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Mamablog-Redaktion am Freitag den 28. September 2012

«Krebs – was für eine tierische Krankheit»

Eine Carte Blanche von Barbara Lütold.

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Die rosa Schleife der Organisation «Pink Ribbon», die weltweit Aufklärungsarbeit zum Thema Brustkrebs leistet.

Mit 42 Jahren erhielt ich die Diagnose Brustkrebs. Ich? Das kann nicht sein, war meine erste Reaktion. Ich gehörte keiner der Risikogruppen an. Mein erster Gedanke nach dem vermeintlichen Todesurteil: Ich kann es mir nicht erlauben zu sterben. Was machen bloss meine beiden Kinder (zwei und fünfeinhalb Jahre) und mein Mann ohne mich?

Eine zentrale Frage bei der ganzen Auseinandersetzung mit meiner Krankheit war: Wie vermitteln wir das den Kindern? Hätten wir damals die äusserst wertvolle Broschüre der Krebsliga Schweiz «Mit Kindern über Krebs reden» schon gekannt (kostenlos im Krebsliga-Shop erhältlich), hätten mein Mann und ich uns einige Diskussionen ersparen können. In dieser Broschüre ist ausführlich beschrieben, wie man in kindgerechten Dosen und mit einfachen Worten über die Krankheit sprechen soll.

Wir haben uns damals also auf unsere Intuition verlassen und informierten unsere beiden Kinder über meinen Gesundheitszustand. Die Reaktion unserer Tochter war pragmatisch: «Krebs, was für eine tierische Krankheit.» Ich fand diese Antwort tierisch lustig und sie beruhigte mich auch irgendwie. Sie zeigte, wie schwierig es für Kinder in diesem Alter ist, die ganze Tragweite einer solchen Diagnose abzuschätzen. Und das ist eigentlich ganz gut so.

Wir nutzten diese Erkenntnis dann auch für unser weiteres Handeln. Als ich meiner Tochter erklärte, dass ich in ein paar Wochen infolge der Chemotherapie die Haare verlieren würde und ihr den Vorschlag machte, dass sie mir dann vor dem Ausfall die Haare schneiden dürfe, fragte sie mich fortan tagtäglich, wann dann endlich meine Haare ausfallen würden. Sie konnte den Moment kaum erwarten, wo sie mir mit der Küchenschere eine unregelmässig gestufte, zerzauste Rasenmäherfrisur schnipseln durfte.

Die tierisch komischen Momente waren mit dieser Episode noch nicht abgeschlossen. Sehr schnell fanden die Kinder grossen Spass am Tragen meiner Perücke und verkündeten im ganzen Quartier, dass ihre Mutter nun eine Perücke tragen muss. Somit war für uns auch das Problem, wie wir unsere Nachbarn über meine Krankheit informieren sollten, sehr schnell gelöst.

Bleiben wir bei den tierischen Momenten: Ein weiteres Schlüsselerlebnis aus dem Leben einer von Krebs betroffenen Familie war, als ich mit den beiden Kindern unterwegs zum Coiffeur war. Sie sollten eine Sommerfrisur erhalten, welche ich ja unfreiwilligermassen schon hatte. Es war sehr heiss draussen und ich hatte vergessen, meine Perücke aufzusetzen, wie ich auf halbem Weg dorthin feststellte. Ich hielt inne, die Kinder fragten, was denn los sei und ich erklärte ihnen, dass ich doch nicht mit einem Glatzkopf durchs Dorf und zum Coiffeur gehen könne. Grosse, verständnislose Kinderaugen blickten mich an, und schienen zu fragen: Warum denn nicht? Genau, warum denn eigentlich nicht! Wäre es für mich von zentraler Bedeutung gewesen, nicht ohne Perücke aus dem Haus zu gehen, hätte ich sie wohl auch nicht vergessen. Dank der Unbekümmertheit meiner Kinder stellte ich fest, dass ich die Perücke eigentlich nur aufsetzte, um die Leute nicht zu brüskieren. Wir setzten unseren Weg fort; sie mit und ich ohne Haare.

Während der Chemophase, wenn ich mich vor lauter Übelkeit und sonstigen Nebenwirkungen kaum aufraffen konnte aufzustehen, waren die Kinder besonders besorgt um mich. Sie waren es schlichtweg nicht gewohnt, dass ihre Mutter tagelang im Bett lag und nichts essen wollte. Mit grosser Hingabe servierten sie mir wie in einem 5-Stern-Hotel die Mahlzeiten ans Bett. Postwendend kam dann aber nach abgeschlossener Chemo- und Antikörpertherapie der Kommentar der Kinder, dass nun sofort Schluss sei mit Essen im Bett.

Wichtig erschien uns auch, das Umfeld der Kinder in unser verändertes Familienleben miteinzubeziehen. Wir informierten die Kindergärtnerin unserer Tochter darüber, was bei uns zu Hause ablief. Auch sie konnte uns gute Tipps und Rückmeldungen geben, wie unsere Tochter in ihrem Alltag mit meiner Krankheit umging. Diese Rückmeldungen beruhigten uns ungemein und gaben uns Sicherheit, dass unsere Kinder absolut fähig sind, schwierige persönliche Situationen zu meistern. Wichtig ist, dass sie die Sicherheit haben, stets über das Sprechen zu können, was sie beschäftigt und zugleich den Freiraum haben, ihr eigenes Leben so weiter zu führen, wie bis anhin.

Dank dem unkomplizierten Umgang meiner Kinder, mit dieser «tierischen Krankheit», gelang es uns, diese grosse Herausforderung unbesorgter zu meistern. Heute, vier Jahre nach der Diagnose, der einjährigen Therapiezeit und den zwei Operationen, leben wir wieder ein normales Familienleben. Die Krankheit hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, Hilfe von Dritten anzunehmen und Krebs nicht als Tabuthema anzusehen, sondern die Familie und das Umfeld einzubeziehen.

Mamablog1Barbara Lütold ist Mutter von zwei Kindern. Kostenlose Beratung und Informationen zum Thema finden Sie hier: www.krebsliga.ch

60 Kommentare zu „«Krebs – was für eine tierische Krankheit»“

  1. Gabi sagt:

    Einer der unreflektiertesten All-Time-Hits, für mich, bildet der Spruch:

    “Wenn Kinder die Welt regieren würden… ”

    ;-)

    • Gabi sagt:

      Oh…. Gehörte natürlich unter Brunhilds Replik auf der vorigen Seite.

    • Blitz Blank sagt:

      Und ihre Begründung?

      Gäbe es unter Kindern Nationen, Armeen, Kriege, Atombomben, Religionen, Folter, Ideologien, Genozide, Umweltzerstörung…?

      Hier eine zufällige Auflistung zur Welt der Erwachsenen:

      http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen

      • Gabi sagt:

        Jetzt hören Sie aber auf, BB.

        Da hab ich nun schon das Gefühl, sie vertreten hier wenig vermisste Abwesende.

        Unter Kindern gäb´s auch kein elektrisches Licht;von Nationen, Armeen, Atombomben, etc., etc., ganz zu schweigen.

        Eine derartige Feststellung ist also einfach nur als sinnfrei zu bezeichnen (ich möcht´s noch nicht mal “theoretisch” nennen… Weil Kinder auch theoretisch nicht zum Aufbau einer komplexen Zivilisation fähig wären).

        Theorien – und recht durchdacht wirkende – zu Kleinkindern, die plötzlich Erwachsenenkräfte hätten, werfen eher die Frage auf, ob die Amok laufen würden.

      • Gabi sagt:

        Atombombe ohne hochstehendste Physik begreifen zu können… Schon mal überlegt, wie das in der Praxis wohl aussehen könnte?

      • Blitz Blank sagt:

        Die Leistungsbilanz der sogenannten “Erwachsenen” ist ja nicht gerade über jeden Zweifel erhaben.
        Es lohnt sich also durchaus über den Spruch “Wenn Kinder die Welt regieren würden… ” zu reflektieren.

        Und gab es da nicht eine ziemlich bekannte Person, die folgendes gesagt haben soll?
        “Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet wie die Kinder…”

        Vermutlich war diese Person auch ein Theoretiker.
        ;-)

        “Jetzt hören Sie aber auf, BB.”

        Gerne.
        Und Tschüss.

      • Gabi sagt:

        Insofern, BB, kann ich Ihren – etwas theoretisch wirkenden – Vergleich Erwachsene vs. Kinder auch nicht viel ernster nehmen, als wenn Sie mir mit derselben schlagenden Beweisführung aufgezeigt hätten, dass Gummibärchen bis heute noch für kein einziges Desaster oder gar Massaker dieser Welt (tatsächlich!) verantwortlich gemacht werden können… Und daher sofort mit der Leitung aller Staatsgeschäfte weltweit betraut werden sollten.

        :D

        PS: Gummibärchen schneiden übrigens wirklich um Einiges besser ab: Schon irgendwo mal beiläufig den Ausdruck “Kindersoldaten” raunen gehört?

      • Adam Gretener sagt:

        Gabi, du hast gewaltig einen an der Latte.

  2. ahmed braun sagt:

    @Gabi,
    -”Atombombe ohne hochstehendste Physik begreifen zu können… Schon mal überlegt, wie das in der Praxis wohl aussehen könnte?- warum, es reicht doch sie zu zuenden!
    oder milch in der blechdose in die mikrowelle, ist ja nicht so dass die kinder bei null anfangen, sondern die welt von heute uebernehmen wuerden, oder

  3. Auguste sagt:

    hmm…, die wenigen kommentare deuten es an, das entsetzen, das dieser krankheit innewohnt verschlägt einem etwas die sprache. musiker verarbeiten die schrecklichen momente in ihrem leben oft in ihren liedern – manche davon sind weniger “tierisch” als andere, aber dem hier ist es auf einfache weise eindrücklich gelungen…

    youtube: wade hayes – is it already time

  4. Benno sagt:

    WOW. Ich war auch eines dieser Kinder deren Mutter keine Haare und Brüste mehr hatte, zu Hause sass, als die Folgen der Chemo eintraten. Und ich freue mich für die Kinder der Autorin, dass sie sich aktiv mit der Krankheit auseinandersetzen durften, und nicht der Grabesstille der Aerzte und Therapeuten, sowie der Angst der Freunde und Verwandten ausgestzt wurden. Das ist eine ganz grosse Leistung der Autorin und ihres Partners.

  5. Lotti sagt:

    Ich kenne eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern und ich ziehe den Hut vor Ihr! Wie sie mit derDiagnose umgegangen/umgeht das nötig mir einen ungeheurerlichen Respekt ab. Ich bin froh das sie einen Mann und Eltern hat die sie dabei unterstützen.
    Ich denke diese Krankheit der Mutter verlangt von der ganzen Familie einen ungeheuren Einsatz und ein Zusammenhalt den ich so dermassen bewundere.
    Ich bin bald 70 Jahre alt, von solch einer Krankheit verschont geblieben und bin unendlich dankbar dafür.
    Ich wünschen allen, Frauen mit Familien oder auch alleinstehenden, ein solches Umfeld

  6. rebekka sagt:

    Liebe Barbara
    Ein sehr guter Artikel! Herzliche Gratulation!
    Sehr oft gehen die Kinder in der Situation des krebserkrankten Elternteils vergessen.
    Schön wie ihr den natürlichen Umgang damit pflegen konnten.
    Lieben Gruss
    Rebekka

  7. Nicole sagt:

    Wunderbar geschrieben, Barbara Lütold! Und wunderbare Kinder haben Sie! Meine Mami ist vor 3 Jahren an Brustkrebs gestorben. Ich habe grosse Angst, dass wir auch mal betroffen sein könnten und bete vor allem daraum, dass es, wennschon, noch lange dauern wird, denn jetzt sind unsere Kids auch erst 3 und 5. Ihr Bericht hat mir aber gezeigt, wie ich allenfalls damit umgehen könnte. Ich werde ihn mir aufbewahren – in der Hoffnung, ihn nie brauchen zu müssen.
    Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

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