Leben


Michèle Binswanger am Mittwoch den 23. September 2009

Letzte Ausfahrt Spiessertum

Mamablog-Kommune-1

Irgendwie war das auch keine Lösung: Die Versuche der 68er-Generation, mit der Spiessigkeit gleich die Familie abzuschaffen, wirken heute im besten Fall kurios. (Foto aus der zu Berühmtheit gelangten Kommune 1, am 1. Januar 1967 in Berlin gegründet, im November 1969 aufgelöst.)

Vergangenes Wochenende war es mal wieder so weit. Das Chaos suchte mich heim, in Form der ganz normalen Unglücksfälle und Katastrophen, die ein Familienleben so mit sich bringt. Zuerst liess ich mich zu einem spontanen Möbelkauf verleiten, den mein Mann aber nur bedingt toll fand, weil unser Keller jetzt schon von abgelegter Ware überquillt. Die unmittelbar anberaumte Räumung mussten wir dann aber aufschieben, weil Kinder zu Geburtstagen zu bringen waren und mein Mann sich auf den abendlichen DJ-Gig vorzubereiten hatte. Über Nacht beherbergte ich dann die Nachbarskinder bei mir, was sich zum fröhlichen Fiasko entwickelte, weil eines der Kinder von asthmatischem Husten geschüttelt wurde, das zweite sich über den Lärm beklagte und das dritte sich schliesslich am Morgen erbrechen musste, weil es zu wenig geschlafen hatte. Und als meine Tochter verlangte, doch bitte nicht den ganzen Sonntag zu Hause sitzen zu müssen, da blieb nur letzte Ausfahrt Sonntagsspaziergang – Klimax bürgerlicher Spiessigkeit. Und weil ich keine Energie mehr hatte, eine Klettertour zu planen, mir den Van Gogh anzuschauen oder sonst etwas Sinnvolles zu tun, ergab ich mich und trottete mit Mann und Kindern friedfertig inmitten anderer Familien durchs Naherholungsgebiet.

Behaften Sie mich bitte nicht auf die Marginalität dieses Themas. Manchmal macht man sich eben auch über unwichtige Fragen Gedanken – besonders, wenn man mit seinen kinderlosen Freunden spricht. Eine dieser Fragen lautet: Warum tritt Spiessigkeit in Familien so sicher auf, wie die Korruption in Kongo? In diesem Blog wurde schon heftig darüber diskutiert, was spiessig ist. Die einen halten die Angst vor Spiessigkeit für spiessig, andere den krampfhaften Individualismus oder den Besitz von Haus, zwei Autos, einer Familie und einem Hund. Ich aber denke, Spiessigkeit ist das, was notwendigerweise eintritt, wenn man eine Familie gründet.

Spiessertum, mit anderen Worten, ist in meinen Augen nichts anderes, als die Antithese zum jugendlichen Geist. Dieser segelt meist unter der Flagge der Nonkonformität, wirft, auf der Suche nach sich selbst und seinen Möglichkeiten, möglichst viel Ballast aus seiner Kindheit ab, strebt nach einem Leben in Freiheit, ohne Wurzeln und möglichst ohne festen Wohnsitz.

Diese Mission büsst rasant an Fahrt ein, wenn erst mal Kinder da sind. Und ehe man sichs versieht, mündet man in den Hafen des Erwachsenseins, ohne vorher irgendeinen Zoll passiert zu haben, geht einer geregelten Arbeit nach, bereitet drei Mahlzeiten am Tag zu, geht früh zu Bett und macht Sonntagsspaziergänge. Und findet das nicht mal schlimm. Denn es gibt ja auch noch die andere Seite: die Erkenntnis, dass die Zeit nicht nur eine unanzweifelbare Richtung, sondern auch mehr Tiefe hat, als je gedacht. Dass Wurzeln eine gute Sache, dem ewig freien Flottieren gar vorzuziehen sind. Natürlich soll man auch mit Familie seine jugendlichen Träume nicht verleugnen. Nur hat man jetzt die Möglichkeit, sie etwas realistischer ins Auge zu fassen. Natürlich kann ich mich auch heute noch überall auf der Welt niederlassen. Nur bin ich keine einzelne Blume mehr, die eine neue Heimat in einer bunten Wiese findet. Jetzt bringe ich einen ganzen Blumenstock mit. Den kann man zwar umtopfen, aber ich bleibe in derselben Erde. Entgegen dem allgemein negativen Image der Spiessigkeit, ist das doch ein ungemein tröstlicher Gedanke.

Siehe dazu auch: Die Schlacht ums Ehebett

83 Kommentare zu „Letzte Ausfahrt Spiessertum“

  1. Patrick sagt:

    muss doch nochmals einen Kommentar abgeben:
    Erstens ist es Subjektiv, was spiessig ist und was nicht und das wird oft von unserem Elternbild geprägt. Wer will schon gleich sein wie die Eltern, unsere Eltern sind spiessig, wir nicht unser Nonkonformismus ist Anti-spiessig. Dabei vergessen wir häufig, dass wir damit neue Normen machen, und dass Spiessigsein für unsere Kinder neu definieren.
    Womit ich beim zweiten Punkt bin: Das weitaus interessantere Phänomen ist, dass das was als spiessig beziechnet wird, sehr oft eine Generation überspringt. Wir finden das spiessig, was unsere Eltern spiessig gefunden haben, diese wiederum haben das spiessig gefunden, was ihre Eltern unsere Grosseltern gemacht haben, was uns sehr häufig unseren Grosseltern ähnlich macht. Es ist ein sehr oft beobachtetes Phänomen, dass sich solche Attribute im Generationenwechsel wandeln. Durch unser Auflehnen der Spiessigkeit gegenüber definieren wir eine neue Spiessigkeit, die dann von unseren Kindern wieder als Zielscheibe dient.
    Die Welt ist konstant im Wandel und so auch die Werte… Was jetzt als Spiessig gilt, ist morgen vielleicht wieder NonKonformismus…

  2. cosy sagt:

    eigentlich ist nach Giorgio Girardet’s historischer Erklärung mit anschliesendem Kommentar alles zum Thema gesagt. Danke.
    Nächstes Thema bitte!

  3. wiki pedia sagt:

    @cosy: g.g. hat’s mir (wie übrigens oft) abgekupfert. das nächste mal schaust du doch bitte gleich im original nach.

  4. Im Kulturplatz wurde der “Antispiesser” par excellence vorgestellt: der “Bohemien”. Tobia Bezzola hat schon 1995 das Phänomen der “Massenbohemisierung” beschrieben und hier noch ein Text zur Raver-Bewegung:
    http://www.beatpunk.org/popkritik/pop-die-raving-society-frist-ihre-kinder/

    Katharina hat Recht, der Spiesser ist ein Deutsches Phänomen: er wurde von Oedon von Horvath im Roman “Der Spiesser” beschrieben. Es ist dieses Kleinbürgertum ohne Kaiser der Weimarer Republik, das dann für den “Führer” anfällig wurde.

    Der SChweizer Bünzli hingegen ist harmlos, weil er meist brav katholisch oder protestantisch ist, in eine Demokratie eingebunden und ausser dem Allmächtigen kein “Führer” braucht. Ausser der Allmächtige schickt ihm einen “Blocher” …

    Aber den richtigen Spiesser von heute erkennt man am hirnlosen Blocher-Bashing.

  5. Bea sagt:

    So leben, wie es einem selber am Praktischsten und Wohlsten ist. Fertig. Und was die intellektuellen Quassler darüber meinen, ist doch schnurzegal.

  6. BigMac sagt:

    Es gab mal eine TV-Werbung – ich weiss nicht mehr wofür oder von wem – da sass ein Penner mit seiner Tochter in einem Verschlag / Wohnwagen o.Ä. als eine sog. “Spiesserfamilie” vorbei kam. Darauf der Penner zur Tochter “Pah! Immer diese Spiesser…”. Die Tochter überlegt einen moment und erwidert “Wenn ich gross bin, will ich Spiesser werden”….

  7. Kate sagt:

    Spiessig ist, wer etwas macht, weil MAN (oder auch FRAU) es macht. Unabhängig davon, ob er/sie das will oder gut findet oder nicht. Wer am Sonntag einen Braten macht, weil MAN/FRAU am Sonntag einen Braten macht, ist spiessig. Wer ihn am Sonntag macht, weil er Lust oder Zeit dazu hat, ist es eben nicht. Es kommt auf die innere Haltung an. Wer spazieren geht, weil die Kinder frische Luft brauchen oder er/sie etwas grün sehen will, ist nicht spiessig. Wer spazieren geht, weil “normale Leute” am Sonntag spazieren gehen, ist spiessig.

  8. Natalie sagt:

    Ixh halte die Angst vor Spiessigkeit für spiessig.

  9. Pedro sagt:

    Unser Leben seien wir ehrlich, verläuft in sehr geordneten Bahnen und wirft aus der Ferne betrachtet, keine grossen Schatten. Die Diskussion über Spiessigkeit erübrigt sich somit! Selbst wer behauptet und stolz darauf ist, als Nonkonformist die Welt zu erobern, der neigt zu Selbstüberschätzung und unterliegt in vielen Fällen einer grossen Selbstlüge. Selbstüberschätzung, weil die im Alltag gelebte Rebellion bei näherer Betrachtung doch meist nur ein Rebelliönchen in einem eng gezurrten Gesetzeskorsett ist. Selbstlüge, weil die Qualität traditioneller Werte wie Familie in den rebellischen Jahren – die heute bei immer mehr Personen bis weit in die lächerlichen 50-ziger dauern – verkannt werden. Die Psychotherapeuten werden sich dereinst die Hände reiben, wenn dereinst die Anti-Spiesser ins Alter kommen und sich wünschten, sie hätten den wahren Wert von Spiessigkeit früher entdeckt.

    • Alex sagt:

      Tust grad so, als wenn jeder die Zeit in der “spiessigen Familie” als so angenehm erlebt hätte wie du, Pedro. Rebellion ist richtig und wichtig auf dem Weg zur Selbstfindung. Wer immer nur den Mief der Alten nachlebt, tut dies ohne zu wissen warum. Spiessigkeit hat keinen “wahren Wert”.

  10. Michael Maier sagt:

    @ Giorgio Giardet. Der Roman von Horvath heisst “Der ewige Spiesser.”

  11. Rafael sagt:

    Ja da reden die Richtigen – die Schweizer

    … das Spiessertum hat in Deutschland keine Heimat mehr.

    In der Schweiz ist das ganz andersum

    Rafael

  12. Philipp sagt:

    sehr schöner kommentar zur verwendung des wortes. wunderbar knackig und griffig geschrieben, applaus!

  13. stef sagt:

    Wenn ich mit Nachbarn oder anderen Eltern spreche, bin ich der Freak, wenn ich mit alten Freunden spreche, der Spiesser.
    Was solls? Früher das Haus besetzt heute besitzt, macht beides Spass. Mit Kindern finde ich letzteres praktischer.
    Krampfhaft jugendlich zusein ist meine Definition von spiessig.

  14. frani sagt:

    ich weiß zum beispiel garnicht was meine Eltern als spießig empfunden haben.

    Spießer sind für mich Langweiler mit gutem finanziellen Polster, familienwagen, Urlaub in Ferienanlagen. Gibt es noch eine andere Definition?

    • Eni sagt:

      Warum sind Menschen mit einem Familienwgen langweilig? Könnte ziemlich schwierig sein 4 Kinder in eine Audi TT zu stopfen.

  15. Lea sagt:

    Audi TT ist ein Automobil? Ich dachte immer das sei eine Trophaee, wenn er oder sie den chef ranlaesst.
    aber im Rolls Royce zum St. Moritz am central park south zu gehen ist mehr als spiessig. es ist mit pluesch und samt ueberzogen, serviert wird lauwarmer gin in gravierten glaesern. gleich daneben ist die dialyse station. scheusslich.

  16. Peter sagt:

    Spiessigkeit ist für mich das, was sich einschleicht wenn nicht mehr genug Energie zur Kreativität und sicher auch zur “Rebellion”, welcher Art auch immer, da ist. Wenn Rituale wichtig werden, weil man sich nicht ständig etwas neues ausdenken mag. Wenn nichts mehr hinterfragt wird. Wenn “schon immer so gemacht” ein Argument wird.

    • Superbede sagt:

      Ja genau, so eine Spiesserin bin ich auch geworden…

      Hier hat Peter Spiessigkeit sehr gut beschrieben. Leider bin ich als Mutter von zwei kleinen Mädchen ein bisschen so geworden.

      Keine Zeit, und vorallem keine Energie zur eigenen Kreativität mehr. Aber ich sehe das positiv, da ich mit meinen Kindern schöne und kreative Zeiten verbringe und mich zurückstecke bis die Meitilis grösser sind.

  17. glanzmann sagt:

    was wäre die welt ohne die spiesser, aber auch die spiesser werden dran kommen früher oder später und was wird dann mit ihrer ganzen moral geschehen, sie wird vom wind weggeblasen.

  18. Allegra sagt:

    Ein interessanter Artikel, über dessen Inhalt man sich spätestens ab Ende 20 seine eigenen Gedanken macht. Es erklärt auch, warum so mancher, aus Angst vor genau dieser Spießigkeit sich sein Leben anders vorstellt und verbringen möchte: Meiner Meinung nach ist es die Angst vor dem eigenen Tod, da “geregelte Bahnen” auch Stillstand bedeuten – die Kehrseite der vermeintlichen Sicherheit und Altersvorsorge. Für mich persönlich wäre ein solches Leben unvorstellbar, da ich so einen Teil meiner eigenen Identität beerdigen müsste, die sich durch Jugendlichkeit, Agilität und Spontanität definiert.

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