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Der schärfste Special Effect, den das Schreiben zu bieten hat

Constantin Seibt am Mittwoch den 6. März 2013

Es ist der coolste Spezialeffekt im Business, und wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gäbe, dürfte ich ihn nie mehr benutzen.

Denn ich habe mein Lebenskontigent bereits in einem einzigen Sommer verschleudert. Mit 22 schrieb ich mit einem Freund, Michael Spittler, einen Krimi mit dem Titel «Das Unglück». Wir schrieben abwechselnd Kapitel um Kapitel. Und versuchten, den anderen zu beeindrucken. Mit Sätzen wie:

Der Verkäufer blickte auf, als hätte ihn seine Darmflora gebissen.

Den Rest des Weges hing ein Schweigen über ihnen, finster und schwer wie der ausgestopfte Pottwal über dem Empfangssaal des britischen Marinemuseums.

«Wofür denn?», fragte der Kommissar säuerlich wie eine Katze, die eine Mickey Mouse aus Seife verschluckt hatte.

Es war ein heisser, endloser Sommer. Als die ersten Herbstregen niedergingen, wusste ich, dass ich glücklich sterben würde, egal was noch passierte. Alles, was zählte, war wie durch ein Wunder Wirklichkeit geworden: Ich hatte eine Freundin und ein Buch. Aber ich wusste auch, dass ich mit es den Wie-Vergleichen übertrieben hatte, und mich fortan knapp halten musste. Das war der Preis und kein geringer.

Aber was für mich gilt, gilt nicht für Sie. Deshalb hier eine kleine Bastelanleitung:

Wow! Wumm! Wäääck!

Es gibt zwei Varianten des Wie-Vergleichs. Die erste ist nützlich, verdienstvoll, leider nur mässig interessant. Sie vergleicht etwas Unbekanntes mit etwas Bekanntem. Etwa:

Mond und Erde verhalten sich wie ein Tennisball, der sich um einen Medizinball dreht.

Eine Jacht, so lang wie ein dreistöckiges Haus.

Das ist klar, verständlich, Volkshochschule. Aber nichts im Gegensatz zu dem, was sich anstellen lässt. Denn ein Vergleich macht in einem Text vor allem Sinn, wenn etwas erstaunlich ist: erstaunlich gross, erstaunlich klein, erstaunlich peinlich, erstaunlich behaart, erstaunlich liebenswert, erstaunlich was immer. Alles, was wow!, wumm! oder wäck! ist.

Der Job als Autor ist dann, die Verblüffung so aufs Papier zu bringen, dass der Leser sie teilt. Und deshalb ist bei Vergleichen die beste Wahl nichts Bekanntes, sondern etwas Absurdes oder weit Hergeholtes.

Bei der Beschreibung eines Mega-Kreuzfahrtschiffs wählte David Foster Wallace etwa die Variante:

... mit einer Schiffsschraube von der Grösse einer kleinen Bankfiliale.

Das lässt einen stärker die absurde Grösse der Schraube spüren als das korrektere: von der Grösse einer Kraftwerkturbine. Ähnlich arbeitet Raymond Chandler: Er beschreibt eine vornehme, herrische Dame nicht mit: Sie sah wie ein Mann aus. Sondern wie folgt:

Sie trug ein doppelreihiges Perlencollier. Aber eigentlich hätte ihr Kopf besser in ein ein Fussballtrikot gepasst.

Oder er beendet die Beschreibung eines zwei Meter grossen, schwarzen Auftragkillers in weissem Anzug mit dem Fazit:

Er war so unauffällig wie ein Skorpion auf einer Sachertorte.

Mag sein, dass Ihnen die Beispiele ein wenig gesucht vorkommen. Sie sind es nicht. So wie hier, isoliert und nackt im Laborlicht, sehen sie zugegeben ein wenig künstlich aus. In einem Lauftext jedoch treffen sie den Leser völlig unvorbereitet als kleiner sprachlicher Schock. Und genau das ist, wofür Vergleiche erfunden wurden: zum Transport für kleine visuelle, gedankliche oder moralische Schocks.

 Orginalität, selbstgebastelt

Der grosse Vorteil des Wie-Vergleichs ist, dass er sich wie eine verrückte Inspiration liest. Aber dass er nicht viel Verrücktheit und Inspiration braucht. Im Prinzip genügen etwas Zeit und ein wenig logisch-assiotiatives Denken.

Das Wichtigste ist, an der Stelle, wo man etwas Verblüffendes beschreibt, kurz Halt zu machen. Und fünf Minuten zu investieren, um über einen Wie-Vergleich nachzudenken. (Fällt einem kein brauchbarer ein, kann man beruhigten Herzens sachlich weiterschreiben. Man hat es versucht.)

Der Trick in den fünf Minuten ist, logisch vom Kern der eigenen Wahrnehmung aus zu assoziieren. Manchmal liegt die Lösung ziemlich nahe. Sagen wir, ein Mann hat ein auffallend klassisches Gesicht. Vom klassischen kommen Sie schnell auf:

Er hatte das Gesicht eines Kaisers auf einer römischen Münze.

Oder Sie wollen die Redaktionen der Vergangenheit schildern. Damals, als noch überall Büroflaschen auf allen Tischen standen. Das Auffälligste waren die roten, grossporigen Nasen. Sie fragen sich also, was rot und grossporig ist, und kommen fast zwingend auf die Formulierung...

Die meisten meiner damaligen Lehrmeister hatten Nasen, rot und grossporig wie der Mars.

Sie können auch komplexer arbeiten. Etwa im Fall des Japanischen T-Shirt-CEOs Takefumi Hori, der von seinen korrekt im Anzug steckenden CEO-Kollegen als Skandal wahrgenommen wurde. Hier können Sie sich fragen, wie Sie den Schock an den Leser bringen. Notieren Sie auf der einen Seite Dinge, die extrem formell und seriös sind. Also etwa: die Venus von Milo, die Queen, die NZZ, König Artus' Tafelrunde. Notieren Sie auf der anderen Seite Dinge, die extrem unanständig oder unseriös sind. Also etwa: ein Vibrator, ein Totenkopftatoo, eine Tube Gleitcreme oder Bilbo, der rosa Gummielefant. Dann mixen sie:

Takefumi Hori wirkte unter seinen CEO-Kollegen etwa so dezent wie ein Vibrator in der Venus von Milo.

Hori passte in die Japans Chefetagen wie ein tätowierter Totenkopf auf den Oberarm der Queen.

Auf den Fotos mit den anderen Firmenbossen wirkte Takefumi Hori so schockierend wie eine Anzeige für Gleitcreme im Wirtschaftsteil der NZZ.

Dieser Mann als CEO - das war, als hätte König Artus' Tafelrunde Bilbo, den rosa Gummielefanten, aufgenommen.

Zugegeben: Auch diese Sätze wirken - noch mehr in ihrer Häufung - zweifelhaft. Nur, nach einer präzis beschreibenden, sachlichen Passage explodiert einer der obigen Sätze wie eine kleine Bonbonbombe. Wichtig ist nur, dass man ihn ohne Warnung bringt. Die unvorbereiteten Leser werden ihn als Höhepunkt ihrer Lektüre am Frühstückstisch wahrnehmen. Manche auch als Tiefpunkt. Aber wahrnehmen werden sie ihn.

Natürlich muss nicht jeder Wie-Vergleich grell sein. Sie können auch dezente Bilder wählen. Etwa bei der Kurzreportage zur letzten Novartis-GV. Dort stellte sich das Problem, wie man die letzte Rede des abtretenden Bosses Daniel Vasella beschreiben könnte. Sie war elegant, schnell und reuelos. Ich schrieb die Adjektive hin und bemerkte, dass sie noch zu wenig Gewicht hatten: Sie gingen im Text unter. Also überlegte ich fünf Minuten, was elegant, schnell und reuelos wäre. Und kam auf folgende Lösung:

Es war eine Rede, so geschmeidig und reuelos wie eine Katze, die sich durch einen Zaun quetscht.

Dann schrieb ich glücklich weiter, wie jemand, der gute Arbeit gemacht hat.

Der Vergleich als Waffe

Was auffällt, ist, dass Wie-Vergleiche oft einen Zug ins Aggressive haben. Das liegt an ihrer Doppelnatur. Sie bestehen aus zwei Komponenten, die auch für sich allein alles andere als harmlos sind.

Zum ersten braucht ein guter Vergleich als Rohmaterial Verblüffung und präziser Beobachtung gleichzeitig. Das entspricht ziemlich genau dem Blick eines Kindes. Und Kinder sind manchmal grausame Wesen.

Zum zweiten bestehen Vergleiche zur Hälfte aus reiner Sprache. Und Sprache ist weit mehr als das Werkzeug, um die Wirklichkeit zu fassen; sie ist auch ihre schärfste Konkurrentin. Sie ist Beschreibung der Welt und Gegenwelt in einem. Frei gelassen, neigt Sprache dazu, die Wirklichkeit zu verachten: als lästige Diktatorin. Es ist kein Zufall, dass die experimentellsten Autoren, Dadaisten und Surrealisten, oft blutrünstige Texte schrieben. («Der einfachste surrealistische Akt ist auf die Strasse zu gehen und einen Menschen zu erschiessen», schrieb etwa Breton.) Oder dass noch der schlechteste Roman den deutlichen Snobismus verströmt, die bessere, weil komplettere, logischere, rundere Wirklichkeit zu sein. Sprache ist eine Dienstmagd, die auf Revolution sinnt.

Wie-Vergleiche sind also der Wirklichkeit verpflichtet; aber mit einer Verachtung der Wirklichkeit. Das macht aus ihnen eine scharfe publizistische Waffe. Ganz nebenbei kann man damit ziemliche Hiebe austeilen. Etwa wie folgt:

{Sie beobachten, dass Daniel Vasella eine erstaunlich hohe Stimme hat und schreiben:}

Daniel Vasella, der allmächtige Chef bei Novartis, spricht mit der Stimme einer Salondame.

{Sie beobachten, dass Roger Köppel mit den Jahren immer schmallippiger wird und schreiben:}

Roger Köppels Lippen sind so hart und schmal geworden, dass man problemlos damit Fussnägel schneiden könnte.

Wehren kann sich dagegen niemand, solang die Beobachtung dahinter stimmt. Und solang man nicht übertreibt. (Deshalb, weil eine Häufung bösartig und unfair wirkt.) Ein oder zwei Hiebe pro Text müssen genügen.

Kein Anwalt kann dagegen klagen. Man kann Sie nur hassen. Was heisst: Sie können mit Wie-Vergleichen viel Spass haben, falls in Ihrem schwarzen Herz noch die Grausamkeit der Kinder wohnt.

Magie

Die Kraft eines Wie-Vergleichs erklärt sich auch aus einer weiteren Tatsache: Er ist ein Spezialeffekt, der der Sprache exklusiv gehört. Nicht die Musik, nicht der Film, nicht die Fotografie schafft derart mühelose Gedankensprünge wie die Sprache. Zwar gibt es Assotiationsversuche: Jazz-Musik, die das Heulen eines Wolfes oder das Gehupe einer Grosstadt simuliert, Überblendungen im Kunstfilm, zwei verblüffend ähnliche Gegenstände auf Fotos (mit dem Klassiker: Herrchen gleicht Hund). Aber das bleibt fast immer mühsames Gefummel. Kein anderes Medium schafft den Sprung von Schiffsschraube zu Bankfiliale.

Hier ist die Sprache ganz in ihrem Reich. Und deshalb bietet sie ihrem Autor die Möglichkeit zu Magie. Magie beim Schreiben entsteht immer dann, wenn die Sprache das Maximum ihrer Möglichkeiten ausreizt. Als Gegenwelt zur Realität. Und als ihr genauester Ausdruck.

Bei Wie-Vergleichen gibt es hier einen einfachen Trick, den auszuprobieren es sich fast immer lohnt. Es ist der Trick, schlicht die Wörter «wie» oder «als ob» zu streichen. Und ohne Reserve auf die Kraft des Vergleichs zu setzen.

So ist die Passage:

Pascal Couchepin stand nach seiner Wahl auf dem Balkon und winkte wie ein König ins Volk.

zwar gut beobachtet und gut geschrieben. Aber sie hat deutlich weniger Wucht als:

Pascal Couchepin stand auf dem Balkon. Ein König winkte ins Volk.

Oder statt

Vreni Spörry betratt den Gerichtssaal aufrecht, eine kleine Frau, die so unzerstörbar wirkte wie als aus Stahl.

Vreni Spörry betrat den Gerichtssaal, eine kleine Frau, jeder Zentimeter aufrechter, federnder, unzerstörbarer Stahl.

Es ist das Vertrauen auf die Macht der Sprache, die sie mächtig macht. Wie sehr zeigt eine Passage, die ich 1995 las. Und die ich nie vergessen habe. Es war ein Porträt der englischen Sängerin PJ Harvey, von der ich nie eine Platte gehört hatte. Das Portrait war von Albert Kuhn, ich zitiere hier den Schluss. Die Passage ist etwas länger, aber im Prinzip ist sie nur ein einziger banaler Wie-Vergleich, aber ernst genommen.

Als Polly einmal nach ihrem Lieblingssänger gefragt wurde, gab sie eine erstaunlich schnelle, fast hart klingende Antwort: «Elvis Presley». Als ich das las, in einem Wust von gut 50 Artikeln über sie, kehrten Ruhe und Gewissheit ein. Endlich konnte ich meinen Beitrag zur eskalierenden PJ-Mythenbildung formulieren. Wie erkläre ich Polly Jeans Liebe zu Amerika, ihren US-Akzent, ihre heidnische Bibeltreue, ihre Verstrickungen mit Männern, selbst ohne Berührung, ihre immer gelassenere Zerstörtheit in ihren Liedern?

Ich sage: Elvis lebt. Es hat ihm gefallen als Zombie zurückzukehren und in den Körper dieser sonderbaren Engländerin zu fahren. Denn Polly Jean hat ihn gerufen.

Nun spukt es in Graceland. Aus dem Kamin steigt Rauch. Der Tote und die Lebende führen einen Haushalt.

Und man muss sagen: Wie unheimlich stärker ist dieser Schluss, der der Sprache (aber auch der eigenen Wahrnehmung) voll vertraut, als der Satz: «Sie ist wie Elvis» oder «Sie ist der englische, weibliche Elvis.»

Das hat schon teuflisch Klasse.

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56 Kommentare zu „Der schärfste Special Effect, den das Schreiben zu bieten hat“

  1. Könnte der Herr Verfasser im Zitat am Schluss seines großartigen Textes bitte dieses “spuckt” in ein “spukt” korrigieren? Sonst zerbricht dort die Textmagie wie ein morscher Toilettendeckel …

  2. Jasi sagt:

    Das macht Lust auf Sprache. Am liebsten würde ich meine Arbeit niederlegen und einen Text verfassen – selbstverständlich mit Wie-Vergleichen, die so richtig knallen. Leider befürchte ich, dass es beim Wunsch bleiben würde, denn schon bei “rot” und “grossporig” musste ich passen. Auf den Mars wäre ich nie und nimmer gekommen.

  3. slowpoke rodriguez sagt:

    Verstehe nicht, wieso Sie der geschmeidigen, reuelosen Katze nicht noch ein Goldkehlchen zwischen die Zähne gedrückt haben.

    • Constantin Seibt sagt:

      Hab sogar sowas überlegt, es wäre schön, aber vielleicht ein wenig too much gewesen. 1. Ein Tempoverlust. 2. Dass Herr Vasella ein begnadeter Kassierer ist, ist so bekannt, dass man es in einem Text fast überall weglassen kann.

      • Dorothee Wilhelm sagt:

        mir hat im ersten moment auch der singvogel gefehlt – dann fand ich die formulierung aber umso teuflischer, weil ich den singvogel ja freiwillig dazu tue, nur weil da reuelos steht…

  4. Kate Roar sagt:

    Ach, herrlich! Erst dieser köstlich unterhaltsame und lehrreiche Text, und dann noch dieser Kommentar… Herr Seibt und Herr Jarchow, vielen Dank! Sie haben beide meinen Tag gerettet (obwohl ich zugeben muss, dass die Information, dass Elvis wirklich lebt, auch nicht ganz unbeteiligt daran war).

  5. J sagt:

    “Sie trug ein doppelreihiges Perlencollier. Aber eigentlich hätte ihr Kopf besser in ein ein Fussballtrikot gepasst.” von Raymond Chandler war zu seiner Zeit sicher ein stärkerer Wie-Vergleich, denn Frauenfußball ist ja heutzutage alles andere als abwegig.

    Sehr schöner Artikel! Kurzweilig, aber mit einigen Tippfehlern.

  6. Annamaria Ress sagt:

    Er ging über den Stauffacherplatz davon, mit einem etwas zu federnden Gang. Der übermütige Junge hatte keinen Respekt vor dem Rest des Tages. ;-)

  7. Michael Herger sagt:

    Es geschieht nur selten, dass ich beim Lesen lauthals auflachen muss.
    Zuerst der Blog von Herrn Seibt: intelligent geschrieben, musste immer wieder schmunzeln. Dann beim “morschen Toilettendeckel” im Kommentar von Herrn Jachow ist’s um mich geschehen. Der Damm war gebrochen, ich musste laut lachen.
    (Vergleichzähler: 1)

  8. Neru Kaneah sagt:

    Was für ein Zufall. Ich lese seit einer Woche jeden Tag wahllos Teile aus “Schrecklich Amüsant…” von DFW, nur um zu verstehen, wie er das macht, dass die banale Wirklichkeit aufregend wird. Allerdings ist der Text mehr Parodie, Satire und Kritik als Reportage. Z.B. kommt Petra, das Zimmermädchen mit Sicherheit nicht immer genau nach 30 Minuten und löst sich dann in Luft auf. Wenn du meinst, allein die Vergleiche machen Texte “cool”, liegst du schief wie die Zähne von Frank Ribery. Weitermachen!

  9. umü sagt:

    Seibt at his best! Der Topos vom wiederauferstandenen Elvis hat eine lange Tradition, z.B. Little Richard als Gast im Song “Elvis is Dead” von Living Colour Anfang der 90er Jahre. Richard beansprucht singenderweise, der bessere Elvis gewesen zu sein. Das ist unglaublich prätentiös und hat doch kulturhistorisch einen wahren Kern.

  10. alex sagt:

    brilliant – danke!

  11. Tobias Brunner sagt:

    1) «Wofür denn?», fragte der Kommissar säuerlich wie eine Katze, die eine Mickey Mouse aus Seife verschluckt hatte.

    Falsch! Seife ist basisch, nicht säuerlich.

    2) Eine Jacht, so lang wie ein dreistöckiges Haus.

    Falsch! Ein dreistöckiges Haus ist hoch, nicht lang.

    Also wenn schon literarisch, dann bitte richtig…

  12. Egon Putzig sagt:

    Ein schöner Text. Er enfacht zusammen mit seinen Kommentaren ein sprachliches Feuer wie das Salz in der Wunde.

  13. Inge Lütt sagt:

    Der Effekt des dann schlussendlich gewählten Vergleichs lässt sich natürlich deutlich sicherer machen oder eventuell gar potenzieren, falls der “Lesekopf” das in ihm entstehende Bild wenigstens in die Nähe dessen zu montieren vermöchte, was ursprünglich gemeint gewesen sein könnte:
    Chandlers Wechsel vom Perlencollier zum Sportleibchen funktioniert – meiner Meinung nach – deutlich besser, wenn nicht vermutlich in der Übersetzerkabine der betreffenden Dame ein hundskommunes Fussballertrikot übergestülpt worden wäre, sondern ein Tenue für (American) Football, welches ein deutlich anderes Erscheinungsbild garantiert als diese metrosexuellen Fähnchen mit aufgebügelten Sponsorenlogos für die Fusslümmelei. So hinkt der Vergleich nämlich mindestens wie Cristiano Ronaldo beim Elfmeterschinden.

    • J sagt:

      Ja, na klar! An solch einen profanen Übersetzungsfehler hatte ich nicht gedacht, finde ich naheliegend, danke!

      • Albrecht sagt:

        Kommt dazu, dass die Spieler im American Football massive, schwere, voll durchtrainierte Männer sind (die meisten haben den Job, den Gegner – der ebenso schwer ist wie sie selber – auf die Seite zu schieben, um Platz für den Ballträger zu schaffen, bzw. sich nicht schieben zu lassen). Die haben alle massive dicke Hälse. Von daher kommt der Effekt des Perlencolliers erst zur vollen Blüte.
        Uebrigens ist einer, der englische Texte zitiert ohne das Original nachzuschlagen, faul wie eine Amöbe…

  14. Columbo sagt:

    Manche originelle Vergleiche schaffen es sogar in die Umgangssprache; und es muss nicht immer strikt wirklichkeitsbezogen sein. In Australien werden unästhetische Mitbürger gerne als “hässlich wie ein Hut voller A….löcher” beschrieben. Und weil dieser spezielle Vergleich so verbreitet ist, reicht in etwas gepflegterer Gesellschaft schon die Kurzversion “Ugly as a hat full”, weil eh jeder weiss, was gemeint ist.

  15. Albert Kuhn sagt:

    Merci, wie freundlich. Aber immer noch doll voll Fehler. Im zweiten Satz des drittletzten Abschnitts müsste es nach «Presley» heissen: «Als ich das las in einem Wust von gut 50 Artikeln…» Geht gar nicht. Der Satz verlangt nach «las» ein bedächtiges Komma. Sonst liest sich das im falschen Beat und der Tag ist schon wieder im Eimer.

    • Constantin Seibt sagt:

      Senke meinen Kopf in Bewunderung und Zerknirrschung: das Komma ist drin, das doppelte es ist raus. Man kann den Tag wieder aus dem Eimer hervorholen.

  16. Hans Kernhaus sagt:

    Man hat hier früher einmal die Frage aufgeworfen, ob man bereit wäre, für solche Texte auch zu bezahlen. Mein Gott, was für eine Frage. Natürlich! Mit Blut, wenn es sein muss.

    • Constantin Seibt sagt:

      Das Geschäft ist gemacht: Zahlen Sie auf der Blutbank Ihr Beutelchen ein und wir liefern Ihnen ein Eimerlein Tinte!

      • Werner Hajek sagt:

        Gilt das Angebot nur für Herrn Kernhaus? Der nächste Bultspende-Termin in Holstein ist am 14. und 15. April. Gegebenenfalls käme ich danach gerne auf Ihr Angebot zurück. Auf wieviel Tinte dürfte ich rechnen?

        • Constantin Seibt sagt:

          In Sachen Tinte fliessen lassen sind wir hier grosszügig. Ein bauchiges Fässchen pro Deziliter ihres Blutes sollte drin liegen. Mit Standardfarbe Schwarz. Oder, falls Sie Werner von Hajek heissen, liefern wir die Tinte in Blau.

  17. tommaso sagt:

    Also irgendwie mag ich diese Vergleicherei nicht. Sehr oft kommen die Vergleiche sehr gesucht daher (was sie ja auch sind). Noch schlimmer finde ich nur Nationalhymnen vor Fussballspielen und Artikel, die mit “Und das ist gut so” enden. Letzteres lässt mich regelmässig erschaudern.

  18. plop sagt:

    Ich getrau mich zwar nun fast nicht, hier was zu tippen – Argusäugige Rechtschreiber wachen hier – da wird mein Geschreibe ein Fressen sein (ich mach Tippfehler…)
    Dennoch: ich freue mich, einen sehr interessanten Blog gefunden zu haben!

    • Columbo sagt:

      Ich weiss was du meinst; als Meister der Tippfehler ist mir hier unter all den Grammatik – Nazis etwa so wohl wie einem Pudel an einer Rottweiler – Party.

      • Fred sagt:

        @ColUmbo: nice try, no cigar ;-)

        Rottweiler können Pudels ganz nett finden, übrigens.

        ich wurde mal heftigst von einem Pudel gebissen. Von einem Rotteiler noch nie…

        Hervoragender Blogbeitrag. Wie sagte schon Peter Cheyney’s Romanfigut Lemmy Caution:”Never a dull moment”

        In diesem Sinne und unvergelichbarem Geist. ;-)

  19. Hoi Consti,

    Merci fuer die sauguten Vergleiche!

    Mein Favorit aus “Das Un-Glueck” ist: “…als Riley ihm den Briefoeffner entgegenschleuderte. Das Ding war schaerfer als Samantha Fox im Pirelli Abreisskalender.”

    Als Gegengeschenk dies :
    http://www.nytimes.com/2013/03/09/opinion/the-darkness-of-an-irish-morning.html
    There was no lighting. That is, there were lights, but not one of them was turned on. One small window let in the few photons that had survived the rain and clouds. These heroic if anemic lumens shouldered the full task of illuminating the kitchen. It was not enough.

    BG

    Christof

  20. Columbo sagt:

    Wirksam kann auch ein Vergleich sein, der zeigt, wie etwas NICHT ist. Douglas Adams hat das in “Hitchhiker’s Guide To The Galaxy” vorzüglich demonstriert:

    “The ships hung in the sky in much the same way that bricks don’t”

  21. pierrot sagt:

    Langjähriger Favorit ist noch immer ein plötzlicher Seitenhieb (der Übersetzerin?) in einem der unendlich epischen Kapitel von Moby Dick, so in etwa: Denn bei Hunden wie Menschen ist Wedeln ein Zeichen knechtischer Gesinnung. Mon de dieux!

    Chapeau, monsieur Seibt, so generell.

  22. Autor sagt:

    ein schönes Wie-Beispile aus einem kürzlich gelesenen Buch:
    Sie machte ein erschrockenes Gesicht, wie ein Reh im Scheinwerferlicht eines Gurkenlasters

  23. Frank Tork sagt:

    “Sprache ist eine Dienstmagd, die auf Revolution sinnt.”
    Schön, wie in einem Text über und voller Similes der stärkste Satz ausgerechnet eine Metapher ist.
    Es war mal Zeit, dass du über diese Wunderwaffe schreibst, die du selber so gern und so wirksam einsetzt.

  24. Columbo sagt:

    Und wenn eine Frau einen Mann als “wie Charles Bronson in ‘The Great Escape’ (‘Gesprengte Ketten’)” beschreibt, einfach mal wieder “Reservoir Dogs” schauen, dann wird glasklar, was sie meint …

  25. Haemmerli sagt:

    Schöner Text, Consti. Allerdings stimmt das Breton-Zitat nicht. Richtig heisst es: «die einfachste surrealistische handlung besteht darin, mit revolvern in den fäusten auf die straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die menge zu schießen. wer nicht wenigstens einmal im leben lust gehabt hat, auf diese weise mit dem derzeit bestehenden elenden prinzip der erniedrigung und verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese menge und hat den wanst ständig in schußhöhe.» ist aus dem 2. manifest. das war mal auf einem alpenzeiger.plakat abgedruckt.

    • Haemmerli sagt:

      Wäre auch mal einen Blog wert: Dass man sich der Mühe unterziehen muss, Fakten und Zitate zu checken. Besonders, wenn man austeilt. Nach Publikaton erfasst einen sonst eine Beklemmung wie eine Braut die beim Gang zum Altar Menstuationsflecken auf ihrem Kleid entdeckt.

      • Constantin Seibt sagt:

        Mann, Haemmerli, die Schwierigkeit bei dem Breton-Zitat ist: Ich habs in irgendeinem Aufsatz über was Gescheites im Studium gelesen – und damals notiert. Keine Ahnung, ob das damals verkürzt zitiert wurde oder ob Breton zwei Varianten geschrieben hat: eine barocke und ein Abstract für die amerikanischen Leser. Nur, wie zum Henker soll man das nachprüfen ohne ständigen Zugang zu einem Wahnsinnigen, der die komplette Sammlung von alpzeiger-Plakaten nicht nur an den Wänden, sondern auch im Kopf hat?

  26. C sagt:

    Prima Text, der auch ohne die Korinthenkackerei der Möchtegern-Lektoren eine bombastische Wirkung entfaltet. Danke, Herr Seibt!

  27. Adam Gretener sagt:

    Also bei mir im Freundeskreis nennt sich sowas verbales Wixen, sorry wegen der Wortwahl.

  28. Eva Faustener sagt:

    Je nun. Auch hier kommentiert so mancher verlöcherte Hut, der sich nicht entblödet sich für etwas zu entschuldigen (sic!) was er Sekunden vorher mit voller Absicht selber schrieb.
    Ein Satz von der raren Eleganz, die nur Sätze auf “Also…”ausstrahlen, – und ich meine jetzt nicht “Also sprach Zarathustra”

  29. Herbert Jablonski sagt:

    Danke Herr Seibt, immer ein schöner Moment etwas von Ihnen zu lesen.
    Eine Frage. Wo liegt der Unterschied zwischen Analogie und Vergleich? Luca Turin NZZ Parfumkritiker und beliebter Schreiber wird eigentlich nur wegen seinen geistreichen “Analogies” gelesen. Z.B. The rock of Gibraltat of masculine Perfuems (Aramis) – usw-

  30. Jeeves sagt:

    Öd ist es allerdings, dass Radioleute immer(!) die Größe des Saarlands bemühen, wenn sie glauben, uns erklären zu müssen, wie groß (oder klein) dies oder jenes gerade in den Nachrichten vorkommende Land ist. Saarland! Immer!

  31. Madlaina sagt:

    Seit heute in der Wortschatzkiste: “Eine Lüge, so gross wie der Zweitwohnsitz eines afrikanischen Diktators.” Aus Alain Mabanckous “Zerbrochenes Glas”.

  32. Michael Suter sagt:

    Das gab’s früher nicht: dass Tageszeitungsjournalisten sich noch MONATE nach Publikation mit Lob, kritischen Rückmeldungen und pedantischen Analysen seitens ihrer Leserschaft auseinandersetzen dürfen.

    Und dass Leser ihre Meinung praktisch in Echtzeit dem Autor und der interessierten Öffentlichkeit kundtun können.

    Blogs sind heute, was anno 1900 die Kaffeehäuser waren.

  33. Mani sagt:

    Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und die Informationen aufbereitet für uns präsentieren. Weiter so!

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