss besorgt darum sein, dass diese volljährig ist, sprich legal arbeitet und eine entsprechende Bewilligung hat. Das nennt man Verantwortung. Dasselbe muss die Verkäuferin auch machen, wenn Jugendliche in ihrem Laden Alkohol oder Zigaretten kaufen wollen, und dasselbe gilt auch bei anderen Vertragsabschlüssen, welche die Volljährigkeit voraussetzen.

Von einem zivilisierten Land können wir erwarten, dass es seine Kinder schützt.

SCHWEIZ SP ZH CHANTAL JULIANE GALLADE 2011*Chantal Galladé ist SP-Nationalrätin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie unterrichtet Jugendliche an einer Berufsfachschule.

Eine Ladung Morphium, und zwar sofort!

Nina Merli am Donnerstag den 29. März 2012
Schmerzverzerrt: Jennifer Aniston als gebärende Rachel in einer Folge von «Friends». (Youtube)

Schmerzverzerrt: Jennifer Aniston als gebärende Rachel in einer Folge von «Friends». (Youtube)

Nähert sich der Geburtstermin und sind somit die Schwangerschaftsanzeichen so eindeutig, dass wirklich niemand mehr befürchten muss, mit einem «Hey, bist du schwanger»? ins Fettnäpfchen zu treten, gibt es kein Entkommen mehr: Man wird von allen Seiten mit Fragen bombardiert. Eine, die mir in den letzten Wochen immer wieder gestellt wird, ist die Frage, ob ich per Kaiserschnitt entbinden oder natürlich gebären wolle. Und zwar mit einer Leichtigkeit, mit der man sich normalerweise erkundigt, ob man in den Sommerferien weg geht oder zuhause bleibt.

Bisher war ich der Auffassung, dass der Kaiserschnitt nur dann durchgeführt wird, wenn eine natürliche Geburt ein Risiko für Mutter und Kind darstellen könnte, das Kind sich etwa in Steisslage befindet, oder es während der Geburt zu Komplikationen kommt. Doch der Kaiserschnitt ist inzwischen zu einer selbstverständlichen Option geworden. Ein Trend der von aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik bestätigt wird: 32,8 Prozent der Kinder kommen per Kaiserschnitt zur Welt, «auffallend ist zudem, dass die Kaiserschnittrate in Privatkliniken mit 41,2 Prozent deutlich über derjenigen in öffentlich-rechtlichen Spitälern (31,6 Prozent) liegt» – dass es sich dabei nicht nur um Notfälle handeln kann, liegt auf der Hand.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jede werdende Mutter das Recht hat, selber zu entscheiden, auf welche Weise sie ihr Kind zur Welt bringen möchte. Denn es geht, ausser den Vater des Kindes, niemanden etwas an. Will sie einen Kaiserschnitt, so steht ihr das zu. Trotzdem finde ich es schräg, wenn ich zum Beispiel von einer Freundin höre, dass sich ihre Cousine «aus terminlichen Gründen» für einen Kaiserschnitt entschieden hat. Weil ihre Mutter zum 70. Geburtstag ein Fest im grossen Stil (gemietetes Hotel in den Bergen, Klavierkonzert und Pipapo) geplant hatte, das dummerweise ziemlich genau auf den errechneten Geburtstermin ihres Kindes fiel, befand sich die werdende Mutter in einem grossen Dilemma, denn sie wollte das Fest auf keinen Fall verpassen. Die Lösung: Sie entschied sich für einen Kaiserschnitt zwei Wochen vor der Party. Eine Entscheidung, die ihrer Aussage nach zwei Vorteile hatte: Sie konnte eine Terminkollision erfolgreich verhindern und erst noch das Neugeborene der gesamten Verwandschaft präsentieren. Wie praktisch.

Anscheinend überlassen wir immer weniger dem Zufall. Schon gar nicht bei einer Geburt. Dies wurde mir klar, als mich eine Hebamme über die Brandbeite von Schmerzmitteln aufklärte, die einer Gebärenden zur Verfügung stehen. So erfuhr ich, dass nebst PDA, Lachgas und allen möglichen Medikamenten seit einiger Zeit auch Morhpium gegen die Schmerzen eingesetzt werde. Morphium? Aber hallo! Da müht man sich während Monaten ab, einen gesunden Lebensstil zu halten, fleissig Folsäure und Vitamine zu schlucken, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten, ja keinen Alkohol zu trinken – und darf sich dann unter der Geburt, sozusagen während der «Kür der Schwangerschaft», eines der stärksten Schmerzmittel genehmigen? Beim besagten Medikament handelt es sich um Remifentanil, ein extrem kurzwirksames, hoch potentes Opioid, das in der Schweiz als «Ultiva» vertrieben wird. Wobei die Patientin sich über Knopfdruck eine Dosis selber verabreichen kann.

Nun, von all diesen schmerzlindernden Medikamenten möchte ich eigentlich gar keines. Oder zumindest nicht von Anfang an. Als Schwangere hat man während rund zehn Monaten die Möglichkeit, «ein Wunder der Natur» am eigenen Körper zu erfahren. Man wird Zeugin, wie sich der Körper gewaltigen Veränderungen anpasst: Plötzlich wird mehr Blut für den Kreislauf produziert, der Stoffwechsel verändert sich, Hormone lockern Gelenke, Bänder und Muskulatur. Die ganze Schwangerschaft verläuft im Idealfall nach einem perfekten, lückenlosen Masterplan. Warum sollte ich dann ausgerechnet am Schluss das Kommando an mich reissen? Das ist doch, als ob man einen Spitzenkoch ein himmlisches 5-Gang-Menu zubereiten lässt, nur um am Ende überall noch eine Ladung Aromat reinzuhauen.

Die hat ja keine Ahnung, wovon sie schreibt, werden jetzt sicher viele denken. Und sie haben sogar recht, denn als Erstgebärende habe ich in der Tat keinen blassen Schimmer, worauf ich mich da eingelassen habe. Gut möglich, dass ich, wenn es so weit ist, von den Wehen vollständig überrumpelt über meinen eigenen Schatten springen muss, jegliche Vorsätze einer möglichst natürlichen Geburt über Bord werfe und lautstark nach einer «verdammten Ladung Morphium, und zwar sofort!» brüllen werde. Nun gut, dann wird das nur eine weitere Bestätigung dafür sein, dass das Leben, zum Glück, eben nicht planbar ist. Oder um es mit den Worten von John Lennon zu sagen: «Life ist what happens to you, while you’re busy making other plans».

Die Menstruations-Attacke

Nina Merli am Donnerstag den 22. März 2012
Auch eine Form des Protestes: Wütende Frauen blockierten diese Woche Rick Perry's Facebook-Seite mit Menstruations-Fragen. (Bild: Keystone)

Auch eine Form des Protestes: Wütende Frauen blockierten diese Woche Rick Perry's Facebook-Seite mit Menstruations-Fragen. (Bild: Keystone)

Er gilt als gottesfürchtiger Christ, eifriger Verfechter der Todesstrafe, ist gegen Homosexualität und stellt wirtschaftliche Interessen vor ökologische. Alles in allem kein weltoffener Typ, also. Die Rede ist Rick Perry, republikanischer Gouverneur von Texas und bis vor kurzem offizieller US-Präsidentschaftskandidat.

Bereits vor einem Jahr sorgte Perry mit einem neuen Abtreibungsgesetzes für Kontroversen. Dieses ist übrigens seit Februar in Kraft getreten: Frauen in Texas müssen sich vor einem Schwangerschaftsabbruch einer obligatorischen gynäkologischen Untersuchung unterziehen – inklusive Ultraschallbild, dass ihnen dann vorgelegt wird. Wenn sie sich weigern, sind die Ärzte verpflichtet, ihnen die Bilder zu beschreiben. Man wolle damit die Frauen dazu bringen, sich den Eingriff noch einmal zu überlegen, so die Erklärung Perrys. Wütende Frauen gingen darauf auf die Strasse, Bloggerinnen zerrissen den konservativen Politiker in ihren Beiträgen und auch der erfolgreiche US-Cartoonist Garry Trudeau («Doonesbury») reagierte auf das neue Gesetz (siehe Comic-Strip).

Diese Woche machte sich Rick Perry erneut zur Zielscheibe von wütenden Frauen: Das texanische Gesundheitsdepartement gab bekannt, dass sämtliche Gelder für das Medicaid-Programm für Familienplanung (Medicaid ist ein US-Gesundheitsfürsorgeprogramm für einkommensschwache Gruppen) gestrichen werden – weil der Gouverneur ein Gesetz verabschiedet hat, dass Planned Parenthood (PPFA), Non-Profit-Beratungsstellen zur Familienplanung, aus dem staatlichen Medicaid-Programm gekippt hat. Die Planned-Parenthood-Kliniken ermöglichten bisher jährlich rund 130′000 bedürftigen Frauen wichtige Untersuchungen wie Krebsabstriche, Mammographien oder kostenlose Empfängnisverhütung. Da aber einige der PPFA-Kliniken auch Abtreibungen durchführen (die allerdings nicht von staatlichen Geldern finanziert werden), entschied sich Perry, die gesamte Finanzierung zu streichen.

rick perry attacke

Aktivistinnen blockierten das Facebook-Profil von Rick Perry: «Hi there Rick, I was wondering if you had any advice about what do do about mid-cycle cramping?»

Nach Bekanntgabe der Neuregelung sahen zahlreiche Frauenorganisationen buchstäblich Rot und riefen zur Cyber-Attacke gegen Rick Perry auf: So stürmten zahlreiche Frauen die Facebook-Seite des Gouverneurs und spickten seine Pinnwand voll mit intimen Fragen zur Menstruation («Governor, I have this unusal discharge, but I don’t have any health insurance right now. You’re an expert in women’s health, though – could you have a look?») .

Am Montagnachmittag zierten über 4000 «Menstruations-Kommentare» Perrys Profil. Und am Dienstag versammelten sich Anhänger von «Seeing Red» bereits zum dritten Mal, um friedlich gegen den Politiker zu protestieren. «Seeing Red» (Rot sehen), so nennt sich die in diesem Monat von der Sängerin Marcia Ball gegründete Protestbewegung, die sich gegen die Kürzung des staatlichen Gesundheitsdienstes für Frauen einsetzt.

Was am 6. März mit einem hoffnungsvollen Aufruf per E-Mail an ein paar wenige Bekannte und Journalisten begann, hat sich schnell zu einem viel beachteten Projekt entwickelt, über das diese Woche verschiedene US-Kolumnisten berichteten. So auch die  Schauspielerin Beth Broderick, die regelmässig für die progressive Nachrichtenplattform «The Huffington Post» bloggt.

Kundgebung gegen Rick Perrys Politik in San Antonio, Texas. (Keystone)

Broderick schrieb diese Woche nicht nur über die neu entstandende Bewegung, sondern mischte sich unter die Seeing-Red-Protestierenden. Nicht ohne vorher in ihrer Kolumne die Leser (mehrere Millionen) zum aktiven Mitmachen aufzurufen: «Wenn Sie in der Nähe von Austin sind, dann kommen Sie. Wir sind leicht zu erkennen. Wir werden Rot tragen und, bei Gott, wir werden auch Rot sehen.»

Rick Perry hat die Menstruations-Kommentare inzwischen von seiner Facebook-Seite entfernen lassen, die rot sehenden Frauen wird er allerdings nicht so schnell eliminieren können – sie haben erst begonnen, ihre Waffen zu wetzen.

Gleichberechtigung. Ja. Aber.

Andrea Fischer am Dienstag den 13. März 2012
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Müssen alle wirklich das Gleiche tun, oder einfach nur gleich viel? Mann in Frauenkleidern am Staubsaugen. (Illustration: Jamie Vesta)

8. März um halb acht in der Früh. Frauenkampftag. Regen. Grau. An der Tramhaltestelle Männer. Und Frauen. Etwa gleich viele. Kämpferisch sieht keiner aus. Und keine. Eher müde.

Gut, man müsste sicher anderswo gucken, um zu sehen, dass es noch viel zu kämpfen gibt in Sachen Frauen. Für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Das muss man nicht schönreden und auch nichts ins Lächerliche ziehen. Gleichzeitig ist die Debatte um Gleichstellung meiner Ansicht nach an einen etwas eigentümlichen Punkt angelangt. Zumindest was die ewige Diskussion um gleiches häusliches Engagement in Mittelschichtsfamilien angeht.

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Die ewigen Diskussionen um die gerechte Teilung der Hausarbeit können anstrengend sein: Ein Mann putzt das Klo.

Das mit dem «Gleich» ist so eine Sache. Ist etwas nun «das Gleiche» oder «das Selbe»? Eine grammatikalische Knacknuss mit philosophischem Unterbau. Das Gleiche ist nämlich nicht das Selbe. Es ist lediglich ähnlich. Und dieses Detail geht ab und zu völlig vergessen in der ewigen Männer-und-Frauen-sollen-gleichviel-im-Haushalt-tun-Diskussion. Und da immerhin laut einer Statistik der Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau des Kantons Zürich nur noch ein Drittel der Familien das traditionelle Familienmodell lebt, ist die sehr verbreitet.

Als wir kleine Kinder hatten, hatte ich die fixe Idee, dass man, also wir als Mann und Frau, alles teilt. Gleich viele Windeln wechseln, gleich viele zähe Nachtstunden mit einem weinenden Baby auf dem Arm durch die Wohnung tigern, gleich viel arbeiten gehen, Wäsche falten, Rechnungen bezahlen, auf Spielplatzbänken sitzen – und was immer es an gefühlten Millionen schönen und weniger schönen Dingen gibt, die eine Familie eben ausmachen.

Das hatte irgendwann zur Folge, dass wir, übermüdet und gleichberechtigungsbeflissen, wie wir waren – aus Überzeugung, wir sind ja modern – viele Stunden damit verbrachten, abzumachen, wer was wann tut. Und ich gebe zu: Vor allem ich war immer öfter im zackigen Buchhalter-Modus und habe wohl schon fast die abgewaschen Teller pro Kopf gezählt. Voll die kleinliche Milchbüchlirechung. Einen Teil kann man sicher als Charakterschwäche abbuchen. Der andere geht auf das Konto «unpassendes Modell gewählt».

Irgendwann wurde uns das zu blöd. Wir beschlossen, es mal anders zu versuchen und das so genannt egalitäre System zu kippen. Seit ein paar Jahren mache ich meine Familien-Jobs, mein Mann macht andere, jeder die, die ihm am besten liegen. Aber eben nicht dieselben, sondern einfach gleich viele. Darum habe ich beispielsweise keinen blassen Schimmer von unserer aktuellen Steuerrechnung, Lampen flicke ich keine mehr und Altglas trage ich auch nicht mehr zur Sammelstelle. Dafür bin ich zuständig dafür, dass es bei uns wohnlich ist, hab die Termine der Familie im Griff und habe ein Auge auf die Hausaufgaben. Logisch, helfen wir einander, wenn nötig. Aber wir müssen nicht mehr den ganzen Quark aushandeln.

Seit dieser Umstellung bin ich massiv weniger genervt, wenn ich am Morgen vor der Arbeit noch rasch das Bad putze und auf dem Heimweg einen Sack voll Essen anschleppe. Ich hab ja anderswo Pause und wir gemeinsam mehr Zeit und Energie für Interessanteres. Zudem haben die klaren Einteilungen auch unerwartet unterhaltsame Seiten. Wenn beispielsweise wieder so ein Telefonfuzzi anruft, um mir das neueste Angebot für noch besseres und schnelleres und billigeres Telefonieren anzudrehen, sage ich: «Oh, das tut mir leid, da verstehe ich gar nichts davon, wissen Sie, das macht alles mein Mann.» – «Und wann kommt der nach Hause?» (Jetzt Stimmlage noch um einen Tick verdoofen oder, je nach Stimmung, eine Prise Anklage und Jammer beimengen): «Siiiiie, dass weiss ich halt amigs auch nicht…» Aha und tschüss.

Vermutlich haben sich das die Vorkämpferinnen der Frauenrechte damals nicht ganz so vorgestellt. Für mich ist jedoch eine der möglichen logischen Weiterentwicklungen der Emanzipation, dass ich mich gemeinsam mit meinem Mann für unsere eigene Form des Familienlebens entscheiden kann, auch für eine altmodischere. Für diese Freiheit bin ich enorm dankbar. Und die wünsche ich allen. Frauen wie Männern.

Kinder verboten

Jeanette Kuster am Sonntag den 11. März 2012
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Kinder müssen leider draussen bleiben: In den USA breitet sich die «No Kids Allowed»-Bewegung auf immer mehr Restaurants und Läden aus.

Erst waren es die Raucher, nun sind die Kinder an der Reihe: In den USA werden die jüngsten Mitmenschen von immer mehr Orten verbannt. Die «No Kids Allowed»-Bewegung, etwas weniger vornehm auch als «Brat Ban» bezeichnet, breitet sich je länger desto weiter aus und sorgt dafür, dass Kinder mittlerweile in etlichen Restaurants, Kinos und Läden quer durch alle Bundesstaaten nicht mehr zugelassen sind.

Angefangen hat das Ganze eigentlich ausserhalb Amerikas: Die Malaysia Airlines erliess 2011 ein Baby-Verbot für die First Class ihrer meisten Flüge. Die Geschäftsreisenden jubelten vor Freude und so dauerte es nicht lange, bis ein Restaurant in Pennsylvania die Idee für sich entdeckte und fortan jedes Kind unter sechs Jahren als Persona non grata abstempelte. Die Reaktionen der Gäste und der Bewohner in der Umgebung waren laut einer Umfrage mehrheitlich positiv, weshalb bald weitere Anbieter nachzogen.

Kinderfreie Zonen als schlagendes Verkaufsargument? Es scheint so. Die Zielgruppe, die sich solche Orte wünscht, besteht hauptsächlich aus sogenannten DINKS, Doppelverdienern ohne Kinder. Keine schlechte Kundschaft aus wirtschaftlicher Sicht: Sie haben Geld, mit dem sie sich gerne etwas Luxus leisten. Anders als Familien, bei denen das Portemonnaie meist nicht so locker sitzt.

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Einfach aus dem Bild schneiden: Werbung für kinderfreie Ferien. (Bild: Tjäreborg.fi)

Wenn es um edle Restaurants geht, in denen man sich zu einem romantischen Tête-à-Tête trifft, kann auch ich als Mutter den Wunsch nach einer gesitteten, kindergeschreilosen Atmosphäre nachvollziehen. Ja manchmal wünsche ich sie mir sogar selber, wenn unsere Tochter bei den Grosseltern übernachtet und mein Mann und ich wieder einmal einen Abend nur für uns haben. Und auch dass sich Kinderlose auf Leavethembehind.com bewusst ein Ferienressort aussuchen, in dem sie am Pool ganz sicher keinem Kleinkind über den Weg laufen werden, stört mich nicht weiter. Ich finde es im Gegenteil sogar positiv, sorgt es doch nicht nur bei den Kinderhassern selber, sondern auch bei den Familien für entspanntere Ferien, wenn sich die beiden Gruppen aus dem Weg gehen.

Kinder hingegen aus ganz normalen Cafés, Lebensmittelgeschäften oder gar von öffentlichen Plätzen (wie in Florida gefordert) zu verbannen, geht eindeutig zu weit. Würde man Menschen aufgrund ihrer Ethnie auf die gleiche Weise ausgrenzen, wäre das unbestritten rassistisch und somit gesetzeswidrig. Wieso also soll man eine Menschengruppe alleine aufgrund ihres Alters derart diskriminieren dürfen? Ja, Kinder sind gelegentlich laut, rennen manchmal durch die Gegend und schämen sich nicht, vor wildfremden Menschen in der Nase zu bohren. Bloss: Gibt es nicht auch Erwachsene, die sich in der Öffentlichkeit unangemessen verhalten? Pöbelt ein betrunkener 43-Jähriger in einer Bar die anderen Gäste an, wird man ihn vor die Tür setzen. Es käme keiner auf die Idee, deswegen ein Verbotsschild aufzuhängen, das künftig jedem Mann in den Vierzigern den Zutritt verbietet. Warum also wirft man alle Kinder und ihre Eltern in einen Topf, bloss weil es  ein paar unter ihnen gibt, die sich tatsächlich regelmässig daneben benehmen?

In der Schweiz bekommt man als Eltern die Abneigung Kindern gegenüber auch immer wieder einmal zu spüren, da werden Familien schon mal «versehentlich» aus Museen hinausbugsiert oder im ÖV mit giftigen Blicken traktiert, weil sie zuviel Platz in Anspruch nehmen oder es wagen, etwas lauter zu lachen. Lokale, die Kindern den Zutritt verbieten, sind aber nach wie vor selten. So sorgte das Restaurant L’O in Horgen 2008 mit seiner «Kinder unter 8 müssen leider draussen bleiben»-Policy für Schlagzeilen. Und die Café-Bar Infinito in der Zürcher Innenstadt war dank ihrem «Kinderwagen verboten»-Aufkleber auch schon Thema im Mamablog.

Ganz so konsequent halten sich die Betriebe allerdings nicht immer an ihre eigenen Richtlinien. Als ich 2010 für einen TV-Beitrag unter anderem das Infinito mit versteckter Kamera testen sollte, zeigte mir die hilfsbereite Kellnerin sofort einen idealen Abstellplatz für den Kinderwagen – nota bene im Lokal drinnen. Es war halt Mittwoch Vormittag und die Café-Bar fast leer. Wenn sonst keine Kunden auftauchen, nimmt man anscheinend dann doch auch gerne das Geld von Müttern mit ihren Kindern.

Was halten Sie von der «No Kids Allowed»-Bewegung? Ist die Idee im Grundsatz in Ordnung, solange sie nur auf gewisse Orte und zu bestimmten Zeiten angewendet wird? Oder sind Sie absolut gegen Verbote, da die Eltern schliesslich am besten wissen, welche Lokale kindertauglich sind? Ist die «Brat Ban» eine einfache Möglichkeit, zusätzliche Kunden anzulocken? Oder werden dadurch auf bedenkliche Weise Kinder und Eltern diskriminiert und zu Bürgern zweiter Klasse degradiert?

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