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Andrea Fischer am Donnerstag den 5. Juli 2012

Die beschnittene Religionsfreiheit

Mamablog1

Ein winziges Stück Haut muss herhalten für eine Stellvertreterkrieg: Beschneidungsszene auf einem Bild in der Jakobskirche in Rothenburg ob der Tauber)

Als ich etwa acht Jahre alt war, hat man mir zum ersten Mal gesagt, mich gebe es gar nicht. Weil ich nämlich gar keinen Namen habe. Ich war fassungslos. Wie kommt jemand dazu, so etwas Abstruses zu behaupten?

Der Grund ist einfach. Ich bin konfessionslos und darum auch nicht getauft. Ergo: Wer nicht getauft ist, hat keinen Namen und existiert drum auch nicht. So sagten es mir damals zumindest meine Cousinen. Und, für den Fall, dass meine Erschütterung noch nicht nachhaltig genug gewesen wäre, teilten mir die Mädels gleich noch mit, dass ich nach meinem Tod auch nicht beerdigt werden könne. Nicht, dass mich mein Ableben damals sonderlich beschäftigt hätte, aber das war dennoch zu viel des Guten. Des vordergründig Gutgemeinten. Des Fiesen.

Ich beschloss, ab sofort eine Konfession zu haben. Meine Eltern, durch Jahre in katholischen Schulen kirchenkritisch bis ins Mark, nahmen das ernst und klärten mich auf. Gaben mir sozusagen meine erste Lektion in säkularem Staatswesen. Ich bekam meinen Namen zurück und erfuhr, dass meine Leiche dereinst nicht heimlich in einem Acker verscharrt werden muss.

Weil ich grad so schön religiös in Fahrt war, liebäugelte ich dennoch weiterhin mit einem Kirchenbeitritt, zumal all meine italienischen Freundinnen so schöne Kleider kriegten, wenn es in ihrem Gotteshaus mal wieder was zu feiern gab. Also nähte mir mein Vater kurzerhand ein wunderbares schwarzes Samtkleid und fegte so die Konfessionsfrage ein für allemal vom Tisch.

Einzig in den katholischen Unterricht ging ich weiterhin. Die Nonne war so nett und interessierte sich nicht für mein Taufbüchlein («Es kommen sowieso alle in den Himmel», beschied sie uns) und liess mich teilhaben an den ergreifenden Stories aus dem alten Testament. Alles ganz einfach also.

Warum dann ständig das Theater mit den Religionen? Weil Glauben und Toleranz nicht zusammen gehen können. Sobald es wirklich ernst wird, gilt nur das Eine und das Andere somit nicht.

Trotzdem müssen die Vertreter aller alleinseeligmachenden Religionen nun mal zusammenleben. Es gibt schliesslich keine Paralleluniversen pro Gottesbild, auch wenn es sich ab und zu so anfühlt. Dabei schielen sich natürlich alle ständig gegenseitig ins Gärtchen und missbilligen, was da wächst. Und wenn es dann um Tiere (Schächten) und Kinder (Beschneiden) geht, dann ist plötzlich ein eleganter Weg gefunden, dem Anderen den eigenen Willen doch noch aufzudrängen. Weil, mit Tieren und Kindern ist nicht zu spassen. Das ist eine Herzensangelegenheit und bringt das Blut so richtig schön in Wallung.

Wenn es um die Beschneidung von Mädchen geht, ist diese laute Empörung auch mehr als nötig, schliesslich geht es dabei nebst der Schmerzfrage um nicht weniger als das Menschenrecht auf eine selbstbestimmte Sexualität. Nun hat aber ein deutsches Gericht befunden, auch die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen sei verboten, da es das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit verletze. Dummerweise kollidiert das Urteil mit dem Recht auf Religionsfreiheit und alles steht Kopf.

Mit dem Urteil wird sich vermutlich kaum etwas ändern in den männlichen Unterhosen: Es gibt diverse nicht religiöse Gründe für Beschneidungen und selbst die WHO empfiehlt die Beschneidung als präventive Massnahme gegen die Verbreitung von HIV. Es ist also ein Leichtes, sein Kind weiterhin beschneiden zu lassen, allerdings unter dem Deckmantel der Medizin. So wird es vermutlich nicht weniger beschnittene Penisse geben, dafür umso mehr Beschneidungen der Religionsfreiheit. Und die Richtenden dürfen sich gegenseitig auf die Schulter klopfen dafür, dass sie unnötig Öl ins Feuer der schwelenden Konflikte zwischen Konfessionen und Kulturen gegossen haben.

Ginge es nämlich wirklich um die körperliche Unversehrtheit und die Wahlfreiheit der Kinder, müsste man auch verbieten, kleinen Mädchen Löcher in die Ohren zu stechen und Kids so zu mästen, dass sie schon Altersdiabetes haben, bevor ihre Jugend überhaupt um ist, um nur einige der Vergehen zu nennen.

Die Idee mit den unversehrten Kinderkörpern ist wirklich gut. Aber nur, wenn sie in aller Konsequenz zu Ende gedacht wird. Bis dahin ist die Diskussion um das bisschen Vorhaut nur ein kontraproduktiver Stellvertreterkrieg, so engstirnig, wie Diskussionen über die Namen Ungetaufter oder darüber, wer wo und wie beerdigt werden darf.

1,096 Kommentare zu „Die beschnittene Religionsfreiheit“

  1. Jörg Wirz sagt:

    Danke für diesen Artikel Frau Fischer!
    Wertfrei, klar, ehrlich, unverzerrt, im Leben stehend, erfahren, reif, professionell!

    Dies sind die Attribute die mir beim Lesen dieses schönen super gelungenen Artikels in den Sinn kommen.

    Bitte geben Sie H. Stamm entsprechend Nachhilfestunden, damit sein Niveau erträglich wird. Sein Artikel zu diesem Thema entspricht genau dem Gegenteil, verzerrt, wertend, aus einer tiefen Frustration heraus geschrieben mE.

  2. Iman sagt:

    Imam, wenn Sie in ihren Herkunftsgebieten auch nur annähernd das Level von (religiöser und politischer) Toleranz erreicht haben, wie wir hier im Westen, dann werde ich mir Gedanken zu Ihren Worten machen.

    @Mila: Mein Herkunftsgebiet ist Gempen, Kanton Solothurn. Wir sind dort auch im Westen und genauso tolerant wie die Restschweiz. Obwohl ich Sie eher in SVP-Nähe vermute, steht es mir fern, Ihnen Gedankengut à la Mosimann oder Müller zu unterstellen. Obwohl diese Ihnen wahrscheinlich näher stehen, als mir die vermuteten Herkunftsorte. Imam ist übrigens falsch.

  3. Necmettin Kadi sagt:

    Fakt ist:

    Im islamischen Gesellschaften haben Andersgläubige jahrtausendlang überlebt (Siehe noch Christen im Orient).

    In Europe hat keine rel. Minderheit bisher überlebt. Siehe Ausweisung/Zwangskonvertierung sämtlicher Juden/Muslime aus Spanien nach der Rückeroberung nach 700 Jahren.
    Seit ca. 50 Jahren leben musl. Migranten in Europa. Dank der Einstellung von manchen hier online und der bereits begonnenen Verfolgung auf dem gesamten Kontinent zeichnet sich ein ähnliches Schicksal ab.

  4. Iman sagt:

    @Brunhild Steiner: Könnten Sie mir bitte eine Quelle liefern, für die Behauptung, dass Muslime hier das Strafrecht der Scharia einführen wollen? Danke!

    • Brunhild Steiner sagt:

      Wie schon Katharina weiter hinten erwähnt wurden an einer Uni hier und auch in GB Überlegungen dazu gemacht.
      Nein, ich notiere mir die Artikel jeweils nicht,
      aber ich nehme Ihnen nicht ab dass Sie nicht ganz genau Bescheid drüber wissen!

      • Iman sagt:

        Entschuldigung, aber in beiden Fällen ging es keineswegs um das Strafrecht, sondern um “bestimmte Aspekte der Scharia”. Die Überlegungen wurden in beiden Fällen nicht von Muslimen gemacht. Tatsache ist, dass in GB bestimmte Vertragsformen und Mediation gem. der Scharia zulässig sind. Dabei geht es um Geschäfte, nicht um Strafen. Auch Schweizer Banken bieten Schariakonforme Anlagemöglichkeiten um das Zinsverbot zu umgehen. Wieso sollte ich darüber ganz genau Bescheid wissen? Ich habe schlicht auch die Artikel gelesen, aber offensichtlich besser verstanden, um was es geht.

      • Brunhild Steiner sagt:

        Tja, da bin ich einfach schon zu verschwörungstheoretisch-gehirngewaschen,
        ich bin davon überzeugt dass es militanteren Anhängern ein sehr grosses Anliegen ist ihre gesellschaftlichen Strukturen in einer Art Parallelgesellschaft aufzubauen- ohne das natürlich gross und überdeutlich auch so zu kommunizieren, sondern möglichst verdeckt und kaschiert.
        Ich hab ua schon Einiges von Magali Messmer gelesen, und es gab mir zu denken.
        Auch die Reaktionen mit denen sie konfrontiert ist.

      • Iman sagt:

        OK, ich kenne Magali Messmer nicht. Aber: das Scharia Councel in UK will keineswegs das Strafrecht einführen, und wenn dieser Herr, der die Affäre Müller auslöste dort mal nachlesen würde, würde ihm klar, dass er keineswegs seine Frau hauen darf, weil sie sein Bett nicht teilen will…
        Für die, die Englisch können (wir in Gempen können das halt! Klein aber fein!)
        http://www.islamic-sharia.org/marriage-fatwas-related-to-women/denying-husbands-marital-rights-2.html

      • xyxyxy sagt:

        diese Parallelgesellschaften gibt es faktisch auch – Buchtipp: Atlas für verschollene Liebende von Nadem Aslaam

        http://www.amazon.de/Atlas-verschollene-Liebende-Nadeem-Aslam/dp/3498000721

  5. Necmettin Kadi sagt:

    @Mila: Ein Bsp. “Müssen wir uns wirklich auf dieses Niveau begeben?Ja. Deutlicher kann ich es nicht sagen- Ihre Aussage

  6. Necmettin Kadi sagt:

    der Wahre Islam hat Frauen institutionalisierte Rechte im Jahre 630 gegeben noch im 18 JH. wurden in Europa Hexen verbrannt

  7. Necmettin Kadi sagt:

    Beno: Ich will was schreiben aber kommt nichts durch

  8. Beno sagt:

    @Necmettin Kadi

    Warum herrscht in islm. Länder keine Meinungsfreiheit in der Presse ?…etwas was nämlich in einer freien Demokratie im Grundgesetz steht…

    • mila sagt:

      Freie Demokratie und Meinungsäusserungsfreiheit als hohes Gut? Und wo sehen Sie diese Freiheiten in der islamischen Welt verwirklicht, Herr Kadi?

    • mila sagt:

      Ist das ein Witz? Ich sage nur: freie Demokratie, Meinungsäusserungsfreiheit. Wo herrschen diese Prinzipien in der islamischen Welt? Reiner Empirismus.

    • mila sagt:

      Ist das Eurer redaktioneller Ernst? Can’t believe it.

  9. Necmettin Kadi sagt:

    Beno: Der gelebte Islam ist leider wirklich zu sehr traditiongebunden folglich patriarchalisch

  10. Beno sagt:

    @Necmettin Kadi

    Warum gebrauchen sie in ihrem Post über den durchaus diskutablen Irak-Krieg dieselben populistischen Reden über den Westen wie O. B.La*den ?

  11. Necmettin Kadi sagt:

    Beno: populistisch Sie meinen in Irak ist keiner gestorben und Saddam hatte Nuklearwaffen?

  12. Necmettin Kadi sagt:

    Beno: war nach Ihrer Meinung der Irak- Krieg etwa gerecht?

    • Beno sagt:

      Nein , aber sie verschweigen die ganze jahrelange inner islm.Problematik im Irak !

      • Necmettin Kadi sagt:

        Die gibt es richtig aber das gibt den Amerikanern NICHT das Recht das Land zu verwüsten

  13. Beno sagt:

    @Necmettin Kadi

    Warum nehmen “gemässigte Mslems” nicht deutlicher Stellung gegen tot*alitäre islm Staaten ! ( …oder machen sogar massale Freudentänze bei 9/11..)

    • Necmettin Kadi sagt:

      Beno : gemässige Moslems freuen sich über 9/11 – Sie kennen wirklich nicht einen Moslem

      • Beno sagt:

        Schauen sie sich die Reaktionen dannach einmal gut an !

      • Necmettin Kadi sagt:

        Beno: Wer hat die Taliban/Bin Laden in den 80er Jahren aufgebaut?

      • mila sagt:

        Und wo ist, bitte schön, da die gut-aufklärereische Eigen-Verantwortung? Immer nur der Spielball sein, das unschuldige Opfer intrigierender Mächte . Ja, damit kommt man fürwahr weit.

  14. Necmettin Kadi sagt:

    Beno: Soll ich Ihnen die Bilder von in Afganistan geschändeten Leichen schicken?

    • mila sagt:

      Soll ich Ihnen die Bilder der kurdischen Giftgasopfer schicken? Heuchelei, nicht mehr und nicht weniger.

      • Necmettin Kadi sagt:

        Weil Saddam der Dikator das macht dürfen die Amis es auch. Ihre Welt besteht nur aus Rache und Hass.

      • Necmettin Kadi sagt:

        Legen Sie ihr Cetnik Weltbild mal etwas zur Seite

      • mila sagt:

        Totschlagargumente. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hatte übrigens schon ernsthafte Auseinandersetzungen mit meiner Familie, weil ich dem opferbehafteten Cetnik Weltbild keine Rechtfertigung erteilen mag. Sie täten gut daran, in ihrer ideologische Ecke diesbezüglich aufzuräumen.

      • Beno sagt:

        @Necmettin Kadi

        “Legen Sie ihr Cetnik Weltbild mal etwas zur Seite”…heeèh ?

        Ich frage sie um etwas mehr Nuance in ihre Behauptung “die Amerikanert hätten 1Mio. Menschen in Irak getöt ” zu bringen…worauf sie mir nur die beschnittene Antword mit dem Cetnik Weltbild gegenüberstellen.

        Vielleicht sind sie nur so ein “stiller Fanatiker”…einer der sich nie über seinen eigenen Glauben hinterfrägt…nicht ein Mu*fti aber ein Muffer.

  15. Katharina sagt:

    zu dem ganzen bescheuerten …

    http://www.youtube.com/watch?v=QST5YolmAG0

  16. Beno sagt:

    @Necmettin Kadi

    Kurzum…auf viele Fragen haben sie einfach nur bescheidene Antworten, da oben auf ihrem geist. Gempen !

    • Necmettin Kadi sagt:

      Beno: Warum dürfen Sie mich eigentlich Verhören und ich muss Ihnen Frage und Antwort stehen?

      • Beno sagt:

        @Necmettin Kadi

        Sie müssen hier gar nichts…vielleicht zwingt sie aber ihre eigene Hörigkeit ihrem Glauben gegenüber dazu…

  17. Necmettin Kadi sagt:

    Meine abschliessende Hauptaussage zu dem Thema wird nicht veröffentlich.

    Ich muss mich ins Wochenende begeben. Ich danke allen Teilnehmern für die Diskussion und wünsche schönes Wochenende.

  18. Dieter Köhler sagt:

    Hier noch ein Link zum Thema
    http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision
    Beschneidungen gibt es scheinbar in vielen Religionen . Aber irgendwie finde ich es einfach unnatürlich beim Manne , und bei der Frau erst recht . Er , wird mit der Zeit unsensibel , und Sie , darf erst gar keine Lust empfinden ? (auf den Vaginalverkehr bezogen) . Ich kann mir übrigens auch nicht vorstellen , dass Gott wirklich soetwas vom Menschen verlangt , als Bündnis . Das ist wohl eher auf dem Mist irgendwelcher Geistlicher vor langer Zeit gewachsen .

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