Die böse Maus

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Also: Ich laufe so in den Zürcher Hauptbahnhof, vorbei an der Bahnhofsapotheke, und da steht diese Maus. Grösser als Danny deVito. Siehe Foto.

Dies wirft verschiedene Fragen auf:

1. Wieso überhaupt ne Maus? Was hat eine Maus, die viele Menschen niedlich und eklig zugleich finden, mit einer Apotheke zu tun? Das einzige Tier, was man sofort mit der Pharmazie assoziiert, ist doch die Schlange, nämlich die Äskulapnatter. Nun wollte man aus naheliegenden Gründen wahrscheinlich keine Danny-deVito-grosse Natter aufstellen. Aber: Würden Sie einer Maus ein Aspirin abnehmen?

2. Nun, wenn man vielleicht noch ganz allgemein einer Maus, sofern sie kompetent und vertrauenserweckend wirkt, ein Schmerzmittel abkaufen würde – so doch wohl eher nicht dieser hier. Denn die sieht weniger kompetent und vertrauenserweckend aus als vielmehr ein wenig böse und verschlagen. Auch wenn sie ne Fliege trägt. Evil. Ich traue ihr nicht über den Weg. Sehr wahrscheinlich ist da auch gar kein Aspirin drin.

Manche Ökonomen, meine Damen und Herren, darunter solche, die gut im Geschäft sind, wie Michael Sandel in Harvard, stellen gerne eine aktuelle Überdominanz des Marktes fest: eine Ver-Marktung unserer Gesellschaft, eine Überwucherung des Menschlichen durch Transaktionen, einen «marktverherrlichenden Glauben» der Wirtschafts- und auch sonstiger Wissenschaften und Sphären der spätkapitalistischen Non-stop-Gesellschaft. Und dies führe dann zur exuberanten Verbreitung und Einführung von finanziellen Anreizen auch in vormals marktfernen Milieus wie Familie, Bildung, Gesundheit; und diese Kommerzialisierung sozialer und moralisch bedeutsamer Praktiken könne korrumpierend wirken und Werte und Normen aushöhlen. Also, sagen Herr Sandel und andere, bräuchten wir bitte dringend eine Besinnung auf die moralischen Grenzen des Marktes, die Grenzen von Marktwerten und Marktpraktiken.

Alles schön und gut. Und dann steht da: die Maus. Die Aspirin-Maus. So scheinbar direkt aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Wenn so die Übergriffe des Marktes und der Kommerzialisierung aussehen, kann das Ganze ja noch nicht so bedenklich sein. Solange wir im Hauptbahnhof in Zürich, einer Kapitale des freien Wirtschaftens, über solche Relikte stolpern wie Evil Aspirin Mouse, sind wir von Marktverherrlichung noch weit entfernt. Das Ganze scheint, wie wir hier schon mal konstatiert haben, wohl doch nicht ganz so schnell zu gehen. Und bevor wir uns die Frage stellen, welche Normen in welchem sozialen Kontext wie wichtig sind und wie solche Werte allenfalls durch Marktmechanismen verändert und verdrängt würden, bevor wir uns also über Normenzerstörung Gedanken machen, sollten wir vielleicht erstmal diese Maus zerstören. Bevor sie die Weltherrschaft an sich reisst. Oder wenigstens ein Aspirin nehmen. Thank you. Come again.