Leben


Archiv für die Kategorie „Beruf“

Schuften, bis die Wehen kommen

Mamablog-Redaktion am Freitag den 17. Februar 2012

Eine Carte Blanche von Gabriela Braun*

SCHWEIZ ARBEIT SCHWANGERSCHAFT

Bis zum bitteren Ende: In der Schweiz muss eine Frau bis zum Geburtstermin arbeiten - ausser sie lässt sich krank schreiben. (Keystone)

Sie sieht vor lauter Bauch die Füsse nicht mehr. Langes Sitzen wird zur Qual, ewiges Stehen sowieso. Das Kind drückt auf die Blase, der Rücken schmerzt. Die Rede ist von einer Frau, die sich im letzten Drittel der Schwangerschaft befindet. Die Beschwerden nehmen zu, die Nervosität vor der Geburt steigt.

Klar, dass die Frau in dieser Zeit zur Arbeit geht: Denn sie ist ja nicht krank. Bloss schwanger. Sie arbeitet weiter, wie schon die Jahre zuvor. Tipptopp und gewissenhaft. Das Arbeitspensum leicht reduziert vielleicht.

Doch wann hört sie ganz damit auf? In der Schweiz gilt: Dann, wenn sie der Arzt zu hundert Prozent krank schreibt. Das ist häufig etwa zwei Wochen vor dem Geburtstermin. Vorausgesetzt, die werdende Mutter und ihr Baby sind gesund. Sonst ist es auch schon früher. So hat es sich bei den Arztinnen und Ärzten eingespielt. Eine offzielle Frist jedoch gibt es nicht.

Das ist erstaunlich. Denn Stress schadet nachweislich dem Ungeborenen. Forschungen zeigen: Ein Fötus wird im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst. Je ruhiger die werdende Mutter den Übergang der Schwangerschaft zur Geburt und der Zeit danach angehen kann, desto gesünder ist das für sie und ihr Baby. Es vermindert seelische Krankheiten im Wochenbett. Eine ruhige Zeit ohne allzuviel Stress ist vor der Geburt deshalb wichtig.

Hochschwangere in Deutschland und Österreich dürfen darum sechs, respektive acht Wochen vor dem errechneten Geburtstermin nicht mehr arbeiten. Sie befinden sich fortan im Mutterschutz. Ob diese allgemeine Regelung für alle Frauen gut ist, sei dahingestellt. Ein Vorteil aber hat sie. Die Schwangere in Deutschland muss sich niemandem erklären. Es ist für jede und jeden sonnenklar: Die Frau mit dem grossen Bauch darf nicht mehr.

In der Schweiz aber läuft das so: Jene Schwangere, die vor lauter Beschwerden und Bürostress bereits vier Wochen vor Geburt nicht mehr arbeiten will oder kann, braucht sich häufig zu rechtfertigen. «Was, du hörst schon auf?», heisst es von überall her. Und dann kommt garantiert die Story einer Bekannten, «die doch tatsächlich bis einen Tag vor der Geburt gearbeitet hat!»

Aus Angst, vor anderen als Memme dazustehen – und wohl aus übermässigem Pflichtgefühl – sparen sich einige Frauen deshalb ihre Ferien auf. Für den Fall, dass sie dem Arbeitsdruck und Tempo im Job nicht mehr gewachsen sein sollten, vom Arzt aber noch kein Zeugnis erhalten haben. So geschehen bei einer Bekannten, einer leitenden Angestellten im Marketing einer Bank. Sie konnte nicht mehr, der Arzt aber sagte, «doch, doch». Also nahm sie vier Wochen vor dem Geburtstermin ihre Ferien, um daheim erschöpft im Bett zu liegen. Das Arztzeugnis erhielt sie drei Wochen später.

Hinzu kommt: Viele Schwangere befinden sich kurz vor Geburt noch in Verhandlung mit dem Arbeitgeber. Ob der Job nach dem Mutterschaftsurlaub auch mit weniger Stellenprozent bewilligt wird, ist nicht entschieden. Der Druck auf die Angestellte ist gross. Das ist nicht eben vorteilhaft. Weder für die werdende Mutter, noch für das ungeborene Kind. Denn das soll ja, wie Studien besagen, viel vom Stress der Mutter mitbekommen.

Gaby_carte_blanche* Gabriela Braun ist Redaktorin der Konsumentenzeitschrift «Gesundheitstipp». Sie lebt mit ihrer Familie in Erlenbach ZH.

Warum werden Männer Gynäkologen?

Michèle Binswanger am Dienstag den 29. November 2011
mamablog

Die Nachfrage nach Gynäkologinnen steigt stetig an: Eine Frau auf dem Untersuchungsstuhl.

Warnung des Gesundheitsamts: Patienten mit bekannten Idiosynkrasien gegen Polemik wird vom Lesen dieses Blogs abgeraten.

Ich habe Sie gewarnt. Aber wenn Sie nicht anders wollen, gut. Heute geht es um ein Thema, dem ich meinerseits einige Überempfindlichkeiten entgegen bringe: Frauenärzte. Ich habe die Vorstellung immer schon seltsam gefunden, dass Männer sich in der Frauenheilkunde betätigen. Und die privaten Bekanntschaften mit Frauenärzten trugen nicht dazu bei, diese Vorurteile abzubauen. Vergangene Woche vermeldete nun der «Spiegel» den Fall eines Gynäkologen, der den Intimbereich seiner Patientinnen heimlich fotografiert hat. 3000 Frauen sollen davon betroffen sein, 700 davon haben den Mediziner angezeigt. Worauf ich mich fragte, ob an meiner These nicht vielleicht etwas dran ist, dass es keinem Mann gut tut, beruflich ein Mösenflüsterer zu sein.

Bevor Sie mir jetzt vorwerfen, ich würde einen ganzen Berufsstand verunglimpfen und könnte genau so gut behaupten, jeder Kinderarzt sei pädophil veranlagt, möchte ich etwas klarstellen. Es liegt mir fern, vom bedauernswerten Einzelfall Rückschlüsse auf die Gynäkologengilde in toto zu ziehen. Ich komme aus einer Ärztefamilie. Ich weiss, dass Ärzte allgemein über einen hohen Abstraktionsgrad verfügen und abgrenzen müssen, um ihren Beruf auszuüben. Und ich zweifle im Allgemeinen nicht daran, dass Gynäkologen das genau so gut können, wie Chirurgen oder Allgemeinmediziner. Und dennoch. Ich kenne die Männer. Und wenn Sie jetzt denken, aber es gibt doch auch Urologinnen, dann möchte ich Sie fragen: Ist es das dasselbe? Wie viele Frauen kennen Sie, die regelmässig Pornographie mit männlichen Geschlechtsteilen konsumieren? Und wie viele Männer kennen Sie, die sich gerne nackte Frauen anschauen? Eben. Und da frage ich mich: Wie lässt es sich mit einer normalen männlichen Sexualität vereinbaren, wenn man den ganzen Tag Frauen zwischen die Beine zu guckt? Das muss doch so ähnlich sein, wie wenn ein Fettsüchtiger in einer Konditorei arbeitet. Oder wie für einen Koch. Die haben nach Feierabend auch keine Lust mehr, für ihre Frauen zu kochen.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich einen jungen Gynäkologen nach diesen Dingen gefragt. Warum hat er dieses Fachgebiet gewählt? Und kompromittiert ihn das nicht als Mann? Er habe, sagte er mir, sich diese Dinge im Vorfeld sehr gut überlegt und auch mit der Freundin diskutiert. Und tatsächlich brauche man als Gynäkologe vielleicht einen noch höheren Abstraktionsgrad, als in anderen Fachgebieten. Es sei ihm aber noch nie ansatzweise passiert, dass eine Situation ihn erregt hätte, obschon man durchaus auch ästhetische Dinge zu Gesicht bekomme. Vielleicht, sinnierte er weiter, weil Erotik ja eben aus anderen Quellen gespiesen werde, als aus plumper Nacktheit. Mit einer Verführungssituation aber habe man in einer Praxis gar nicht zu tun. Ganz allgemein gäbe es bei allen Ärzten Situationen, in denen eine Intimität und Nähe entstehen könne. Auch als Anästhesist oder Hausarzt müsse man sich diesen Themen stellen.

Die andere Frage ist, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Gynäkologie bis vor wenigen Jahren eine solche Männerdomäne war und, zumindest auf Führungsebene, immer noch ist. Als meine Mutter mich mit 16 zum ersten mal zum Frauenarzt schickte, wäre es für mich undenkbar gewesen, zu einem Mann zu gehen. Und zwar nicht wegen allfälligen Befürchtungen, der Gynäkologe könnte sich als Perverser herausstellen. Vielmehr konnte ich mir schlicht nicht vorstellen, mich mit gespreizten Beinen vor einen älteren Herrn zu legen, der mit einem Spekulum von der Grösse einer Grillzange an mir herumhantieren und mir danach womöglich noch väterliche Ratschläge geben würde. Nein Danke.

Ich glaube keineswegs, dass Frauen per se die besseren Gynäkologen sind. Und als ich mir in der Frauenpraxis eine Spirale einsetzen liess, fand ich es auch etwas seltsam, dass da eigens eine Frau zu Hilfe gerufen wurde, die mir dazu beruhigend den Bauch streichelte. Trotzdem möchte ich mich lieber mit einer Frau über meine Unterleibsbeschwerden unterhalten, weil die nämlich aus eigener Erfahrung weiss, wie sich das anfühlt. Dies gilt meiner Meinung nach noch mehr für die Geburtshilfe. Während meiner Schwangerschaft fand ich es erschreckend, wie technisch man an das Ganze herangeht, als ob Schwangerschaft eine schwere Krankheit sei. Auch das dürfte damit zu tun haben, dass die Geburtshilfe so lange von Männern geprägt worden war.

Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Frauenmedizin bald auch in Frauenhand ist. In den letzten zehn Jahren ist die Nachfrage nach Gynäkologinnen gestiegen und entsprechend ist der Anteil so gewachsen, dass die Männer bereits den Gender-Bonus beklagen und eine Quote fordern. (Warum machen sie das eigentlich immer nur bei den lukrativen Berufen?) Allerdings arbeiten Frauen eher in der eigenen Praxis, während die Männer in die Kliniken gehen und dort Karriere machen – so dass also die institutionalisierte Geburtshilfe nach wie vor in Männerhand ist.

Was meinen Sie? Braucht es eine Männerquote in der Gynäkologie? Und wenn Sie eine Frau sind: Gehen Sie lieber zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen?

Das weibliche Koch-Handycap

Michèle Binswanger am Dienstag den 22. November 2011
Meryl Streep dans 'Julie & Julia'

Das waren noch Zeiten, als Frauen ihre Erfüllung am Herd fanden: Meryl Streep als Julia Child in der Komödie «Julie & Julia».

Dramatische Kunde erreichen uns von der Förrlibuckstrasse, dem medialen Hauptquartier für nationalkonservative Propaganda. Es ist nicht mehr wie früher, heisst es. Denn Frauen können nicht mehr kochen. Gar nicht mehr – ausser Mutti. Nicht einmal eine anständige Pasta, die den Namen verdiene, brächten moderne Frauen mehr zustande. Geschweige denn einen Fünfgänger, wo doch diese Fähigkeit früher zur Grundausstattung der gemeinen Hausfrau gehörte.

Nun könnte man einwenden, der Autor habe wohl einfach ein bisschen Pech gehabt mit seiner Frau – aber weit gefehlt. Ihm geht es nicht um sich selbst, sondern um ein Zeichen unserer Zeit, das er sinnigerweise in einem Kebab diagnostiziert. Einen solchen nämlich habe jüngst der Kollege zum Männerabend mitgebracht und warum? Weil ihm das Essen seiner Freundin nicht mundete. Da ist er nicht allein. Die Anwesenden beginnen also zu erzählen, wie schlimm es um die Kochkünste ihrer Frauen stehe. Wie man weiss, handelt es sich nach medialen Begriffen um einen Trend, sobald mehr als zwei Individuen vom selben Phänomen berichten. Die Sachlage scheint so dramatisch, dass der Autor sie gleich zur «weiblichen Unfähigkeit zu kochen» extrapolieren muss. Eine nachgeschobene Internet-Recherche bestätigt dem Autor die vermutete Misere: Wer nach den Stichworten «Frauen» und «Kochen» google, stosse auf Heerscharen verzweifelter Männer, denen nichts anderes als Salat oder sonst Ungeniessbares aufgetischt wird. Nur bei Mutti oder allenfalls im Restaurant kriege Mann heute noch etwas Richtiges zu beissen.

Das ist wirklich zum Herzerweichen. Als hätte die Emanzipation die Männer nicht schon genug gebeutelt, holt sie jetzt zum finalen Schlag aus. Die weibliche «Verweigerungshaltung am Herd», welche der Autor diagnostiziert, trifft den Mann an seiner empfindlichsten Stelle – nicht in den Weichteilen, damit könnte man leben, sondern direkt in den Magen, wo die Liebe ja bekanntlich durchgehen soll. (Auf die Gefahr hin, dass sie dann als schönes Pfund in der Kanalisation landet, hat sich das schon mal jemand überlegt? Eine ziemlich beschissene Vorstellung.)

Nun, ich könnte hier natürlich einfach das Gegenteil behaupten. Denn ich kenne buchstäblich keine einzige Frau, die nicht zumindest eine Pasta al dente kochen kann. Keine. Dann könnte ich von den zahlreichen Freundinnen erzählen, die ganz hervorragende Köchinnen sind und dazu noch stricken und nähen und bügeln können – worunter auch Frauen unter dreissig zu finden sind. Aber das ist ja nicht der Punkt. Der Punkt ist: Warum werden solche Artikel geschrieben? Und was sagt das über die Schreiber selbst aus?

Erstens zeugt es von beeindruckender Arroganz, aufgrund der Behauptung eines Kebab-Essers und ein paar Internet-Trollen darauf zu schliessen, dass Frauen heute ganz allgemein nicht mehr kochen können.

Zweitens könnte man mit Tina Fey antworten: «We fucking don’t care if you like it.» Warum schwingen denn die im Artikel porträtierten Männer nicht selber den Kochlöffel, zumal ihre Freundinnen ja scheinbar genau so arbeitstätig sind wie sie? Vielleicht könnten sie es ja besser? Vielleicht sollten sie aber auch lieber gleich zu Mutti zurückziehen.

Aber so ist es ja gar nicht. Wir möchten natürlich immer noch, dass ihr uns mögt. Kochen ist ja das einzige häusliche Feld, zu welchem die Männer sich neuerdings herablassen, freiwilliges Engagement zu zeigen. Und wie es die männliche Art ist, haben sie daraus eine Hochleistungsdisziplin gemacht: Wer hat den längeren Kochlöffel? Wenn also die Frau ihre Pasta-Sauce anders würzt, als der Göttergatte am Herd muss sie sich stundenlange Vorträge darüber anhören, warum x sich mit y kombinieren lässt, y aber nicht mit z, wie sie es versucht hat. Und wenn Gäste zu Besuch sind, wird die Aufgabe, das Fleisch anzubraten (traditionell männlich) herumgereicht wie eine heisse Kartoffel, weil jeder weiss, dass er dem Idealmassstab niemals wird genügen können.

Aber selbst der Autor hat noch Hoffnung und sie liegt in der Familie. Was den Mamablog natürlich freut. Denn sobald die Frau geworfen hat, besinnt sie sich auf ihre kulinarischen Pflichten zurück. Wenn auch ohne Ehrgeiz, wie der Autor bedauernd feststellt. Und leider auch, ohne Grossmutter nach Rezepten zu fragen. Warum sie nicht selbst fragen? Vielleicht, weil man beim Kochlöffelvergleich mit Grossmuttern notwendigerweise einsteckt. Und wie man einsteckt, das müssen sie erst noch lernen, die Männer.

Die Work-Life-Balance-Lüge

Michèle Binswanger am Dienstag den 1. November 2011
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Muss Arbeit und Beruf unter einen Hut bringen: Tatort-Kommisarin Lindholm mit Sohn. (Bild: NDR)

Ach, wie klarsichtig Kinder doch zuweilen sein können. Jüngst belauschte ich meine, wie sie am Tisch beim «Pöpperlen» sassen, einem Spiel, bei dem es darum geht, wahre von falschen Behauptungen zu unterscheiden. Der Sohn sagte «pöpperle, pöpperle, Mama ist immer gestresst» – und beide Kinder akzeptierten das ohne weitere Diskussionen als wahre Tatsache. Ich schenkte mir einen Schnaps ein und dachte den ganzen Abend darüber nach, wie meine Work-Life-Balance so schief herauskommen konnte.

Die Frage ist aber vielleicht mehr, was denn die viel besungene Work-Life-Balance sein soll. Populär geworden in der Epoche, da die ganze Welt am Rubik-Würfel herumtüftelte, erfreut sich der Begriff heute ungebrochener Popularität. Unzählige Artikel und Ratgeber versuchen zu vermitteln, wie zwecks Stressreduktion ein Ausgleich zwischen Leben und Arbeit gefunden werden soll. Wie Familie und Erwerbsleben kompatibel und die Arbeit zwischen den Geschlechtern gerechter geteilt werden kann. Das Versprechen lautet dabei: Wenn du nur richtig jonglierst, kannst du den ersehnten Zustand absoluter Ausgeglichenheit erreichen. Es ist eine Botschaft, die uns bekannt vorkommt: Streng dich gefälligst ein bisschen mehr an, dann wirst du es auch schaffen. Aber das ist eine Lüge. Der Deal lautet ganz anders: wer mehr will, hat auch mehr Stress. Wer Familie und Beruf will, auf den wartet eine schier übermenschliche Aufgabe, der rudert in einem Boot, das Leck geschlagen hat und gleichzeitig ausgeschöpft werden muss und er tut das bis zur Erschöpfung, denn er hat keine andere Wahl. Glück hat in gewisser Hinsicht, wer seinen Job flexibel gestalten kann, denn das macht das Jonglieren einfacher. Wenn auch nicht weniger anstrengend, sondern eher mehr.

Soziologen warnen heute davor, dass flexible Familien in flexiblen Arbeitswelten sich oft ausbrennen. Dies ist beispielsweise das Ergebnis einer Untersuchung des deutschen Jugendinstituts und der Uni Chemnitz. Forscher befragten Familien aus Branchen mit besonders flexiblen Arbeitsverhältnissen nach ihren Strategien zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dabei stellten sie fest, dass die flexiblen Familien zwar äusserst kreativ sind in dieser Frage und alle es irgendwie schaffen – aber zu einem hohen Preis. Einen «bedenklichen Grad von Belastungen» hält die Studie fest und schliesst im Resumée: «Auch wenn das Vereinbarkeitsmanagement und die Organisation der täglichen Betreuung und Versorgung letztlich klappen, bleibt die Gemeinsamkeit, die Lust am Familienleben zunehmend auf der Strecke.» Mit anderen Worten, flexible Familien sind besonders gefährdet für Burn-Out.

Diesen Befund kann ich bestätigen. Die vielleicht eindrücklichste Erfahrung im neuen Leben als Familie ist ja, wie das eigene Leben mit anderen plötzlich existenziell zusammenhängt. Es gibt nicht mehr meinen Raum und meine Zeit, alles vermischt sich. Aber auch Erwerbs- und Privatleben lassen sich nicht mehr ohne weiteres separieren, denn Mutterschaft ist ja nicht etwas, was ich ablegen kann, wenn ich aus dem Haus gehe und werden die Kinder krank, bleib ich zu Hause. Umgekehrt nehme ich, wenn ich mit meine Arbeit bis um fünf nicht fertig geworden bin, die Arbeit mit nach Hause und erledige sie nach Feierabend. Das ist anstrengend, aber für die meisten Familien eine Realität, denn dank der langen Ausbildungen und späterem Berufseintritt fällt die aktivste berufliche Phase meist mit der aktiven Familienzeit zusammenfällt. Soziologen nennen diese Jahre auch Rush-Hour des Lebens.

Aber vielleicht liegt diesem Begriff auch ein grosses Missverständnis zugrunde. Vielleicht müsste man Work-Life-Balance nicht so sehr als situatives Ideal verstehen, das es uns ermöglicht, ganz entspannt alle Anforderungen der Arbeit, der Familie und die eigenen Bedürfnisse locker unter einen Hut zu bringen. Vielleicht muss man beginnen, den Begriff auf die Lebensspanne als Ganzes anzuwenden, in der die Familienphase eben nur ein kurzer Abschnitt ist. Und natürlich gerät in Stress, wer während dieser Phase auch gleich noch ein neues Familienmodell ausprobiert und sich nicht in die traditionellen Rollen schickt. Doch auf lange Sicht lohnt es sich trotzdem, auch wenn man kurzfristig aus der Balance gerät. Wenn Männer sich neben der Arbeit mehr in der Familie engagieren, gewinnen sie eine tiefere Bindung zu ihren Kindern, was später, wenn diese selbstständiger werden, zu einer stabileren Beziehung führt. Frauen, die auch als Mütter im Berufsleben bleiben, gewinnen – und zwar weil sie sich nicht ausschliesslich über Mutterschaft definieren müssen, was sich vor allem später auszahlt, wenn die Kinder ausgezogen sind. Und die Kinder gewinnen, weil die Eltern nicht in Versuchung kommen, ihre gesamte Energie in die Kinderaufzucht zu stecken, denn das ist für den Nachwuchs oft beengend und hemmt oft eine ungestörte Entwicklung zu einem Wesen, das selbstbewusst auf eigenen Beinen stehen kann.

Und wenn Ihre Kinder Sie als permanent gestresste Mutter wahrnehmen, umso besser. Dann wissen sie nämlich, was wirklich auf sie zukommen wird, wenn sie später mal eine Familie gründen wollen.

Nicht mehr ganz Hundert

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 26. Oktober 2011

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

BELGIEN EU

Den Papatag sollte es in jedem Unternehmen geben: Der grüne Politiker Carl Schlyter macht im Brüsseler Europaparlament vor, wie es geht. (Bild: Keystone)

«Skandal!», schrie der Investor an der Generalversammlung, als ihm der Geschäftsführer (ich) unterbreitete, dass er ab sofort jeden Mittwoch keine Aufträge mehr abzuwickeln gedenke, sondern Windeln. Ich zuckte mit den Schultern. Wir bestellten Solomillo mit Pfeffersauce und tranken den 2004er Matarromero Crianza. «Das ist ein Skandal», murmelte er nochmals. Dann war das Thema gegessen.

So einfach geht das. Wenn man ein eigenes Geschäft hat. Bin ich etwa deshalb in meinem Bekanntenkreis der einzige Papa, der nicht 100 Prozent arbeitet? Weil ich im eigenen Unternehmen arbeite? Dabei ist es doch ungleich schwerer, im eigenen Geschäft kürzer zu treten. Es ist das eigene Baby, das man jahrelang aufgebaut und für das man Tag und Nacht gelebt hat. Für das man an jeder Hundsverlochete bis spät Visitenkarten verteilt und billigen Fendant getrunken hat. Es ist das Herzblut, das den Unternehmer an sein Unternehmen kettet. Das können wohl nur wenige Bankangestellte von sich sagen. Was also hält sie in ihrer Bank? Was hält sie davon ab, kürzer zu treten, um zu Hause das eigene Kind aufwachsen zu sehen? Grübel, Grübel.

Der Skandal ist perfekt. Seit der Geburt unserer Tochter arbeite ich (nur) noch vier Tage die Woche. Es stimmt, dass man effizienter wird. Nur noch eine Stunde Facebook pro Tag. Aber auch, dass man die Arbeit von fünf Tagen nicht in vier Tagen erledigen kann. Und einem Unternehmer geht die Arbeit nie aus. Man kann immer noch mehr machen. Noch ein Anruf. Noch ein Mailing. Noch ein Auftrag. Noch ein Kunde. Einer geht noch, einer geht noch rein! Nicht weniger ist mehr, sondern mehr ist mehr. Mehr Kunden, mehr Aufträge, mehr Umsatz, mehr Gewinn. Mercedes. Vollgas. Weltherrschaft. Das fordert seinen Tribut. Die Liste der mehrfach verheirateten Unternehmer ist lang.

Irgendwann, wir waren schwanger, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es gibt immer noch mehr zu tun. Mehr zu arbeiten, ändert daran nichts. Im Gegenteil. Ich habe von 7 Uhr früh, okay sagen wir 9 Uhr, bis weit nach Mitternacht gearbeitet und war immer noch nicht mit allem fertig. Das Problem war nicht die Zeit, sondern der Kopf. Wenn ich weiss, dass ich fünf Tage arbeite, verteile ich die Arbeit auch auf fünf (oder sieben) Tage. Wenn ich weiss, dass ich nur vier Tage zur Verfügung habe, bin ich motiviert, fokussierter und schneller zu arbeiten, um möglichst viel in vier Tagen zu erledigen. Warum also nicht einfach einen Tag weniger arbeiten und etwas komplett anderes tun?

Und das tu ich jetzt jeden Mittwoch: eingetrockneten Rüeblibrei vom Parkett abkratzen, verkotzte Nuscheli waschen, staubsaugen, Boden feucht aufnehmen, aber vor allem mit unserer kleinen Tochter rumdödeln, ihr stundenlang beim Schlafen zusehen, ihr die Welt erklären und etwas auf der Gitarre vorspielen.

Es ist ein Skandal. Dass es den Papatag nicht in jedem Unternehmen gibt.

2_rinaldoRinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist dieses Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

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