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Die Schreie der Zwillinge

Mamablog-Redaktion am Mittwoch den 22. Februar 2012

Ein Papablog von Maurice Thiriet.

SCHWEIZ FLUGHAFEN KLOTEN FEST

«Es machte den Anschein, als wollte man mich vor den Augen meiner Kinder abführen»: Blick auf die Zuschauerterrasse des Flughafens Zürich. (Bild: Keystone)

Noch Tage später fahren sie mir durch Mark und Bein: Die Schreie der Zwillinge, die soeben ihren Grossvater verloren hatten. Der ältere, bleiche Mann mit randloser Brille und akkurat gescheiteltem Haar war von zwei herbeigerufenen Uniformierten abgeführt worden. Sein Verbrechen? Schmuggel einer Gürtelschnalle vielleicht. Oder eines Geldstückes. Man weiss es nicht. Man hörte nur das Piepsen des Metalldetektors, das ihn verraten hatte. Die Zwillinge, Blondschöpfe von vielleicht zwei Jahren, wurden angewiesen, still zu sein und auf weitere Anweisungen zu warten. Sie verstanden nicht. Sie sahen nur, wie ihnen gerade von einem kleinen, aber eingespielten Willkürregime ihr Grossvater genommen wurde. Und dass ihnen niemand helfen würde, sollte er nicht zurückkommen. Auch ich nicht.

Ich blieb auf dem Stuhl am Rande der Szenerie sitzen. Ich war von einem anderen Uniformierten angewiesen worden, mich dahin zu setzen. Angst hatte ich keine. Es machte nicht den Anschein, als wollte man mich – wie den Alten – vor den Augen meiner kleinen, verängstigten Kinder abführen. Doch ich war unruhig. Etwas würde geschehen, da war ich mir sicher. Bloss, was? Mein Dreijähriger stand noch immer vor Angst regungslos an der Stelle, an der man mich fort- und auf den Stuhl geschickt hatte. Gutes Zureden einer weiblichen Uniformierten nützte nichts. Zischgeräusche von mir ebenfalls nicht. Er blieb wie angewurzelt stehen und fixierte mit den Augen irgendetwas in der Ferne. Sein kleiner Bruder, soeben acht Monate alt geworden, lächelte mir töricht glücklich zu. Er begriff nicht, was gerade vor sich ging. Kurz darauf trat ein weiterer Uniformierter an mich heran und zeigte auf das hölzerne Laufvelo meines älteren Sohnes. «Wem gehört das? Das ist verboten. Sie müssen das hier lassen.» Ich zeigte auf meinen Sohn und bedeutete dem Uniformierten, dass das Velo ihm gehöre und er deshalb mit ihm verhandeln müsse.

Ich spielte ein gefährliches Spiel, denn ich hatte mein Portemonnaie Tage zuvor im Kinderzimmer verloren und genauso wenig einen Ausweis dabei wie meine zwei Buben. Der Uniformierte hätte mir beide ohne Umstände wegnehmen und mitsamt den Zwillingen der Vormundschaftsbehörde überstellen können. Er tat es nicht. Stattdessen sagte er: «Stellen Sie das Velo dahin» und zeigte auf einen grossen Blumentopf mit einer Zierpalme darin. Dort stand schon allerlei beschlagnahmtes Gefahrengut: Trottinette, Skateboards, Like-a-Bikes, Kickboards, eine Playmobil-Angel. Dann sagte der Uniformierte: «Sorry gäll, ich muss hier noch schnell...» und zog sich Plastikhandschuhe an. Solche, wie sie Polizisten überziehen, wenn sie Junkies oder Kokaindealer an der Langstrasse filzen. Dann begann er, mein jüngeres Kind im Kinderwagen abzutasten. Ein acht Monate altes Baby. Am Bauch, an den Beinen, am Rücken, an den Armen. Der Kleine stimmte ins Zeter Mordio der Zwillinge mit ein, deren Grossvater noch immer in der Gewalt der Uniformierten war. Ich war sicher, dass ich in meinem Kind weder Drogen noch Waffen versteckt hatte, doch wie immer in solchen Situationen verspürte ich eine quälende Restunsicherheit. Doch die Durchsuchung verlief ergebnislos.

Dann wurden wir alle drei durch den Metalldetektor geführt. Er piepste nicht. Vielleicht hatten sie ihn ausgeschaltet, weil sie noch mit dem Alten beschäftigt waren, vielleicht waren wir tatsächlich sauber. Den Kinderwagen, den die Beamten nicht weiter beachtet hatten, erhielten wir mitsamt Schweizer Armee- und Rüstmesser in der Wickeltasche zurück. Kurz darauf traten wir durch eine gläserne Schiebetür in eine Art Schleuse.

Als ich kurz zurückblickte, sah ich, wie sich weit hinten ein Vorhang öffnete. Hervor trat der Grossvater der Zwillinge und hinter ihm ein Uniformierter. Die Zwillinge waren froh, dass ihr Grossvater wieder bei ihnen war, und sie verstummten. Aber nur kurz. Dann trat der Uniformierte mit den Handschuhen auch an sie heran. Ich wandte mich nach vorn und trat durch die Schleuse ins Freie. Ich sog die frische, kerosingeschwängerte Luft tief in meine Lungen. Wir hatten es geschafft, wir waren endlich da: auf der Zuschauerterrasse des Flughafens Zürich.

mauriceMaurice Thiriet (32) ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

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216 Kommentare zu „Die Schreie der Zwillinge“

  1. Huhuhu sagt:

    Endlich hat es jemand dieser Sicherheitskontrolle so richtig gegeben. Ich träume schon seit Jahren davon, eine Schere in einer verschissenen Windel mitzunehmen und sie vor den Augen des Sicherheitskontrolleurs zu öffnen. Er darf sie dann auch herausnehmen…

    • Markus Blaser sagt:

      hahaha….witziges Statement. Also die Windeln könnt’ ich stiften und glauben Sie mir…….die wollen Sie nicht öffnen….schon gar nicht reinfassen. Ich befürchte nur, dass Sie selbst reinfassen müssten um die Schere raus zu nehmen.

    • Nina sagt:

      Oder einfach den Kleinen eine Stunde vor der Zollkontrolle nicht wickeln. Das reicht. Da braucht es keine offene Windel :)

  2. mengara sagt:

    Diese Zuschauerterrasse wird ja vor allem von Kindern und ihren Eltern genutzt. Es gibt Spielzeuge und für Kinderaugen sehr viel zu sehen. Diese übertriebenen Kontrolle sind wirklich total unnötig. Als wir das letzte Mal dort waren, piepste der Metalldetektor x-mal, die Beamten fanden aber nicht heraus, dass die Orthesen meiner Tochter dafür verantwortlich waren…. die interessierten sich auch nicht für meine Erklärung. Hauptsache kontrolliert. Auch den Doppelkinderwagen untersuchten sie nur schlecht, dafür mussten wir Eltern Schuhe und Mantel ausziehen, Hosentaschen leeren… lächerlich!!!

  3. Peter sagt:

    Ich habe gemerkt, dass es immer die Ausstrahlung der Menschen ist, die die Behandlung durch das Gegenüber hervor rufen. Und es gibt Leute, die man ruhig stellen muss. Vielleicht ist das eine Idee, warum Sie sich hinsetzen und den Mund halten mussten.

  4. Peter sagt:

    … übrigens: Wie peinlich, im Kinderzimmer sein Portemonnaie zu verlieren und erst bei der Sicherheitskontrolle zu merken, dass man ausweislos ist…?
    IQ steht nicht für “Ich Querulant”…

    • Markus Blaser sagt:

      Ach was, was soll daran bitte schön peinlich sein ? Peinlich sind solche Beurteilungen wie Ihre, keine Ahnung was Sie arbeiten oder tun, aber es gibt Leute die brauchen ihren Ausweis oder ID nicht täglich. Sie mögen vielleicht – was zwar noch zu beweisen wäre – einen (höheren??) IQ haben, mit der emotionalen Intelligenz scheint’s dann aber nicht allzu weit

  5. Tom sagt:

    Super Beitrag!
    Das Sicherheitspersonal ist ein Dienst, den es durchaus benötigt. Leider führen sich einige auf – verkappte Polizisten wahrscheinlich, wie wenn Sie B. Obama selber beschützen müssten und die Staatssicherheit nur an ihnen liegt. Die Verhältnislosigkeit ist ach so typisch für diese Berufsgattung (die Ausnahme bestätigt die Regel).
    Kinder und Familien piesacken ist das einfachste – die wehren sich nicht und die Eltern sind wegen den Kindern so oder so in einer defensiven Lage. Peinlich peinlich!
    Aber noch einmal – super geschrieben, widerspiegelt die Helden am Flughafen ZRH!

  6. Mirjam sagt:

    @ Airborn: Sexuelle Belästigung durch Bodenpersonal und Securitys am Flughafen gibt es tatsächlich. Hier ein Beispiel: http://www.blick.ch/news/ausland/dreimal-durch-den-nacktscanner-geschickt-id1769060.html
    Und dann werfe ich noch eine Frage in die Runde: Wie wird das Security-Personal ausgebildet? Wird das Personal auf Vorstrafen untersucht? Z.B. werden Personen mit Eintrag im Strafregister zu diesem Job zugelassen? Wird der Hintergrund einer solchen Person angeschaut? Pädophilie wäre sicher ein Grund dafür, kein Job als Sec. zu kriegen der dann Kinder abtasten darf. Airborn: bitte Details!

    • airborne sagt:

      Ich habe ich nie behauptet, dass es noch nie zu sexuellen Übergriffen im Zusammenhang mit Sicherheitskontrollen kam, ich hab lediglich festgestellt, dass Ihr Video nicht das wiedergibt, was sie behaupteten. Zu Ihren Frage (Antworten ohne Gewähr, nach bestem Wissen und Gewissen): Jawohl, das gesamte Personal, dass am Flughafen arbeitet wird auf Vorstrafen untersucht, ein Eintrag im Strafregister führt zur Kündigung/resp. Nichtberücksichtigung des Bewerbenden. Von der Ausbildung des SIKO-Personals habe ich keine Kenntnis.

      • Laura TI sagt:

        Wenn ich mich auch noch einmischen darf. SIKO-Personal wird psychologisch geschult immer und immer wieder.
        Zudem, ich bin mehr als bloss 10 mal in meinem Leben geflogen auch ein paar hundert Mal mit Kindern, die wurden nie, nicht einmal, abgetastet, ich vielleicht zweimal in den Staaten kurz nach dem Anschlag von Lockerbie und nach 9/11. Ich denke, es gibt Menschen, die machen aus allem ein Problem und eines sieht man hier auch deutlich, es wird pauschalisiert und über Menschen hergezogen, die ihren Job machen. Bei null Respekt kommt von mir auch meistens null Respekt zurück.

    • airborne sagt:

      Noch ein kurzer Nachtrag. In Zürich werden Kinder, falls der unwahrscheinliche Fall einer “Kabineninspektion” eintrifft, IMMER in Gegenwart ihrer Eltern oder ihrer Begleitung untersucht, wobei kein Sicherheitsbeamter das Kind berührt, sondern mit einem manuellen Metalldetektor prüft, ob keine metallenen Gegenstände vergessen wurden. Im Übrigen erlaube ich mir die Feststellung, dass mir Ihre Einstellung gegenüber Sicherheitskontrollen von einer gewissen Hysterie geprägt zu sein scheint. Schliessen Sie bitte von den üblen TSA-Geschichten aus den Staaten nicht auf die hiesigen Verhältnisse…

      • Alex Schaffner sagt:

        @airborne: Das kann ich leider nicht bestätigen. Mein vierjähriger Sohn wurde letzten Herbst von einem jungen übereifrigen Sicherheitsbeamten sehr intensiv abgetastet. Mein Sohn war derart verängstigt. dass er noch mit waagrecht ausgestreckten Armen die Kabine verliess. Warum wird nicht mehr wert auf die physologische Schulung des Sicherheitspersonal gelegt?

      • André Dünner sagt:

        Weil der Zeitdruck und die Menge des Ansturms es einfach nicht mehr zulassen. Stressfaktor.

        Und weshalb denn muss immer Ferien im Ausland her? Klar, wenn alles randvoll zugebaut wird, die Kostenfalle zuschlägt und das Ausland mit Reisepauschalen lockt. Big Business.

        Klotz muss gemacht werden. So oder so. Mit nur 3% Gewinn gibts keinen wirtschaftlichen Wohlstand. Viel sehe ich hier hineinprojeziert. Wir sind was wir sind. Menschen. Als solche sollten wir auch handeln wie auch behandelt werden.

        Doch die Masse ist in Furie. Das wird nicht besser werden weil die Dichte zunimmt.

  7. Mirjam sagt:

    Interessanter Telefonanruf eines Journalisten an die TSA. Wenn wir deinen Penis nicht anfassen dürfen fliegst du nicht. http://www.youtube.com/watch?v=ZP1z4s-r4PY We touch your genitals or you don’t fly. Sagt eigentlich schon alles.

  8. Frau Rohner sagt:

    Danke für den Artikel! Werde nächsten Mittwoch wohl auch dadurch gehen müssen. Was muss, muss!

  9. Mirjam sagt:

    Ich habe nun endlich, nach längerem Googlen die Gesetzesstelle gefunden welche ganz klar besagt dass sie intime Untersuchung welche die TSA Flugpassagieren zumutet rechtswidrig ist. Es geht hier um den Artikel 5. http://quellen.geschichte-schweiz.ch/allgemeine-erklarung-menschenrechte-uno-1948.html

    • Monsieur de Hummel sagt:

      Das ist jetzt aber ein Witz, oder? ;)

      • Mirjam sagt:

        Es kommt darauf an wie man diesen Gesetzesartikel auslegt. Und die amerikanischen Juristen sind meisterhaft im Klagen. Das kann man sich zunutze machen und sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Seelische Grausamkeit wird in den USA häufig als Grund für millionenschwere Entschädigungen angesehen. Und dort wird wegen jedem kleinsten Detail geklagt. Ich könnte mir gut vorstellen dass das in den USA gute Chance hätte und die TSA dort bei einer Klage böse bluten müsste.

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