Leben


Philippe Zweifel am Mittwoch den 27. Januar 2010

Das Glück und das Gewehr


Kürzlich bin ich auf einen Fotoband gestossen, der Aufnahmen von Vätern und Söhnen zeigt. Hemingway ist darin zu sehen, wie er mit Sohn Gregory auf einem Floss liegt, daneben Jagdgewehre. Oder Picasso, der hinter Claude sitzt und Faxen macht. Auch viele unbekannte Paare sind abgebildet, sie unterscheiden sich nicht von den prominenten. Sie alle transportieren das unglaubliche Glücksgefühl, einen Sohn zu haben.

Väter – auch das zeigen die Aufnahmen – posieren mit ihren Söhnen stärker, als es Mütter tun. Es ist, als ob wir sogar während der Kurzdauer eines Schnappschusses versuchen, unsere Rolle zu definieren. Etwas, das zunehmend kompliziert wird, nicht nur fototechnisch. Vorbei sind die Zeiten, als der selten in Erscheinung tretende Papa seinem Sohn durch Aufzählen aller Fussballweltmeister Eindruck machen konnte. Während Mütter meist Mütter sind und Kinder Kinder, ist der Vater heute Lehrmeister und Freund, dann wieder Beschützer oder Rivale. Und häufig, etwa beim Carrera-Plausch, auch bloss Primus inter pares.

Trotzdem! (und auf die Gefahr hin, als Hinterwäldler zu erscheinen): Ich habe mir als erstes Kind einen Stammhalter gewünscht. Vor allem, weil mir vor der Elternschaft bange war und ich in pränataler Naivität das Gefühl hatte, ein männliches Baby besser bewältigen zu können. Immerhin, dachte ich, ist es ein Mann, eine Art Kumpel also. Inzwischen haben diese diffusen Überlegungen konkreten Empfindungen Platz gemacht: Stolz natürlich, aber auch dem mir bisher unbekannten Gefühl, einen Geschlechtsgenossen zu lieben.

Die Geburt meines Sohns hat auch die Beziehung zu meinem eigenen Vater verändert. Seit ich weiss, wie viel Zeit er in mich investiert hat, bin ich ihm gnädiger gestimmt. Und über meinen Sohn erlebe ich vergessene Kinderjahre wieder: So wie ich ihn verhätschle, muss mein Vater mich verwöhnt haben. Mitsamt Grimassen und grotesker Babysprache – eine spezielle Vorstellung. Wer weiss, vielleicht gilt meine Zärtlichkeiten ja nicht nur dem Sohn, sondern auch meinem Vater. Jedenfalls wird der Raum, wenn wir drei zusammen sind, von einer genealogischen Wärme und Richtigkeit erfüllt.

Ganz unarchaisch gehts natürlich nicht. In dunklen Sekunden frage ich mich kindischerweise, ob mein zweijähriger Sohn einst grösser – und vor allem stärker – sein wird, als ich. Vielleicht, weil ich es als Achtjähriger nicht erwarten konnte, erwachsen zu sein – um dann meinen Vater zusammenzuschlagen. Dies, nachdem er mich nicht an ein Fussballturnier lassen wollte. Aus erzieherischer Notwendigkeit – oder war doch ein bisschen Neid im Spiel? Die welkende Pracht des Erzeugers? Schon bei den alten Griechen stürzte ja Kronos seinen Vater, um danach seine eigenen Kinder zu fressen, auf dass ihm nicht dasselbe widerfahre. Doch eins davon, Zeus, entkam, kehrte als Erwachsener zurück und tötete Kronos.

Das mag nicht jede Vater-Sohn-Beziehung erklären. Aber vielleicht, wer weiss, Hemingways Jagdgewehre.

zweifelPhilippe Zweifel, 36, ist Kulturredaktor bei Newsnetz und Vater eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

56 Kommentare zu „Das Glück und das Gewehr“

  1. adlerauge sagt:

    @tochter: da haben sie aber glück gehabt, dass sie keinen sitzpinkler-öko-vater haben! sonst würden sie sich evtl. immer noch mit jungs prügeln…

  2. Lutz Seifert sagt:

    ich freue mich schon auf den augenblick, an dem mein sohn auf dem velo unwiderstehlich an mich vorbeizieht…

  3. ex post sagt:

    @Lutz Seifert: [...] an miR vorbeizieht.

  4. Lea sagt:

    Stammhalter sind nur bei Gojim männlich.
    Die Pracht welkt bei Gojte und Jehudim gleichschnell. Denn Chronos – die Zeit – wurde nicht umgebracht.

  5. Laura B sagt:

    Maja’s Kommentar fand ich am Besten: Vielleicht ist es mal Zeit weniger aufs Geschlecht und mehr auf die Persönlichkeit des Kindes zu fokusieren. Die Beziehung würde ziemlich sicher etwas bedeutungsvoller und tiefer und weniger geschlechtsspezifisch werden.
    Zudem beschleicht mich das Gefühl, dass viele bei einem Wettbewerb mitmachen. Zuerst, wer ist das bessere Kind, die Tochter oder der Sohn und dann später, wer ist das bessere Elternteil, der Vater oder die Mutter.

  6. mira sagt:

    Mein Mann hat sich auch einen Jungen gewünscht. Nun ist es aber ein Mädchen geworden und er liebt sie über alles. Ich vermute aber mal, dass er sich bei einem zweiten Mal wieder einen Jungen wünschen wird. Ich finde das auch legitim, habe ich mir doch über alles ein Mädchen gewünscht. Sollte es ein zweites Kind geben, könnte ich mir auch einen Jungen vorstellen.

    Ich kann die Stammhalterdiskussion irgendwie verstehen, so sehe ich meine Tochter auch als meine Nachfolgerin an und bin jetzt schon über alles stolz auf sie. Ich weiss nicht, ob ich bei einem Jungen dieselben Gefühle hätte. Und versteht mich jetzt nicht falsch: Das hat alles nichts mit Liebe zu tun!

    Die Namensweitergabe jedoch ist mittlerweile hinfällig. So hat zb mein Mann meinen Namen angenommen und unsere Tocher führt die Linie weiter.

  7. @tochter
    Nun, freue mich von einer Frau solches zu lesen. Es scheint ein Mysterium an “Aufträgen” zu geben, welche die Geschlechter über die Generationen einander weiterreichen. “Das Gewehr” gab die herzenskluge Astrid Lindgren auch ihrem “Michel von Lönneberga” in die Hand, jenem Holzmännchenschnitzenden Lausbube, der auf den letzten Seiten des Buches den Knecht durch den Wintersturm zum Arzt fährt und von dem die Mutter schon ahnte, dass er einst Bürgermeister zu Katthult werden würde.
    Ich ergreife die Gelegenheit den herzensklugen Frauen, die nun seit 1971 abstimmen dürfen, die “Waffeninitiative” der SP-Frauen gut in ihrem Herzen zu wenden. Die Verfassung des Jahres 1874 führte das Referendum ein und gab dem Wehrmann das “Gewehr in die Hand”. Seit 1874 sind es Schweizerfrauen gewohnt die Dienstwaffe ihres Gatten im Hause zu haben. Diese Regelung mag auf mysteriöse Weise zum Glück der Schweiz in zwei Weltkriegen beigetragen haben – wer kennt schon die Mysterien der psychischen Mechanik in Staat und Haus? 1918 wäre die Schweiz im Generalstreik für den Bürgerkrieg bestens gerüstet gewesen, doch die Vernunft obsiegte. War es die Vernunft, die an der Verantwortung für die “persönliche Waffe” gereift war? Seit 2000 haben Frauen das Recht auf ungehinderte Abtreibung auf Kosten der Krankenkasse erstritten, sie haben die Mutterschaftsversicherung erhalten: sie haben den römischen “Pater familias”, der früher das Tötungsprivileg in der Familie ausübte (er entschied, ob ein Kind aufgezogen oder ausgesetzt wurde), gänzlich abgelöst. Nun könnten Sie auch den Mann mit dem Stimmzettel entwaffnen: Frauen sind 53% der Stimmenden, wenn die Logik der SP-Frauen von allen Frauen geteilt wird, wird diese Abstimmung ein Sonntagsspaziergang.
    Der Verfasser des Artikels hat “Glück” und “Gewehr” miteinander stabgereimt. Ich vermute dahinter ein Mysterium, das wir nicht rational ausloten können und das jeglichem Gendergeschwätz widerspricht. Darum soll sich jede Frau gut prüfen, ob sie die Schweizer Soldatinnen und Soldaten mit dem Stimmzettel entwaffnen will. Die stehende Helvetia auf dem Zweifränkler, der Stimmzettel und das Gewehr im Haus: alle gehen auf das Jahr 1874 zurück. Ich warne davor an diesem Setting äusserst erfolgreichen Setting etwas ändern zu wollen.
    “Der Menschen Glück ist eine zarte Blume” schrieb Gotthelf. Das Glück des Staates ist es auch. Und mir will es nicht in den Kopf, dass all die Frauen, die seit 1874 einen Gatten mit Ordonnanzwaffe im Hause hatten, einem potentiellen Selbst- und Familienmörder ausgeliefert waren. Ein “Ja” zur Waffeninitiative der SP-Frauen könnte ein leicht errungener Phyrrus-Sieg sein.

  8. xyxyxy sagt:

    @bionic hobbit – ich würde deinen mann ernsthaft ins Gewissen reden. wenn der keine freude an seinen kleinen buben hat, werden sie ihm das nie vergessen. das kann er später nicht nachholen. und wenn er keine freude an den kleinen hat, dann hat er vergessen ein kind zu sein. das ist eine traurige angelegenheit. wer selbst das kind in sich vergessen hat, der mag den Menschen an sich nicht, der lebt am leben vorbei.

    @alle politischen interpretierer des artikels
    es ist ja oberpeinlich was ihr hier für einen dünnpfiff zum besten gebt.

    zum artikel – mannesstolz über seine söhne kann ich besten nachvollziehen und er ist wunderbar – was ich allerdings gar nicht nachvollziehen kann, ist die angst, mein bub könnte mich dereinst übertreffen. ich hoffe sehr, dass mich meine söhne übertreffen werden, dass sie grösser, schöner, stärker, klüger, erfolgreicher werden als ich. ja da fällt mir doch kein Zacken aus der krone, wenn es so kommen sollte, im gegenteil, dann habe ich noch zwei edelsteine drin.

  9. Adrian sagt:

    Zur Vater–Sohn Beziehung schlägt Robert Bly in seinem Buch «Eisenhans» vor dem Vater ein seinem Herzen *zwei* Zimmer einzurichten, ein Zimmer ist der “genealogischen Wärme und Richtigkeit” (wie Sie so treffend beschreiben) gewidmet … während das andere Zimmer als “Chronoszimmer” beschrieben wird :)

  10. Tobias Bopp sagt:

    Wieder ein Artikel ohne jede Relevanz. Da kann ich nur sagen: Doch, doch, ich bin total einverstanden – mit was weiss ich zwar nicht, aber das macht nichts.

  11. Mia sagt:

    Ob Vater oder Mutter, zum eigenen Geschlecht hat man einen andern Bezug, es ist eine innere Verbundenheit da, ein Verständnis, weil man halt der gleichen Gattung angehört. Ins andere Geschlecht ist man eher “vernarrt”, die Väter in die Töchter, die Mütter in die Söhne. Der Vater reagiert eifersüchtig, wenn die Tochter einen Freund heimbringt, die Mutter bei der Freundin des Sohnes…

  12. Mamamia sagt:

    Es geht nicht darum, das man Söhne mehr liebt als die Töchter, oder umgekehrt. Da haben manche den Artikel falsche verstanden.
    Mein Mann und ich habe einen Sohn und eine neugeborene Tochter. Ich beobachte das die Vater-Kind Beziehung anders ist als, Mutter-Kind. Meine Männer erstehen sich anders als ich und mein Sohn. Irgendwie kumpelhafter. Oder besser gesagt: da ist so ein Gefühl, ein Geheimnis der sie umhüllt, wenn sie zusammen sind. Wie etwas “unter uns Männern” das ich als Frau nie verstehen werde.
    Sie zuzusehen, wie sie gemeinsam Fischen oder sonstige Aktivitäten ausüben, macht mich überglücklich!
    Ja Jungs sind anders, Mädels auch!

  13. rolf sagt:

    @Auguste
    einfach köstlich dein Kommentar :)

  14. Shlomo Grünbaum sagt:

    Ich bin jetzt seit 5 Monaten Vater eines Jungen. Mich freuts das der Erstgeborene ein Junge ist. Bringt mich irgendwie wieder meinem Vater und Carrera näher. :-) Und wie das so bei Männern ist, die führen sich geschlechterspezifisch auf.

    @ Lea: blöd aber in der Schweiz sind 98% Goijm ;-)

    @ Roland: gut weiss ich jetzt das dein Vater nicht verschwult ist, so geh ich doch gleich viel besser in WE.

  15. Lutz Seifert sagt:

    @ex post : ich danke dich! ;)

  16. rb sagt:

    @ Mia: Nicht nur Mutter und Tochter, auch Vater und Tochter gehören natürlich der gleichen Gattung an (in unserem Fall der Gattung Homo). Und dem nicht genug: sogar der gleichen Spezies!
    Zur Erinnerung, die Taxonomie in der Biologie ist wie folgt: Domäne, Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Spezies…

  17. barbara j sagt:

    Die Geschichte in der griechischen Mythologie um Gaia (Erde), Uranos (Himmel) und Kronos (Sohn) beschreibt meiner Meinung nach das urälteste Problem, das uns bis heute erhalten blieb… Gaia zeugt mit Uranos Nachkommen, Sie verkörpert die weibliche Urkraft der Erde, Uranos ist männlicher Herrscher des Himmels. Beide sind in sich ganzheitliche Wesen und wirken jeder in seiner Weise an ihrem Platz. Uranos erhebt sich jedoch irgendwann über Gaia, und will die Macht als himmlischer oder göttlicher Herrscher, was einer Vergewaltigung gleichkommt. Betrachtet er sich als “reinblütiger”, weil sein Blut nicht “befleckt” wird, wie das des weiblichen Geschlechtes? Sie rächt sich dafür, indem sie Uranos entmannen lässt. Ihr gemeinsamer Titanensohn Kronos tut dies mit einer Sichel und wirft den abgetrennten Penis ins Meer – so die Sage. Die Ur-Weiblichkeit Erde wird hier schon geringer gewertet und der Sohn, kastriert den Vater, damit “junges Blut” wieder zur Zeugung eingesetzt werden kann. Muss nun also jeder Vater damit rechnen, dass der Sohn ihn “tötet”? ;-)

    Das erklärt höchstens ein paar Konfliktsituationen im Vater-Sohn-Verhalten, aber eigentlich auch eine natürliche Verjüngung, ist ja bei den Tieren auch so, die älteren verlieren irgendwann im Brunft-Kampf. Männer werden also “natürlich erneuert”, damit sie immer zeugungsfähig bleiben – das wäre dann ihr Los. Dass die Männer das nicht “kampflos” hinnehmen ist bis heute sichtbar und fühlbar durch die Frauen und – wir haben immer noch ein Patriarchat. Dieses Missverhältnis wird sich erst auflösen, wenn sich Mann und Frau als gleichwertiges Ganzes bedingungslos gegenüber treten können.

  18. Kringel sagt:

    Oieoie, nach all den intellektuellen Kommentaren – inkl. automatischer Grammatikkorrektur von ex post – hier ein ganz unintellektueller, dafür umso männlicherer, zugegeben leicht pubertärer Kommentar:

    “Rrrrrüüüüülps”.

  19. christophe sagt:

    ist ein sohn die kleine sonn?

    und in der französischen sprache ist der unterschied zwischen tochter und sohn ein anderer
    la fille hat mehr als le fils…

    liebe grüsse und weiter viel erfolg und freude mit und in der sprache, die zum glück meist etwas daneben haut

    cz, vater von sohnemann und tochterkind

  20. Globetrotterin sagt:

    @christophe

    Du meinst wahrscheinlich “Sohnemann” und TochterFRAU” – der Lapsus ist äusserst bezeichnend. Söhne werden als “Männer” wahrgenommen, Töchter jedoch als “Kinder”!

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