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Gotteskrieger mit Mafiamethoden

Von Luca De Carli, 19. Januar 2015 27 Kommentare »
Anschläge, Entführungen, Überfälle – Boko Haram stürzt Nigeria ins Chaos. Die Zahlen zum rasanten Aufstieg der gefährlichsten Terroristen der Welt.

Am Sonntag im Grenzgebiet zwischen Nigeria und Kamerun: Kämpfer von Boko Haram überfallen zwei Dörfer, zünden Häuser an, nehmen Dutzende Geiseln, darunter vor allem Frauen und Kinder. In den letzten Wochen vergeht kaum ein Tag ohne Schreckensmeldung zu der Terrorgruppe, deren Namen sich sinngemäss mit «westliche Bildung ist Sünde» oder «westliche Zivilisation ist verboten» übersetzen lässt.

Boko Haram tritt erst seit dem Jahr 2009 als gewalttätige Organisation auf. Auslöser war der Tod ihres Gründers. Er hatte sich in Polizeigewahrsam befunden. Gegen 7000 Tote haben ihre Attacken seither gefordert, wie aus den Statistiken des Armed Conflict Location & Event Data Project (Acled) hervorgeht. Für das Projekt der Universität Sussex werden systematisch Gewaltausbrüche auf dem afrikanischen Kontinent analysiert und kartografiert. Andere Quellen sprechen gar von mehr als 13’000 Toten. Gemäss Acled sind über 800 Vorfälle in Nigeria eindeutig Boko Haram zuzuschreiben. Die Zählung stützt sich auf Berichte in nationalen und internationalen Medien.

Die Daten von Acled zeigen, wie massiv die Aktivitäten von Boko Haram in den letzten Jahren zugenommen haben. Auf der folgenden Karte erscheinen die einzelnen Vorfälle als Punkte im Zeitraffer. Richtig losgelegt hat Boko Haram ab Mitte 2010:

Jetzt hat die Gewalt einen neuen Höhepunkt erreicht. Beobachter vermuten einen Zusammenhang mit den nigerianischen Wahlen, die Mitte Februar anstehen. Gegen 4000 Tote wurden in den letzten zwölf Monaten registriert, wobei die Opferzahlen zu den einzelnen Ereignissen mit Vorsicht zu geniessen sind. Gesicherte Informationen aus jenen Regionen im Nordosten Nigerias, die sich unter der Kontrolle von Boko Haram befinden, gibt es nicht. Das zeigt der Angriff von Boko Haram auf die Stadt Baga von Anfang Januar beispielhaft. Die Angaben zu den Toten schwanken zwischen 150 und 2000.

Die geografische Verteilung der Boko-Haram-Attacken zwischen 2009 und 2014 zeigt aber klar, dass sich die Organisation auf ihr Kerngebiet im Norden Nigerias konzentriert. Je dunkler die Markierung, desto häufiger sind Anschläge. Durch eine Vergrösserung der Karte werden die einzelnen Ereignisse sichtbar. Nach einem Klick auf die Punkte erscheinen Zusatzinformationen.

Anders als andere grosse islamistische Terrororganisationen operiert Boko Haram hauptsächlich innerhalb ihres Ursprungslandes. Anschläge im Ausland sind selten. Acled zählt etwa 70. Sie fanden fast ausschliesslich in grenznahen Gebieten statt. Eine Verbindung zur international agierenden al-Qaida wurde von Boko Haram klar verneint.

Terrorismus in Nigeria unterscheidet sich auch sonst sehr von den anderen weltweiten Hotspots wie dem Irak, Afghanistan oder Pakistan. Das geht aus einer Analyse der Global Terrorist Database, eines Projekts der Universität Maryland, hervor. Die Taktik der nigerianischen Terroristen wird mit derjenigen des organisierten Verbrechens oder bewaffneter Banden verglichen, die vor allem auf den Einsatz von Schusswaffen statt auf Selbstmordattentäter oder Sprengstoffanschläge setzen. 85 Prozent der Terrortoten in Nigeria gehen auf Attacken mit Schusswaffen zurück.

Im Fall von Boko Haram ist die Verteilung nicht ganz so extrem. Schusswaffen dominieren aber deutlich. Eine weitere Spezialität der Gruppe sind Entführungen, die auch als wichtige Einnahmequelle dienen. Ihre Verdienstmethoden sind vielfältig und reichen von Schutzgelderpressungen über Grenzschmuggel und Drogenhandel bis hin zu Spenden finanzstarker Gönner aus dem In- und Ausland.

Das Ziel von Boko Haram ist die Errichtung eines Gottesstaates in ihrem Kerngebiet. Ambitionen ausserhalb Nigerias, mit Ausnahme grenznaher Gebiete, soll die Organisation nicht haben. Das Ziel soll vor allem durch die Destabilisierung des nigerianischen Staates erreicht werden. In weiten Teilen von Nordnigeria ist dies Boko Haram gelungen.

In der Anschlagsstatistik spiegeln sich die Prioritäten von Boko Haram ebenfalls wider. Es dominieren Attacken auf staatliche Einrichtungen. Zuletzt sind allerdings Zivilisten (Christen und Muslime) sowie Bildungs- und religiöse Einrichtungen stärker in den Fokus geraten. Mit einem Schnitt von über 8 Toten pro Anschlag gilt Boko Haram als gefährlichste Terrororganisation der Welt.

Über das Innenleben von Boko Haram ist sehr wenig bekannt. Das zeigt sich bereits bei den Schätzungen über die Kampfstärke. Sie reichen von 500 bis zu 9000 Mitgliedern. Die Organisation soll ursprünglich stark dezentralisiert operiert haben – mit einzelnen Zellen, die kaum miteinander kommunizierten. Seit Boko Haram grössere Gebiete kontrolliert, soll sie ihre Strukturen allerdings weiterentwickelt haben. Ihr Anführer spricht heute von einem Kalifat, das man errichten wolle.

Die Gewalteskalation in Nigeria geht jedoch nicht nur auf Boko Haram zurück. In den Statistiken von Acled und der Global Terrorist Database tauchen über die Jahre die Namen von Dutzenden Organisationen auf. Die Gewalt ist stark regionalisiert, die Konflikte sehr unterschiedlich. Viele Akteure sind nur in kleinen Gebieten aktiv.

Die folgende Grafik zeigt aber auch, dass die Eskalation zeitgleich mit dem Auftauchen von Boko Haram verläuft. Nach vergleichsweise ruhigen Jahren in der Mitte der letzten Dekade:

Im jüngsten Terror-Index, der die Gefährdung der einzelnen Staaten vergleicht und sich auf die Global Terrorist Database stützt, rangiert Nigeria auf dem vierten Platz. Nur übertroffen vom Irak, Afghanistan und Pakistan.

27 Kommentare zu “Gotteskrieger mit Mafiamethoden”

  1. marlis sagt:

    ist ja eigentlich interessant dass sich Muslime da nicht aufregen wenn solche Sektler den Namen Allahs und des propheten so missbrauchen. Morden, stehlen, vergewaltigen im Namen Allahs?
    Aber über ein dummes Bildchen aus dem Westen kann man sich ereifern?

  2. Ronnie König sagt:

    Nach einigen hundert Stunden vertiefter Recherche würde ein mancher Troll die Dinge anders sehen, aber kein Gräuel besser aussehen! Nur man würde vieles anders gewichten und weniger verwechseln oder falsch deuten, die Falschen beschuldigen und einfach dumm verurteilen. Solche Mängel werden übrigens von fanatischen Aktivisten immer wieder geschickt genutzt! Man schreibt oben über die Mogul Herrscher. Ja die waren nicht einmal so streng und schlecht. Soffen Wein, liebten Weib und Gesank förderten die Künste. Kein Vergleich mit IS, Boko Haram oder Kaida!!! Aber deren Verlierer/Gegner sahen dies natürlich weniger entspannt wie ich. Und die Hindus wären eine ganz kleine Religion heute, wenn die so gemordet hätten! Allerdings führten die auch gegeneinander aus pekuinären Gründen Krieg oder wegen der Ehre. Ist halt nicht immer alles so schön schwarz weiss wie man es gerne hätte.

  3. Richard sagt:

    Um das Problem ‘Boko Haram’ zu lösen müsste man wahrscheinlich das Augenmerk auf den Nigerianischen Staat richten. Solche Banden haben wie alle Terrororganisationen ihren Nährboden in maroden und gescheiterten Staaten. Gesunde Regierungen genießen den vollen Rückhalt von Militär und Bevölkerung, die keine Rekrutierung von Terroristen zulässt.
    Terrorbekämpfung in gescheiterten Staaten ist deshalb mit Feuerlöschen mit Benzin vergleichbar. Die Pflege einer gerechten und gesunden Regierung und Wirtschaft ist nicht nur die beste, sondern auch die einzige wirksame und nachhaltige Vorbeugung gegen den Terrorismus. ‘Gerechtigkeit erhöht ein Volk aber die Sünde ist der Leute Verderben’ Spr. 14.34.

  4. Diego Braun sagt:

    Dummheit…! Mir fällt kein anderes Wort ein, wenn ich die Schönfärberei des Westens bezüglich Boko Haram und Konsorten betrachte. Diese Extremisten/Terroristen kennen keine Gnade. Das wirkliche Verbrechen dieser Banden liegt jedoch in der Entführung und Manipulation von Kindern, die leicht beeinflussbar sind. Frischfleisch und Kanonenfutter, während hierzulande in Europa noch über Strategien geredet wird, können diese Verbrecher wüten wie sie wollen. Die Zeit spielt ihnen in die Hände…die Armut unter der Bevölkerung auch. Sie kennen keine Gnade…Warum sollten wir sie gegenüber diesem Gesindel walten lassen? Es sind gewöhnliche Verbrecher an der Menschheit! Oder nennt sie etwa hier jemand “Ehrenwerte”!

  5. Sandro Baumgartner sagt:

    In Nigeria ist die Religion das kleinste Problem. Die Korrupte Elite mit den Erdölkonzernen hat doch gahr kein Interesse daran daß im Land Frieden herrscht, solange sich das Volk gegenseitig bekämpft kann man es noch einfacher Ausbeuten.

    • Ronnie König sagt:

      Irrtum! Religion und Aberglaube, gepaart mit schlechter oder keiner Bildung eröffnen den Halunken ungeahnte Möglichkeiten! Ob nun Boko Haram oder Mungeke (Kenia), die Milizen in den Bürgerkriegen, es finden sich viele Parallelen und auf das wird im Ansatz oben hingewiesen.Die Finanzierungsstrukur weist zudem auf früheres Treiben hin, was mit der Geschichte der Sahelvölker auch zu tun hat. Man merkte rasch, dass alles mit Fundamentalismus gewürzt weitere Vorteile bringt, aber nicht bei der lokalen Bevölkerung die oft vernünftiger ist als wir im Norden meinen. Nur sich da fundiert schlau machen dauert unheimlich lange. Die Quellen sind dürftig und breit gestreut, tangiert viele Fächer.

  6. Andreas Müller sagt:

    Wenn man sich mit der Geschichte des Islam befasst, dann stellt man fest das ausser den Mutaziliten fast alle islamischen Herrscher so oder ähnlich vorgegangen sind. Siehe die Schlacht von Badr (Mohamed selber) die Eroberung von Medina durch Mohammed, der Einfall der Moguln Herrscher in Indien, bei dem sämtliche Bibliotheken, Tempel usw. der Hindus ausgelöscht worden sind und die Hindus versklavt oder ermordet worden sind. Und so weiter und so fort. Das ganz zieht sich wie ein roter Faden bis zu den Wahhabiten, Ajatollah Chomeini, den Taliban welche Buddhistische Statuen sprengten, der Muslimbruderschaft, dem IS und nun eben auch Boko Haram.

    Natürlich kommt nun der obligatorische Widerspruch von Islam-Apologeten (meist aus der Linken Ecke), das seien nur Einzelfälle die rein gar nichts mit dem Islam zu tun hätte. Nein Freunde, das sind keine Einzelfälle. Diese Einzelfälle füllen mittlerweile ganze Regale von Büchern.

    • Richard Scholl sagt:

      Herr Müller, genau und auf den Punkt gebracht. Aber in Westeuropa sind wir bereits derart dekadent, dass wir dieses Phänomen entweder ignorieren, oder tolerieren, oder uns unterwerfen (Houellebecque, Soumission). Ganz nach dem Motto:PEGIDA ist schlecht, Islam ist Frieden!

    • M.Andreas sagt:

      Sehr geehrter Herr Müller

      Wie wäre es wen Sie die Geschichte des Islam einmal mit der Geschichte des Christentums zwischen 01 – 1950 in Hinblick auf die ermordeten Menschen im Namen des jeweiligen Gottes vergleichen?
      Dann werden Sie feststellen, dass die Zahlen der im Namen des Christentums ermordeten Menschen mit Sicherheit keinesfalls kleiner sind.

      Ich will damit keinesfalls die Todesopfer im Namen des Islams entschuldigen. Vielmehr geht es mir darum klar zu machen, dass diese Auseinandersetzung die nun stattfindet auch im Christentum mit Millionen von ermordeten Menschen stattgefunden hat. So wie wir als Christen und als Religion diesen Prozess und Weg, so hoffe ich hinter sich hat, so steht auch der Islam als Religion in diesem Prozess.

      Mit freundlichen Grüssen
      Markus Bamert

      • Andreas Müller sagt:

        Ich stimme Ihnen vollkommen zu Herr Bamert. Meine Kritik am Islam bedeutet nicht, dass ich das Christentum besser finden würde. Ich Deschner gelesen. Und der Buddhismus kommt ebenfalls nicht besser weg, da habe ich Goldner gelesen und kenne persönlich Menschen die im Buddhistischen Kloster fast zu Tode geprügelt wurden. Generell haben die Religionen einen unglaubliche Blutzoll gefordert.

        • Martin.. sagt:

          Gewisse Anhaenger toeten im Namen der Religionen um Ihre Machtbefugnisse (und Geld) zu erweitern. Jesus Christus hat NIE einem Christen den Befehl gegeben jemanden zu toeten.
          Warum diese Tatsache immer wieder verschwiegen wird ist mir unbegreiflich.

          • Lars sagt:

            Sie haben Ihn wohl persönlich gekannt und begleitet. Ansonsten wüsste ich nicht, wie sie sich so sicher sein können.

  7. egloff thomas martin sagt:

    ich denke dass auch bei den anderen ”Islamisten” die Religion nur vorgeschoben ist (Islam eignet sich bestens dazu) und in Wirklichkeit skrupellose Kriminelle dahinter stehen. der TA sollte die Termiologie dem anpassen und jeweils von ”kriminellene Terroristen” reden statt ”islamischen Kämpfern”

  8. ri kauf sagt:

    In all diesen Ländern, die solche aufstrebende Terrororganisationen haben, ist der Staat schwach und wenig präsent. Im Fall von Nigeria ist es offenbar so, dass das Militär aus jungen unerfahrenen Soldaten besteht, die selber ziemlich nervös und nicht gerade gezielt um sich schiessen, wenn irgendwo was passiert. Aber ausrichten tun sie rein gar nichts. Das berichten Korrespondenten in entsprechenden Gebieten. Nicht nur von Nigeria.

  9. Adrian Wehrli sagt:

    Bitte um eine Headline-Berichtigung: “Nigeria stürzt Nigeria ins Chaos”: ohne Nährboden, kein Boko Haram.

  10. Veglia Rizzi sagt:

    Die Gewalttaten in einer Vielzahl von Ländern zeigt immer klarer, dass die Mohammed-Karrikaturen nur ein Vorwand sind: In Wirklichkeit geht es um die Islamisierung zuerst einzelner Staaten wie Nigeria, Syrien, Irak, dann des ganzen Nahen Ostens und schliesslich Europas. Es wäre illusorisch, die chaotische Wut dieser Extremisten durch Zugeständnisse beruhigen zu wollen. Es sei nur an der Fehlschlag der Appeasement-Politik der Westmächte in den 1930er Jahren erinnert. Gefragt wäre eine mutige globale Gegenstrategie.

  11. Hans sagt:

    Diese Mafiamethoden sind die selben wie die der Regierungen!!!

  12. irène imfeld sagt:

    Warum schreibt ihr immer “Gotteskrieger”? das sind einfach Mörder, Terroristen oder Fanatiker. Gotteskrieger ist für diese Leute eine Auszeichnung.

    • Hannes Müller sagt:

      Wenn die sich mit der Religion rechtfertigen, ist die Bezeichnung durchaus treffend.

      • Wyss sagt:

        Nein auch dann ist die Bezeichnung nicht treffend! Sie rechtfertigen ihre Taten vielleicht in der Religion, die Frage ist allerdings, ob die jeweilige Religion die Taten auch rechtfertigt. Die Rechtfertigung solcher Taten in einer Religion ist einfach eine Frechheit gegenüber allen Gläubigen dieser Religion, welche völlig friedlich sind!!

        • pedro domletschg sagt:

          boko haram heisst übersetzt “bücher sind sünde”, sie setzen sich für eine einführung der scharia in nigeria ein und sind eine islamistische terrorgruppierung wie al-kaida.

          aber wir haben ja gelernt: das hat nichts mit dem islam zu tun!

    • Roli sagt:

      Genau, mit Gott hat das gar nichts zu tun!
      Es ist die Macht, die sie wollen, wie auch bei der IS, bei der IS zudem Medienpräsenz. Sehr wie wir…….

  13. handufsherz sagt:

    Opferzahlen sind auch ‘mit Vorsicht’ nicht zu ‘geniessen’:-(

  14. Kaegi sagt:

    Boko haram ist eine islamistische Sekte, die mordet und schändet und ihre Religionsbrüder schauen zu und sind empört über Bildchen über ihren Propheten, die linke Zeichner rund um die Welt senden. Und die Linken regen sich noch auf, wenn besorgte Atheisten einen Pigeda-Zug veranstalten, weil auch in ihrem Land nur Politiker Bürgerrechte besitzen.

    • Adrian Wehrli sagt:

      Und die rechte Grinst und lacht sich selbstgerecht ins Fäustchen. Endlich ein Feinbild!

    • Tobias Vollenweider sagt:

      Jaja, die böse Pigeda-Bewegung. Ist ja auch nur Zufall, dass NPD-Leute und sonstige Neonazis da mitlaufen, gälled Sie, Herr Kägi.