Fuck Magnesiumpulver

Den Vorbereitungskurs mit dem Walgesang findet man spätestens bei der zweiten Schwangerschaft unnötig. Foto: dolgachov (iStock)

Ich war drei Mal schwanger. Been there, done that, könnte man meinen. Oder sind 40 Wochen eben doch nicht gleich 40 Wochen?

Schwanger zum Ersten – alles rosarot

  • Mit zittrigen Fingern und heulend wie ein Schlosshund starrte ich ungläubig auf den Schwangerschaftstest.
  • Der werdende Vater starrte abends ähnlich ungläubig und verdrückte danach ein Tränchen.
  • Der Schwiegervater musste sich erst mal setzen (er hatte gedacht, wir würden heiraten).
  • Mir war schlecht. Ständig. Ich schlief mit Darvida neben dem Bett, da Essen gegen die Übelkeit half.
  • Ich abonnierte wöchentliche Babynewsletter, holte mir Schwangerschaftsapps und Bücher.
  • Dem Mann wurde auf die Schulter geklopft und er wurde mit lustigen «Meine Frau kriegt ein Baby und ich die Krise»- Ratgebern beschenkt. Er las sie nie.
  • Der kleine, feine Unterschied zwischen «durch» und «gut durch» beim Steak machte mich nervös.
  • Der Vater in spe verzichtete aus Solidarität ab und zu auch auf Alkohol. Er fragte mich (fast) jeden Tag, wie es mir geht. Andere auch.
  • Ich heulte bei jedem Ultraschall.
  • Das Magnesiumpulver brachte mich zum Würgen.
  • Alle sagten, ich solle mich schonen.
  • Ich trug keine schweren Sachen mehr.
  • Ich ging ins Schwangerschaftsyoga. Ins Schwangerschaftsschwimmen. In einen Vorbereitungskurs mit Walgesang.
  • Ich wusste jeden Tag genau, in welcher Woche im wievielten Tag ich mich befand.
  • In der 25. Woche konnte ich wegen meines Iliosakralgelenks nur noch watscheln. In der 40. Woche auch, aber wegen meines Gewichts.
  • Ich verwechselte Darmaktivitäten mit Kindsbewegungen und Wehen mit Rückenschmerzen.
  • Die Geburt war überhaupt nicht so wie erwartet.

Schwanger zum Zweiten – alles vergessen

  • Ich hielt den Schwangerschaftstest in den Händen mit ambivalenten Gefühlen: Juhuu, ein Baby! vs. Iiiik, jetzt geht das Ganze wieder von vorne los, 40 Wochen lang.
  • Der Mann so: Juhuu, ein Baby!
  • Schwiegervater so: Juhuu, ein Baby!
  • Meine Brüste so: Juhuu, wir legen gleich los, schon jetzt, 35 Wochen bevor du uns brauchst!
  • Mir war wieder schlecht. Ich brühte Ingwertee.
  • Darvida, Laugenbretzel, Rüeblitorte. Gesunde Ernährung ist wichtig in der Schwangerschaft.
  • Ich suchte die Babyapp. Fand irgendwo noch ein Buch.
  • Der Mann blätterte in seinem Papa-Ratgeber und fand ihn noch doofer als beim ersten Mal.
  • Fuck Magnesiumpulver. Ich schluckte Tabletten.
  • «Durch» ist durch und durch ok, beschloss ich pragmatisch in Sachen Fleisch.
  • Der Mann vergass ab und zu, dass ich schwanger war. Er schätzte aber seine nüchterne Chauffeuse.
  • Ich wusste ungefähr, in welcher Woche ich war.
  • Ich heulte auch diesmal bei jedem Ultraschall. Fing wieder an zu watscheln.
  • Ich hatte Angst, mein zweites Kind nicht so sehr lieben zu können wie das erste.
  • Die Geburt war gut 30 Stunden kürzer als die erste und ungefähr so wie erwartet.

Schwanger zum Dritten – alles «geng wie geng»

  • Wir hatten ein Apéro. Und ich war nicht sicher, ob ich trinken kann. Den Schwangerschaftstest machte ich in der Restauranttoilette. Oh!
  • Zu Hause grinste der Mann und meinte: Oh!
  • Drei Wochen später sprang der Schwiegervater auf: Oh!!!
  • Brüste und Bauch waren ab dem allerersten Hormon topmotiviert, zu expandieren.
  • Mir war ständig schlecht. Diesmal hatte ich tolle Tabletten von der Frauenärztin bekommen (wo waren die vorher?)
  • Keine Darvida mehr neben dem Bett. War zu müde. Und eh noch fünf Kilo Reserve von den ersten zwei.
  • … irgendwo habe ich doch noch so ein Schwangerschaftsbuch?
  • Ich wusste so Handgelenk mal Pi, in welchem Monat ich bin.
  • Es sagte niemand mehr, ich solle mich schonen.
  • Ich ass alles – mit gesundem Menschenverstand – ausser rohem Fleisch.
  • Der Mann erzählte amüsiert Anekdoten, wie er in der ersten Schwangerschaft aus Solidarität ab und zu auch auf Alkohol verzichtet habe. Haha, weisch no?
  • Ich heulte bei jedem Ultraschall.
  • Ich schleppte meine beiden Kinder, wenn nötig.
  • Mein Uterus war komplett übermotiviert, und ich trug im 5. Monat schon wieder diese Hosen mit Stretchbund.
  • Ich erinnerte mich vage an einen Vorbereitungskurs mit Walgesang.
  • Ich wusste, dass in meinem Herzen auch noch ein weiterer Mensch gut Platz hat.
  • Dort ist er jetzt auch angekommen.

15 Kommentare zu «Fuck Magnesiumpulver»

  • Babs sagt:

    Einfach groooßartig. Ich musste so lachen! Mein Freund vergaß auch öfter mal dass ich schwanger war beim zweiten-obwohl das eeecht nicht zu übersehen war

  • Tina Balmer sagt:

    Super Beitrag, auch als „Nichtmutter“ musste ich grinsen. Bezüglich „Platz im Herzen“ fällt mir eine Aussage von meiner Oma ein: „Chaque enfant est né d’un grand amour“ (Schreibfehler nicht ausgeschlossen). Damit meinte sie nicht nur die Liebe der Eltern, sondern sie war der festen Ansicht, dass jeder von uns auf der Erde ist, weil eine Art grosse Liebe im Universum existiert (manche nennen diese wohl „Gott“, aber so war es bei ihr nicht gemeint), die jeden von uns genau so wie wir sind da haben wollte. Ich finde diesen Gedanken auf vielen Ebenen ermutigend und nicht so realitätsfern. Wenn man bedenkt, was alles zusammenspielen und stimmen musste, damit wir hier sind, das ist irgendwie schon eindrücklich.

  • Ka sagt:

    wichtige mathematische Erkenntnisse nach dem Dritten:
    die Familie ist nun rund und nicht quadratisch!
    die Liebe teilt sich nicht durch drei sondern multipliziert sich!

    • Muttis Liebling sagt:

      Evolutionsmathematisch ist Kindesliebe auf den Erwartungswert von 5 konditioniert. Weniger als 5 Kinder bekommen zu viel, mehr zu wenig Liebe.

      Eine Familie mit <5 Kindern investiert zu viel in diese, die anderen können meist nicht mehr investieren.

      • Lia sagt:

        und woher bitteschön haben Sie diesen Blödsinn? Niemand kann genug in 5 Kinder investieren, da kommt immer einer zu kurz.

    • Ka sagt:

      @ML: sie verwechseln da die vorhandene Zeit / Aufmerksamkeit und die vorhandene Liebe. Natürlich hat der Tag nur 24h deshalb kommt bei mehr als 5 Kindern wohl der Rest zu kurz. Die Liebe aber, die wird einfach immer mehr, ich habe dann vielleicht einfach zu wenig Zeit, sie angemessen zu verteilen 😉
      PS: kann man wirklich zu viel Liebe bekommen? zu viel Aufmerksamkeit, ja da gebe ich Ihnen Recht!, aber zu viel Liebe???

      • Reincarnation of XY sagt:

        Wer in (Kinder)Zahlen denkt, ist schon auf dem Holzweg.
        Die Liebesfähigkeit ist das Entscheidende. Es gibt Eltern, die sind schon mit einem Kind überfordert.

        Zudem sollten wir klar unterscheiden, zwischen Liebe als subjektivem Gefühl und der Fähigkeit echt einen Menschen zu lieben.
        Die meisten Eltern „lieben ihr Kind über alles“, aber nicht wenige sind nicht in der Lage, ihr Kind als eigenständige Persönlichkeit zu lieben.

        Nicht in der Lage = sie sind nicht fähig dazu.

      • Muttis Liebling sagt:

        Man kann an allem zu viel bekommen. Nur nicht an Geld. Geld der einzige linear skalierte Parameter, den wir kennen. Geld kann man nie zu viel haben. Denkt man zumindest. Sonst ist das Optimum links vom Median.

        Es gibt zu viel Liebe, zu viel Zuwendung. Von allem gibt es zu viel. Nur an Verstand nicht. Verstand ist auch linear skaliert.

      • Muttis Liebling sagt:

        @ka
        Ich halte Liebe für quantifizierbar. Bin mir aber nicht sicher. Wäre es nur Affinität, könnte man es physikalisch beschreiben. Ist aber nicht so. Liebe ist etwas höheres als Affinität. Das verstehe ich aber nicht und muss aussteigen.

  • Franka Ebi sagt:

    Danke für den Schmunzler. Ich lese auch sehr gerne Ihren Blog.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Familie!!
    .
    PS: das mit dem Magnesiumpulver ging mir auch so. Können die das nicht so herstellen, dass sich der Mist wenigstens richtig im Wasser auflöst??

  • Mami12 sagt:

    Frau Jansen, ich LIEBE Sie! sie machen meinen Tag gerade sowas von besser!
    Wenn ich im Kalender nachzähle müsste es in etwa der 5. Monat sein. Und ja, gopfertelli, wo waren die Pillen gegen die vermaledeite Übelkeit bei den ersten beiden Schwangerschaften?
    Nur das mit dem Tragen der Kinder, das ist so eine Sache. Ich habe schon bei der zweiten Schwangerschaft nicht mehr so darauf achten können… jetzt kann ich nicht mer Niessen oder Lachen ohne stehen zu bleiben. von Joggen oä konnte lange keine Rede mehr sein. Das machte das abarbeiten der Darvidas nicht wirklich einfacher…
    Also liebe werdende 1.2.3.4.5.-Mamis: Tragt echt nicht so schwer, die Konsequenzen können wirklich sehr unangenehm werden!

  • Independent sagt:

    Der Mann von Frau Jansen ist mir sehr sympathisch 🙂

  • mila sagt:

    Herzlichen Glückwunsch, Frau Jansen!

  • Robert Hasler sagt:

    „Hey, ich bin nicht schwanger…“

    „WAHNSINN! ECHT? „

Kommentar

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