Fake-News? Das hiess früher Desinformazija

Wahlkampf mit Maulwürfen: Frankreichs Präsident Valéry Giscard d’Estaing übergibt das Amt 1981 an François Mitterrand. Foto: Pierre Vauthey (Sygma, Getty Images)

Sie nannten es ganz schlicht: «aktive Massnahmen». Für diese «aktiven Massnahmen» gab es eine spezielle Abteilung, das Departement D. «Wir beeinflussen die öffentliche Meinung in den Ländern des Westens zu unserem Vorteil, und wenn nötig, kompromittieren wir ausgewählte Politiker oder Staatsmänner» – so erklärte der Chef der Abteilung einem jungen Mitarbeiter, was Sache ist.

Das war Anfang der Sechzigerjahre. Ort der Begegnung: die Moskauer Zentrale des Geheimdienstes KGB.

D wie Desinformation. Nach seiner Einweisung machte sich der junge Mitarbeiter an die Arbeit. Unter anderem gründete er eine Zeitung in Indien. Das Blatt war gegen aussen ausgewogen und seriös, es hatte Korrespondenten in vielen Ländern, aber zugleich werkelte es diskret daran, die diplomatischen Bemühungen der USA und anderer Weststaaten schlecht zu schreiben. Die Storys mit Schlagseite sollten insbesondere in den Ländern der damaligen Dritten Welt kursieren – mit einer respektablen indischen Zeitung als Quelle.

Der Bericht des Überläufers

Der junge Blattmacher hiess Ilja Dschirkwelow. Ein Vierteljahrhundert später, 1980, wechselte der Agent in Genf die Fronten und lief zum Westen über. Dann erzählte er eine lange Geschichte der «Fake-News» russischer Herkunft.

Dschirkwelow berichtete, wie der KGB die deutschen Medien mit Unterlagen beliefert hatte, wonach sich Verteidigungsminister Franz Josef Strauss phasenweise als Agent eines US-Geheimdienstes entlöhnen liess. Oder er brachte ans Licht, dass die sowjetischen Dienste massiv in einem entscheidenden Präsidentschaftswahlkampf mitgemischt hatten – ohne dass man es geahnt hatte im Westen.

Im Jahr 1974 kam es in Frankreich zum Duell zwischen dem Bürgerlichen Valéry Giscard d’Estaing und dem Sozialisten François Mitterrand. Im ersten Wahlgang hatte Mitterrand 43 Prozent der Stimmen geholt, Giscard blieb bei knapp 33 Prozent. In der Folge berief Boris Ponomarjow, ZK-Sekretär und einer der mächtigsten Aussenpolitiker der Sowjetunion, eine Sitzung mit Desinformationsspezialisten ein: Es sei alles zu unternehmen, damit Mitterrand scheitert. An der Spitze der Partei war man zum Schluss gelangt, dass ein bürgerlicher Präsident in Paris den sowjetischen Interessen eher dienen könnte als eine linke Regierung.

Korrupte Journalisten

Der KGB hatte zu diesem Zeitpunkt die französischen Medien mit zahlreichen Journalisten infiltriert. Teils waren die Männer kurzerhand gekauft – der bestbezahlte Schreibagent erreichte rund 100’000 Francs Honorar. Teils waren es diskrete Anhänger des Kommunismus. Ein Getreuer namens Pierre-Charles Pathé schrieb für die Russen nicht nur in Blättern wie «France Observateur» oder der «Libération», sondern er führte für sie sogar ein eigenes Magazin namens «Synthesis»; es war ein Elite-Blatt, das sich gezielt an die Entscheidungsträger in Paris richtete.

Jahre später, 1980, verurteilte ein Gericht Pierre-Charles Pathé zu fünf Jahren Zuchthaus: Zum ersten Mal überhaupt wurde im Westen ein Spion dafür bestraft, dass er für den Feind falsche Informationen gestreut hatte – und nicht, weil er dem Feind richtige Informationen beschafft hatte.

«Der Fakt an sich ist wichtig»

Schreibende Maulwürfe sollen unter anderem auch in «Le Monde», «L’Express» und in der «Agence France Presse» gewirkt haben. Im Wahlkampf von 1974 belieferte die KGB-Residentura nun Medien in Paris, Lyon und Marseille mit Dokumenten, welche Giscard d’Estaing als Vertrauten und treuen Waffengefährten des verehrten Generals de Gaulle priesen, auch als Mann des Friedens. «Wir benutzen nicht nur Zeitungen in Frankreich, sondern auch in den USA, Italien, Japan und Deutschland», erzählte Ilja Dschirkwelow später einem russischen Emigrantenblatt in Paris.

Der Ausgang war haarscharf: Valéry Giscard d’Estaing siegte mit 50,8 Prozent der Stimmen, 49,2 Prozent entfielen auf den Sozialisten Mitterrand. «Ich kann nicht sagen, wie sehr dieses Material bei Giscards Wahl zum Präsidenten half», so Dschirkwelow, «aber der Fakt an sich ist wichtig.»

Die Geschichte B

Völlig ominös wird die Sache, weil es eine Gegengeschichte gibt: Danach intrigierten andere KGB-Instanzen gleichzeitig gegen Giscard – ebenfalls mit Fake-News. Laut einem zweiten hochrangigen Überläufer, Wassili Mitrochin, wurde dazu ein weiterer korrupter Journalist eingesetzt, Deckname «Brok»: Er platzierte Unterlagen in französischen Medien, laut denen Giscards Wahlkampf diskret von den Amerikanern gestützt werde – ein Verdacht, der in Frankreich bekanntlich fatal sein kann.

Ob sich hier Moskauer Flügelkämpfe niederschlugen? Denkbar wäre auch, dass es dem Politbüro um ein höheres Gesamtziel ging – nämlich darum, das demokratische System grundsätzlich in den Dreck zu ziehen. Es wäre just die Denkweise, die heute auch hinter bestimmten russischen Propaganda-Aktionen gewittert wird. Im Rückblick jedenfalls äusserte auch KGB-Oberst Mitrochin seine Zweifel an der Sache: «Es gibt keinen Beweis dafür, dass die aktiven Massnahmen des KGB den geringsten Einfluss aufs Resultat hatten.»

Desinformation in Dresden

Wladimir Putin als junger KGB-Offizier, um 1980. Foto: Kreml.ru, Wikimedia

Die für den deutschen Sprachraum zuständige Abteilung D befand sich in Dresden. Von dort aus entsandte sie westliche Staatsbürger in die Schweiz, nach Italien oder Frankreich, um aus diesen unverdächtigen Gegenden präparierte Unterlagen bei deutschen Journalisten zu platzieren. Ab 1985 tauchte in der Dresdner Residentura ein junger KGB-Hauptmann auf: Wladimir Putin. Er war zuständig für Personal- und Ausbildungsfragen, aber dem strebsamen Nachwuchsoffizier können die Tricks der Kollegen vom Büro D kaum verborgen geblieben sein.

Denn immerhin drehte sich die Dresdner Dienststelle hauptsächlich um dieses D. «Das einzige Ziel der Residentura war es, aktive Massnahmen gegen Westdeutschland und Österreich durchzuführen», schrieb Überläufer Dschirkwelow in seinen Memoiren. «Sie berichtete direkt an die Moskauer Zentrale und war darauf spezialisiert, Desinformationsmaterialien in respektablen Medien der deutschsprachigen Länder zu platzieren.»

Brandaktuelles Muster

«Aktive Massnahmen»: Das Muster wirkt brandaktuell. Schauermärchen, die gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik aufwiegeln? Allem Anschein nach von Russland aus ins Internet gesetzt. Gehackte Informationen, die sich gegen Hillary Clinton richten? Für die US-Geheimdienste weist jeder Verdacht gen Osten. Informationen, wonach der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron homosexuell ist? Und obendrein noch ein Lobbyist der amerikanischen Grossbanken? Die Spuren führen zu Quellen in Moskau und St. Petersburg.

Das muss uns beunruhigen. Doch der Blick zurück zeigt erstens, dass das Problem keineswegs neu ist. Es ist höchstens digitaler. Die Rückblende zeigt zweitens, dass unsere Demokratien schon viele solcher Info-Angriffe überlebt haben. Nur ist die Öffentlichkeit jetzt besser und schneller darüber informiert als zu den Zeiten von Valéry Giscard d’Estaing, François Mitterrand und Franz Josef Strauss. Immerhin.

12 Kommentare zu «Fake-News? Das hiess früher Desinformazija»

  • Herr Meier sagt:

    Schneller und besser informiert. Die Frage ist aber, ist der/die heutige Informationsempfänger/in auch in der Lage- und vor allem willens – Facts und Fakes auseinander zu halten.
    Viel einfacher ist es doch, das als richtig zu akzeptieren, welches meinen Vorlieben entspricht. Wenn’s dann schief geht, sind die Eliten schuld.

  • Pedro Reiser sagt:

    Dass der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron ein Lobbyist der amerikanischen Grossbanken ist, kann doch nicht als Fake News bezeichnet werden. Als oberes Kadermitglied der Bank Rothschild und als Finanzminister Frankreichs hat er doch gezeigt, für wen sein Herz schlägt.
    Übrigens, das Pentagon hat das grösste Fake News Produktionszentrum der Welt mit einem Riesenbudget. Es wird als „psychological warfare“ bezeichnet.

    • Heine Dietiker sagt:

      Macron war nie Finanzminister. Er war Wirtschaftsminister.
      Und woher Sie wissen wollen, für wen Macrons Herz schlägt. Er hat Philisophie studiert und einen gut bezahlten Spitzenposten in der Wirtschaft aufgegeben, um für weit weniger Geld, Politik zu machen. Ist doch möglich, dass es ihm um Werte geht, die nichts mit Geld zu tun haben.

  • Heine Dietiker sagt:

    Über Desinformation wird aktuell einfach wieder mehr berichtet, weil sie schon lange nicht mehr so erfolgreich war, wie bei Trump und beim Brexit, wo offensichtlich sehr knappe Resultate durch Desinformationen gekippt sind.

  • Jürg Meier sagt:

    Wundere mich, dass der Begriff „Desinformation“ nicht schon eher aus der Versenkung geholt wurde. Denn fast täglich sprechen wir zwar von Information und Informationsflut. Doch wo viel Licht ist, ist natürlich auch viel Schatten. Es ist einfach, in solch riesigen Informationsflüssen eben auch Desinformation einzustreuen.

    Sehr guter Artikel, ruft er doch wieder einmal in Erinnerung, dass die Technik des Desinformierens nun gar nichts Neues ist. Sie ist auch viel älter als 1974, wahrscheinlich gehört sie zu den ältesten politischen Werkzeugen überhaupt.

  • otmar.freitag sagt:

    „Das muss uns beunruhigen. Doch der Blick zurück zeigt erstens, dass das Problem keineswegs neu ist. ..“
    Ja, und es zeigt sich weiterhin, dass die Urheber von Fake-News nicht eindeutig in bestimmten Gebieten beheimatet sind.
    Sofern ein Thema wichtig und/oder interessant genug ist sollte man sich von mehreren Quellen informieren. Wenn schon die Wortwahl einer Veröffentlichung auffällig oft in verschiedenen Publikationen gleichartig ist, ohne dass der Text erkennbar von einer Nachrichtenagnetur stammt, ist höchste Vorsicht geboten, auch in einer Demokratie.

  • Stefan W. sagt:

    Zu Ihrem letzten Abschnitt fällt mir nur ein: Stimmt, Clinton ist im Prinzip eine Heilige, Merkel hat in der Flüchtlingspolitik niemals Fehler gemacht, und wenn der böse Putin uns nicht immer falsch informieren würde, dann würde überall nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschen.

    • Albert Muri sagt:

      Der Beitrag ist durch seine Auslassungen bemerkenswert:
      tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/27000-PRBerater-polieren-Image-der-USA/story/20404513
      Der Beweis, dass Russland in Amerika Trump gewählt hat, sieht so aus:
      theintercept.com/2016/12/14/heres-the-public-evidence-russia-hacked-the-dnc-its-not-enough/
      Bei schlichten Gemütern funktioniert der Spin „Putin ist Dscherdschinski“ aber sicher ganz passabel.
      Die anderen lesen Peter Scholl-Latour, Michael Lüders, Uwe Krüger und Daniele Ganser. Oder sie kennen zumindest die Kurzversion Helmut Schmidts zum Thema: „Sanktionen gegen Russland sind dummes Zeug“ und wünschen sich ein friedliches Miteinander in Europa, ohne neoliberalen Mist und „Regime Change“ à la NATO.

  • Wolfgang Fischer sagt:

    Wer alles glaubt, was (echte order angebliche) Ueberlauefer erzaehlen, der ist gelinde gesagt naiv – solche Leute haben neue Interessen (und Auftraggeber!), und ihre Stories haben sich oft als falsch erwiesen.
    Aussagen wie „Für die US-Geheimdienste weist jeder Verdacht gen Osten“
    braucht man kaum kommentieren – null Beweise, aber wenn ein Geheimdienst (in seinem Interesse!) dem andern Fake News vorwirft, so muss das ja stimmen.
    Eigentlich sollte ein studierter Historiker daran gewoehnt sein, seine Quellen zu pruefen.
    Dieser Artikel ist ein Musterbeispiel fuer selektive Wahrnehmung: der Autor glaubt ohne Beweise, was ihm politisch in den Kram passt, und verbreitet dies, als seien es Tatsachen – somit faellt dieser Artikel leider selbst in die Kategorie, die er kritisiert.

  • Olivier Fehr sagt:

    Wenn man Desinformation der einen Seite postuliert und sich dabei auf die Meldungen und Aussagen von westlichen Geheimdiensten und Überläufern in den Westen beruft und damit all jene, die eine andere als die Mainstreammeinung im Westen vertreten als ‚Malwürfe‘ verunglimpft, ist dies auch eine ‚aktive Massnahme‘ aber nicht des ‚KGBs‘, sondern der westlichen Elite.

  • ed sagt:

    Verbreiten sie auch fake news hier?
    die gehacket E-Mails stammen nicht von Russland. sondern wikileaks.
    schauen sie mal die alternative Nachrichten über syrien die wir hier von unseren medien erhalten. es wird berichtet was die US vorschreibt.

  • Roland K. Moser sagt:

    Die Tatarenmeldung:
    „…Tatarenmeldung ist ein Begriff aus dem Pressewesen für eine bewusst gestellte, beziehungsweise erfundene Meldung…“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tatarenmeldung
    Heutige Journalisten schrecken vor nichts zurück um die Bevölkerung einwanderungs- und EU-Beitrittsfreundlich zu halten.

Kommentar

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