
Im TV-Film «Sexstreik» verweigern sich die Frauen ihren Männern, um einen Müllskandal zu stoppen (Quelle: Kino.de)
Letzten Sonntag brachte die «SonntagsZeitung» ein Interview mit der französischen Autorin und Bloggerin Sophie Fontanel. Der Anlass: Fontanels Roman über ihre zehn Jahre andauernde, freiwillige Sexpause «Das Verlangen» ist nun auch auf Deutsch erschienen. Als der Bestseller vor rund einem Jahr (auf Französisch) erschien, waren die Reaktionen heftig. Fontanel schien in ein Wespennest gestochen zu haben. Nun ja, in unserer übersexualisierten Gesellschaft ausgerechnet ein Buch über ein Leben ohne Sex und vor allem dessen Vorzüge zu schreiben, ist schon ziemlich gewagt. Leider erwies sich das Interview als ein bisschen mager, am meisten erstaunte mich jedoch, dass keine einzige Frage den damaligen Partner von Fontanel betraf. Immerhin war dieser ja von der plötzlichen Sex-Askese seiner Frau auch betroffen. Wie hat er reagiert? Hat er sich subito von ihr getrennt? Oder sich eine Geliebte gesucht? Oder war ihm der Sex auch nicht mehr wichtig? Das hätte mich viel mehr interessiert, als zu erfahren, dass wenn man Sexualität «in eine andere Passion, in Kunst, Nächstenliebe, Träume und Hoffnung verwandelt, echte Erotik zirkuliert». Aber vielleicht war ich auch wegen eines Gesprächs vom Vorabend neugierig, wie sich Männer in dieser Situation verhalten, denn bei einem Nachtessen hatte eine Freundin verraten, dass ihre Schwester ihrem Mann konsequent «den Sex verweigert» und wir hatten noch lange darüber gesprochen.
«Scheisse. Wie lang denn schon?» − «Lang. Zwei, drei Jahre, vielleicht auch mehr.» − «Ja, und mit welcher Begründung?» − «Keine Ahnung. Kein Lust mehr, die Menopause, was weiss ich». Manchmal, ganz selten, dürfe er sie massieren, erzählte sie weiter. Und sogar ein bisschen fummeln und ganz, ganz selten dürfe er sogar «richtig ran». «Das ist ja schrecklich! Ja, und er??» − «Er ist frustriert. Sie hat ihm gesagt, er müsse sich halt arrangieren.» Was ich dann doch wieder ziemlich fortschrittlich fand, bis mir klar gemacht wurde, dass dies keinesfalls bedeutete, dass er sich wegen ihrer anhaltenden Unlust mit anderen Frauen amüsieren durfte, sondern vielmehr, dass sie ihm die Absolution zur Masturbation gab. Wow, wie grosszügig.
Dass Frauen ihren Männern den Sex verweigern ist wahrlich kein neues Phänomen. Im Gegenteil, schon vor rund 2400 Jahr thematisierte der griechische Dichter Aristophanes in «Lysistrata» dieses ausgesprochen weibliche Machtspiel. Wobei sich in seiner Komödie die Frauen nicht aus rein persönlichen Gründen dafür entscheiden, sondern aus einer politischen Motivation: Die Frauen Athens und Spartas haben die ewige Kriegslust ihrer Männer satt. Um dem jahrelangen Leiden ein Ende zu setzen, gehen sie − unter dem Kommando Lysistratas − in beiden Städten in Sex-Streik und siehe da, der Krieg wird schon bald beendet.
Seither wurde das fiese Druckmittel immer wieder eingesetzt. Hier ein paar Beispiele aus jüngster Zeit:
2012 – Um den Präsidenten Faure Gnassingbé zu stürzen, treten die Frauen Togos im Sommer in den Sex-Streik. In der Rolle der Lysistrata: Isabelle Ameganvi, die Vorsitzende der Frauen-Organisation «Let’s Save Togo».
2011 – Ähnliches will man auch in Belgien erreichen: Weil seit sieben Monaten das Land nicht im Stande ist, eine neue Regierung zu bilden, ruft die belgische Parlamentarierin Marleen Temmerman die Frauen zum Sex-Streik auf. Allerdings dauert es fast noch ein weiteres Jahr, bis die neue Regierung endlich vereidigt wird. Ob die Belgierinnen so lange gestreikt haben, ist nicht dokumentiert.
2011 – «No más sexo» skandieren die Frauen Barbacoas, einem armen Dorf im Süden Kolumbiens, und setzen ihre Männer vor die Schlafzimmertüre. Ziel der Sex-Streikenden: Die Sanierung der einzigen Zufahrtsstrasse. 110 Tage harren die Frauen (und Männer) aus, dann wird der Streik beendet und die Strasse endlich geteert.
2011 – Ebenfalls Erfolg haben Frauen eines philippinischen Dorfes. Dort genügt allein die Androhung eines Streiks, um eine jahrelange Fehde mehrerer Familien zu beenden. Die Idee hatte eine Frauengruppe, die gemeinsam eine Schneiderei gegründet hatte, ihre Waren aber wegen der andauernden Konflikte und Schiessereien nur unregelmässig ausliefern konnte.
2010 - Der ukrainische Ministerpräsident Mykola Asarow erklärt öffentlich, dass Politik keine Frauensache ist. Worauf Femen, die ukrainischen Politaktivistinnen (die vor allem wegen ihrer Oben-Ohne-Proteste berühmt sind) die Partnerinnen der Regierungsmitglieder zum Sexboykott auffordern.
Ja, und dann waren da noch die Liberianerinnen, die ebenfalls einen Krieg beenden wollten. Oder die Neapolitanerinnen, die sich an den gefährlichen Silvester-Raketen störten, die Türkinnen, die gegen den akuten Wassermangel in ihrem Dorf streikten, undsoweiterundsofort. Sexboykott lässt sich vielseitig einsetzen. Nicht zu empfehlen ist diese Waffe allerdings für Männer. Denn die sexuelle Verweigerung kann einen Mann teuer zu stehen bekommen: So hatte ein französisches Gericht letztes Jahr einen Mann zu einer happigen Geldstrafe in der Höhe von 10′000 Euro verurteilt, weil er jahrelang seine ehelichen Pflichten nicht erfüllt hatte. Irgendwann war es der unbefriedigten Frau zu viel (oder zu wenig, wie mans nimmt…) geworden, sie reichte die Scheidung ein und verlangte vom Sexmuffel Schadensersatz.



Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. 





































































Also wenn man auf etwas verzichtet, ist es vor allem deswegen, weil man sowieso nichts davon hätte. Also aufgepasst, wem auch immer der Sex verweigert wird, die ist ein recht verkappter Qualitätsausweis an diese Person. Wahrscheinlich war sogar Mitleid im Spiel. lol
“Nicht zu empfehlen ist diese Waffe allerdings für Männer. Denn die sexuelle Verweigerung kann einen Mann teuer zu stehen bekommen: So hatte ein französisches Gericht letztes Jahr einen Mann zu einer happigen Geldstrafe in der Höhe von 10′000 Euro verurteilt, weil er jahrelang seine ehelichen Pflichten nicht erfüllt hatte.”
Und ich dachte immer wir leben noch in einem real-existierendem Patriarchat? Oder haben Feministinnen etwa jahrzehnte lang gelogen?
Beim Sexboykott des Mannes, wird die Frau gereizt, fühlt sich in ihren körperlichen Grundrechten betrogen und holt sich wenn nötig die Befriedigung dieses Grundbedürfnisses woanders. Die Frage ist doch: warum tun dies die Männer nicht?