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«Frauen vertrauen ihrem Gefühl nicht mehr»

Mamablog-Redaktion am Donnerstag den 8. März 2012

Barbara Duden*, Pionierin der Körpergeschichte, kritisiert die Überregulierung der Schwangerschaft. Andrea Fopp hat die Soziologin und Historikerin für die «Basler Zeitung» interviewt. Wir veröffentlichen eine leicht gekürzte Fassung.

SCHWEIZ SCHWEINEGRIPPE

Nichts dem Zufall überlassen: Schwangerschaften werden heute genauestens untersucht. (Keystone)

Früher galten Schwangerschaften als «Zustand guter Hoffnung». Heute, so kritisieren Sie, sei Schwangerschaft ein Problem des Risikomanagements. Was heisst das?
Barbara Duden: In den letzten 20 Jahren ist die Schwangerschaft zu einem Zustand voller Angst geworden. Und die schwangere Frau zu einem Bündel an Risikofaktoren, die man erheben und auswerten kann, um daraus ein Risikoprofil zu erstellen, einen Zahlenwert, der beziffert, in welche Sammelkategorie die Frau gesteckt wird. Die Frauen sehen sich als Gebärmaschine, als zu optimierender Brutkasten. Sie haben das Gefühl, man könne das Ungeborene seinen Zeitplänen anpassen.

Zeitpläne?
Heutzutage ist es undenkbar, dass eine Schwangerschaft einfach geschieht. Sie wird von A bis Z durchgeplant. Jedes Entwicklungsschrittchen des kommenden Kindes wird bis ins Detail erhoben und ausgewertet – dass auch ja kein Fehler passiert. Denken Sie an all die Ultraschalleinsichten, Screenings, Nackenfaltenmessungen. Die Schwangerschaft wird zu einem risikoumwitterten Zustand.

Aber diese Tests minimieren sicherlich die Gefahren einer Schwangerschaft?
Die allermeisten dieser Kontrollen sind nicht nötig. Sie bestätigen nur: Alles ist in Ordnung. Ultraschall und die Risikoabklärungen von Downsyndrom sind fast schon Routine, aber nicht obligatorisch. Doch kaum eine Frau lehnt ihn ab. Die Frauen vertrauen ihrem Gefühl nicht mehr. Es wird ihnen die Zuversicht genommen, dass sie ein Kind austragen und gebären können.

Barbara Duden ist Professorin für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Für ihre Forschungen zum Frauenkörper hat sie Auszeichnungen erhalten. Duden hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Körper zu einem legitimen Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaft wurde.

*Barbara Duden ist Professorin für Soziologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover. Für ihre Forschungen zum Frauenkörper hat sie Auszeichnungen erhalten.

Weshalb werden diese Tests dann von den Versicherungen bezahlt?
In der Schweiz zahlen Krankenkassen im Normalfall zwei Ultraschalluntersuchungen. Doch oft machen die Frauen bei jeder monatlichen Untersuchung einen Test. Die Häufigkeit dieser Untersuchungsmethode und ihr Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Aber die Frauen werden so von Anfang an mit Kontrolluntersuchungen überformt. Mit der Zeit empfinden sie die Überwachung als seelisch-körperliche Notwendigkeit. Sogar noch während der Geburt. Die Beschleunigung der Gesellschaft dringt bis in die Kreisssäle vor!

Während der Geburt?
Heute haben die Frauen dreissig Prozent weniger Zeit, ein Kind zu gebären, als in den Sechzigerjahren. Die Spitäler behandeln Geburten nach Standardzeiten. Und die Frauen ordnen ihr Leben unter.

Wie meinen Sie das?
Ein Beispiel: Eine Schwangere weiss, am 4. März hat sie Geburtstermin. Also plant sie, am 5. März zu verreisen, zur Erholung. Was passiert, wenn am 4. März die Wehen nicht einsetzen? Sie bekommt geburtseinleitende Medikamente, die Wehen beschleunigen. Diese erhöhen aber die Schmerzen der Wehen. Deshalb kriegt die Gebärende eine Narkose. Am Schluss kommt der Kaiserschnitt, um das Ganze zu stoppen.

Warum gibt es immer mehr Geburten mit Kaiserschnitt?
Sie lohnen sich für die Spitäler, denn sie kosten viel mehr als normale Entbindungen und sind in die Krankenhausroutine einplanbar. Heute dominiert die Vorstellung, dass es selbstverständlich ist, dass ein Kind durch einen Schnitt auf die Welt kommt.

Das ist doch begrüssenswert: Heute müssen die Frauen dank Teilnarkose und Kaiserschnitt nicht mehr diese Krämpfe beim Gebären ertragen.
Da blenden Sie die Sinnbezüge aus. Eine Frau geht neun Monate schwanger. Da entsteht etwas im Gewebe, da wird die Möglichkeit des Liebhabens physisch gelebt. Und das Kind trägt schon seinen Teil dazu bei, das ist wichtig für sein Selbstgefühl und sein Gut-auf-die-Welt-Kommen. Kinder, die per Kaiserschnitt entbunden werden, haben mehr Atemprobleme. Der Kaiserschnitt beraubt das Kind seines Anfangs, seiner Geburt. Es ist eine tiefe, zarte Erfahrung, die verloren geht. Es ist schwierig, die richtigen Worte dafür zu finden.

Weshalb fehlen Ihnen die Worte?
Weil diese körperliche Sinnlichkeit, die mit Ruhe, Geduld, Warten, im Zustand leben zu tun hat, heute lächerlich gemacht wird. Wir verlieren das Gefühl für unseren Körper.

War es denn früher wirklich besser?
Man sollte den Zustand des Schwangergehens nicht romantisieren. Aber in den Fünziger- und Sechziger-Jahren, da hatten die Frauen mehr Ruhe, eine innere Zuversicht, dass schon alles gut geht. Sie lebten in der Gegenwart, zuversichtlich, «in guter Hoffnung», wie man sagt.

Sehen Sie auch Positives?
Ja, die Hebammen. Die Kunst der Hebamme besteht unter anderem darin, dass sie warten kann. Sie nimmt sich Zeit, die einzelne Frau und ihren Körper kennenzulernen. Sie sieht wahre Gefahren rechtzeitig und weiss, wie reagieren, ohne dass sie die Frauen mit unnötigen Risikoanalysen erschreckt. Und sie unterstützt die Frauen darin, sich selbst wahrzunehmen. So konnten Schwangere früher wunderbar Kinder kriegen!

Weshalb früher? Hebammen gibt es doch noch heute?
Jetzt muss ich schon wieder mit dem Negativen kommen. Es hat viel zu wenig Hebammen in den Spitälern. Sie arbeiten unter Zeitdruck und können sich kaum mehr Zeit nehmen für die einzelne Frau. Eine Hebamme betreut oft mehrere Frauen gleichzeitig. Immer mehr Schwangere bekommen es im Spital mit der Angst zu tun, weil sie allein gelassen werden.

Aber die Frauen scheinen zufrieden zu sein, niemand wehrt sich.
Ja, wenn Ärzte den Frauen alle sogenannten Risiken aufzählen, sagen Frauen zu allen Angeboten, die sie gar nicht brauchen, «Ja und Amen». Diese angeleitete Form von Selbstbestimmung ist eigentlich eine Entmächtigung. Wenn aber unsere Freiheit darin besteht, dass wir zwischen den Optionen entscheiden, die der Gesundheitsmarkt anbietet, ist es mit der Freiheit und Schönheit vorbei.

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416 Kommentare zu „«Frauen vertrauen ihrem Gefühl nicht mehr»“

  1. Natalie sagt:

    Oje Oje,
    hin oder her, jeder muss es selber entscheiden und so handeln das es es am ende wenn es schief gehen sollte wieder gleich entscheiden würde. Der Artikel zeigt nur wieder eine Seite der Medalie wie alle Altikel meistens. Es gibt immer zwei Meinungen und es schadet nie zwei mal hinzuschauen wenn man es schon kann. Ich hatte zwei verschiedene Frauen Ärtzte Mann und Frau und in Ihrer Wesen unterschiedlich, aber beide haben mir weder Angst noch Dinge aufgezwungen die für das Kind gefährlich sein könnte oder langfristigen schaden bringen könnte, aufgezwungen. Meine Geburt wahr perfekt

  2. Natalie sagt:

    ich hatte sicherlich auch Glück aber die eigene Einstellung trägt sicher genau so bei. Was mir viel mehr aufgefallen ist das mann angeblich unbedingt stillen sollte, koste es was es wolle. Etwas übertrieben gesagt, es bersteht ein bischen das Bild das mann seinem Kind was schlechtes tut wenn man nicht mehr Stillen will. Hunbuck ! Wenn man mahl hinsieht und sich mit Biochemie auseinandersetzt kommt man auf die Welt. Im Positiven sinne :-)

    • maia sagt:

      @Natalie: Kann man den (köstlichen) Tippfehler nicht korrigieren “Was mir viel mehr aufgefallen ist das mann angeblich unbedingt stillen sollte,”. – Seit wann kann manN stillen?

    • Valeria sagt:

      Gottseidank ist Biochemie nicht so kompliziert wie Orthographie.

  3. T.Frey sagt:

    Ja solange Aerzte über die Geburten bestimmen wird sich nichts ändern. Es ist ihre einzige Macht die sie eigentlich haben. Denn die Natur hat die Frau dazu auserkoren leben zu gebären. Die Männer können das ja nicht. Die wissen ja nicht eimal wann sie das Kind gezeugt haben. Die Frauen schlafen immer noch und überlassen den Männern die Macht ja dann müsst ihr euch doch nicht wundern das es ist wie es ist. Was das stillen betrifft so haben die Frauen auch dieses Naturgefühl verloren. Verstehen sie überhaupt noch um was es geht. Ich glaube nicht.

    • Eva Lundén sagt:

      Hahaha! Ja, wir verstehen vorum es geht. Es geht darum, dass WIR die Macht über die Geburten haben. Nicht die Ärtzte, die Hebammen, die Religion, die Gesellschaft oder irre Männer.

  4. BEATS BY DRE sagt:

    ich hatte sicherlich auch Glück aber die eigene Einstellung trägt sicher genau so bei. Was mir viel mehr aufgefallen ist das mann angeblich unbedingt stillen sollte, koste es was es wolle. Etwas übertrieben gesagt, es bersteht ein bischen das Bild das mann seinem Kind was schlechtes tut wenn man nicht mehr Stillen will. Hunbuck ! Wenn man mahl hinsieht und sich mit Biochemie auseinandersetzt kommt man auf die Welt. Im Positiven sinne

  5. Eva Lundén sagt:

    Wie viele Frauen verreisen einen Tag nach der Geburt? Es gibt immer Äusserlichkeiten, aber die meisten Frauen haben etwas negatives erlebt und wählt dann Kaiserschnitt. Ich habe ein Kind und die Geburt war schlecht. Ich würde ein zweites Kind mit Kaiserschnitt gebären.
    Früher war es nicht besser, aber die Frauen haben sich nicht gewehrt weil der Arzt Gott war.

  6. Mira Maria Kudris sagt:

    Ich gehe davon aus, dass Frau Barbara Duden etwas sehr Wichtiges sagen möchte: Dass die Beziehung zu unserem eigenen Körper das wichtigste Geschenk wäre, nicht nur für uns, sondern vor allem für unsere Kinder. Denn, ich vermute, sie würde meine Ansicht unterstützen, nämlich, dass durch unsere Dankbarkeit und unsere Liebe zu unserem eigenen Körper, eine immense seelische Kraft und vorallem Intuition entstehen kann, die unseren Kindern die Angst vor dem Leben nehmen kann. Die Kraft im Aussen zu suchen ist leider schmerzlich, das Entscheidende liegt im eigenen Inneren. Auch Männer können das.

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