Eine Carte Blanche von Gabriela Braun*
Bis zum bitteren Ende: In der Schweiz muss eine Frau bis zum Geburtstermin arbeiten - ausser sie lässt sich krank schreiben. (Keystone)
Sie sieht vor lauter Bauch die Füsse nicht mehr. Langes Sitzen wird zur Qual, ewiges Stehen sowieso. Das Kind drückt auf die Blase, der Rücken schmerzt. Die Rede ist von einer Frau, die sich im letzten Drittel der Schwangerschaft befindet. Die Beschwerden nehmen zu, die Nervosität vor der Geburt steigt.
Klar, dass die Frau in dieser Zeit zur Arbeit geht: Denn sie ist ja nicht krank. Bloss schwanger. Sie arbeitet weiter, wie schon die Jahre zuvor. Tipptopp und gewissenhaft. Das Arbeitspensum leicht reduziert vielleicht.
Doch wann hört sie ganz damit auf? In der Schweiz gilt: Dann, wenn sie der Arzt zu hundert Prozent krank schreibt. Das ist häufig etwa zwei Wochen vor dem Geburtstermin. Vorausgesetzt, die werdende Mutter und ihr Baby sind gesund. Sonst ist es auch schon früher. So hat es sich bei den Arztinnen und Ärzten eingespielt. Eine offzielle Frist jedoch gibt es nicht.
Das ist erstaunlich. Denn Stress schadet nachweislich dem Ungeborenen. Forschungen zeigen: Ein Fötus wird im Mutterleib von seiner Umgebung beeinflusst. Je ruhiger die werdende Mutter den Übergang der Schwangerschaft zur Geburt und der Zeit danach angehen kann, desto gesünder ist das für sie und ihr Baby. Es vermindert seelische Krankheiten im Wochenbett. Eine ruhige Zeit ohne allzuviel Stress ist vor der Geburt deshalb wichtig.
Hochschwangere in Deutschland und Österreich dürfen darum sechs, respektive acht Wochen vor dem errechneten Geburtstermin nicht mehr arbeiten. Sie befinden sich fortan im Mutterschutz. Ob diese allgemeine Regelung für alle Frauen gut ist, sei dahingestellt. Ein Vorteil aber hat sie. Die Schwangere in Deutschland muss sich niemandem erklären. Es ist für jede und jeden sonnenklar: Die Frau mit dem grossen Bauch darf nicht mehr.
In der Schweiz aber läuft das so: Jene Schwangere, die vor lauter Beschwerden und Bürostress bereits vier Wochen vor Geburt nicht mehr arbeiten will oder kann, braucht sich häufig zu rechtfertigen. «Was, du hörst schon auf?», heisst es von überall her. Und dann kommt garantiert die Story einer Bekannten, «die doch tatsächlich bis einen Tag vor der Geburt gearbeitet hat!»
Aus Angst, vor anderen als Memme dazustehen – und wohl aus übermässigem Pflichtgefühl – sparen sich einige Frauen deshalb ihre Ferien auf. Für den Fall, dass sie dem Arbeitsdruck und Tempo im Job nicht mehr gewachsen sein sollten, vom Arzt aber noch kein Zeugnis erhalten haben. So geschehen bei einer Bekannten, einer leitenden Angestellten im Marketing einer Bank. Sie konnte nicht mehr, der Arzt aber sagte, «doch, doch». Also nahm sie vier Wochen vor dem Geburtstermin ihre Ferien, um daheim erschöpft im Bett zu liegen. Das Arztzeugnis erhielt sie drei Wochen später.
Hinzu kommt: Viele Schwangere befinden sich kurz vor Geburt noch in Verhandlung mit dem Arbeitgeber. Ob der Job nach dem Mutterschaftsurlaub auch mit weniger Stellenprozent bewilligt wird, ist nicht entschieden. Der Druck auf die Angestellte ist gross. Das ist nicht eben vorteilhaft. Weder für die werdende Mutter, noch für das ungeborene Kind. Denn das soll ja, wie Studien besagen, viel vom Stress der Mutter mitbekommen.
* Gabriela Braun ist Redaktorin der Konsumentenzeitschrift «Gesundheitstipp». Sie lebt mit ihrer Familie in Erlenbach ZH.







Rinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist dieses Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.
Nina Merli war Journalistin für «Facts» und «Annabelle», arbeitete zwischenzeitlich als Kunstagentin und schreibt seit Frühling 2011 im Reporterteam von Newsnet. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Zürich und ist Mutter einer Tochter. Sie ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub.
Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich und ist zurzeit im Mutterschaftsurlaub. 

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