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Mamablog-Redaktion am Freitag den 4. Mai 2012

Es braucht nicht Frauen – sondern Mutterförderung

Eine Carte Blanche von Michèle Binswanger*.

SCHWEIZ CAROLINA MUELLER-MOEHL

Wenn die gesellschaftlichen Strukturen Familie und Karriere nicht von vornherein ausschliessen würden, gäbe es sicher mehr Frauen wie die Unternehmerin Carolina Müller-Möhl. (Bild: Keystone)

Ich weiss nicht genau, was unsere Justizministerin sich überlegt hat, als sie am Tag der Arbeit die Zuwanderungsfrage mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie verknüpfte. Doch Frauenförderung als Einwanderungsprävention zu verkaufen, um das Migrationsthema ein bisschen zu bewirtschaften, ist in dieser Frage definitiv der falsche Weg und führt, wie sich inzwischen gezeigt hat, zu unnötigen Stellvertreterdebatten über schlecht integrierte ausländische Spitzenkräfte. Sollten denn nicht die Leute Spitzenpositionen besetzen, die am besten qualifiziert sind, ungeachtet dessen, ob es sich um einen Mann, eine Frau, einen Türken oder einen Deutschen handelt? Was direkt zur Frage führt, warum die gut ausgebildeten Schweizerinnen in den Führungsspitzen immer noch untervertreten sind. Könnte es daran liegen, dass wir uns viele Gedanken darüber machen, wie man Frauen fördert aber keine darüber, dass nicht das Geschlecht, sondern die Mutterschaft Frauen aus dem Arbeitsleben reisst? Könnte es daran liegen, dass sich viele Unternehmer sagen, die einzelne Mutter sei nicht das Problem, sondern erst die Masse der Mütter, da zu teuer?

Es gibt ein paar Tatsachen, denen wir uns stellen müssen. Frauen haben heute die gleichen Chancen im Arbeitsleben, wie die Männer. Bis sie Kinder bekommen. Ebenfalls eine Tatsache ist, dass die meisten Frauen Kinder wollen und dass dies der Grund ist, warum sie im Arbeitsleben zurückstecken. Frauen haben also die Wahl, entweder auf Kinder oder auf die Karriere zu verzichten. Wenn der Staat aber beides will, nämlich die gut qualifizierten weiblichen Arbeitskräfte und die Kinder, dann müssen die Strukturen angepasst werden – für Männer wie für Frauen. Und zwar sowohl in den Unternehmen, wie auch in den Familien. Und das heisst: vor allem in den Köpfen.

Auf diese Forderungen folgt meistens eine hoch moralische Diskussion. Dass Kinder zu haben doch etwas Wunderbares sei und man den Frauen das bitte nicht schlechtreden solle. Und man ihnen gefälligst auch nicht vorschreiben solle, wie sie ihre Mutterschaft zu leben hätten. Es ist das Kristina-Schröder-Argument: Wir sind längst emanzipiert, gebt doch endlich Ruhe. Mag sein – aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Wirtschaftlich gesehen gibt es nämlich nur zwei Lösungen: keine Frauen mehr auszubilden, weil sich das letztlich nicht lohnt. Oder die Strukturen zu ändern und zu schauen, ob sich dann vielleicht nicht doch mehr Frauen wie Carolina Müller-Möhl oder Andrea Degen und viele andere finden, die ebenso verantwortungsbewusste Mütter wie Unternehmerinnen sind. Auch wenn ihnen das Thema zum Hals raus hängt, weil immer nur sie die Vereinbarkeitsfrage beantworten müssen – und nicht ihre Männer.

Ich behaupte, dass Frauen ihre Mutterschaft liebend gern auch anders leben würden, wenn die Rahmenbedingungen von Anfang an anders wären. Wenn Familie und Karriere sich nicht von vornherein ausschliessen würde, wenn nicht sofort als Ego-Mutter verschrien würde, wer die Kosten des Nachwuchses auf alle Beteiligten verteilen will.

Es geht eben genau nicht darum, dass es jetzt noch mehr Leistung braucht und deshalb die armen Kinder zu Hause verwaisen, sondern die Bewegung muss in beide Richtungen stattfinden. Es muss selbstverständlich werden, dass Mütter ihre Ambitionen nicht mit der Niederkunft begraben. Und ebenso muss klar werden, dass auch hochqualifizierte Väter sich um die Familie kümmern und Zeit darin investieren.

Natürlich gibt es Stimmen, die sagen, das würde nichts bringen. Das Bildungsprofil von Frauen entspreche oft nicht den Qualifikationsanforderungen jener Branchen, die dann ausländische Spitzenkräfte anheuern, sagte der Ökonom Beat Kappeler dem «Tages-Anzeiger». Als ob die Frauen von Natur aus zum Dienstleistungssektor neigen. Aber vielleicht drängen die Schweizer Frauen ja auch deshalb mehr in soziale als in ökonomische Fächer, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dort eher gegeben ist?

Will man mit Frauenförderung Ernst machen, braucht es mehr als bloss Krippenplätze. Es braucht ein gründliches Umdenken in der Wirtschaft. Es braucht Arbeitszeiten und Karrierestrukturen, die den Bedürfnissen von Familien angepasst werden. Es braucht steuerliche Anreize, damit es attraktiv wird, auch nach der Geburt im Job zu bleiben – und man den Teilzeitlohn nicht gleich wieder an Krippe und Staat abgeben muss. Es braucht einen anständigen Vaterschaftsurlaub, der Vätern ermöglicht, unter gleichen Bedingungen in ihre Vaterschaft zu starten. Darüber hinaus würde ein solcher die Frauen vom Stigma befreien, dass nur sie zum Kostenfaktor werden, wenn sie eine Familie gründen. Und vor allem braucht es die Einsicht, dass arbeitende Mütter keine Rabenmütter und Teilzeiter-Väter keine Weicheier sind.

Nicht zuletzt braucht es Ausbildungs- und Networking-Programme für Mütter, damit diese lernen, dass es viele verschiedene Wege gibt, Kind und Karriere zu vereinen. Und Zuversicht fassen, dass sie das nicht nur können, sondern ihnen das auch zusteht. Denn so lange es einfacher ist Männer zu finden, die den Frauen den Job zutrauen, als Frauen, die sich selbst einer solchen Position gewachsen fühlen, wird das nichts mit der Frauenförderung.

michele150x150 Kopie*Michèle Binswanger ist Autorin, Redaktorin, Mutter zweier Kinder und Mamabloggerin der ersten Stunde. Sie hat gerade ihr erstes Buch zusammen mit Nicole Althaus veröffentlicht: «Macho Mamas – Warum Frauen im Job mehr wollen sollen.» Nagel & Kimche, 176 Seiten, 25.90 sFR

746 Kommentare zu „Es braucht nicht Frauen – sondern Mutterförderung“

  1. Anna sagt:

    “Es gibt ein paar Tatsachen, denen wir uns stellen müssen. Frauen haben heute die gleichen Chancen im Arbeitsleben, wie die Männer. Bis sie Kinder bekommen.” Dieser Aussage widerspreche ich vehement. Ich habe bereits 2mal miterlebt, dass Frauen sich für die Geschäftsleitung beworben haben und aus fadenscheinigen Gründen ein Mann vorgezogen wurde (notabene waren die Männer nicht mit dem Betrieb bekannt, die Frauen besetzten beide zuvor Kaderstellen im Betrieb). Eine Frau kinderlos, die andere mit erwachsenen Kinder. Frauen haben noch lange nicht die gleichen Chancen!

    • Karl von Bruk sagt:

      Das gibts auch umgekehrt. Stich befoerderte trotz eindringlicher Warnungen fronterfahrener Beamter nebst anderen Quereinsteigern u.a. eine unbedarfte Quereinsteigerin zur Direktorin der Bundespansionskasse. Er hielt auch stur an ihr fest, bis die Kasse tief im Sumpf steckte und auf Kosten der Versicherten mit einem Delegierten des Bundesrates als Leiter einer massiven zusaetzlichen Taskforce aus dem uebelsten Chaos gehoben werden musste. Blocher traf auf eine Vizedirektorin ohne Portefeuille, die sich eine Sinekure als Chefin des Travaux finis genetzwerkt hatte…

      • HUA sagt:

        Das war ein kluger Personalentscheid, jemand Externes zu nehmen. Es gibt oft böses Blut, wenn einer vom Kollegen plötzlich zum Chef mutiert und seinen ehemaligen “Gschpänli” plötzliche Anweisungen erteilt. Hätte ja auch eine Frau sein können, aber jetzt wars halt ein Mann.

      • Karl von Bruk sagt:

        In Konkurrenzbetrieben mit niedrigen oder gleichen Anforderungsprofilen kann dies durchaus eine gute Loesung sein, wenn der Markt nicht durch Lohndoemper so zum Erliegen gekommen ist, dass die Uebergangenen keine Chance mehr haben bei der Konkurrenz quer aufzusteigen. In Hoheits- oder gar Eingriffsverwaltungen richten jedoch quereinsteigende Dillettanten hin und wieder sehr teure oder gar toedliche Katastrofen an. Insbesondere wenn sie mit dem Wahn antreten: “Es ist alles falsch, nur weil es bis jetzt so gemacht wurde. Ich bin jetzt der von hoeheren Amtes wegen Intelligentere!”….

  2. Am besten würden sich die Frauen zu einer nationalen Mutterschaft verbinden. Wie einst die Kerle mit ihren Militär-Connections. Mit einem Kind ist man Jungmutter, mit zwei Kindern Mutter-Korporal. mit drei Mutter-Leutnant, mit vier Mutter Hauptmann. Und die Jobs in der Schweiz würden – wie früher bei den Kerlen – nach mutterschaftsgrad verteilt. Das hätte den Vorteil das lärmende Alibi-Mütter mit ihren 1 bis 2 Kindern endlich die Klappe halten müssten und die Wirtschaft von Power-Gebärerinnen in eine wahrhaft neue Richtung gelenkt würde.

  3. Ursula Bourgeois sagt:

    Warum will man eigentlich durch das `Bedingungslose Grundeinkommen` fördern, dass nicht mehr unbedingt gearbeitet (ich meine gegen Lohn) werden muss, wenn es doch andererseits so wunderbare wäre, dass Mutter arbeiten geht, wenn nur der Staat sich um die Kinder kümmernm würde? Mit 2 Kindern hätte man mit CHF 6300 doch genug für ein Leben (und erst recht für ein Leben mit kleinem Fussabdruck).

  4. Stefan Schmid sagt:

    Man kann der Autorin voll zustimmen, eine treffende Analyse und Auslegeordnung. Aber auch nicht mehr. Sie schreibt gleich mehrmals die Worte “es braucht”. Natürlich braucht es das, aber wer soll es anreissen? Vor 40, 50 Jahren haben engagierte Frauen nicht gesagt “Es braucht dasunddas”, sondern sie gingen auf die Strasse, exponierten sich. Wer soll die beschriebenen Veränderungen anpacken? Ich sehe keine politische Partei, die das machen würde. Leider. Aber vielleicht könnte doch die Autorin so ein “Ausbildungs- und Networking-Programme für Mütter” anreissen???

  5. Stadelman Reto sagt:

    Ich stimmte der Autorin vollkommen zu. Sachlich gesehen habe ich noch selten so einen guten Beitrag zur Gleichberechtigungsfrage gelesen.
    Nur habe ich noch emotionale Bedenken: “Und ebenso muss klar werden, dass auch hochqualifizierte Väter sich um die Familie kümmern und Zeit darin investieren.” AHA, ist das so? Da haben wir doch gerade erst im Mamablog so schön gelesen, dass eine Frau am besten mit einem Macho fremdgehen und das Kind dann dem treusorgenden Idioten unterjubeln soll… Solange sich hier die weiblichen Denkmuster nicht ändern bin ich nicht so dumm das auch wirklich umzusetzen..

  6. Hanna Klingbeil sagt:

    Wie wahr – danke Michèle Binswanger!

    Und noch was: Die Sache mit dem Kinderkriegen ist ja nicht nur so zur Freude (und Befriedigung) von uns Frauen. Es geht nicht nicht zuletzt um den Fortbestand der Menschheit, und damit auch dem Fortbestand der Männer und Steuer- und RenteneinzahlerInnen und und und.. Also liebe Männer – es ist mehr in Eurem und unserem Interesse, als Ihr so gemeinhin denkt!

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