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Besorgt euch doch einen Babysitter

Gabriela Braun am Donnerstag den 15. August 2013

Sie sind wieder überall anzutreffen. Sie hängen erschöpft auf Barstühlen, gefährlich nah vor dem Umkippen. Sie sitzen am Filmfestival und gucken sich spätnachts einen Polanski-Film an. Sie tanzen unter den Sternen an Rock-Konzerten und am Nachmittag zum MzMzMz-Takt an der Streetparade.

Und immer wieder halte ich inne und frage mich: Müssen die Kinder denn wirklich überallhin mitgeschleppt werden? Ist die In-Bar mit der lauten Musik und den vielen besoffenen Menschen der richtige Platz für müde, richtig müde aussehende Kleinkinder? Wie kommen Eltern nur auf die Idee, ihre Kinder an solche Orte mitzunehmen? Was bringt sie dazu, mit ihrer Sechsjährigen «Chinatown» auf der Piazza Grande in Locarno anschauen zu gehen? Der Film ist kein Kinderfilm, er ist freigegeben ab 16 Jahren und Mitternacht ist längst vorbei. Und dann die Streetparade: Was um Himmelswillen wollen die Familien nur an der Streetparade?

Nun gut, man kann der lustigen Strassenparade zu Gute halten, dass sie am Nachmittag beginnt, zu einer kinderfreundlichen Zeit. Die Mamis und Papis können mit ihren Leons und Leonies Verkleiderlis spielen, sich farbig anmalen und mitten in Zürich durch die Strassen tanzen. Das geht sonst nur an der Fasnacht.

Trotzdem ist mir schleierhaft, warum das Eltern sich selbst und ihren Kindern antun. Es ist doch überhaupt nicht entspannt. Die Eltern müssen dauernd darauf achten, dass der Kleine nicht zu nahe an den zig Verstärkern und Boxen vorbeiläuft, damit die Bässe ihm nicht das Gehör auspusten. Der klaubt sich derweil die Ohrstöpsel aus den Ohren, weil die nicht für Kinderöhrchen gedacht und deshalb viel zu gross und unbequem sind. Die Tochter geht im Gedränge fast verloren. Damit das nicht nochmals passiert, schreibt die crazy grünbemalte Mami ihr mit Filzstift die Handynummer auf den Arm. Sicher ist sicher. Jetzt braucht das Mädchen bloss darauf zu achten, das sie nicht auf Glassplitter tritt, oder auf einen der vielen Besoffenen oder Bedrogten am Rande des Umzugs. Alles ganz easy und macht voll Spass.

Ich finde, es gibt Orte, an die Kinder einfach nicht hingehören und Sachen, vor die man sie schützen sollte: Dazu gehören Erwachsenenfilme mit üblen Gewaltszenen auf der Piazza Grande in Locarno. Egal, wie lauschig die lauen Sommernächte im Tessin sind. Dazu gehören auch die Urinpfützen und die weggetretene Gestalten an der Streetparade. Und all die Erwachsenen mit penetranten Alkoholfahnen in den Bars am Abend. Das erleben Kinder alles noch früh genug in ihrem Leben.

Das heisst nicht, dass man Kindern eine weichgespülte Welt vorsetzen soll. Es geht darum, dass wir sie in ihrer etwa 13 Jahre dauernden Kindheit noch Kind sein lassen. Mit der dazugehörenden Verträumtheit und Naivität. Als Jugendliche und Erwachsene haben sie für den Ausgang, die Partys und Bars noch so viel Zeit: Mehr als sechs Jahrzehnte lang, so die Statistik. Darum, liebe Eltern: Sucht euch doch einen Babysitter!

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203 Kommentare zu „Besorgt euch doch einen Babysitter“

  1. Hitz Thomas sagt:

    Ihr Artikel ist super, vielen Dank-Endlich höre ich wieder erwas Gutes von Frauen. Ich war mit einer Spanierin verheiratet und sie musste meine Tochter zu jedem Fest einfach mitnehmen, was ein völliger Blödsinn war und ich stritt nd ärgerte mich fast kaputt.
    Man muss doch das Kind Kind sein lassen und nicht schon in jungen Jahren jeden Seich mitmachen müssen. Ansonsten werden die kinder eines Tages nur blöd sein, wenn sie das alles mitmachen müssen als Kleinkinder. Eigentlich ist das eine man sagt heute wohl eine verarschung des Kindsseins.

    Aber eben gesunde Erziehung ist noch nicht angesagt.

  2. Annette sagt:

    Und da wundert man sich noch, dass bereits laut gedacht wird, kinderfreie Zonen einzuführen? Ich bin auch Mama und finde auch, es gibt Orte, wo man mit Kleinkindern einfach nicht hingeht – wie Kino, Bars, Oper, Konzerte, Edelrestaurant Wir Eltern sind doch nur gestresst, wenn die Kinder dann quengeln & die andern sich nerven! Das heisst ja nicht, dass sie um 19.00 im Bett sein müssen. Wer unbedingt um 22.00 mit Kleinkind noch unterwegs sein will, für den gibt es tausend andere Alternativen wie Spielplatz, am See flanieren, im Wald grillieren etc. Und hey, es gibt auch Kinderkonzerte/OpenAirs!

    • Franz Meier sagt:

      Im Artikel geht es darum, dass Kinder vor der Erwachsenenwelt geschützt werden, nicht umgekehrt, wie Sie das beschreiben. In Edelrestaurants könnte man sie allenfalls vor den arroganten Snobs schützen ;-)

  3. Edith Hand sagt:

    Man muss schon als Erwachsener bekloppt sein, an der Streetparade teilzunehmen und dann noch Kleinkinder mitzunehmen grenzt an galoppierende Blödheit. Das hat überhaupt nichts tun mit den Sitten in südlichen Ländern. Die Streetparade sollte überhaupt abgeschafft werden, die meisten Zürcher wären dankbar dafür. Als Kompensation haben wir ja immer noch die Fasnacht. Sollen sich die Leute dort zur Schau stellen.

    • Francesca sagt:

      Da ist’s zu kalt.

      • Heidi Merz sagt:

        Welche Fasnacht? Wollen Sie das läppische Umzüglein in Zürich und die paar Maskenbällchen tatsächlich als Fasnacht bezeichnen? Dann gehen Sie sich mal in Basel oder Luzern etwas Weiterbildung holen. Ich bin Zürcherin und mag die Streetparade überhaupt nicht. Aber als Gegengewicht zum Sechseläuten ist sie mir allemal willkommen. Bei der SP kann wenigstens jeder mitmachen, und Besoffene gibts auch beim SL mehr als genug.

      • Sportpapi sagt:

        Sechseläuten ist toll. Finden jedenfalls meine Kinder.

    • Edith Hand sagt:

      Franziska, Recht hast Du!

  4. Ursula sagt:

    Im Tages-Anzeiger erschien vor nicht langer Zeit ein Artikel über die zunehmend festzustellende Tendenz in den Medien, dass sich Leute über etwas empören. Empörung ist einfacher als Analyse, Nachdenken, Abwägen, Differenzieren. Empörung ist ein schnelles Urteil, und damit holt man sich viel Beachtung. Schade, mir wären differenzierte Sichtweisen lieber.

  5. Joerg Hanspeter sagt:

    Grundsätzlich finde ich es gut, wenn ein Kind möglichst früh viele Eindrücke hat. Streetparade anschauen, aus entsprechender Distanz, damit des dem/der Kleinen nicht das Gehör rauspustet, ok, an die Streetparade gehen, weil Mami nicht darauf verzichten will, nicht ok. In südlichen Ländern Kleinkind im Kinderwagen mitnehmen in die Gartenwirtschaft, wo es dann friedlich schläft ok, Filmfestival Locarno mit Film ab 16 oder 18 Jahren, nicht ok. Fazit, Kind mitnehmen, damit es frühzeitig seinen Horizont erweitern kann, ok, überallhin mitnehmen, weil man auf nichts verzichten will, nicht ok.

    • Heidi Merz sagt:

      Wie kommen Sie darauf, dass es Mami ist, die angeblich nicht verzichten kann?

    • miss_t sagt:

      Stimme Herrn Hanspeter zu. Wir durften damals viel zu selten mit und mussten oft mit Babysitter zu hause bleiben. Das war auch recht frustrierend.
      Nur ein Kind, das auch mal unter Leute kommt, Musik, Kunst, Kultur, grösseren Menschenmassen, einem Restaurantbesuch “ausgesetzt” wird, kann auch lernen, sich in einem anderen, nicht so vertrauten Umfeld zu bewegen und orientieren. Und ab einem gewissen Alter kann man Kindern durchaus auchmal zumuten, ein paar Besoffene zu sehen, man sollte sich vielleicht einfach eine faire, kindgerechte, und nicht beschönigende Erklärung zurechtlegen.
      Ausserdem: mal aufbleiben zu dürfen, geniessen die Kids ja doch auch! Hat auch den Vorteil, dass man als Elternteil am nächsten morgen länger schlafen darf;)
      Ich war mit 16 an meinem ersten Rockkonzert. Da tat sich mir eine völlig neue Welt auf und ich habe gemerkt, was ich eigentlich alles verpasst hatte. Meine Tochter ist mit 20 Monaten letztes Wochenende an einem kleinen, familienfreundlichen Openair mit Kapselgehörschutz (Peltorkid) alleine zur Bühne losgewackelt , weil sie “musig gucken” wollte.

  6. Juno sagt:

    Ach herrje wie hier wieder (fast) alle genau wissen, was das beste fürs Kind ist und was ein absolutes no-go! Dann schaut doch, dass eure Kinder nach euren Ideen aufwachsen und lasst alle anderen in Ruhe! Woher kommt dieses Bedürfnis, alles schlecht zu machen, was anders ist, als man es selber machen würde?

  7. Thomas von Allmen sagt:

    Im Grunde haben wir es doch satt, tun zu können, was wir wollen, weil wir nicht weise genug sind, unsere Freiheit richtig zu nutzen.

  8. Rima sagt:

    B R A V O Frau Braun. Endlich sagt da mal jemand was! Sie könnten auch einen Artikel über Baby/Kleinkinder ohne Sonnenschutz sprich Hütchen in praller Sonne schreiben…..

    • Juno sagt:

      Ah sind sie die, welche mich und meine Kinder zurechtgewiesen hat, als sie ca 15 Sekunden ohne Hut in der Sonne auf unserem Balkon standen und den Passanten zuwinkten? Kümmern Sie sich doch um ihre eigenen Kinder!

    • Sportpapi sagt:

      Und ich dachte immer, Kinder wissen schon, was ihnen gut tut. Meine reissen sich jedenfalls diese Hüte gerne schnell wieder vom Kopf. :-)

  9. so ist es sagt:

    Hatten unseren 2 jährigen sohn letztes wochenende auch dabei gehabt an der street Parade – wir hatten aber das Glück, dass wir auf einem privatboot waren und nach rund 60 minuten sagen konnten: “so, ich glaub jetzt reichts, wir gehen wieder see-aufwärts”. das stündchen war unser sohn auch happy und hat aus sicherer distanz beobachten können, auch wenn er es mit 2 nicht ganz einordnen kann – zum Glück – denn soviele “weirdos” auf einem haufen hab ich schon lange nicht mehr gesehen…kinder sollen überall hin mitkönnen, ABER NUR dem alter entsprechende anzahl Minuten/zeit…solange sie zufrieden

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