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Schon jetzt mehr tödliche Badeunfälle als 2014

Von Patrice Siegrist, 12. August 2015 8 Kommentare »
Die Bilanz des bisherigen Sommers: 40 Tote bei Badeunfällen. Das ist ein Sechstel des Werts von 1932 – damals wollte der Bundesrat das Baden verbieten.
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Der Bundesrat will handeln. Zu viele Menschen sterben beim Schwimmen. Er erwägt deshalb ein Schwimmverbot in der Schweiz. Dies war in den 1930er-Jahren. 1932 starben 271 Menschen bei Badeunfällen. Im Jahr darauf gründete sich die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) und wollte das drohende Schwimmverbot verhindern. Die SLRG erfasst, wie viel Menschen pro Jahr in der Schweiz ertrinken. Die Zahlen gehen zurück bis 1931. Seither sind 10’814 Menschen in der Schweiz ertrunken.

Heute ertrinken deutlich weniger Menschen in der Schweiz als früher. Trotzdem lassen die Schlagzeilen der vergangenen Wochen aufhorchen: «Zwei junge Männer ertrinken beim Oberen Letten», «Zwei Männer ertrinken im Bodensee», «Vater und Sohn ertrinken im Walensee» oder «Zwei Frauen nach Gummibootunfall tot». Der Schein trügt nicht. 2015 sind bereits mehr Menschen ertrunken als im gesamten Vorjahr: 40. Dem Datenblog liegen Zahlen vor, welche die SLRG morgen veröffentlichen will. Der jüngste Fall: Gestern ertrank ein 16-Jähriger im Vierwaldstättersee.

Der Grund ist das schöne Wetter, das mehr Personen ins Wasser lockt. Dass das Wetter die Ertrinkungsstatistik beeinflusst, ist am Hitzesommer 2003 zu erkennen. 89 Personen ertranken in diesem Jahr. So viel wie seit 1979 nicht mehr.

Männer ertrinken häufiger

Seit 1985 erfasst die SLRG durchgehend das Geschlecht der Ertrunkenen oder ob es sich um ein Kind handelt. Von allen Ertrinkungsopfern sind rund 80 Prozent männlich. Und unter diesen Männern sind wiederum über 30 Prozent unter 25 Jahre alt.

Laut SLRG sei bei jüngeren Männern das Risikobewusstsein weniger präsent, sie würden dazu neigen, Mutproben zu machen und Grenzen auszuloten. Zudem spiele aus ihrer Erfahrung der Faktor Alkohol und Drogen eine Rolle, wobei dieser statistisch nicht belegbar sei.

Flüsse und Seen

Die Daten der SLRG schlüsseln ebenfalls auf, wo sich die Unfälle ereigneten. Sie unterscheidet dabei zwischen Fluss, See, in einem Schwimmbad oder beim Tauchen. Seit 1994 sind die Daten vorhanden.

In den letzten 20 Jahren sind rund vier von fünf in einem Fluss oder See ertrunken, wobei etwas häufiger im Fluss. Nur gerade jeder Zwanzigste tödliche Badeunfall geschah in einem Bad.

Seit dem Hitzesommer 2003 sind in der Schweiz nie mehr als eine Person pro 100’000 Einwohner ertrunken. In den 1930er-Jahren waren es noch um die 5 Personen. Auch ohne Schwimmverbot konnte die Anzahl der tödlichen Badeunfälle deutlich reduziert werden.


Die sechs Baderegeln der SLRG

1. Kinder nur begleitet ans Wasser lassen, und kleine Kinder in Griffnähe beaufsichtigen, denn sie brauchen den Schutz und die Aufmerksamkeit der Erwachsenen.

2. Nie alkoholisiert oder unter Drogen ins Wasser gehen, weil das zur Desorientierung führen kann. Nie mit vollem oder ganz leerem Magen schwimmen.

3. Nie überhitzt ins Wasser springen. Der Körper braucht Anpassungszeit. Es geht um den Unterschied zwischen Luft- und Wassertemperatur, um keinen Kälteschock zu erleiden.

4. Nicht in trübe oder unbekannte Gewässer springen. Unbekanntes kann Gefahren bergen. Zum Beispiel ist ein See trüb, und ein Fels liegt nah unter der Wasseroberfläche. Oder nach einem Gewitter treibt Holz in einem Fluss, man springt ins Wasser, landet auf einem Baumstamm und verletzt sich.

5. Luftmatratzen und Schwimmhilfen gehören nicht ins tiefe Wasser, weil sie keine Sicherheit bieten. Wir empfehlen, eine Schwimmweste zu tragen, wenn man im Fluss schwimmt.

6. Lange Strecken nie alleine schwimmen. Denn auch der besttrainierte Körper kann eine Schwäche erleiden.

8 Kommentare zu “Schon jetzt mehr tödliche Badeunfälle als 2014”

  1. Dario S. sagt:

    Das Problem heisst oft Leichtsinn gepaart mit Alk!

  2. KasparTanner sagt:

    Trotz der 40 Toten zuviel eine “good news”!
    Wenn man sich noch die Anzahl Verkehrstoten um 1970 vor Augen führt, wird einem bewusst, was mit der Prävention erreicht worden ist.
    Man muss noch beachten, dass die Anzahl CH-Bewohner um 1930 oder 1970 massiv kleiner war. Da fielen 280 Tote weit mehr ins Gewicht.
    Beim Verkehr ist die Leistung auch bemerkenswert. Wenn heute gleich viele Menschen im Verhältnis zur Autodichte wie 1970 ums Leben kämen, wären das 2000 Tote pro Jahr – statt aktuell ca. 300…
    Es gibt sie noch – die guten Nachrichten..

    • La Cabra sagt:

      Toll Herr Tanner, ich wette, Sie arbeiten beim Bundesamt für Statistik! Zahlen stehen über Leben. Jedes Leben das durch eine Unfall verloren geht, ist eines zuviel.

  3. Sandro Studer sagt:

    In anderen Bereichen werden verbote erlassen und Häuser abgerissen wenn diese in einer roten Zone, sprich Naturgefahren ausgesetzt sind. Da werden Menschen enteignet, ruiniert und mit Verboten bedacht. Tote wegen Naturgefahren pro Jahr ca. 4 Menschen. Tote wegen schwimmen pro Jahr ca. 50, es wird in manchen Bereichen absurd und völlig unverhältnismässig Existenzen zerstört und dort wo die Zahlen wirklich hoch sind wird nichts gemacht. Wir leben in einem sonderbaren nur vermintlichen Rechtsstaat.

  4. Hans sagt:

    Woher stammt der drastische Knick zu Beginn der 70er Jahre? (Faktor 3 weniger innert 3 Jahren)
    Wurden die Wunschkinder der nach-Pillenknick-generation besser behütet?
    Schulschwimmen?
    Bademeister Anwesenheitspflicht ?
    Das Benzin reichte nicht mehr in die Badi?

    • Stefan oechslin sagt:

      Genau das würde mich auch interessieren.

      • Hintermeister Ursula sagt:

        Der Bau von Hallenbädern wurde unterstützt und damit die Sensiblilisierung für den Schwimmunterricht. Heute ist leider wieder umgekehrte Tendenz. Hallenbäder werden geschlossen, das Schulschwimmen eingeschränkt oder ganz abgeschafft. Aufwand und Kosten seien zu gross. Somit überraschen die erhöhten Unfallzahlen nicht! Ein Umdenken wäre dringend notwendig, erhalten doch über 1/3 der Kinder in der Schulzeit keinen Schwimmunterricht.

  5. adam gretener sagt:

    Dank den unbestechlichen Zahlen sieht man mal wieder, was das blutleere Geschwafel von wegen, früher gab es mehr Selbstverantwortung, bedeutet.

    Es ist nichts als leeres Geschwätz.