
Wie soll man als Elternteil reagieren, wenn sich auf dem Schulweg des eigenen Kindes dubiose Gestalten herumtreiben? (Foto: Keystone)
«Am vergangenen Freitag wurde ein Mädchen aus dem Kindergarten auf dem Weg zur Schule von einem fremden Mann mit den Worten «Ich muss dir etwas zeigen» in sein Auto gelockt. Der guten Reaktion der Schülerin ist es zu verdanken, dass nichts Schlimmeres passiert ist.» Wir alle haben schon von solchen Fällen gehört oder gelesen. Und obwohl sie uns nahe gingen, waren sie doch immer weit weg. Bis man eines Tages selber ein Schreiben in der Hand hält, das unter der Anrede «Liebe Eltern» mit genau diesen zwei Sätzen beginnt.
Eine Freundin musste diesen Moment vor Kurzem erleben und zeigte uns anderen Müttern den Brief danach mit einer Mischung aus Angst und Wut. Angst, weil so etwas vor der eigenen Haustüre passiert, auf dem Schulweg der eigenen Tochter. Und Wut, weil Schulbehörde und Polizei aus ihrer Sicht nicht viel unternehmen, obwohl es sich keineswegs um einen Einzelfall handelt: Erst vor Kurzem sei ein siebenjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft auf dem Weg zur Schule von einem Mann verfolgt und in den Hintern gezwickt worden, erzählte sie. Das Mädchen gehe heute nicht mehr ohne sein «Fröschli», ein GPS-Kinderhandy, zur Schule.
Bekommt man als Mutter einen solchen Brief zu Gesicht, wird man von den unterschiedlichsten Emotionen durchflutet: Erleichterung, dass dem Mädchen «nichts Schlimmeres» (was auch immer das heissen mag) passiert ist. Dankbarkeit, dass es nicht das eigene Kind betrifft. Scham, dass man überhaupt so etwas denkt angesichts des Leids der direkt Betroffenen. Wut, dass man via Schulschreiben nur Facts aber keine Unterstützung bekommt. Und Angst, ja vor allem Angst, dass so etwas wieder passieren könnte, vielleicht sogar dem eigenen Kind. Was natürlich sofort zur Frage führt, was man tun kann, um dies zu verhindern.
«Man muss in den Medien darüber berichten, damit alle, auch Kinderlose, sensibilisiert werden und zweimal hinschauen, wenn ein fremdes Auto auffällig langsam durchs Quartier fährt», schlug die betroffene Freundin vor. Zudem solle ein Polizist in Uniform das Thema zweimal jährlich mit Kindergarten- und Schulkindern besprechen und ihnen beibringen, wie sie sich im Ernstfall zu verhalten hätten, «denn so eine Uniform macht bestimmt mehr Eindruck, als wenn das Ganze von der Lehrerin kommt». Auch technische Hilfsmittel wie oben erwähntes «Fröschli» hielten einige Mütter in unserer Diskussionsrunde für eine gute Idee, um den Schulweg sicherer zu machen – wobei ich persönlich da so meine Zweifel habe.
Mehr Lösungsvorschläge brachten wir nicht zustande, was mich mit einem unbefriedigten Gefühl zurückliess. Und ich stellte mir zwei Fragen: Wenn wir Mütter keine neue, richtig gute Idee haben, wie man das Problem angehen könnte, hat dann die Schule vielleicht eine? Und müsste sie eine haben, sprich fällt das Thema in ihren Zuständigkeitsbereich?
Richtig überzeugend gehen die Schulleitungen in den von meiner Freundin beschriebenen Fällen mit der Situation nicht um. Während der eine Schulleiter einzig einen trockenen, etwas hilflosen Brief an die Eltern verschickt hat, redet der andere in der «Aargauer Zeitung» vor allem davon, dass man in solchen Fällen eine Hysterie verhindern und die Gerüchte frühzeitig stoppen müsse. Das klingt fast so, als ob das eigentliche Problem hysterische Eltern wären, nicht dubiose Männer, die Kinder in ihr Auto zu locken versuchen. Und es hinterlässt bei den betroffenen Familien das Gefühl, dass man die Gefahr kleinzureden versucht und sie mit ihren Sorgen nicht ernst nimmt.
Als ich einer befreundeten Schulleiterin von den Vorfällen erzählt habe, gab sie zu bedenken, dass man in ihrer Position immer erst abwägen müsse, ob der Vorfall so ernst sei, dass er eine Information nötig mache. Bei einem Bagatellfall wäre eventuell der Schaden durch die Information grösser, weil sich die Eltern grundlos ängstigen. Komme es zu einer offiziellen Reaktion der Schulleitung, müsse diese aber sicher anders erfolgen. «Die Schulleitung sollte sich der Verunsicherung, die sie bei Eltern auslöst, bewusst sein. Nicht alle Eltern sind nach so einem Schreiben in der Lage, angepasst zu reagieren. Eine Infoveranstaltung mit konkreten Tipps, vielleicht unter Einbezug der Polizei oder einer Präventionsstelle, schiene mir angebrachter.»
Einen völlig neuen, überraschenden Tipp für den Ernstfall hat sie auch nicht auf Lager. «Am Wichtigsten ist und bleibt die altbekannte Regel, dass Kinder auf dem Schulweg nur in Gruppen unterwegs sein sollten.» Und natürlich, dass man ihnen schon früh klarmacht, dass sie nie mit Fremden mitgehen dürfen, egal wie nett sie sind und was auch immer sie einem erzählen. Ich für meinen Teil bringe meiner dreijährigen Tochter das bereits jetzt mittels Bilderbuch bei.
Und was unternehmen Sie, um Ihre Kinder vor Belästigungen oder noch Schlimmerem auf dem Schulweg zu schützen? Kennen Sie den ultimativen Tipp? Und sind Sie der Meinung, dass die Schule in solchen Fällen mehr tun sollte? Oder ist es eher so, dass die Schulleitungen heute zuviele Warnbriefe verschicken und die Eltern schon wegen des kleinsten Zwischenfalls in Panik versetzen, damit man ihnen bei einem erneuten Vorkommnis ganz sicher keine Vorwürfe machen kann?



Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. 





































































Gut, bin ich kein Kind mehr! Im Jahre 2012 muss es ja furchtbar schwierig geworden sein, so eine Kindheit ganz ohne Belästigung zu überleben. Oder ist das vielleicht schon uncool?
Aber gut auch, wenn Kinder die Sorgen ihrer Eltern nicht immer ganz so verinnerlichen. Es könnte sonst statt mit Lebensfreude mit Paranoia gross werden.
Die beste Art: Kinder im Thema sensibilisieren (ohne Angst zu machen) und Kinder nur in Gruppen in den Kindergarten oder in die Schule gehen lassen. Ist ja auch viel spannender und lustiger, als von Mami oder Papi tagtäglich mit dem SUV hingekarrt zu werden.
was vor allem falsch ist, ist die Haltung, dass der Täter immer ein dubioser unheimlicher Unbekannter sein soll. Am häufigsten passiert sexueller Missbrauch leider immernoch innerhalb der Familie /Bekannte/Betreuungspersonen des Kindes. Wenn man Kindern also beibringt, nicht mit Fremden mitzugehen, so darf man nicht vergessen, sie auch dahingehend zu sensibilisieren, dass es Grenzen gibt, die Erwachsene (oder auch andere Kinder) nicht überschreiten dürfen. Egal um wen es sich dabei handelt, ob Onkel, Grossvater, Lehrer oder dem “netten” Nachbarn.