Leben


Jeanette Kuster am Dienstag den 21. Februar 2012

Alles – und das sofort

Müssen Kinder alles möglichst früh erleben? Oder sollten sie und vor allem ihre Eltern sich öfter mal in Geduld üben? Mutter und Kind im Schnee. (Bild: Keystone)

Als mir eine Freundin Anfang Winter erzählte, ihre gerade zwei Jahre alt gewordene Tochter dürfe kommendes Wochenende Ski-Premiere feiern, habe ich nicht schlecht gestaunt. Hätten wir dieses Jahr Ferien in den Bergen geplant, wären diese eher unter dem Titel «Schlitteln & Schneemann bauen» gelaufen. Skifahren, das assoziierte ich bisher mit Kindergartenalter, und dachte mir, besagte Freundin wäre ein übereifriger Einzelfall. Doch als der Winter ins Land zog, wurde ich eines Besseren belehrt: Auf Facebook posteten immer mehr Freunde Fotos ihrer auf Skis stehenden 2-Jährigen und die Frage «Darf es auch zum ersten Mal auf die Bretter?» gehörte plötzlich zu jedem Vor-Ferien-Gespräch unter Eltern mit gleichaltrigen Kindern.

Allmählich fragte ich mich, ob vielleicht ich die Ausnahme bin. Ich werfe mit meiner Tochter erst Schneebälle, anstatt ihr schon die Skiausrüstung anzuziehen. Und nein, ich habe sie auch noch nicht mit Schlittschuhen aufs Eis gelassen. Und dies nicht einmal aus übertriebener Ängstlichkeit. Vielmehr sehe ich nicht ein, weshalb Kinder alles möglichst früh erleben sollen – zu einem Zeitpunkt, zu dem sie diese Aktivitäten und Dinge womöglich noch gar nicht richtig geniessen können.

Denn es geht natürlich nicht nur um den Wintersport, das Phänomen der elterlichen Ungeduld zieht sich durchs ganze Familienleben. So schlafen Zweijährige bereits im Hochbett oder bekommen auf den Geburtstag Ohrlöcher geschossen, weil sie «sich die Ohrringe halt so sehr gewünscht» haben. Klar, meine kleine Prinzessin ist auch fasziniert von meiner Schmuckschublade. Gestern hat sie sich gar einen Schlüsselring an den Bauchnabel gehalten und gesagt, dass sie auch so ein schönes Ringli am Bauch haben möchte wie ihr Gotti. Deswegen lasse ich sie jedoch noch lange nicht piercen, sondern erkläre ihr, dass sie ihren Körper gerne mit Ringen und anderem Schmuck verzieren darf, wenn sie erwachsen ist. Und erstaunlicherweise frustriert sie eine solche Absage nicht im Geringsten. Ganz im Gegenteil erzählt sie immer wieder begeistert und voller Vorfreude, was sie dann alles tun dürfe, wenn sie einmal gross sei.

Wenn die Kinder also so leicht auf später vertröstet werden können, muss der Grund für die grassierende Ungeduld hauptsächlich bei den Eltern liegen. Ich glaube nicht, dass Eltern ihre kleinen Kinder möglichst früh auf die Skis stellen, damit aus ihnen einmal grosse Skirennfahrer werden. Und auch der Umzug ins Hochbett im Kleinkindalter hat sicher nicht zum Ziel, vor anderen Eltern damit zu prahlen, dass das Kleine nun im Fall schon im grossen Bett nächtigt. Ich vermute eher, dass Mama und Papa ihre Freude über das sich in den ersten Jahren so rasant entwickelnde Kind nicht zügeln können und deshalb alles möglichst sofort mit ihm erleben wollen.

Und natürlich kenne auch ich den Stolz und das Glücksgefühl, die man als Elternteil bei diesen ersten Malen verspürt – sei das nun die erste Breimahlzeit, das erste Wort oder der erste Fahrversuch auf dem Trottinett. Trotzdem will ich meinem Kind nicht schon jetzt alles ermöglichen, nur weil ich mich nicht gedulden kann. Bestimmt würden auch die Augen meiner Tochter leuchten, wenn sie ein Paar Ski ihr eigen nennen dürfte. Aber wie viel mehr Spass wird es ihr doch machen, diesen Moment erst etwas später zu erleben, wenn sie auch tatsächlich alleine auf den Brettern den Hang hinunterrutschen kann? Und wie sehr wird sie ihre Ohrstecker lieben, wenn sie sie als Geschenk zum Schulbeginn bekommt – also eine ganze Weile bewusst darauf warten musste und sie dadurch schliesslich als besonders wertvoll betrachten wird?

Sich als Eltern mindestens genauso wie das Kind über die unzähligen ersten Male zu freuen ist grossartig. Deshalb möglichst viele davon in die ersten zwei, drei Lebensjahre zu packen, finde ich hingegen wenig sinnvoll. Und wie sehen Sie das?

233 Kommentare zu „Alles – und das sofort“

  1. Yvee sagt:

    War auch mit 2 Jahren zum erstenmal auf den Skiern und nicht weil das meine Eltern so wollten sondern weil ich so saublöd getan habe (Worte meiner Mutter) da mein grosser Bruder das schon durfte. Das ist mittlerweile über 30 Jahre her. *hust
    Dieses Jahr wird unser Sohn auch mit 2 Jahren zum ersten Mal auf Skiern stehen. Weil er meine Gene hat und auch motzen wird… Ohne Zwang.

    • Bionic Hobbit sagt:

      Geht uns genauso. Die zwillis waren mit 2 auf den Skiern, weil sie das unbedingt so wollten (weil der ältere schon darf) und wir uns unbedingt den Knatsch ersparen wollten. Skifahren haben sie noch nicht gelernt, aber es hat ihnen soweit Spass gemacht.

  2. Jule sagt:

    Meinen Jüngsten habe ich sicher drei Jahre lang (ab 3-jährig) versuchsweise auf die Skis gestellt, aber da er gar keine Freude hatte, liess ich es für das Jahr bleiben. Bis er irgendwann doch Freude hatte daran. Heute fährt er sehr gern Ski.

  3. Jule sagt:

    Jedes Kind ist anders und einzigartig.

    • Mike Keller sagt:

      Genau: unsere Tochter will unbedingt mit 2 Jahren schon auf den Skiern stehen und unser Junge jetzt 7jährig hat gar keine Lust. Wir erfüllen beiden den Wunsch entsprechend, alles andere stresst die Kinder und uns selber.

  4. Susi sagt:

    Viele Eltern fühlen sich durch die (frühen) “Leistungen/Erfolge” ihrer Kinder aufgewertet. Selbstverständlich freut man sich mit den Kindern über ihre Freuden und Erfolge und findet es toll, wenn die Familie zB gemeinsam Skifahren gehen kann. Dennoch kommt es mir manchmal vor wie in einem Wettbewerb, welches Kind zuerst geht, spricht, keine Windeln mehr benötigt, schönere Zeichnungen kritzelt, Velo fährt, Ski läuft, etc. Manchmal wünsche ich mir ein wenig mehr Gelassenheit. Ja, jedes Kind ist anders und man muss nicht bis 5 J. schon alles erlebt haben. Wäre ja langweilig !

  5. Anne sagt:

    Und jetzt erzählen Sie das mal dem Vater meiner Kinder, Frau Merli …

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