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Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 14. März 2012

Darf man Kinderzeichnungen hässlich finden?

Ein Papablog von Rinaldo Dieziger.

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Egal, wie die Zeichnungen aussehen, wir hängen sie auf: Ein junger, hoch konzentrierter Künstler. (Foto: Meesh)

Die eigene Wohnung bebildern ist eine Kunst. Anker, Mirò, Rembrandt, ein New-York-Poster von Ikea oder in ein Pferd von Rolf Knie? Hauptsache, es passt zur Einrichtung. Zum Modell Torino von Micasa, dem meistverkauften Sofa der Schweiz. Gefertigt aus unkomplizierten Mikrofasern in heiterem Hellblau.

Das Problem haben wir nicht mehr. Denn bei uns hängen neuerdings Kunstwerke, die zu allem und nichts passen. Frühe Skizzen aus einer expressionistischen Phase. Ohne Titel. Neocolor auf Recyclingpapier. Oder Werbegeschenk-Kugelschreiber auf Schuhkarton. Zum Glück nicht Öl auf Leinwand, das wäre wirklich eine Schweinerei.

Abstrakte Werke mit surrealistischen Motiven. Kurze und lange Striche in dadaistischer Linienführung. Oft Kreise. Und an mancher Stelle ist gut erkennbar, wo der Stift dem brutalen Handwerk des Meisters erlag. Postmoderne Performance-Kunstwerke. Wirr und hässlich. Schliesse man auf den Seelenzustand der Künstler; er würde zwischen postnatalem Trauma und manischer Schizophrenie schwanken.

Würde man einem Kapuzineräffchen zwei Gin Tonic und einen Bleistift in die Hand geben oder einen Eimer Farbe ausleeren und mit dem Helikopter drüberfliegen, das Resultat wäre das Gleiche. Das wusste schon Karl Valentin: «Wenn’s oana ko, isses koa Kunst. Wenn’s oana net ko, isses oa koa Kunst.»

Trotzdem haben wir die Dinger aufgehängt. Weil sie von unseren Gottikindern, Enkelkindern oder unseren eigenen kleinen Da Vincis stammen. Aber müssen wir sie deswegen auch «so herzig» oder «so süss» finden? Hängt unser Urteil davon ab, von wem etwas ist? Ist ja nicht nur bei den Zeichnungen so. Sondern auch bei den Kindern selbst. Es gibt hübsche Babys und weniger hübsche Babys. Kennen Sie Eltern, die ihre Kinder hässlich finden? Ist es eine Erfindung von Komikern wie Michael Mittermeyer, dass es AKs (Arschloch-Kinder) gibt?

Und wie gehen wir mit unserem Urteil um? Was sagen wir den Kleinen? Loben wir ihre schrecklichen Zeichnungen? Ihre kreuzfalsch geflöteten Weihnachtslieder? Wie pädagogisch wertvoll ist der Unterschied zwischen «Das hast du aber schön gesungen» und «Da hast du dir aber richtig viel Mühe gegeben»?

Meine Mama bunkert immer noch Kinderzeichnungen von mir und meinem Bruder. Und manchmal wünschte ich mir, es hätte damals schon iPhones gegeben, um unser Krippenspiel für immer in der iCloud zu verewigen. Es sind Perlen. Und so grauenvoll sie auch sein mögen, sie sind von uns.

rinaldoRinaldo Dieziger (36) ist Gründer und Geschäftsführer von Supertext, der ersten Textagentur im Internet. Er ist letztes Jahr Papa einer Tochter geworden und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

82 Kommentare zu „Darf man Kinderzeichnungen hässlich finden?“

  1. Andrea Mordasini, Bern sagt:

    Klar darf man Kinderzeichnungen hässlich finden, man muss dies nur den Kinder nicht gleich unter die Nase reiben. Ich halte es hier wie üblich bei Geschenken: “Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul” und bedanke mich für die Zeichnung. Ich bedanke mich nicht unbedingt fürs Gekritzel, dafür aber für die Geste – dass die Kinder sich die Zeit genommen und mir etwas gezeichnet haben. DAS finde ich toll und schön und das sage ich auch :) . Aufbewahren/Aufhängen tue ich die Zeichnungen, nicht alle, aber immer gerecht (immer gleichviele der beiden Kinder). Und entsorgen übrigens auch ;) .

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