Blogs


Andrea Fischer am Dienstag den 28. Februar 2012

Klappe zu!

Mamablog_2

Zu schweigen ist nicht immer einfach: Frau mit abgeklebten Mund. (Bild: Jennifer Moo)

Ich bin zweiundvierzig Jahre alt. Meine Pubertät liegt also schon ein geraumes Weilchen zurück. Würde man meinen. Meist ist es auch so. Aber aus irgendeinem Grund gibt es immer noch Momente, in denen ich mir selbst zusehe und –höre und denke: «Jetzt tu doch nicht so pubertär!» Diese Ausrutscher ins Patzig-Entnervte haben fast immer einen Zusammenhang mit meiner Mutter. Und das, soviel möchte ich hier betonen, obwohl ich ein sehr gutes Verhältnis habe zu ihr.

Aber sobald sie mir gewisse Fragen stellt, oder mich mütterlich ermahnt, spüre ich noch heute, wie mir der Hals auf die Dicke eines Baumstamms anschwillt. Natürlich murmle ich mir mental Beschwichtigendes zu, flehe meinen inneren Teenager um Gnade an und klammere mich verzweifelt an die Vernunft, die mir sagt: «Aber sie meint es doch nur gut.» Manchmal schaffe ich es, die Klappe zu halten. Aber ab einer gewissen Anzahl von Luegsch-der-guets und Schaff-nicht-zuviels rutscht mir schon ab und an eine spitze Bemerkung raus.

Dabei gehört meine Mutter noch nicht mal zu der aufdringlichen Sorte. Sie sagt meist nette, harmlose Dinge und will nur mein Bestes. So, wie ja auch ich die Dinge gut meine, die ich den ganzen Tag von mir gebe, wenn ich meinen Familienalltag organisiere: Nimm nicht so viel Schokoladepulver in die Milch. Hast du den Znüni eingepackt? Sind die nassen Schwimmsachen aufgehängt? Du siehst müde aus, heute gehörst du früh ins Bett. Nimm zuerst Salat, bevor du nochmals Spaghetti nimmst. Hast du immer noch Streit mit deiner Freundin? Warum rufst du sie nicht einfach an und ihr besprecht das? Dieses T-Shirt gehört in die Wäsche. Nein, ihr habt gestern schon einen ganzen Film geschaut, heute gibt es kein Fernsehen. Hast du alle Hausaufgaben gemacht? Wieso liegt diese Socke noch immer da statt im Wäschekorb? Etcetera, etcetera und gute Nacht.

Klar, die meisten dieser Dinge muss ich halt sagen. Das gehört zu meinem Job, zumal meine Kinder ja noch nicht erwachsen sind. Aber eigentlich weiss ich: Weniger wäre manchmal mehr. So versuche ich wenn möglich – schliesslich reden wir von der Hitze des Alltagsgefechts – mir jeweils kurz zu überlegen, ob ich etwas wirklich sagen muss. Manchmal bringt es den Kindern mehr, wenn ich sie da und dort mal in einen Hammer laufen lasse. In den sie dann oft nicht mal laufen, weil sie nämlich schon viel besser auf sich aufpassen können, als ich meine.

Das Nichtsagen hat natürlich Grenzen. Meine Grenzen. Wenn ich zum zehnten Mal über den Turnsack im Wohnzimmer steigen muss, mich an mit Zahnpasta verkrusteten Lavabos wasche oder mir an den unerwartetsten Orten gammlige Mandarinen begegnen, interessiert mich die unabhängige Entwicklung meiner Kinder herzlich wenig. In anderen Fragen arbeite ich an mir.

Und rede ich trotz aller Vorsätze immer noch zu viel drein, schadet das meiner Ansicht nach meinen Kindern nicht nachhaltig. Höchstens mir. Je mehr ich mich einmische, desto energischer werden sie sich ablösen müssen von mir. Ich werde es wohl überleben. A propos Ablösung: Das letzte Wort kriegt heute meine Mutter, mit einem Spruch, den sie uns früher jeweils mit einem Lachen serviert hat: «Wenn ich euch frage, wie es euch geht, nerve ich euch. Wenn ich nicht frage, seid ihr beleidigt. So ist das eben mit den Müttern.» Eigentlich recht cool.

99 Kommentare zu „Klappe zu!“

  1. Martin Cesna sagt:

    1. Wahrscheinlich brauchen Kinder tausendmal die üblichen Floskeln, bis es im Kopf drin ist. Dafür ist die Mutter da.
    2. Es ist ein Arrangement zwischen Kinder-blöd-tun und Mutter-ermahnen. Wenn sie auswärts sind, bestaunt der Gastgeber, wie reif das Kind schon sei. Als Mutter glaubt man es zuerst nicht.
    3. Gelernt ist gelernt, halt auch bei Mama: Zuerst wird man Mama, später ist man Mama. Als Sohn hat man da keine Chance der Änderung.
    4. 1. Hilfe für die verzweifelte Mutter: drei Wochen weg, ohne Handy, ohne Kontakt nach Hause. Nachher staunt man, wie der Chaosclub es überlebt hat. Es geht!!

  2. Ursula Crufer-Burkhalter sagt:

    Allen Kindern recht getan ist eine Kunst die keine Mama kann!

  3. fufi sagt:

    Mannofrau bin ich spät dran.
    Aber war schon immer ein Spätzünder!
    (Achtung: Hab gelogen!)
    Aber jetzt also doch noch MEIN Senf zur Wurst:

    Die Frage:
    “Eltern mit ihren Ermahnungen nerven. Bis man selbst zu ihnen gehört. Ist das einfach der Lauf der Dinge? ”

    Die Antwort:

    JA!

    :P

Kommentieren

Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.

© baz.online