Leben


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Traumberuf versus Realität

Gabriela Braun am Donnerstag den 26. April 2012
Unterschiedlicher Zukunftsaussichten: Vater und Sohn an einem Training der Schweizer Fussballnationalmannschaft in Freienbach SZ im Oktober 2011. (Bild: Keystone)

Unterschiedlicher Zukunftsaussichten: Vater und Sohn an einem Training der Schweizer Fussballnationalmannschaft in Freienbach SZ im Oktober 2011. (Bild: Keystone)

Fragt man meinen Sohn nach seinem Traumberuf, ist seine Antwort Fussballspieler. Wenn er mal gross ist, will er am liebsten beim FCZ spielen, doch bei den Young Boys «wäre auch ok». Wie so viele andere Buben in seinem Alter geht er regelmässig ins Fussballtraining. In der restlichen Freizeit spielt er mit Freunden Messi, Ronaldo und Djuric. Sie üben Flanken, Tricklis und den Torjubel ohne Ende.

Es ist süss wie er davon träumt, in ein paar Jahren an Spielen hoffentlich nicht mehr bloss vor ein paar Mamis und Papis zu kicken. Sondern im Letzigrund. Oder dem Stade de Suisse. «Klingt toll», sage ich ihm wenn er wieder einmal davon spricht. Dann müsse er weiterhin fleissig trainieren und immer gut dem Coach zuhören.

Dabei verschweige ich geflissentlich, dass ich ja eigentlich nicht wirklich damit rechne, dass er tatsächlich Profi-Fussballer wird. Natürlich würde ich ihn unterstützen, wenn er das Potenzial dazu haben sollte und er das wirklich will. Doch ich gehe davon aus, es handelt sich einfach um einen jener Traumberufe, die man als Kind eben hat. Ich kenne persönlich niemanden, der seinen Traumberuf auch tatsächlich umgesetzt hat. Der «Pilot» wurde Chemiker, die «Schauspielerin» Logopädin, der «Tierarzt» Journalist. Irgendwann hatten sich die Wunschvorstellungen in Luft aufgelöst. Die Kinder entwickelten andere Interessen oder hatten dafür zu wenig Talent.

Trotzdem frage ich mich, wie lange Eltern ihre Kinder punkto Traumberuf träumen lassen sollen. So lange wie nur möglich, um das Kind Kind sein zu lassen? Oder weniger lang, um es an realistischere Ziele heranzuführen? Anders gefragt: Wann sollten Eltern schulische oder berufliche Ambitionen für ihr Kind entwickeln?

Vor ein paar Wochen habe ich meinem Sohn gegenüber zum ersten Mal das Gymnasium erwähnt – und dass das vielleicht auch ein Weg für ihn sei. Es würden danach ganz viele Berufe möglich sein. Wir hatten vorher über ältere Kinder von Bekannten geredet, welche die Prüfung dafür absolviert hatten. Mein Sohn schaute mich leicht irritiert an. «Aber ich will doch Fussballer werden, das weisst du.» Stimmt. Er hat ja recht – und er ist erst knapp zehn, denke ich.

Je älter das Kind wird, desto mehr merkt es wohl sowieso, was es gerne tut und wo die eigenen Stärken liegen. Das Kind findet Schritt für Schritt jenen Weg, der richtig für ihn ist. Die Lehrer und wir Eltern können es dann in gegebenem Masse unterstützen. Jetzt schon zu versuchen irgendwelche Weichen zu stellen, ist wohl übertrieben.

Beim Fussballspieler ergibt sich die Sache sowieso von selbst: Entweder der Junge ist gut genug um weiterzukommen – oder eben nicht. Sollte das mit dem Fussballprofi nicht hinhauen, hat mein Sohn seit Kurzem eine zweite Idee, was er mal werden möchte: Koch. Er glaubt, er könne dann ganz viele Pizze und Fajitas machen. Die mag er am liebsten.

gabi15x150Gabriela Braun ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp», freie Journalistin und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Erlenbach ZH.

Die Mommywars

Mamablog-Redaktion am Freitag den 20. April 2012

Eine Carte Blanche von Nicole Althaus und Michèle Binswanger.

Mamablog

Wer sich als Frau gegen die traditionelle Definition des Weiblichen stemmt, wird angegriffen: Die Autorinnen Nicole Althaus und Michèle Binswanger. (Bild: Reto Oeschger)

Wer sich in der Öffentlichkeit exponiert, bietet Angriffsfläche – das gilt für beide Geschlechter. Frauen müssen jedoch zusätzlich in Kauf nehmen, dass die Kritik fast immer auch auf ihre Person, ihre Weiblichkeit, ihre Attraktivität oder ihre Intelligenz zielt. Diese Art der Kritik hat eine lange Tradition. Bereits die ersten Frauenrechtlerinnen, die im Zuge der Französischen Revolution gleiche Rechte beanspruchten, wurden von den damaligen Karikaturisten als Megären verspottet. Wer sich als Frau gegen die traditionelle Definition des Weiblichen stemmt und Geschlechterhierarchien in Frage stellt, wird als hässlich und unweiblich beschimpft. Und machthungrige Frauen sowieso.

In ihrem einflussreichen Buch «Backlash» aus dem Jahr 1991 beschrieb die US-Journalistin Susan Faludi, wie in der konservativen Reagan-Ära der Achtzigerjahre misogyne Stereotypen gegen den Feminismus in Stellung gebracht wurden: Die Medien brachten Horrorstorys über beruflich erfolgreiche Frauen, die unweigerlich an Burn-out, unfreiwilliger Kinder- und Ehelosigkeit, an Depressionen, Alkoholismus, Haarausfall oder gleich an allem zusammen litten. Heute, da eine grosse Mehrheit der Frauen berufstätig ist, hat sich der Fokus dieser Diskussion hin zu den Müttern verschoben. Es scheint, als hätten sich die ganzen konservativen Vorstellungen darüber, was eine «richtige» Frau ist und wie sie sich benehmen sollte, in unserem Ideal der guten Mutter abgelagert und, vom Feminismus unbeleckt, die Jahrzehnte überdauert.

Noch nie gingen die Vorstellungen darüber, wie eine gute Mutter zu sein hat, so weit auseinander wie heute. Noch nie wurde heftiger darüber diskutiert. Und noch nie haben Mütter sich dabei schlechter gefühlt: 425′000 Treffer bekommt, wer bei Google «Mutter und schlechtes Gewissen» eingibt. 1,5 Millionen Treffer, wer dasselbe auf Englisch eintippt. Eine gute Mutter hat nicht nur ihre Ansprüche, Bedürfnisse und Interessen ganz auf ihre Kinder auszurichten, sondern sie muss dies auch gern tun und volle Befriedigung darin finden. Aber selbst Mütter, die diesem Ideal zu entsprechen versuchen, sind vor Kritik nicht gefeit. Sie ist dann vielleicht eine gute Mutter, aber eine schlechte Frau, weil sie sich freiwillig in ein Abhängigkeitsverhältnis hineinbegeben hat und dem Mann die Rolle des Alleinernährers aufbürdet, der im Scheidungsfall für sie und die Kinder sorgen muss. Im englischen Sprachraum hat sich für den Begriff Zickenkrieg Mommywar, Mamikrieg, durchgesetzt.

Seit kurzem klagen auch Männer öffentlich, dass sie unter einem starken gesellschaftlichen Druck stehen: Auch sie werden heute unablässig dazu aufgefordert, ihren Körper zu trainieren, die richtigen Anzüge zu tragen, Karriere zu machen und trotzdem ein leidenschaftlicher Ehemann zu bleiben und ein guter Vater zu werden. Und auch ihnen ist nicht klar, wie sie das alles unter einen Hut bringen sollen. Auch Männer haben schon seit je darunter gelitten, die finanzielle Alleinverantwortung für ihre Familie zu tragen. Nur reden sie kaum darüber. Väter führen keinen Krieg darum, was ein guter Vater ist.

Gleichberechtigung zu leben ist für beide Geschlechter schwierig. Doch im Umgang mit den neuen gesellschaftlichen Forderungen könnten Männer und Frauen durchaus voneinander
lernen: Wenn wir uns darauf einigen könnten, dass Männlichkeit nicht von der Höhe des Gehaltsschecks abhängt und Weiblichkeit sich nicht in der Mutterrolle erschöpft, sondern dass Frauen wie Männer gleichermassen fähig sind, für ihre Familie Geld zu verdienen und für ein Kind zu sorgen und es zu erziehen, wären wir schon einen grossen Schritt weiter.

Macho MamasDies ist ein Ausschnitt aus dem neuen Buch von Nicole Althaus und Michèle Binswanger: «Macho-Mamas. Warum Mütter im Job mehr wollen sollen». Nagel & Kimche Verlag, Zürich. 176 Seiten.

Wenn Baby ein neues Herz bekommt

Gabriela Braun am Donnerstag den 19. April 2012
Der Patient: Dieses Kleinkind wurde im Dezember 2011 in Zürich operiert. (Bilder: Keystone)

Der Patient: Dieses Kleinkind wurde im Dezember 2011 in Zürich operiert. (Bilder: Keystone)

Während Monaten schwebt das Baby zwischen Leben und Tod. Es ist mit einer kranken Herzmuskulatur zur Welt gekommen. Weder Medikamente noch ein Kunstherz können ihm helfen. Die einzige Möglichkeit nicht zu sterben, ist allenfalls ein Spenderherz.

Als das Baby acht Monate alt ist, ergibt sich die Gelegenheit. Ein Team um Starchirurg René Prêtre implantiert dem Baby das gesunde Herz einer Zweijährigen, die kurz zuvor bei einem Unfall gestorben war. Die Herz-Operation dauert sieben Stunden und ist überaus riskant. Erst einmal zuvor hatte man hierzulande einem unter einjährigen Kind ein fremdes Herz eingesetzt.

Das geschah vor ein paar Monaten. Die NZZ berichtete vor ein paar Tagen darüber.

Der Chirurg: René Prêtre vor der landesweit zweiten Herztransplantation an einem unter Einjährigen.

Der Chirurg: René Prêtre vor der landesweit zweiten Herztransplantation an einem unter Einjährigen.

Wahnsinn, nun gibt es auch Herztransplantationen bei Babys, ist mein erster Gedanke dazu. Der zweite dreht sich sogleich um die betroffenen Eltern: Unglaublich, was diese durchzustehen hatten – und noch immer haben. Aber auch, welche existentiellen Entscheidungen sie treffen mussten. Für sich und ihr Kind.

Die Eltern mussten abwägen zwischen einem allfälligen Leben, dem sicheren Tod und den Schattierungen dazwischen. Sollten sie es als Schicksal annehmen, dass ihr Mädchen von Natur aus nicht zum Überleben gemacht war? Oder es auf die Liste der todkranken Organempfänger setzen und hoffen, dass ein passendes Herz das Baby retten kann? Und wenn das klappt: Wie wird das Leben der Kleinen danach aussehen?

Sieben Stunden volle Konzentration: Prêtre und sein Team bei der seltenen Transplatation.

Sieben Stunden volle Konzentration: Prêtre und sein Team bei der seltenen Transplatation.

Denn klar ist: Auch mit dem neuen Herzen wird das Mädchen nie ein Leben wie gesunde Kinder führen. Es ist auf einen Medikamentencocktail angewiesen und wird immer Patient sein. Zurzeit erhält das Kind die Medikamente über eine Magensonde und ist erstmals seit Monaten wieder daheim. Doch allein eine Infektion könnte für das Kind lebensbedrohlich sein. Wie sich das Leben des Mädchens entwickelt, kann man nicht vorhersagen. In etwa zwanzig Jahren wird die junge Frau vielleicht abermals ein neues Herz benötigen.

Die Eltern hatten sich offenbar mit dem Entscheid zur Transplantation schwer getan. Sie hoffen nun, dass dieser auch im Sinne des Kindes war. Sie sind froh, konnten die Ärzte das Leben ihrer Tochter im letzten Moment retten. Doch gleichzeitig fragen sie sich bang: Was, wenn es dem Mädchen trotz lebensrettender Herz-OP noch jahrelang gesundheitlich schlecht geht? Wird ihr Kind die Eltern am Ende dafür verantwortlich machen?

Neues Leben: Das Spenderherz gehörte einem zweijährigen Kind, das nach einem Unfall verstarb.

Neues Leben: Das Spenderherz gehörte einem zweijährigen Kind, das nach einem Unfall verstarb.

Die Gedanken sind nachvollziehbar. Und man kann sich fragen, ob tatsächlich alles, was medizinisch machbar ist, auch gemacht werden muss. Doch ich wage zu behaupten, dass diese Eltern wohl so gehandelt haben, wie es die meisten tun würden, wenn das Leben des eigenen Kindes an einem seidenen Faden hängt. Sie wollten es retten, mit allen möglichen Mitteln. Es war das einzige, das sie für ihr Baby tun konnten. Sie wollten es nicht einfach aufgeben.

Also entschieden sie sich, bis zum Letzten zu gehen: Die medizinischen Möglichkeiten auszureizen – und zu hoffen. Nicht darauf, dass das Schicksal einem anderen Kind schlecht gesinnt ist, und so ein Herz «frei» wird. Sondern darauf, dass für das eigene Kind die Tür zum Leben einen Spalt weit aufgeht.

gabi15x150Gabriela Braun ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp», freie Journalistin und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Erlenbach ZH.

Mangel in der Provinz

Susanne Taverna am Sonntag den 15. April 2012

Mit diesem Beitrag begrüssen wir Susanne Taverna im Mamablog willkommen. Sie vertritt Jeannette Kuster, die im Mutterschaftsurlaub ist.

Glück im Unglück: Dieser Patient hat einen Kinderarzt gefunden. (Bild: Keystone)

Glück im Unglück: Dieser Patient hat einen Kinderarzt gefunden. (Bild: Keystone)

Von wegen in der Provinz ist alles besser. In Chur etwa, das für gewisse Städter schon als tiefste Provinz gilt, herrscht Kinderärzte-Mangel vor. Gerade mal acht Kinderärzte arbeiten hier in den sechs vorhanden Praxen, bei knapp 37′000 Einwohnern.

Grundsätzlich ist es so, dass das Personal im Spital einer Frau nach der Geburt jeweils ziemlich schnell die Frage stellt: «Haben Sie schon einen Kinderarzt gefunden?» Bei einer negativen Antwort empfehlen sie, sich sofort hinter das Telefon zu klemmen und einen solchen zu organisieren. Viele der Kinderärzte haben bereits so viele Patienten, dass sie keine neuen mehr annehmen. So werden die frischgebackenen Eltern des Öfteren auf einen Telefonmarathon geschickt, um für ihr Neugeborenes einen Kinderarzt zu finden.

Wer sich nicht bereits vor der Geburt angemeldet hat, kann froh sein, wenn er noch einen Platz findet. Ein Bekannter hat ziemlich entnervt nach etlichen Absagen, die er als frohlockender Neo-Vater als sehr niederschmetternd empfand, schliesslich seinen ehemaligen Kinderarzt angefragt, der dann den Sohnemann unter seine Fittiche genommen hat. Andere gehen mit ihren Babies zum Hausarzt und wer wirklich keine Lösung findet, pilgert halt immer mal wieder in die Notaufnahme des Spitals.

Weshalb es in den Randregionen einen akuten Kinderärzte-Mangel gibt, ist schnell erklärt. So erzählte beispielsweise unser Kinderarzt beim ersten Besuch, dass er in den letzten Jahren drei Kinderärzte ausgebildet hat. Diesen jedoch war nach dem Erlangen des Doktortitels Chur dann eben wirklich zu provinziell. Es hat sie in die grossen Zentren zurück gezogen, wo alles nah und einfach ist. Dem Reiz der grossen Städte scheinen wir hier nichts entgegen setzen zu können, obwohl die Natur so nah ist und der Stress meist fern.

Natürlich ist das nicht nur ein Problem bei den Kinderärzten, aber in diesem Bereich ist es derzeit ziemlich akut. Zumal im vergangenen Jahr so viele Babys wie schon lange nicht mehr auf die Welt gekommen sind und natürlich diese alle auch ärztlich versorgt sein sollen.

Gibt es denn eine Möglichkeit, die Provinz für Kinderärzte spannend zu machen? Kinder hätte es ja genügend, wie bereits bemerkt, gesunde und weniger gesunde, das Arbeitsfeld ist bestimmt gleich spannend wie andernorts auch. Keine Möglichkeiten für eine Attraktivitätssteigerung in diesem Bereich. Die Wohnungen sind günstiger, die Lebensqualität ist hoch, aber näher ans Mittelland ran kommen wir nicht. Ein Halbstundentakt der SBB von und nach Chur wäre vielleicht noch eine Variante, aber auch dann bleibt die Entfernung bestehen.

Vielleicht müssten wir auch den Einsatz in den Bergen als «Entwicklungshilfe» verkaufen, das würde eventuell den einen oder anderen Abenteurer in unsere Gefilde bringen. Aber dem wäre dann das alles wohl schon wieder zu städtisch. Eine Lösung scheint inexistent, es sei denn, es herrscht ein Überangebot im Unterland, und die Ärzte werden in die Randregionen gedrängt. Für die Bewohner derselben wäre das eine Riesenchance, vielleicht für den einen oder anderen Kinderarzt nach anfänglichem Hadern ebenfalls.

Susanne TavernaSusanne Taverna ist Dienstchefin beim «Bündner Tagblatt» und Mutter eines acht Monate alten Sohnes. Sie lebt mit ihrer Familie in Chur.

Geschätzte Leserinnen und Leser

Mamablog-Redaktion am Samstag den 14. April 2012

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