Leben


Michèle Binswanger am Freitag den 12. März 2010

Die Magie der Geschichten

MAMABLOG-UNENDLICHE-GESCHICHTE

Erzähl mir was! Szene aus «Die unendliche Geschichte».

Manchmal ist es ein Mysterium. Wenn Kasperli zum siebenunsechzigsten Mal «Tra, tra, tralala» aus dem Kinderzimmer trällert, wenn die Räuber Joggel und Toggel sich zum dreiundsiebzigsten Mal mit dem Knüppel aufs Dach geben, fragt man sich zuweilen, ob das Kind vielleicht in der Endlosschleife gefangen ist und Hilfe braucht. Aber das sind unnötige Befürchtungen. Denn Kinder brauchen nicht nur Geschichten. Sie müssen Sie immer und immer wieder hören, damit sie ihre Magie entfalten können.

Vor ein paar Monaten schrieb ich hier über den Religionsunterricht in der Schule meiner Tochter, worauf sich eine epische Diskussion über Sinn und Zweck dieses Fachs entspannte. Man fürchtete, die Kinder würden dort indoktriniert, obschon dort hauptsächlich Geschichten erzählt werden. Ein Kommentator bemerkte darauf: «Die Schule ist doch nicht dazu da, Geschichten zu erzählen. Schon gar nicht solche, die ideologisch aufgeladen sind.»

Ist das wirklich so? Sind Geschichten wirklich nichts anderes als Kinderkram und haben in der Schule, die Fakten, die Wahrheit über die Welt vermitteln soll, nichts verloren?

Wohl kaum. Zunächst sind Geschichten natürlich ein hervorragendes didaktisches Instrument. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass sie die Fantasie fördern und die Sprachfähigkeit bei Kindern beflügeln. Im erzieherischen Kontext liefern sie Vorbilder und geben den Kindern Muster an die Hand, wie sie die Welt verstehen können – vom tapferen Kasperli bis zum mutigen Harry Potter. Aber Geschichten können noch viel mehr. Gerade die komplexen Zusammenhänge dieser Welt lassen sich dadurch hervorragend vermitteln, und nicht zuletzt lassen sich auch Fakten leichter einprägen, wenn sie in eine Geschichte verpackt sind. Mutter, eine Kinderpsychologin, redete beispielsweise zu Hause dauernd von paradoxen Interventionen. Ich fragte sie, was das bedeute. Und anstatt mir einen Vortrag zu halten, erzählte sie mir folgende Geschichte: Ein Bauer und sein Sohn versuchten, ein Pferd in den Stall zu bringen, welches partout nicht wollte. Der Sohn zog, der Vater schob, das Pferd stemmte die Hufe in den Boden, Sohn und Vater mühten sich ab, aber das Pferd bewegte sich keinen Millimeter. Da hatte der Sohn eine Idee. Er hörte auf zu ziehen, ging um das Pferd herum zum Vater hinter das Pferd und zog es, statt zu schieben, am Schwanz. Das Pferd machte einen Satz nach vorne und landete im Stall. Ich habe es bis heute nicht vergessen.

Vielleicht brauchen auch die Schulen, um die immer komplexeren Aufgaben zu bewältigen, die ihnen gestellt werden, eine paradoxe Intervention. Vielleicht braucht es, um mehr Wissen zu vermitteln, weniger Fakten, dafür mehr Geschichten – zumindest auf der Primarstufe. Natürlich werden Hardliner angesichts eines Plädoyers für solche Soft Skills nun fürchten, wir züchteten so eine neue Generation nutzloser Geisteswissenschaftler heran. Ich glaube, diese Sorge ist unbegründet. Denn tatsächlich sind ja letztlich auch die Fakten, auf die unser Verständnis der Welt gründet, jedes geistesgeschichtliche Paradigma, nichts anderes als eine Erzählung. Und vielleicht läge gerade im Geschichtenerzählen ein Potenzial, die vielen komplexen Aufgaben, mit denen die Volksschule heute konfrontiert ist, zu bewältigen.

Oder was meinen Sie?

Der Mamablog jetzt auf Facebook
Verfolgen Sie die Themen im Mamablog nun auch im grössten sozialen Netzwerk – und werden Sie ein Fan des beliebten Blogs.  Die Autorinnen Nicole Althaus und Michèle Binswanger veröffentlichen im Mamablog-Profil Links zu neuen Einträgen im Blog. So finden Sie den Mamablog: Tippen Sie im Suchfeld auf Facebook das Stichwort «Mamablog» ein und die Blog-Page erscheint. So werden Sie ein Fan des Mamablogs: Klicken Sie oberhalb der Seite auf «Fan werden».  Fortan werden Sie in Ihrem Facebook-Profil automatisch über alle neuen Einträge und Neuerungen im Blog informiert. Sie können die Links kommentieren und anderen Faceboook-Freunden verschicken. Viel Spass!

53 Kommentare zu „Die Magie der Geschichten“

  1. Rafael sagt:

    @Ashiro
    Genau, Naturwissenschaften & die Mathematik hat die spannensten Geschichten, zumindestens hier wo ich herkomme

  2. zysi sagt:

    @hansjörg

    muss sie leider enttäuschen, gott ist nicht mein gegner, sondern mein freund und erzählt mir dabei, wie er die geschichte des lebens schrieb …..

    für mich sind diese geschichten für kinder so einzustufen, wie wenn beispielsweise auguste’s frau diese auf griechisch und mit griechen erzählt, hier einfach biblisch mit bibelfiguren

    @max

    titel/namen/bezeichnung sind schall und rauch; die herzenshaltung ist entscheidend und da ist der nazarener doch auch äusserst pragmatisch und nicht pharisäisch

    übrigens, sonniges w.end

  3. Ashiro sagt:

    @Rafael: Ich weiss zwar nicht wo du herkommst, aber ich hoffe deine Worte waren nicht ironischer Natur.

  4. Lea sagt:

    Ein sehr schöner Artikel, Michèle.

    ich gehe mit den Vorpostern einig dass Lehrer mit dramaturgischem Talent ein Fach zu einer Passion machen.

    Auguste’s post malt ein eindrückliches Bild – was die Kraft von Geschichten erzählen demonstriert.

  5. Auguste sagt:

    hmm…, interessanterweise verhält es sich mit geschichten bei kindern und erwachsenen genau gleich – wir brauchen sie fast so wie das tägliche brot. besonders eindrücklich ist eine legende, wonach der polnische könig jan kazimir nach einer niederlage gegen die kosaken gesagt haben soll: ” vor den kosaken habe ich keine angst, wir werden uns noch öfters begegnen. was die kobsare (kobsa = kurzhalslaute, lieblingsinstrument der kosaken, galt als geschenk gottes, kobsar = der kobsa-spieler, wurde als gottgesandter verehrt ob seiner kunst, dumy = kosakenlied mit der bedeutung gedankenäusserung) angeht, so befehle ich, diese in der ganzen ukraine auszurotten!” auch den stalinistischen säuberungen fielen 200 kobsare zum opfer.

    das geschichtenerzählen oder überbringen von (schlechten) botschaften war und ist ein riskantes geschäft. bei kindern beschränkt sich das risiko allerdings meistens darauf, dass eine geschichte nie genug ist.

  6. Lea sagt:

    Die schlechte Botschaft ist wohl das Absterben dieses Blogs und dass ich mir ein neues Blog-Zuhause suche.

  7. Pippi Langstrumpf sagt:

    @Auguste: Diese Geschichte zeigt sehr schön, wie sehr Emotionen gefürchtet werden.

  8. Giorgio Girardet sagt:

    Schöner Post. Da liesse sich wahrlich viel darüber sagen und schreiben.

  9. max sagt:

    @Lea

    Das schreiben Sie seit Wochen alle zwei Tage und mit jedem Tag kommen mehr Beiträge von Ihnen als am Vortag.

  10. Lea sagt:

    @max: tu ich nicht. weder seit Wochen das absterben ‘besingen’ noch seit Wochen ein anderes Blog suchen. vielleicht gefällt es mir hier halt doch ein bisschen.

  11. max sagt:

    Zwei Tage ohne Roland Strasser und ohne Anastasia C.? Und Ihr alle habt nichts mehr zu melden? Und wo steckt das mehlige Caramel? Ich will Gummipuppen, goldene Bikinis, bäähh, bääähh, bääähhh!

  12. Eni sagt:

    @ max

    Guten Abend Max

    weiss leider immer noch nicht, woraur sich Ihr Vorwurf gegen mich bezieht. Schade.

  13. Gotti sagt:

    Ich denke Geschichten fördern die Vorstellungskraft. Man muss sich die Bilder selber vor seinem inneren Auge ausmalen. Schon deswegen zeigte meine Primarschullehrerin die Abbildungen zu den Geschichten jeweils erst im nach hinein. Diese Fähigkeit, sich etwas vorzustellen, kann besonders auch im Erwachsenenleben wertvoll sein.
    Fördert das “Wir-Gefühl”. Da streiten sich die Geschwister den ganzen Tag. Doch am Abend, wenn die Mutter/Vater eine Geschichte vorliest, sitzen alle einträchtig beieinander. Dasselbe gilt in der Schule. Da sind auch die Störenfriede plötzlich ganz ruhig und schaffen es, sich ein paar Minuten auf etwas zu konzentrieren.
    Sie weisen auf Lösungsansätze hin: Zum Beispiel die Erzählung von “Schellenursli”. Anstatt niedergeschlagen und traurig sich mit der kleinsten Glocke zu begnügen, verschaffte er sich die Grösste und konnte am Chalandamarz voller stolz den Umzug anzuführen.
    Geschichten zeigen auf was Freundschaft bedeutet, was man mit Durchhaltewillen alles erreichen kann, dass Ehrlichkeit am längsten währt.

  14. Ursula sagt:

    Wie habe ich nicht nur die Geschichten unserer kleinen, zierlichen, rothaarigen Primarschullehrerin, einer vordergründig freakigen Glarnerin, die’s ins Schlieren der 70er Jahre verschlagen hatte, geliebt, auch ihre schwungvoll und klar gezeichneten Bilder veranschaulichten und versüssten all die vielen Sprachübungen, die sie für uns geschrieben hatte – damals gehörten sowohl Geschichten als auch Üben zum Unterricht.
    Auch in die Lesebuchgeschichten versenkte ich mich gern, war irgendwie auch während der Schulstunden möglich. Vielleicht kommen ja eure Kinder in der Schule in den Genuss von Lesebüchern, meine haben nie eins in den Händen gehalten. Es gäbe sie übrigens noch, aber in der Stadt Zürich wird mit ihnen offensichtlich nicht mehr gearbeitet.
    Schade, denn so bleiben vor allem diejenigen, denen zu Hause kein Lesefutter zur Verfügung steht, auf der Strecke und Viertklässler müssen sich durch die öde Linda-Klasse-Reihe kämpfen.

  15. max sagt:

    @Eni

    War das bei der “Kindsmörderin”? Habe dort eine Antwort hingeschrieben. Gut Nacht und viel Schlaf wünsche ich.

  16. Eni sagt:

    @ Max

    Das wünsche ich Ihnen auch.

  17. Marc sagt:

    Schöner Artikel, er erinnert mich an zwei Zeilen aus Grönemeyers “Stück vom Himmel”:

    “Es wird zuviel geglaubt, zuwenig erzählt. Es sind Geschichten, sie einen diese Welt”

    Ich glaube es war Terry Pratchett (Scheibenweltromane), der in “The Science of Discworld II: The Globe” den Menschen augenzwinkernd als “pan narrans” (erzählender Schimpanse) und weniger als einen “homo sapiens” verstanden wissen wollte.

    Das geht über Mani Matters “glatte Haut und fehlender Schwanz” und die besungenen Hemmungen hinaus: Erst durch Geschichten machen wir uns unsere Welt zugänglich und erfassbar, und die Erkenntnisse lassen sich bewahren und weitergeben. Womöglich hat tatsächlich die Fähigkeit zur Sprache unseren Vorfahren den evolutionären Vorteil verschafft.
    Wobei man angesichts mancher Ereignisse und Entwicklungen in Politik und Gesellschaft bisweilen den Eindruck gewinnen könnte, dass wohl doch zu wenig Geschichten erzählt worden sind…

    Ich finde es auch spannend, dass sich mit dem Hörbuch ein gar nicht so neues Medienformat (wieder?) etabliert. Gibt es eigentlich das “Hörspiel” noch am Radio? Ich kann mich an das fast schon rituelle Einschalten des Radios bei den Grosseltern erinnern, und an die Atmosphäre, die sich im Raum ausbreitete und auch uns Kinder erfasste, auch wenn wir nicht immer alles zu erfassen vermochten, was erzählt wurde.

    Das Zuhören hat seinen eigenen Reiz, und ist der Phantasie und auch dem “Textgespür” bestimmt genauso zuträglich wie das Lesen. Geschriebenes lässt sich relativ leichtfertig weglegen und später wieder aufnehmen. Auch wenn Podcasts und Hörbücher dieselbe Flexibilität haben, und man ihren Konsum auch als Lesefaulheit abtun kann, so ist das gesprochene Wort doch flüchtiger als das geschriebene, und es verlangt eine andere Art von Aufmerksamkeit, vermittelt dafür ein völlig anderes Sinneserlebnis.

    Mehr Geschichten, bitte!

  18. kaugel sagt:

    @pippi: HA! ENDLICH! jemand ist meiner meinung! frisch der nationalheilige. bah. der konnte dürrenmatt nicht das wasser reichen, der pseudolinke.

  19. Pippi Langstrumpf sagt:

    @kaugel. Vielleicht kommt die Vorliebe daher, dass wir beide gute Geschichten lieben, Dürrenmatt hat eindeutig die besseren, aber das ist subjektiv. Sehr beeindruckt hatte mich “Der Verdacht”, den ich mit 17 in der Schule las. Es gibt Autoren, da finde ich sofort einen Zugang, zu andern überhaupt nicht, da kann einer noch so hochgelobt sein.

  20. heidi reiff sagt:

    Kinder brauchen Märchen für mich NEIN DANKE , Der destruktive Sadismus lässt grüssen brrrrrrrrrrrrrrrrr. gekopelt mit Religions und Erziehungswahnsinn, das Zückerchen kann sich Mensch dann in der Pharma holen, Antidepresiva. Ich halte relativ wenig von Esoterik, Nirwana, Erleuchtung etc. Ich mag Duftlämpchen, eine Kerze, das Wasser mit Lavendelduft schmeckt himmlisch, das sog. Gute kann Mensch ja nehmen, die Nase riecht, wenn es mal stinkt haben wir auch das Recht, die Nase zuzuhalten.

    Jeder Mensch hat ja seine eigene Ikonen , die Lieder von Mani Matter sind irgendwo in meinem Hirn noch gespeichert, ich han es Zündhölzli azünd, Mani Matter spricht ja auch ein zentrales Thema von vielen Menschen an “die Hemmungen”, ich als einfach gestrickte sag einfach versuchs doch mal, wir brauchen keine Miesmacher und auch keine Gottspieler…….., Fakt ist nach wie vor, die Natur geht nach wie vor ihre eigenen Wege.

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.

© baz.online