Neu am Kiosk erhältlich: «Brigitte Mom». Ein todschickes Heftchen extra für die neue Spezies: Mütter, die auf keinen Fall mütterig sind, auf Glam-Deutsch «Moms» genannt. Diese sozusagen neu erfundene Kategorie Mensch ist fröhlich, selbstbewusst, trendig. Und hat Geld. Darum erfindet man für sie ganz viele Sachen, die sie dann kaufen kann, damit sie noch toller ist und sich noch besser als etwas ganz Eigenes, Erstrebenswertes fühlen kann.
Aus übermüdeten, underfuckten Hausfrauen oder Doppeltbelasteten werden mit ein paar Kniffchen «Moms». Und das geht so: Man nimmt das Brigitte-Heft mit dem Motto «Du bist mein Ein, aber nicht mein Alles» (nicht von mir erfunden, ich schwör‘s), liest es gründlich und betet nach.
Vorne drauf klebt zwar kein Freundschaftsarmband oder ein Gratisshampoo, nein, aber man kann eine Haushälterin für ein ganzes Jahr gewinnen, zärtlich als «Perle» bezeichnet. Auch im Editorial steht Ermutigendes: Vor allem der Satz: «Lebe lieber unperfekt.» Yess! Mein Heft! Verstanden und beschwingt blättere ich weiter und will endlich lernen, wie man edel eine unperfekte Mutter ist. Wie man das auf unedel macht, weiss ich ja schon.
Da tanzen schöne Alleinerziehende über die ersten Seiten und sagen, warum es ohne Ehemann so sexy ist. Ok. Weiter. Auf Seite 21 kommt dann eine rosa Seife in Pistolenform, für nur 15 Euro, damit Jungs auch gern ihre Hände waschen. So. Dann hats wieder ein paar sehr schöne Schöne, und noch ein bisschen mehr Werbung, auch sehr schön. Dann ein paar süsse Geschichten rund um alles, was man Spannendes erlebt als Mom von der Adoption bis zum Treppensturz. Interessant.
Dann meine Lieblingspassage: Frauen daheim und bei der Arbeit. Sieht eigentlich beides gleich aus. Zu Hause im Seidenensemble, im Atelier mit Leggins (von Hugo Boss). Bei der Künstlerin daheim hat es sogar drei Spielsachen am Boden! Ich bin glücklich. Ich habe das unperfekte Momentum gefunden. Wie auf den Kinderseiten der Brigitte für normale Frauen, die meine Nicht-Mom-Mutter früher gelesen hat: «Wir haben auf diesen Seiten eine Maus für dich versteckt, findest du sie?» Neu ist es eine Unperfektheit, ein Mäkelchen, das man suchen darf.
In der Mitte des Heftes hat es dann sogar noch mehr davon: Zwischen Shoppingtipps für Stimmungs-Tees, einem Designerbreilöffel und einem schön grossen Familienauto verstecken sich die berührende Reportage über eine Mutter im Knast und ein Psychobericht zur Sexflaute nach der Geburt. Aufgefangen werden diese Ausrutscher ins wahre Leben mit einem Inserat für eine Crème, die den Bauch flach und straff macht.
Nun weiss ich also, wie aus mir normalen Mutter eine Mom wird und was ich dazu tragen und posten muss. Und irgendwie kommt mir die Sache bekannt vor. Als es vor Jahren endlich salonfähig wurde, schwul zu sein, wurde aus einer Lebensform auch plötzlich ein Lifestyle kreiert, «Gay», zumindest in den Städten. Ebenfalls fröhlich, selbstbewusst, trendig und mit Geld. So schick, dass plötzlich halb Zürich so tat als wäre es gay. Dagegen gäbe es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, es hat nur nichts mit der Realität zu tun. Auch nicht mit jener der meisten Homosexuellen.
Ja, es stimmt natürlich, man kann jetzt empört aufbegehren, denn Frauen wurden für ihre Mutterschaft ja nicht vom Gesetz verfolgt und verfemt wie die Homosexuellen für ihren Lebensentwurf. Wenigstens nicht, wenn sich ein Mann vor Gott und Pfarrer zu ihr bekannte. Sie wurden nur hinter den Herd gestellt und für blöd erklärt.
Aber es geht in der Mom-Gay-Sache ja auch nicht darum, wer wann wie ungerecht behandelt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte, sondern darum, dass ich keine Lust habe, mich lächelnd in eine Schublade zu setzen mit all den Dingen zusammen, die für mich als neue Spezies erfunden wurden, nur damit ich sie kaufen kann. So wenig, wie die meisten Homosexuellen, Karrierefrauen, Singles, Atheisten, Teenager, Hausmänner, Fischzüchterinnen und Hobbyköche sich in ihre setzen mögen. Hoffentlich.
Mütter sind out, jetzt kommen die «Moms»: Gwen Stefani (l.), ihr Sohn Kingston und Mirka Federer während des Tennis-Turniers von Indian Wells, 16. März 2012. (Reuters)
Neu am Kiosk erhältlich: «Brigitte Mom». Ein todschickes Heftchen extra für die neue Spezies: Mütter, die auf keinen Fall mütterig sind, auf Glam-Deutsch «Moms» genannt. Diese sozusagen neu erfundene Kategorie Mensch ist fröhlich, selbstbewusst, trendig. Und hat Geld. Darum erfindet man für sie ganz viele Sachen, die sie dann kaufen kann, damit sie noch toller ist und sich noch besser als etwas ganz Eigenes, Erstrebenswertes fühlen kann.
Aus übermüdeten, underfuckten Hausfrauen oder Doppeltbelasteten werden mit ein paar Kniffchen «Moms». Und das geht so: Man nimmt das «Brigitte»-Heft mit dem Motto «Du bist mein Ein, aber nicht mein Alles» (nicht von mir erfunden, ich schwör‘s), liest es gründlich und betet nach.
Aus underfuckten Hausfrauen werden «Moms»: «Brigitte Mom».
Vorne drauf klebt zwar kein Freundschaftsarmband oder ein Gratisshampoo, nein, aber man kann eine Haushälterin für ein ganzes Jahr gewinnen, zärtlich als «Perle» bezeichnet. Auch im Editorial steht Ermutigendes: Vor allem der Satz: «Lebe lieber unperfekt.» Yess! Mein Heft! Verstanden und beschwingt blättere ich weiter und will endlich lernen, wie man edel eine unperfekte Mutter ist. Wie man das auf unedel macht, weiss ich ja schon.
Da tanzen schöne Alleinerziehende über die ersten Seiten und sagen, warum es ohne Ehemann so sexy ist. Ok. Weiter. Auf Seite 21 kommt dann eine rosa Seife in Pistolenform, für nur 15 Euro, damit Jungs auch gern ihre Hände waschen. So. Dann hats wieder ein paar sehr schöne Schöne, und noch ein bisschen mehr Werbung, auch sehr schön. Dann ein paar süsse Geschichten rund um alles, was man Spannendes erlebt als Mom von der Adoption bis zum Treppensturz. Interessant.
Dann meine Lieblingspassage: Frauen daheim und bei der Arbeit. Sieht eigentlich beides gleich aus. Zu Hause im Seidenensemble, im Atelier mit Leggins (von Hugo Boss). Bei der Künstlerin daheim hat es sogar drei Spielsachen am Boden! Ich bin glücklich. Ich habe das unperfekte Momentum gefunden. Wie auf den Kinderseiten der «Brigitte» für normale Frauen, die meine Nicht-Mom-Mutter früher gelesen hat: «Wir haben auf diesen Seiten eine Maus für dich versteckt, findest du sie?» Neu ist es eine Unperfektheit, ein Mäkelchen, das man suchen darf.
In der Mitte des Heftes hat es dann sogar noch mehr davon: Zwischen Shoppingtipps für Stimmungs-Tees, einem Designerbreilöffel und einem schön grossen Familienauto verstecken sich die berührende Reportage über eine Mutter im Knast und ein Psychobericht zur Sexflaute nach der Geburt. Aufgefangen werden diese Ausrutscher ins wahre Leben mit einem Inserat für eine Crème, die den Bauch flach und straff macht.
Nun weiss ich also, wie aus mir normalen Mutter eine Mom wird und was ich dazu tragen und posten muss. Und irgendwie kommt mir die Sache bekannt vor. Als es vor Jahren endlich salonfähig wurde, schwul zu sein, wurde aus einer Lebensform auch plötzlich ein Lifestyle kreiert, «Gay», zumindest in den Städten. Ebenfalls fröhlich, selbstbewusst, trendig und mit Geld. So schick, dass plötzlich halb Zürich so tat als wäre es gay. Dagegen gäbe es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, es hat nur nichts mit der Realität zu tun. Auch nicht mit jener der meisten Homosexuellen.
Ja, es stimmt natürlich, man kann jetzt empört aufbegehren, denn Frauen wurden für ihre Mutterschaft ja nicht vom Gesetz verfolgt und verfemt wie die Homosexuellen für ihren Lebensentwurf. Wenigstens nicht, wenn sich ein Mann vor Gott und Pfarrer zu ihnen bekannte. Sie wurden nur hinter den Herd gestellt und für blöd erklärt.
Aber es geht in der Mom-Gay-Sache ja auch nicht darum, wer wann wie ungerecht behandelt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte, sondern darum, dass ich keine Lust habe, mich lächelnd in eine Schublade zu setzen mit all den Dingen zusammen, die für mich als neue Spezies erfunden wurden, nur damit ich sie kaufen kann. So wenig, wie die meisten Homosexuellen, Karrierefrauen, Singles, Atheisten, Teenager, Hausmänner, Fischzüchterinnen und Hobbyköche sich in ihre setzen mögen. Hoffentlich.
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Frauen lieben Männer, die wissen, wie man schenkt.
Heisse Tipps dazu, wie man mit Ehefrauen umgeht, gibt es vermutlich seit ewig. Zumindest seit unsere Urvorgängerin aus den Rippen des Urvorgängers unserer Männer geschnitzt worden sein soll. Oder seit kurz später, als die Sache mit dem Apfel passiert ist. Woran natürlich die erste Ehefrau schuld war. Kaum da, schon Probleme. Und spätestens mit der Vertreibung aus dem Paradies fingen die Mutmassungen an, wie man mit diesen Wesen, die so anziehend und so anstrengend sein können, richtig umzuspringen habe. Probiert wurde vieles. Von Vergötterung bis Verhüllung und Einsperren. Die Tipps dazu füllen längst ganze Bibliotheken.
Also könnte ich es mir locker schenken, hier die Millionste Gebrauchsanleitung zu basteln. Aber das tue ich nicht, denn schliesslich haben viele Jahrtausende Studien zu Aufzucht und Hege von Gattinnen noch keine Erleuchtung gebracht. Da kann ja fröhlich auch noch ein nutzloses Wörtchen mitreden, Marke «Nützts nix, so schadets nix».
Also. Hier durchschneiden und aufhängen oder auswendig lernen und verschlucken.
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Merke: Frauen werden nie alt und sind nie dick.
Frauen lieben Männer, die wissen, wie man schenkt. Selbst, wenn sie das nicht ausdrücklich sagen. Bestellte oder suggerierte Geschenke sind schliesslich nur halb so lustig, wie Überraschungen. Ein Tipp: Unterhosen im Zweifelsfall prinzipiell zu klein kaufen, statt zu gross («Du wirkst irgendwie so schmal.»). Bei BHs alles umkehren. Also zu gross kaufen und ebenfalls staunen.
Frauen lieben Komplimente. Dabei ist es wie mit einem Boot: Nie einseitig belasten. Also: Ein bisschen die Kochkunst, ein bisschen den Sexappeal, ein bisschen die Augen und ein bisschen das Köpfchen loben. Und das Herz. Und ab und zu was Neues erfinden (hier nicht entmutigen lassen, wenn das mal in Hose geht, lohnt sich trotzdem). Dass das Boot kippt, erkennt man daran, dass Frauen den Kopf leicht zur Seite neigen, ihre Augen verschmälern und sehr freundlich fragen, ob man sie denn nur wegen diesem oder jenem liebe.
Frauen lieben Männer, die Babysitter organisieren, um mit ihnen auszugehen (also nicht mit den Baysittern, sondern mit den Frauen). Damit lässt sich sogar ein Fauxpas in Punkt eins bis vier wieder ausbügeln.
Frauen lieben Männer, die ihnen das Gefühl geben, sie seien nicht kompliziert, sondern interessant.
Frauen lieben Männer, die ihnen im Haushalt helfen, ohne servil zu sein oder darum ein grosses Aufhebens zu machen.
Frauen lieben Männer, die ihnen vor dem Einschlafen ein Buch vorlesen (nicht nur, aber auch).
Frauen lieben Männer, die sie begehren, ohne gleich die Krise zu kriegen, wenn sie mal dankend abwinken.
Frauen lieben Männer, die ihnen manchmal das Frühstück ans Bett bringen, aber nicht immer.
Frauen lieben Männer mit Humor, die solche Listen nicht allzu bierernst nehmen.
Und umgekehrt. Cheers.
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Es gibt Dinge, die für einen Mann unheimlicher sind als die Geburt selbst: Ein Paar in einem Geburtsvorbereitungskurs. (Screenshot: Opelwerbung)
Ich bin weder ein Frauenschwarm noch ein Popsänger. Trotzdem habe ich etwas mit Robbie Williams gemeinsam. Wie er werde ich bald zum ersten Mal Vater. Wie das ist, verrät er auf seiner Webseite. Und genau wie er musste ich weinen, als ich die Ultraschallbilder sah. Leider schreibt er nicht, ob er zusammen mit seiner Ayda einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen muss. Denn gerne würde ich wissen, ob er sich davor genauso fürchtet wie ich.
Bevor meine Liebste mich auf das Thema Geburtsvorbereitung ansprach, verlief die Schwangerschaft für mich als werdender Vater reibungslos. Irgendwann aber begann sie, zielgerichtet nach einem Geburtsvorbereitungskurs zu googeln. Und sie machte mir klar, dass meine Anwesenheit sehr erwünscht sei. So entdeckte ich im Internet eine neue Welt. Eine weibliche Welt der bewussten Atmung, der achtsamen Bewegungen, der Entspannung. In dieser mir fremden Welt werden «Werkzeuge erarbeitet», die Geburt wird «aktiv mitgestaltet». Und ich war plötzlich nicht mehr einfach zukünftiger Vater, sondern «Geburtsgefährte».
Auf den Websites der Geburtsvorbereitungskurse begegneten mir unzählige Bilder von Muscheln. Muscheln im Abendrot, Muscheln in Sand gezeichnet, abstrakte Muscheln, gekritzelte Muscheln, barocke Muscheln. Und alles in Pastellfarben getaucht. Dazu Fotos von bildhübschen schwangeren Frauen, deren Brüste durch wallende Seidentücher verdeckt werden, die Bäuche in weiches Licht getaucht. Männer sind in dieser Welt selten. Nur ab und zu schmiegt ein Mann mit verklärtem Blick seinen coolen Dreitagebart an einen schwangeren Bauch. Ich sah in meinem Leben noch nie so viele Fotos mit Softfilter.
Gewissenhaft studierte ich die Lebensläufe und Fotos der Kursanbieterinnen. Die typische Kursleiterin kennt sich aus in körperzentrierter Psychotherapie, Selbsterfahrung, Atemtherapie, Shiatsu, Yoga und Tanz. Sie trägt ihr Haar offen und ist ungeschminkt. Beim Hypnobirthing dominieren schlanke, blonde, dezent geschminkte Frauen, die mal Pharma-Assistentin waren.
Natürlich frage ich mich, ob ich unsensibel und potenziell ein schlechter Vater bin. Aber Geburtsvorbereitungskurse sprechen mich einfach nicht an. Geburt ist eine von Natur aus weibliche Angelegenheit und gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen. Dasselbe gilt für die Geburtsvorbereitung. Meine Unterstützung ist nötig und willkommen. Aber als Mann spiele ich nun mal die Nebenrolle.
Daher bin ich für Bescheidenheit. Ich organisierte den Wickeltisch und schleppte ihn das Treppenhaus hoch. Dann richtete ich das Kinderzimmer ein. Als ich es schaffte, die Lampe an der bröckeligen Gipsdecke zu montieren, war ich sehr stolz. Ich bin bereit.
*Jan Derrer ist Videoreporter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet und wird im Mai zum ersten Mal Vater.
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Für Erwachsene ist der Sandkasten eine ernste Sache: Frau mit Kind. (Bild: Chris P.)
Als sie das erste Mal mit ihrem Hintern seitlich mein Gesicht streifte, hoffte ich, da würde noch mehr kommen. Sie war eine der attraktiveren Frauen auf diesem Spielplatz und ihr welscher Akzent entfaltete bei mir eine leicht aphrodisierende Wirkung. Doch die sollte schnell verfliegen.
Kurz darauf stiess sie in kleinem zeitlichen Abstand wie zufällig dreimal mit ihrem Hintern in meinen aufgeschlagenen «Tagi». Dabei tat sie so, als würde sie die Totenkopf-Sandkuchenförmchen ihres Sohnes einsammeln. Doch sie verstellte sich schlecht und schnell war klar, dass diese Frau keinen Kontakt suchte, sondern mich verscheuchen wollte. Ich verschob mich also folgsam auf einen der weiter entfernten grossen Findlinge, die den Sandkasten abgrenzen, um die Frau nicht zu stören.
Zu Anfang meines Vaterdaseins suchte ich Spielplätze noch in der naiven Erwartung auf, dass sich dort die vielen älteren Mütter über die Erscheinung der wenigen jungen Väter freuen würden. Früher hat es solche schliesslich gar nicht gegeben in der Kinderbetreuung und auch auf Spielplätzen nicht und so erwartete man – wenn schon nicht wohlwollende Begeisterung, dann zumindest – neugieriges Interesse. Man dachte, dass sich leicht Kontakte mit Müttern knüpfen und Tipps austauschen liessen. Ja, man erwartete vielleicht sogar das eine oder andere erquickliche Zwiegespräch zu einem ganz anderen Thema, vielleicht gar einem politischen oder kulturellen.
Wollen Frauen auf dem Spielplatz unter sich sein? Mütterfront am Sandkasten.
Den Bald- oder Neuvätern unter der Leserschaft sei gesagt: Vergessen Sie’s. Auf dem Spielplatz herrscht kalter Krieg. Die Mütter führen eine Rückzugsschlacht, eine Frontbegradigung und da wird nun mal nicht fraternisiert.
Sie wollen die Väter nicht auf den Spielplätzen haben, weil die Spielplätze für die Mütter eben nicht nur ein Mutterding sind, sondern auch ein Frauending. So wie die Frauenbadi, die Frauendisco, die Frauensauna. Ein Ort eben, den man aufsucht, weil man den Blicken der Männer nicht ausgesetzt sein will. Ein Ort, an dem man ganz Frau unter Frauen sein kann und gar nicht erst in Versuchung kommt, den Ansprüchen der Männer genügen oder ihnen sonstwie gefallen zu wollen.
So ist auch zu erklären, dass auf dem Spielplatz ansonsten aparte weibliche Geschöpfe der Öffentlichkeit unschöne Maurerdecolletés entgegen strecken, als wäre es das normalste der Welt. Oder, dass auf dem Spielplatz die poshsten Direktionsekretärinnen in Crocs und pinken Trainingsanzügen rumschlurfen. Oder, dass Hausfrauen, die im Schwimmbad stets auf die gestreckte oder eingezogene Haltung ihres Bauches achten, auf dem Spielplatz ihren Röllchen und Pölsterchen den Raum lassen, nach dem diese verlangen.
Die Waffen der Frau im Kampf um ihr Refugium Spielplatz sind subtiler Art. So ist es üblich, dass man von Müttern, die man auf dem Spielplatz beim Gespräch stört, mit tadelndem Blicken bedacht wird. Manchmal tun sie so, als verständen sie die Sprache nicht, wenn man sie anspricht. Beliebt sind auch süffisant vorgetragene Bemerkungen, die einen an die eigene Unzulänglichkeit als Aufsichtsperson erinnern («So härzig. Dein Sohn ist seit einer Minute unter Wasser. Was läuft denn da so Spannendes auf Twitter?»).
Bis letzte Woche dachte ich, ich sei mit all den Spielplatz-Mobbing-Methoden vertraut. Doch die schöne Welsche mit dem Hintern belehrte mich eines besseren: Ich musste meinen Sitzstein kurz verlassen, um meinem Jüngsten den Sand aus dem Mund zu pulen. Als ich zurück war und mich wieder auf meinem Findling niederlassen wollte, war der schon besetzt – von einem Sandkuchen in Form eines Totenkopfes.
Maurice Thiriet (32) ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.
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Wie macht man alles gleichzeitig, ohne durchzudrehen? – Eierlegende Wollmilchsau.
Eierlegende Wollmilchsäue gehören zu meinen Lieblingstieren. Sie können alles, ausser Staubsaugen. Oder doch, eigentlich können sie auch das, denn auch ich bin eine eierlegende Wollmilchsau und staubsaugen kann ich. Wie Sie, Sie und Sie da drüben vermutlich auch. Wir alle tun ganz vieles gleichzeitig und probieren dabei munter, nicht durchzudrehen. Was, wenn wir ehrlich sind, nicht immer gleich gut gelingt.
Zu diesem ewigen Thema ist mir letzthin ein Buch in die Hände geraten, das so mutig unsexy nicht nach Ratgeber aussieht, dass ich neugierig wurde. Es heisst «Im Gleichgewicht, Life-Balance oder der Umgang mit Mehrfachrollen» und ist im Hep Verlag erschienen. Hat kein Heilsversprechen drauf, kein Bild einer entspannten Mutter mit Seit-ich-das-gelesen-habe-bin-ich-thothaaaal-entspannt-Lächeln und auch keinen glatten Cartoon à la Claire Bretécher von einer Frau mit Einkaufstasche, Laptop, Handy und Kind auf dem Arm. Es sieht eher aus wie Schulmaterial für Buchhalter.
Soviel Understatement verdient es, mal näher untersucht zu werden. In der Einleitung des Buches steht der Satz, der alles auf den Punkt bringt: «Manchmal ist es sehr schwierig, alles unter einen Hut zu bringen.» Wissen wir. Den Hut, unter den alles passen würde, was wir wollen oder zu müssen meinen, gibt’s gar nicht. Müsste wohl eher ein Zelt sein. In 185 Interviews mit Frauen und Männern haben die Autorinnen Eva Scholl und Susi Thürer-Reber untersucht, wie es sich lebt mit der Hutfrage. Wie man zurechtkommt in einer Arbeitsgesellschaft, in der gleichzeitig auch Familie und Freizeit wichtig und ausgefüllt sein sollen. Diesen Interviews zur Seite gestellt sind Analysen und Anregungen. Dabei deklarieren die Autorinnen klipp und klar: Sie bieten keine Lösungen, nur Denkansätze. Und: Das Problem sind selten Sachzwänge, sondern meist Denkzwänge.
Wer also ein Kochrezept für einfacheres Multitasking sucht, wird das hier nicht finden. Dafür ist das Buch ein intelligentes Plädoyer für Toleranz und spricht auch das heikle Thema Neid unter Frauen an, das so gern unter den Tisch gekehrt wird. Statt unbeirrt und ehrlich das eigene Leben so zu gestalten, dass es zu einem passt und bewältigbar ist, neigen vor allem wir Frauen gern dazu, erleichtert festzustellen, dass andere noch überforderter oder unzufriedener sind als wir. Eine Energieverschwendung mit negativem Beigeschmack.
Gesunder Egoismus hilft: Mutter beim Multitasking.
Ebenfalls spannend ist die Erhebung darüber, welche Rollen Männer und Frauen aus eigener Sicht alle zu erfüllen haben. Männer nannten im Schnitt 13 Rollen, Frauen 53. Das liegt unter anderem daran, dass die Frauen ihre sozialen Rollen wie Schwiegertochter, Patentante etc. mitzählen. Dafür gaben bei den Männern die meisten an, alles unter den berühmten Hut zu bringen, während das bei den Frauen mit Kindern gerade mal ein Viertel von sich behauptet.
Die Lösungen, die zu diesem Dilemma besprochen werden, sind nicht sonderlich neu, aber sicherlich sinnig: Die Partner sollen miteinander reden. Man soll sehen, wo es auch mit weniger Perfektionismus und mehr Unterstützung von aussen gehen könnte. Und man soll seine Ziele in machbare Etappen aufteilen. Aber es gibt auch bemerkenswerte Ansätze, wie den Aufruf zu mehr gesundem Egoismus. Und dazu, sich weder mit Vorwürfen wie «Du bist egoistisch» manipulieren zu lassen, noch das mit anderen zu tun. Sehr erhellend ist auch die Liste mit Ausreden, hier Barrieren genannt, von denen mir erschreckend viele wohl bekannt sind.
Das Buch lebt von den Fallbeispielen, was die Kernaussage unterstreicht: Es gibt keine grundsätzlich richtigen und falschen Lebensentwürfe. Aber in dem Entwurf, für den man sich entscheidet, sollte man sich möglichst gut einrichten und wohlfühlen. Und es ermutigt, auch die schönen Seiten der Mehrfachrollen zu sehen, ohne damit gleich unerträglich ins Think-positive-Horn zu tröten.
Zwar ist das Werk für meinen Geschmack ein bisschen trocken ausgefallen, dafür von einer wohltuenden Aufrichtigkeit und genau das, was es sein will: Ein guter, moralinfreier Denkanstoss für alle, die sich wenigstens zu artgerecht gehaltenen eierlegenden Wollmilchsäuen weiter entwickeln wollen.
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Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Andrea Fischer
Andrea Fischer ist freischaffende Journalistin und Autorin des Buches «Das ganz normale Familienchaos», einem «Ratgeber für Eltern mit Herz und Humor». Sie lebt mit Tochter, Sohn und Mann in Zürich.