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Die Ohrfeigen-Frage

Michèle Binswanger am Dienstag den 25. August 2009

Es geschah im Zug. Sonntagabend, ein Waggon voll ausgelassener Weekend-Schlachtenbummler und mittendrin sass diese junge, blasse Frau und machte ein Gesicht, als rollte der Zug direkt über sie. Doch es war nicht der Zug, es war ihr Kind, ein blonder Junge von vielleicht sechs Jahren. Er bohrte in der Nase, plärrte herum und nervte ihre kinderlosen Freundinnen, indem er ihnen seinen Plastikdinosaurier in die Rippen stiess und mit seinen Schuhen auf den Sitzen rumtrommelte.

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Das waren noch Zeiten! Im 19. Jahrhundert hiess es in den Schulverordnungen: «Am passendsten ist für die körperliche Züchtigung die Ruthe». Lithographie, um 1835.

Die Mutter zischte den Jungen an, als herrschte in ihrem Kessel ein Überdruck, aber der Junge, offensichtlich unbewandert in den Gesetzen der Thermodynamik, stellte sich taub. Und dann explodierte sie, packte ihn am Arm, riss ihn herum, schrie ihn an und er liess es mit sich geschehen, als sei er das Spielzeug und sie das Kind. Augenblicklich zog die Frau die Zielscheibe aller Blicke im Wagen. «Armes Kind», drückten die zugehörigen Mienen aus. Ja, armes Kind. Aber auch: arme Mutter.

Ich habe meine Kinder noch nie geschlagen. Die Beherrschung verloren habe ich aber schon des Öfteren, vor allem als meine Kinder noch kleiner und mein Stress grösser war, brüllte ich schon mal rum und stellte mir alles mögliche vor. Zu gut erinnere ich mich an das bittere Gefühl in der Kehle nach einem Tobsuchtsanfall und die Empfindung, irgendwie unscharf gezeichnet zu sein. Es gibt kaum etwas Elenderes.

Und Gewalt beschränkt sich ja nicht auf Handgreiflichkeiten. Es gab eine Phase, da meine Tochter beispielsweise besonders renitent war. Und als sie sich einmal nach einer Auseinandersetzung weigerte, ins Zimmer zu gehen um dort aufzuräumen, drohte ich, sie an den Haaren dahin zu schleifen, wenn sie jetzt nicht komme. Das war eine leere Drohung. Dennoch kam sie jüngst nachts weinend an mein Bett und erzählte von einem Traum, bei dem ich sie an den Haaren im Kreis herumgeschwungen hätte.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht um regelmässige häusliche Gewalt gegen Kinder. Die ist immer falsch und zu verurteilen. Mir geht es um die Frage, wo die Grenze zwischen Macht als erzieherischem Faktor und der zu Recht verpönten Gewalt liegen. Andererseits muss eine körperliche Intervention nicht immer gleich eine Katastrophe sein. Ich selbst wurde nie geschlagen. Einmal aber hatte auch meine Mutter genug von meiner Renitenz. Ich hatte die Angewohnheit, bei ihren Standpauken einfach davonzulaufen. Eines Tages hielt sie mich an den Haaren fest. Ich lief nie mehr davon.

Was meinen Sie? Gibt es Situationen, da eine Ohrfeige erlaubt ist? Und zu welchen Mitteln darf man greifen, um der elterlichen Autorität Nachdruck zu verleihen?

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551 Kommentare zu „Die Ohrfeigen-Frage“

  1. Andrea Mordasini sagt:

    Gewalt (körperlich, seelisch, verbal, sexuell) an Kindern, den schwächsten der Gesellschaft ist feige und inakzeptabel! Klar kann es vorkommen, dass einem im Affekt mal die Hand ausrutscht. Doch diese Ausrutscher müssen eine Ausnahme sein! Respektvoll, anständig, aber auch selbstsicher und selbstständig werden Kinder nur, wenn wir ihnen diese Werte selber vorleben und ihnen selber mit Respekt, Anstand, viel Liebe, Wärme und Geborgenheit begegnen. Es ist an uns Erwachsenen, die jüngsten, schwächsten, hilf- und wehrlosesten unter uns gegen jegliche Art von Gewalt, Leid und Missbrauch zu schützen

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