Leben


Mamablog-Redaktion am Freitag den 25. Mai 2012

Qualität in der Kinderbetreuung – oder wie Kinder die Welt entdecken

Eine Carte Blanche von Miriam Wetter*.

Kleine Kinder sind wahre Lernmaschinen: Zwei Mädchen basteln in einem Hort. (Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Haben Sie kürzlich einem Krabbelkind zugeschaut, wie es versucht, sich an einem Stuhl hochzuziehen? Oder einem Knirps, der aus Klötzen einen Turm baut? Oder einer Gruppe von Kleinkindern, die gemeinsam Wasser in verschiedene Gefässe schütten? Ja, kleine Kinder versuchen und probieren: Sie strahlen vor Stolz, wenn etwas gelingt und werden ziemlich wütend, wenn’s nicht klappt. Sie wollen die Welt entdecken und tun das unter Einsatz von viel Willen und mit all ihren Sinnen.

Gestern haben das Netzwerk Kinderbetreuung und die Schweizerische UNESCO-Kommission den Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung lanciert. Er ist das erste Schweizer Referenzdokument für die pädagogische Begleitung von kleinen Kindern. Der Orientierungsrahmen zeigt, wie kleine Kinder sich entwickeln und lernen – ohne unterrichtet zu werden. Er zeigt auch, wie kleine Kinder sich ein Bild der Welt machen und herausfinden, welche Rolle sie in dieser Welt spielen. Der Orientierungsrahmen hält fest, was das für uns Erwachsene bedeutet. Insbesondere in Kitas, Spielgruppen und Tagesfamilien. Aber eigentlich überall. Dabei wird klar: Es braucht keine Verschulung der ersten Lebensjahre, aber auch keine Discount-Kinderkrippen. Sondern eine Umgebung und einen Umgang mit Kindern, um ihnen Raum zu geben: Raum für ihren natürlichen Drang, sich die Welt anzueignen und darin eine für sie passende Rolle zu spielen.

Diese natürliche Form des frühkindlichen Lernens rückt in den Fokus der öffentlichen Debatte. Und das ist gut so. Denn die Wissenschaft zeigt deutlich, dass die Erfahrungen und Erlebnisse der kleinen Kinder eine wichtige Basis für all das danach sind. Die ersten Lebensjahre bestimmen nicht bereits den Lebensweg– aber sie stellen Weichen. Die Reaktionen, die ein Kind auf seine Entdeckungen, seinen Forscherdrang und seine Fragen erhält, prägen sein Bild von sich selber und der Welt.

Jedes Kind lernt unablässig. Es will greifen, sitzen, stehen, hüpfen, laufen, reden, singen lernen. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten zwar und auf ganz verschiedene Art und Weise. Aber alle Kinder sind hochtourige Lerner. Sie eignen sich die Welt an, angespornt von ihrer Neugier. Wie sie das tun, hängt von ihren Veranlagungen ab. Aber auch von der Umgebung, in der sie aufwachsen. Je besser es uns Erwachsenen gelingt, den Kindern einen Raum zu schaffen, der ihre Entwicklung unterstützt, desto besser für die Kinder. Diesen Raum schaffen wir zu Hause, in der Krippe, bei der Tagesmutter und in der Spielgruppe. Kinder müssen sich wohl und aufgehoben fühlen. Sie haben das Recht auf eine Umgebung und auf Erwachsene, die sich ihnen zuwenden und ihrem Lern- und Entwicklungseifer Nahrung geben. Ob Geschichten erzählen, Klettertürme erobern oder Legoburgen bauen:  Beim Spielen mit andern Kinder und im Austausch mit uns Erwachsenen passiert’s. Die Entwicklung, das Lernen, das Entdecken der Welt.

Werfen Sie einen Blick in unseren Orientierungsrahmen und sagen Sie uns, was Sie denken! www.orientierungsrahmen.ch

mbWetter150*Miriam Wetter ist Politologin, Geschäftsführerin des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz, Mutter von zwei Buben und Präsidentin eines Trägervereins einer Kita.

Gabriela Braun am Donnerstag den 24. Mai 2012

Kinderfreies Wochenende – und garantiert krank!

Mamablog

Die Kinder sind bei den Grosseltern und die Eltern landen im Bett. Nur nicht so wie erhofft: Eine Frau liegt mit Fieber darnieder. (Bild: Flickr/Perfecto Insecto)

Ein paar Mal im Jahr schicken wir die Kinder zu den Grosseltern oder zur Gotte für ein Wochenende oder länger. Dann haben wir Zeit für uns allein. Zeit zu Zweit. Sturmfreie Bude! Bloss der Gedanke daran ist schon sehr aufregend: Wir freuen uns jeweils sehr darauf.

Endlich können wir wieder mal tun und lassen, worauf allein WIR Lust haben: ausschlafen, rumhängen, ausgehn. Wir besuchen in Ruhe eine Kunstausstellung. Gehen stundenlang spazieren. Essen in Restaurants mit exotischen Küchen: Indisch! Libanesisch! Japanisch! Egal was: bloss KEINE Teigwaren und KEINE Pizza! Danach ins Kino, zum Theater, an ein Konzert, in eine Bar, einen Club. Der Abend soll rocken. Vielleicht hat es um diese Uhrzeit noch eine S-Bahn. Wenn nicht, dann halt in ein Taxi und zurück nach Hause. Tja. Und daheim natürlich auch wieder nur wir zwei.

So etwa malen wir uns das aus. Doch es kommt meist anders: Denn einer von uns beiden wird krank.

Es ist der Zeit-zu-Zweit-Effekt oder halt einfach Murphys Law. Insgeheim befürchten wir ihn bereits, wenn wir Wochen oder Monate vorher unser freies Wochenende planen – beziehungsweise die Kinderbetreuung organisieren.

Damit sind wir nicht allein. Es fällt mir auf, dass zahlreiche andere Elternpaare auch davon betroffen sind. Ich kenne zwar keine Statisitk darüber – doch in meinem Freundeskreis gilt es fast schon als Regel. Kaum übergeben die Eltern ihre Kinder mit Sack und Pack den Grosseltern… beginnts. Das Paar liegt am lang ersehnten Wochenende darnieder – einfach nicht auf jene Art, wie es sich erhofft hatte.

Danach erzählen sie dann leicht zerknirscht, dass die Tage zwar durchaus schön, doch nicht sonderlich romantisch gewesen seien. Man habe sich vor allem gegenseitig gehegt und gepflegt. Sich in der Apotheke mit Medis eingedeckt – und ja: auch mit einer Maxi-Packung Tampons. Sie hätten aber ausschlafen, lange frühstücken und sich unterhalten können ohne dauernd unterbrochen zu werden. Immerhin!

Aber was ist denn eigentlich los mit uns? Wir – damit meine ich uns und all die anderen Eltern – sind wohl einfach zu wenig locker und entspannt. Wir hangeln uns jeweils zu «unserem» Wochenende. Schrauben die Erwartungshaltung hoch bis ins Unermessliche. Wollen auch das gemeinsame Wochenende auf der Überholspur verbringen, statt endlich mal zur Ruhe zu kommen. Doch die viele Arbeit, die tausend Verpflichtungen im Alltag und das über Wochen aufgebaute Schlafmanko haben es in sich: Kaum müssen die Eltern mal nicht mehr etwas, merken sie, wie erschöpft und ausgelaugt sie eigentlich sind.

Doch das nächste Wochenende ganz ohne Kinder kommt bestimmt. Bis dahin wollen wir uns auch mal zwischendurch bewusst Zeit nehmen füreinander – und uns vor allem mehr Erholung gönnen. Zudem haben wir uns fest vorgenommen, uns rein gar nichts vorzunehmen. Wir tun so, als wäre «unser» Wochenende nichts Besonderes. Vielleicht schaffen wir es ja so, locker zu bleiben.

Was ist mit euch? Wie lautet euer Rezept an kinderfreien Wochenenden gesund zu bleiben?

gabi15x150Gabriela Braun ist Redaktorin bei der Zeitschrift «Gesundheitstipp», freie Journalistin und Mutter eines neunjährigen Sohnes. Sie lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Erlenbach ZH.

Michael Marti am Mittwoch den 23. Mai 2012

Lightkultur

Mamablog1

Wovon Generationen von Frauen, insbesondere Feministinnen, geträumt haben: Alessandra Ambrosio vor ihrer Kaiserschnitt-Niederkunft im achten Monat auf einem via Twitter selbst verbreiteten Foto.

Zugegeben, ich war noch nie im achten Monat schwanger. Und Model bin ich auch nicht. Trotzdem erlaube ich mir, die etwas spezielle Niederkunft des brasilianischen Mannequins Alessandra Ambrosio als Anlass zu nehmen, um einige Fragen aufzuwerfen im heutigen Papablog.

Alessandra Ambrosio, die unter anderem regelmässig Unterwäsche des Labels Victoria’s Secret auf dem Laufsteg präsentiert, machte Anfang Mai damit Schlagzeilen, dass sie mit einem geplanten Kaiserschnitt im achten Schwangerschaftsmonat ihr zweites Kind, Sohnemann Noah Phönix, zur Welt brachte.

Schwangerschaften dauern in der Regel neun Monate, so viel ist auch mir bekannt. Ambrosio allerdings ersparte sich die vier letzten Wochen – aus «ästhetischen Gründen», wie in der Presse zu lesen war. Denn dank dem frühzeitigen Kaiserschnitt wird die finale extreme Dehnung der Bauchdecke verhindert und so bilden sich am Mutterbody nicht nur weniger Schwangerschaftsstreifen, vielmehr ist Mama auch wieder ganz fix dünn als wie zuvor.

Nun ist Ambrosio nicht die erste Frau, die sich beim Gynäkologen eine Frühgeburt bestellte, um möglichst früh, wieder ins Berufsleben einzusteigen (Originalton Ambrosio: «Ich habe meinem Manager gesagt: Ich weiss, ich habe einen Job zu erledigen, also nehmt die Aufträge einfach an»). Vielmehr handelt es sich bei diesem zu frühen Niederkommen um einen Trend, wie ich letzthin im «Blick» lesen durfte. Berufstätige Prominenten-Mamas wie Angelina Jolie, Nicole Kidman, aber auch Ambrosios «Victoria’s Secret»-Kollegin Miranda Kerr liessen ihren Nachwuchs aus ästhetischen Gründen früher von Chirurgen herausschnipseln.

«Too posh to push», zu schick, um zu pressen, nennt man diese Frühgeburten per Kaiserschnitt auch, und es ist klar, dass dies nicht überall gut ankommt. Gerade Frauen sind es, welche in einschlägigen Foren diese Light-Mamas anklagen, die sich eine wohl terminierte Geburt per Sectio caesarea leisten. Verantwortungslos gegenüber dem Kind sei das. Beängstigend. Egoistisch. Eine «grobe Form der Kindsmisshandlung».

Aber weshalb eigentlich regen sich die auf?

In diesem Geschichtchen von Alessandra Ambrosio kommt doch alles auf geradezu märchenhafte Weise zusammen, was sich Frauen, Feministinnen besonders, während Generationen gewünscht haben: Eine Frau ist Mutter und erfolgreiche Geschäftsfrau in einem; sie ist dermassen selbstbestimmt, dass sie selbst den Termin ihrer Niederkunft ganz den eigenen Bedürfnissen entsprechenden festlegen kann. Und die Männer, in diesem Fall hochbezahlte Mediziner, helfen ihr nach Kräften dabei. Es gibt auch keinen Karriereknick im Curriculum des zweifachen Mamis Alessandra Ambrosio – im Gegenteil: Sie nutzt ihre Schwangerschaften und den jeweils rasanten Wiedereinstieg souverän zur Selbstvermarktung und Marktsteigerung. Und jetzt mal ehrlich: So toll finden wir Papas Schwangerschaftsstreifen nun auch nicht, dass wir gegen eine frühzeitige Kaiserschnittgeburt substanziell etwas einzuwenden hätten.

Nun gut, einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache womöglich. Ob der mit dem Chirurgenskalpell ans Licht der Welt beförderte Noah Phönix es vorgezogen hätte, noch ein paar Wochen länger in seiner Mama drin zu bleiben, um plantschend in Fruchtwasser seine letzte embryonale Entwicklungsphase abzuschliessen, dies weiss man leider nicht. Zu dumm, können Neugeborene nicht reden.

MICHAEL-MARTI_100Michael Marti, 45, ist Stellvertretender Chefredaktor von Newsnet und Vater von zwei Töchtern. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Andrea Fischer am Dienstag den 22. Mai 2012

Ich bin auch eine Mom, oder?

Neu am Kiosk erhältlich: «Brigitte Mom». Ein todschickes Heftchen extra für die neue Spezies: Mütter, die auf keinen Fall mütterig sind, auf Glam-Deutsch «Moms» genannt. Diese sozusagen neu erfundene Kategorie Mensch ist fröhlich, selbstbewusst, trendig. Und hat Geld. Darum erfindet man für sie ganz viele Sachen, die sie dann kaufen kann, damit sie noch toller ist und sich noch besser als etwas ganz Eigenes, Erstrebenswertes fühlen kann.
Aus übermüdeten, underfuckten Hausfrauen oder Doppeltbelasteten werden mit ein paar Kniffchen «Moms». Und das geht so: Man nimmt das Brigitte-Heft mit dem Motto «Du bist mein Ein, aber nicht mein Alles» (nicht von mir erfunden, ich schwör‘s), liest es gründlich und betet nach.
Vorne drauf klebt zwar kein Freundschaftsarmband oder ein Gratisshampoo, nein, aber man kann eine Haushälterin für ein ganzes Jahr gewinnen, zärtlich als «Perle» bezeichnet. Auch im Editorial steht Ermutigendes: Vor allem der Satz: «Lebe lieber unperfekt.» Yess! Mein Heft! Verstanden und beschwingt blättere ich weiter und will endlich lernen, wie man edel eine unperfekte Mutter ist. Wie man das auf unedel macht, weiss ich ja schon.
Da tanzen schöne Alleinerziehende über die ersten Seiten und sagen, warum es ohne Ehemann so sexy ist. Ok. Weiter. Auf Seite 21 kommt dann eine rosa Seife in Pistolenform, für nur 15 Euro, damit Jungs auch gern ihre Hände waschen. So. Dann hats wieder ein paar sehr schöne Schöne, und noch ein bisschen mehr Werbung, auch sehr schön. Dann ein paar süsse Geschichten rund um alles, was man Spannendes erlebt als Mom von der Adoption bis zum Treppensturz. Interessant.
Dann meine Lieblingspassage: Frauen daheim und bei der Arbeit. Sieht eigentlich beides gleich aus. Zu Hause im Seidenensemble, im Atelier mit Leggins (von Hugo Boss). Bei der Künstlerin daheim hat es sogar drei Spielsachen am Boden! Ich bin glücklich. Ich habe das unperfekte Momentum gefunden. Wie auf den Kinderseiten der Brigitte für normale Frauen, die meine Nicht-Mom-Mutter früher gelesen hat: «Wir haben auf diesen Seiten eine Maus für dich versteckt, findest du sie?» Neu ist es eine Unperfektheit, ein Mäkelchen, das man suchen darf.
In der Mitte des Heftes hat es dann sogar noch mehr davon: Zwischen Shoppingtipps für Stimmungs-Tees, einem Designerbreilöffel und einem schön grossen Familienauto verstecken sich die berührende Reportage über eine Mutter im Knast und ein Psychobericht zur Sexflaute nach der Geburt. Aufgefangen werden diese Ausrutscher ins wahre Leben mit einem Inserat für eine Crème, die den Bauch flach und straff macht.
Nun weiss ich also, wie aus mir normalen Mutter eine Mom wird und was ich dazu tragen und posten muss. Und irgendwie kommt mir die Sache bekannt vor. Als es vor Jahren endlich salonfähig wurde, schwul zu sein, wurde aus einer Lebensform auch plötzlich ein Lifestyle kreiert, «Gay», zumindest in den Städten. Ebenfalls fröhlich, selbstbewusst, trendig und mit Geld. So schick, dass plötzlich halb Zürich so tat als wäre es gay. Dagegen gäbe es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, es hat nur nichts mit der Realität zu tun. Auch nicht mit jener der meisten Homosexuellen.
Ja, es stimmt natürlich, man kann jetzt empört aufbegehren, denn Frauen wurden für ihre Mutterschaft ja nicht vom Gesetz verfolgt und verfemt wie die Homosexuellen für ihren Lebensentwurf. Wenigstens nicht, wenn sich ein Mann vor Gott und Pfarrer zu ihr bekannte. Sie wurden nur hinter den Herd gestellt und für blöd erklärt.
Aber es geht in der Mom-Gay-Sache ja auch nicht darum, wer wann wie ungerecht behandelt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte, sondern darum, dass ich keine Lust habe, mich lächelnd in eine Schublade zu setzen mit all den Dingen zusammen, die für mich als neue Spezies erfunden wurden, nur damit ich sie kaufen kann. So wenig, wie die meisten Homosexuellen, Karrierefrauen, Singles, Atheisten, Teenager, Hausmänner, Fischzüchterinnen und Hobbyköche sich in ihre setzen mögen. Hoffentlich.

Mütter sind out, jetzt kommen die «Moms»: Gwen Stefani (l.), ihr Sohn Kingston und Mirka Federer während des Tennis-Turniers von Indian Wells, 16. März 2012. (Reuters)

Neu am Kiosk erhältlich: «Brigitte Mom». Ein todschickes Heftchen extra für die neue Spezies: Mütter, die auf keinen Fall mütterig sind, auf Glam-Deutsch «Moms» genannt. Diese sozusagen neu erfundene Kategorie Mensch ist fröhlich, selbstbewusst, trendig. Und hat Geld. Darum erfindet man für sie ganz viele Sachen, die sie dann kaufen kann, damit sie noch toller ist und sich noch besser als etwas ganz Eigenes, Erstrebenswertes fühlen kann.

Aus übermüdeten, underfuckten Hausfrauen oder Doppeltbelasteten werden mit ein paar Kniffchen «Moms». Und das geht so: Man nimmt das «Brigitte»-Heft mit dem Motto «Du bist mein Ein, aber nicht mein Alles» (nicht von mir erfunden, ich schwör‘s), liest es gründlich und betet nach.

MAMABLOG-BRIGITTE-MOM

Aus underfuckten Hausfrauen werden «Moms»: «Brigitte Mom».

Vorne drauf klebt zwar kein Freundschaftsarmband oder ein Gratisshampoo, nein, aber man kann eine Haushälterin für ein ganzes Jahr gewinnen, zärtlich als «Perle» bezeichnet. Auch im Editorial steht Ermutigendes: Vor allem der Satz: «Lebe lieber unperfekt.» Yess! Mein Heft! Verstanden und beschwingt blättere ich weiter und will endlich lernen, wie man edel eine unperfekte Mutter ist. Wie man das auf unedel macht, weiss ich ja schon.

Da tanzen schöne Alleinerziehende über die ersten Seiten und sagen, warum es ohne Ehemann so sexy ist. Ok. Weiter. Auf Seite 21 kommt dann eine rosa Seife in Pistolenform, für nur 15 Euro, damit Jungs auch gern ihre Hände waschen. So. Dann hats wieder ein paar sehr schöne Schöne, und noch ein bisschen mehr Werbung, auch sehr schön. Dann ein paar süsse Geschichten rund um alles, was man Spannendes erlebt als Mom von der Adoption bis zum Treppensturz. Interessant.

Dann meine Lieblingspassage: Frauen daheim und bei der Arbeit. Sieht eigentlich beides gleich aus. Zu Hause im Seidenensemble, im Atelier mit Leggins (von Hugo Boss). Bei der Künstlerin daheim hat es sogar drei Spielsachen am Boden! Ich bin glücklich. Ich habe das unperfekte Momentum gefunden. Wie auf den Kinderseiten der «Brigitte» für normale Frauen, die meine Nicht-Mom-Mutter früher gelesen hat: «Wir haben auf diesen Seiten eine Maus für dich versteckt, findest du sie?» Neu ist es eine Unperfektheit, ein Mäkelchen, das man suchen darf.

In der Mitte des Heftes hat es dann sogar noch mehr davon: Zwischen Shoppingtipps für Stimmungs-Tees, einem Designerbreilöffel und einem schön grossen Familienauto verstecken sich die berührende Reportage über eine Mutter im Knast und ein Psychobericht zur Sexflaute nach der Geburt. Aufgefangen werden diese Ausrutscher ins wahre Leben mit einem Inserat für eine Crème, die den Bauch flach und straff macht.

Nun weiss ich also, wie aus mir normalen Mutter eine Mom wird und was ich dazu tragen und posten muss. Und irgendwie kommt mir die Sache bekannt vor. Als es vor Jahren endlich salonfähig wurde, schwul zu sein, wurde aus einer Lebensform auch plötzlich ein Lifestyle kreiert, «Gay», zumindest in den Städten. Ebenfalls fröhlich, selbstbewusst, trendig und mit Geld. So schick, dass plötzlich halb Zürich so tat als wäre es gay. Dagegen gäbe es aus meiner Sicht nichts einzuwenden, es hat nur nichts mit der Realität zu tun. Auch nicht mit jener der meisten Homosexuellen.

Ja, es stimmt natürlich, man kann jetzt empört aufbegehren, denn Frauen wurden für ihre Mutterschaft ja nicht vom Gesetz verfolgt und verfemt wie die Homosexuellen für ihren Lebensentwurf. Wenigstens nicht, wenn sich ein Mann vor Gott und Pfarrer zu ihnen bekannte. Sie wurden nur hinter den Herd gestellt und für blöd erklärt.

Aber es geht in der Mom-Gay-Sache ja auch nicht darum, wer wann wie ungerecht behandelt wurde, das ist eine ganz andere Geschichte, sondern darum, dass ich keine Lust habe, mich lächelnd in eine Schublade zu setzen mit all den Dingen zusammen, die für mich als neue Spezies erfunden wurden, nur damit ich sie kaufen kann. So wenig, wie die meisten Homosexuellen, Karrierefrauen, Singles, Atheisten, Teenager, Hausmänner, Fischzüchterinnen und Hobbyköche sich in ihre setzen mögen. Hoffentlich.

Susanne Taverna am Sonntag den 20. Mai 2012

Provinzleben: Ja, gerne!

Über dem Nebel zu wohnen, macht gute Laune: Ein junger Mann posiert im Engadin vor einem Steinbockgeweih, 2006. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Da mein Partner selber Stadtzürcher ist, kenn ich all die hämischen Kommentare nur zu gut, was denn das für eine Idee ist, in Chur oben zu leben. Ich für meinen Teil, aufgewachsen in den Suburbs, kann da nur einen Hochgesang auf die Provinz anstimmen. Hier zu leben bringt unglaublich viele Vorteile, der einzige Nachteil: Es gibt ein zu wenig breit gefächertes Jobangebot. Darum gehört für viele Pendeln zum Alltag. Doch das Positive überwiegt diesen Aufwand bei weitem. Fangen wir mal beim Praktischen an.

  • Ich bin schwanger und suche einen Krippenplatz. Im vierten Monat mach ich ein Telefonat und geh mir die Krippe anschauen. Sieht toll aus, ich melde das Ungeborene an und kann mir die Tage aussuchen. Im Sommer möchte ich gerne auf einen anderen Tag switchen: Kein Problem!
  • Die Kinderzulage beträgt im Kanton Graubünden 20 Franken im Monat mehr als etwa in Zürich. Nicht schlecht, oder?
  • Der Weg zum Frauenspital beträgt allerhöchstens 20 Minuten. Inklusive Stossverkehr. Für Schwangere ein Umstand, der ziemlich zur Sicherheit in den letzten Tagen der Schwangerschaft beiträgt.
  • Im Herbst oder Winter, wann immer der Sohnemann zu sprechen beliebt, wird er mich fragen «Du Mami, was ist das eigentlich für eine graue Wand da bei Landquart?» «Das ist Nebel», werd ich ihm dann sagen. Dort unten ist die Zwischenwelt, wo im Winter alles grau und düster ist, während wir hier Sonnencrème auftragen müssen.

    Mädchen pflücken in Safien Alpenrosen. (Keystone)

  • Wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt geht das Brambrüeschbähnli auf  den Churer Hausberg. Bereits als kleines Baby ist der Sohn da jeweils mit uns in die Höhe gegangen, mit dem Schlitten in den Schnee. In wenigen Jahren wird er dort seine ersten Skifahrversuche machen, einfach so, an einem Nachmittag zum Beispiel.
  • Ich hab noch kein einziges Mal meinen Kinderwagen in ein Verkehrsmittel hieven müssen. In Chur selber kann ich alles per Pedes machen, hab den Bus noch nicht ein Mal gebraucht und mein Sohn ist bereits Allwetterfest.
  • Mein Kind wird wissen, dass die Milch nicht vom Tetrapak kommt, sondern von der Kuh. Und nicht nur das, er wird Kühe bereits gestreichelt haben und sich vielleicht sogar bei ihnen bedankt haben für die Nahrung.
  • Wenn wir schon bei den Tieren sind: Mein Sohn wird die Steinböcke in der Calanda-Wand über dem Rhein kennen, Murmeltiere und Hirsche ohne Schranken gesehen haben und er wird ebenso wie seine Mama damals, mit vor Staunen offenem Mund da stehen, wenn er erstmals einen kapitalen Hirschstier mit Bruch im Äser im Gras liegen sieht. Das Verständnis, dass das Fleisch nicht in der Metzgerei produziert wird, sondern von lebenden Tieren kommt, wird ihn auf seinem Weg begleiten.
  • In Sachen In-Mütter: In Chur wird auf dem Spielplatz kein Blick auf die Wagenmarke oder die Kleidung der Kids verschwendet. Hier zählt noch die Person, begeisterte Besucher aus Zürich können es fast nicht glauben, dass wir kein Vermögen ausgeben müssen für Kleidung und Accessoires.
  • Das Wichtigste überhaupt: Mein Sohn wird Bündnerdialekt sprechen. Das wird ihm viele Türen und Herzen öffnen, auf allen Ebenen.

Darum bleibt hier nur zu sagen: Viva la Grischa!

© baz.online