
Vegetarische Kinder können Fleisch essende Eltern in Verlegenheit bringen: Werbeplakat des vegetarischen Restaurants Keimling.
Fleisch essen soll ja so schlimm sein wie mit dem Flugzeug rumdüsen, Autofahren und die Wohnung heizen. Laut dem WWF produziert eine Mahlzeit mit Fleisch dreimal mehr Treibhausgase als eine vegetarische. Mal ganz abgesehen davon, dass es bei der jetzigen Erdbevölkerung von mehr als sieben Milliarden Menschen grobfahrlässig ist, Dinge zu essen, deren Herstellung – wenn man bei Fleisch so sagen kann, political-correctness-mässig – völlig ineffizient ist: Um ein Kilo Fleisch zu bekommen, braucht es bekanntlich zehn Kilo Getreide, das man besser grad direkt den Menschen zum Essen vorsetzen würde.
Das alles leuchtet mir ein und es macht mir auch zu schaffen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich trotzdem sehr gern Fleisch esse. Cordon Bleu, Rindsfilet, Tartar, Geschnetzeltes, Saucisson – die ganze landesübliche Palette halt. Der innere Schweinehund in mir rückt mir regelmässig mit vehementen Fleischbestellungen auf die Pelle: «Zier dich nicht so, die Schimpansen tun es doch auch, und so anders bist du nun auch wieder nicht» – «Na also hör mal», sag ich dann, «mein Hinterteil sieht ja auch nicht so aus wie das eines Affen, mit Verlaub. Und was die Haare an den Beinen angeht…» Die Masche mit der Herkunft zieht nur bedingt. Schade. War ein netter Versuch.

Für Fleischesser unwiderstehlich: Ein saftiges Steak.
Meine Dispute mit dem inneren Schweinehund haben also leider noch immer keinen merklich besseren Menschen aus mir gemacht. Weit erfolgreicher in solchen Fragen war da unsere Tochter. Sie hat vor etwa fünf Jahren erklärt, nie wieder ein Tier zu essen. Sie hatte damals sogar eine regelrechte Krise, weil sie sich vorwarf, bis dahin überhaupt Fleisch gegessen zu haben. Und das, obwohl sie doch gewusst hatte, dass das aus Tier gemacht ist. Ich habe die Schuld dann auf mich genommen, war ja kein Ansehen, diese Verzweiflung. Das Mädchen hat bis heute eisern durchgehalten. Ein einziges Mal während ihrem ersten Klassenlager hat sie nachgegeben und sich unter den Anfeuerungsrufen der Klasse eine halbe Bratwurst reingehauen. Aber irgendwie war ihr Hirn da schon richtig vegetarisiert, sie fand es nur noch eklig.
Immerhin essen wir dank unserer vegetarischen Tochter massiv weniger Fleisch. Und nun hat auch noch unser Sohn verkündet, Fleisch komme nicht mehr auf seinen Teller. Zuerst dachten wir, das gehe vorüber, aber nun dauert die Sache schon ein paar Monate an und ich bin beeindruckt – und umzingelt. Also arbeite ich weiter am Umerziehungsprogramm für meinen inneren Schweinehund. Irgendwie habe ich es doch sogar mal geschafft, mit Rauchen aufzuhören. Dagegen müsste der Verzicht auf Fleisch eigentlich ein Klacks sein.
Das Problem ist der Leidensdruck. Es gibt zu wenig, was mich unmittelbar plagt am Fleischessen. Sicher, ich könnte mir nonstop markerschütternde Filme über fiese Fleischproduzenten ansehen. Aber ich kaufe eh seit langem Biofleisch und kann mir einreden, die Rinder und Schweine hätten zumindest ein schönes Leben gehabt und das sei das Wichtigste. Ist es ja auch. Nur gibts davon eben zu wenig, um Leute wie mich damit zu füttern.
Also funktioniert die emotionale Tour auch nicht so richtig. Ich habe sogar schon beim Schlachten zugesehen und fand es zwar happig, aber nicht unerträglich. Nun bleibt mir wohl nur noch die Vernunft – gewürzt mit einer Prise Ekel: Vor zwei Wochen habe ich nichts ahnend in einem Restaurant Kalbskopfchips verputzt. Fantastisch, muss ich sagen. Weil ich dachte, es wäre Speck. Falsch. Der Kellner erklärte mit leicht maliziösem Lächeln, dass dafür Augen, Hirn, Backen und alles, was eben so dran ist an so einem Kopf, püriert und frittiert wurde. Da hat sogar der innere Schweinehund kurz leer geschluckt. Und ich hab tapfer weitergeknabbert. Erstens, weil ich den Koch persönlich kenne und zweitens, weil ich dachte: Vielleicht hilft das ja, mir die Sache etwas zu verleiden. Irgendwann schaffe ich es schon noch zum Meistens-Vegetarier, muss ja nicht dogmatisch sein. Tja, innerer Schweinehund, sieh dich schon mal nach einem neuen Job um.



Jeanette Kuster ist Redaktorin, freie Journalistin und zweifache Mutter. Sie war bei verschiedenen Medien vorwiegend in den Ressorts Lifestyle und Kultur tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. 




































































Oh… noch ne gute Nebenstory dazu.
Meiner Meinung nach perfekt in der Schwebe zwischen Rechtsprechidiotie und PC den lieben Tierchen gegenüber:
Musste mitkriegen, wie eine mir bekannte Mama ihren Kleinen – in vollem Ernst jetzt! – erklärte, es sei daneben, einen Satz zu sagen wie: “Dieses Schwein dort im Stall frisst… ”
Das sei nicht okay. Das Wort “fressen” sei für das Tier herabwürdigend. Das habe das Tier nicht verdient und sie sollten gefälligst “essen” sagen!
Ich weiss: Klingt genau wie meine Überzeichnungsphantasien manchmal… Aber ich schwöre Stein und Bein hier: Es stimmt!
Die Entgleisung von Sprache war immer schon das Leitsymptom für Entgleisung des Denkens. PC ist das Einstiegsportal in Persönlichkeitsstörungen, so hat der Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz das in seinem Buch ‘Irre, wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen’ beschrieben. Da haben Sie keine Überzeichnungsphantasien. Wer die Würdigung des Geschlechtes der Angesprochenen mit der Benutzung des grammatikalischen Geschlechtes, den es in vielen Sprachen gar nicht gibt, zum Ausdruck bringen möchte, ist hart an dieser Grenze. Der verwechselt Inhalt mit Form.
Sagen Sie mir was daran so gut ist. In Teilen der Erde wo die Menschen nicht anderes zur Verfügung haben als Tiere um sich zu ernähren, ist Fleischessen am ehesten vertretbar. Doch gehn diese Menschen vielfach vermutlich respektvoll mit ihren Tieren um und beuten nicht alles aus, falls sie nicht auch schon dem Wahnsinn Profitmaximierung verfallen sind. Die Verfechter der Massentierhaltung möchten natürlich die Leute gerne glauben lassen, dass die Welt ohne ihre zweifelhaften Methoden verhungern würde und gehn dabei mit denen die schon bewiesen haben, dass es anders geht, nicht zimperlich um.