Leben


Nicole Althaus am Montag den 8. Februar 2010

Kinder müssen draussen bleiben!

Hunde und Babys verboten - Schild am Eingang der Bar Infinito in Zürich

Hunde und Babys verboten - Schild am Eingang der Bar Infinito in Zürich, 2010 (Bild: 20minuten.ch)

Das Kinderwagen-Verbotschild hängt gleich unter dem Hundeverbot neben dem Eingang der Bar Infinito, nähe der Bahnhofstrasse. Die Botschaft ist klar: Hunde und Kinder sind unerwünscht in der Bar, in der tagsüber gepflegte Shopperinnen ihre Neuzugänge für den Kleiderschrank mit einem Glas Champagner feiern und nach Büroschluss Banker die Erholung der Börse begiessen. Und man muss auch verstehen warum: Kinder sind wie Hunde schlecht erzogen. Manchmal noch schlechter. Sie gucken die Gäste neugierig an, sie schlagen im Sitzen auch nicht elegant die Beine übereinander, wie  eine 35-jährige Dame im Deux-Pièce. Und, man stelle sich vor, zuweilen lachen und weinen Kleinkinder, wie Hunde  hecheln und bellen. Eine Zumutung!

«Wir sind kein Spielplatz», rechtfertigte sich der Geschäftsleiter der Bar, der ein Stück Italianità nach Zürich bringen will, gegenüber «20-Minuten» am Freitag für das Verbot.  Selbstverständlich nicht. Und Eltern, die ihre Kinder im Lokal rumrennen lassen, sollen auch aus dem Lokal gewiesen werden dürfen. Doch ein Kinderwagen-Verbot ist nicht ein Symbol für ungezogene Bengel, sondern eines für Menschen, die mit Babys oder Kleinkindern unterwegs sind.

Kinderwagen, so das zweite Argument des Geschäftsführers,  führten  zu Platzproblemen. Man dürfe ja auch nicht mit dem Velo ins Lokal. Ich hätte den Mann zu gern gefragt, was er denn so zu Rollstuhlgängern sage. Und daran erinnert, dass Kinder in  italiensichen Bars so geläufig sind wie guter Kaffee. Soviel zur Italianità.

Hunde und Schwarze verboten! Ein Relikt aus der Zeit der Apartheid in Südafrika

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Die Bar Infinito ist bei weitem nicht das einzige Lokal, in dem Mütter oder Väter mit Kindern unerwünscht sind. Es ist, hört man sich um, in Zürich  salonfähig geworden, ehemalige Kundschaft, nur weil sie Nachwuchs hat, nicht mehr oder höchst unfreundlich zu bedienen. Und sind wir ehrlich: Das Platzargument ist (meistens jedenfalls) ein Scheinargument. Ein Kinderwagen ist mehr als bloss ein Transportmittel wie etwa ein Velo. Er erlaubt es, das Leben mit einem Baby oder Kleinkind ausserhalb der Wohnung zu managen. Deshalb ist das Kinderwagenverbot nicht bloss ein Ordnungsantrag sondern eine Ohrfeige ins Gesicht von Müttern und Vätern.

Eltern gehören offenbar nicht zur Klientel mit hohem Coolnessfaktor.  Ich wurde einst mit dem Baby im Tragtuch aus einem Zürcher Restaurant komplimentiert. Es war 11 Uhr, nicht nachts, sondern morgens. Ich mache heute noch gegen das Restaurant Mund-zu-Mund-Propaganda. Denken denn die Beizer nicht daran, dass Babys nicht ewig Babys bleiben und Mütter ohne Anhang aussehen wie Kundinnen, die sie sonst sehr gerne bedienen?

Offenbar nicht. Ausserdem handeln sie  durchaus im Sinn vieler Zeitgenossen. Diesen Eindruck bekommt jedenfalls, wer die Kommentare auf «20 Minuten» vom letzten Freitag, liest. Gewisse Menschen  können überhaupt nicht einsehen, warum eine Mutter mit ihren Kindern verdammt noch mal nicht zuhause bleibt, wo sie hingehört. Sie kann da ja was trinken und essen. Und in die Migros und ins Tram soll sie gefälligst, wenn alle anderen im Büro sitzen, damit sie niemandem in den Weg kommt. Wenn Krippen zu Bürozeiten schliessen, kann sie das eben nicht.

In unserer Gesellschaft sind Eltern mit oder ohne Kinderwagen in den Augen gewisser Mitbürgerinnen und Mitbürger  nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten geduldet. Das kommt der Etablierung einer reproduktiven Segregation gleich. Haben wir diese Zeiten nicht hinter uns?

Was denken Sie? Sind Ihnen weitere Restaurants, Bars, öffentliche Orte bekannt, an denen Mütter und Väter mit Nachwuchs ungeliebte Gäste sind?

259 Kommentare zu „Kinder müssen draussen bleiben!“

  1. dean sagt:

    habe slber 30 jahre im gastgewerbe gearbeitet. die famielien denken wen sie in ein restaurant gehen sie haben das recht ihre kinder das zu machen lassen wie zuhause.. irtum das restaurant ist kein kinderhort

  2. dean sagt:

    rauchfreie und kinderfreie restaurants woow währe ein paradies…..

  3. luzie sagt:

    wenn eltern der gesunde instinkt fehlt, müssen sich halt lokalbesitzer mit solchen massnahmen behelfen. meine tochter kam gerade zu der zeit auf die welt, wo erziehung verpönt war. in fachliteratur und elternzeitschriften konnte man da lesen, dass das massregeln von kindern, das einfordern von benimm und anstand den zarten sich im aufbau befindlichen charkater eines menschen brechen würde. man müsse kinder alles machen lassen, alles erfahren lassen, was immer sie wollen. angefangen vom spielen mit dem essen, bis zu öffentlichen urinieren in der badi.
    überhaupt: spielerisch war das modewort in den beginnenden 90er!
    ich wurde von anderen müttern angepöbelt, weil ich meiner tochter ein rössligschirr anlegte, dass sie mir im supermarkt nicht abhanden kommt. ich erntete böse blicke anderer mamis, wenn ich meine tochter bat, die nachbarin zu grüssen, die an uns vorbei ging und «guten tag» sagte.
    meine tochter ist inzwischen 20 und eine sehr starke persönlichkeit, die sich aber zu benehmen weiss.
    was ich damit sagen will, wenn mütter ihre erziehungsaufgabe ernst nehmen und ihren gören halt von anfang an verständlich machen, dass es in einem restaurant nichts kreischen und lärmen zu gibt, weil es da noch andere menschen hat, hat wohl kaum einer etwas gegen mütter mit kind.
    wenn jedoch eltern meinen, die anderen müssten ihre kinder ertragen und soweit kommt, dass ein wirt sich für die serviertochter entschuldigt, wenn sie von einem herumrennenden goof angerempelt wurde und ihr sechs tassen kaffee und zwei cola mit samt tablett aus der hand fallen, dann möchte ich auch keine kinder im lokal haben.

  4. Sonja sagt:

    Es wäre Zeit für hippe, angenehme, kinderfreundliche Restaurants/Kafis, in denen Eltern und ihre Kinder n aller Ruhe etwas essen/trinken können. Dass diese Marktlücke noch niemand gefüllt hat, ist erstaunlich – leider bin ich nicht vom Fach, ansonsten würde ich mir diese Klientel nicht entgehen lassen. Evt. findet sich jemand Innovatives aus der Branche, der das in die Hand nehmen würde. In jeder grösseren Stadt würde das auf reges Interesse stossen. Diese Restaurants könnten mit einer Spielecke ausgerüstet werden, oder gar einem Spielzimmer. Es geht hier nicht darum, den Kindern alle Freiheiten zu lassen, sie sollen lernen, sich in der Öffentlichkeit zu benehmen. Aber wenn man wegen jedem Ton, welchen das Kind von sich gibt, böse Blicke zu spüren kommt, ist das schon mühsam. Ich würde gerne bei so einem Projekt “Eltern/KInd/Kafi/Restaurant-Kette mitmachen. Vielleicht finden sich Mütter, die sich in der Gastwirtschaft/Marlketing auskennen und schliessen sich zusammen?
    Liebe Grüsse
    Sonja

  5. Martin sagt:

    Brasserie Lipp am Urania – wurden vom Kellner einfach ignoriert. Er erachtete uns mit Kinderwagen wohl als deplaziert an seinem feinen Arbeitsplatz.

  6. Eni sagt:

    @ luzie

    Ja, das gute alte Rössligeschirr, hatte auch mal so ein Erlebniss: als mein Grossern laufen konnte,wollte er nicht an der hand gehen, so habe ich ihn halt wenn er beim einkaufen nicht im Wägeli sitzen wollte auch ein Gschtältli angezogen damit er nicht von dannen zieht und die Regale leerräumt. Da kam dann tatsächlich eine Frau älterem Semesters und sagte zu meinem Sohn; ‘Hallo Hund’!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Meine Reaktion darauf war dann auch dementsprechend, ob sie einen ‘Schuss im Grind’ hätte war noch das harmloseste was ichdazu sagte. Es ist schon frech was sich die Leute teilweise erlauben.

  7. Sara sagt:

    Immer wieder zu erleben: Mütter und Vater, die eine Starbucksfiliale mit einem Spielplatz verwechseln. Zuerst werden die Kleinen mit zuckerhaltigen Getränken und Gebäck versorgt, dann lässt man sie zwei Stunden lang schreien, toben, rumrennen. Da fehlt mir dann zwischendurch schon ein bisschen das Verständnis. Auch schon mal beobachtet: Ein Kind rennt seine Runden und bleibt plötzlich 10 Minuten lang weg. Die Mutter bemerkt es nicht einmal.

    Oder neulich im hippen Alternativcafé: Meine männliche Begleitung und ich beissen ins Mittagssandwich, als die Jungmutter gegenüber ihre Brust freimacht und ihr Kind stillt. Auch hier prinzipiell nichts einzuwenden, eine kurze “Warnung” wäre aber schön gewesen, denn meine Begleitung war einen Moment lang sehr irritiert.

  8. Sofia sagt:

    Wir haben selber 2 Jungs Alle schwärmen wie toll und “easy” die sind, wie anständig sie essen, wie gut sie schlafen etc. Was aber die wenigsten nicht sehen, oder sehen wollen, dass dies nur mit absolut konsequenter Erziehung möglich war. Viele Eltern machen es sich zu Beginn zu einfach und dann hört man den Sätze wie : “Meines ist halt ein schwieriges Kind, es braucht halt viel Bewegung, es hat halt ein sturer Kopf.” Natürlich! Alle Kinder sind so, auch unsere. Aber wenn man immer wieder nachgibt, soll man sich nicht wundern, wenn die Kinder das ausnutzen. Nein, wir hören bloss, na, bei euren Kinder geht das vielleicht, aber unsere….Alles nur Ausreden, welche die Eltern selber gar nicht als solche erkennen. Eigentlich schade, denn schlussendlich leidet das Kind daran. Ein KInd grossziehen heisst auch sie in die Gesellschaft einführen.

  9. Beno sagt:

    @Sara: Ich sag es ja. Exhibitionismus ist salonfähig geworden. Würde ich meinen Fallus zeigen, würde ich verhaftet werden.

  10. Auguste sagt:

    hmm…, sara, ich zerbreche mir immer noch den kopf wie ich “freigemachte weibliche brust”, “männliche Begleitung” und “sehr irritiert” widerspruchsfrei in einen satz kriegen könnte…

  11. max sagt:

    @Eni
    Mir wurde vorgeworfen in einem anderen Thread, ich sei humorlos. Die Frau wollte doch einfach Spass machen. Sie hat einen kleinen Buben ins Gespräch verwickelt und die Frage war, ob ihr Bub ein Pferd oder ein Hund ist. Ich frage zum Beispiel manchmal: Bist Du der Traktor, der den Papa zieht?

  12. Sara sagt:

    @Beno und Auguste

    Eine Brust (von mir aus auch zwei Brüste) bringt mich noch lange nicht aus der Fassung. Das sieht man auf jedem Heftli-Cover. Vielleicht hat mich auch bloss der völlig ungehemmte und selbstverständliche Akt der Mutter, die Brust freizumachen, überrascht. Und eigentlich wärs ja schön, wenn wir alle ein bisschen weniger verklemmt wären.

  13. Auguste sagt:

    hmm…, beno, sie sind ein kleiner filosof.

  14. Saba sagt:

    @ gargamel: Neben den ÖVs, ja. Würde ich mal behaupten. Wo treffe ich denn sonst als Kinderlose auf Mütter? Im Schwimmbad vielleicht, aber da gehen Eltern ja ins Familienschwimmbad und hängen (noch nicht) am Letten rum. Im Migros und Coop – aber da kann ich ja ausweichen. (Da sinds ja dann wieder diese verdammten Alten, die einem das Leben schwer machen, mit ihren fünfezeh-minütigen Münzsuch-Sessions! Am besten Kinder und Alte gleich per Initiative verbieten lassen.) Im Club ebenfalls nicht, bei der Arbeit auch weniger. Ach ja: Bei einem eventuellen Atomangriff im Gemeinschaftsbunker. Und da – dessen bin ich mir schon jetzt ganz sicher – wird dann der kleine Maximilian-Joel mit seinen Kackwindeln, der am Laufmeter schreit, mit Sicherheit mein allergrösstes Problem sein.

  15. max sagt:

    Sara sagts: Es gibt einen minimalen Anstand, der sich auch in einem alternativ-vegetarischen Schicki-Micki-Spunten gehört.

  16. Eni sagt:

    @ max

    Im 1.Moment war ich ja dann auch sprachlos aber dann sagte sie in Etwa: Sie sind ja selber Schuld, wenn man Ihr Kind an der Leine mit einem Hund verwechselt. Denken Sie dass das Spass ist?

  17. max sagt:

    @Eni, nein eher finde ich das nicht spassig.

    Ich habe in den letzten Jahren erst einmal einen Buben am Gschtältli gesehen.

    Ich bin sehr irritiert, dass Mütter ihre 3 und 4-jährigen noch in den Buggy packen. Wie ich bin, frage ich sie neugierig aus und höre dann oft, dass sie das tun, damit das Kind nicht im Ladengeschäft herumrennt und die Sachen anfasst. Aber ich sehe dieselben Mütter ja auch mit den dreijährigen am Fluss entlang spazieren und da sind die Kinder immer noch im Buggy.

    Ich erinnerte mich an das Geschtältli, mit dem meine Mutter mich sicher durch den dichten Stadtverkehr führte. Ich fragte mich immer, ob es das heute noch gibt.

    Und dann begegnete ich eben diesem Wildfang von einem Buben mit einem Gschtältli ein rüstiger Mann über 50 und so ein kleiner Bub. Ich blieb dann taktvoll und plauderte, ob er der Vater sei und ich finde es schön, dass ein kleiner Bub seine volle Kraft einsetzt und nicht in den Buggy gepackt wird. Da kam dann die sehr jugendliche Mutter dazu und sagte, ihr Bub würde sich das nie gefallen lassen und der würde nur zettermordio schreien, wenn man ihn einen Buggy packen täte.

    So werden aus starken Buben richtige Männer, mit Müttern und Vätern, die sich etwas getrauen und nicht einfach konform den anderen folgen. Ich hatte grosse Freude.

  18. max sagt:

    @Saba

    Mein Einwurf von 10. Februar 2010 um 21:42
    sollte natürlich lauten:
    SABA sagts: Es gibt einen minimalen Anstand, der sich auch in einem alternativ-vegetarischen Schicki-Micki-Spunten gehört.

  19. Eni sagt:

    @ max

    Mein Sohn war da etwa 14 Monate alt und er hatte das ‘Gschtältli’ im Supermarkt an und natürlich auch an der Strasse wenn er nicht im Wägeli sitzen wollte. Beim Spaziergang und auf Spielplätzen durfe er natürlich rumtoben. Verstehe einfach nicht, warum man angepöbelt wird, wenn man sein Kind vor Gefahren schützen will oder verhindern möchte, dass es beim Einkaufen Regale ausräumt.

  20. Laura sagt:

    @Eni
    man wird angepöbelt, weil die Menschen sich so von den eigenen Problemen ablenken wollen, sich selber zeigen wollen, dass sie doch nicht ganz so schlecht sind, wie sie eigentlich von sich selber denken. I
    ch finde es toll, dass dein Sohn auf eigenen Beinen steht und sich nicht wie ein Pascha rum schieben lässt. Kannst du dir nicht eine dickere Haut zulegen und darüber lachen? Die Zeit mit kleinen Kindern ist so kurz, bald sind deine Kinder so gross wie du selber und es ergeben sich ganz andere Probleme als sich aufregen über Gschtältli, Kinderwagen und Restaurants.

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