Achtung, Schnittwunden

Die Avocado-Hand ... und andere unintendierte Widerfahrnisse der Spätmoderne

Achtung, gefährlich: Die hohe Verletzungsgefahr beim Avocado-Schneiden macht Schlagzeilen. (Foto: iStock)

Avocados sind in Mode, meine Damen und Herren, und zwar so sehr, dass neulich lange Zeit unklar blieb, ob die Erfindung eines «Avolatte» (das ist ein Caffè Latte in einer Avocado-Schale) durch ein Hipster-Café in Melbourne nun bloss ein Scherz war oder nicht (finden Sie es selbst heraus). Auch die grausame Schattenseite der Avocado machte Schlagzeilen: Offenbar verletzten sich so viele Menschen beim Aufschneiden der Butterfrucht, dass britische Notfallärzte einen eigenen Namen für diese speziellen Schnittverletzungen erfunden haben: die «Avocado-Hand». Mehr noch: Diskutiert wurde die Idee, künftig vielleicht doch Warnhinweise auf die Avocados zu kleben. Woran wir wieder einmal eine kulturelle Konstante ablesen können: Der Geist der Zeit zeigt sich nicht zuletzt in ihren Pathologien.

Ich meine, können Sie sich zum Beispiel noch an den sogenannten Blackberry-Daumen erinnern? Beziehungsweise: an Blackberrys überhaupt? Damit meine ich nun keine Frucht, sondern die ersten E-Mail-tauglichen Mobiltelefone. Die hatten damals noch keine Touchscreens, sondern so ganz niedliche Tastaturen, auf denen grosse Männer und Managerinnen so eifrig herumtippten, dass sie bald unter Sehnenscheidenproblemen litten. Das war vor Ewigkeiten, und das heisst heute, in unseren herrlich beschleunigten Zeiten: vor ungefähr 15 Jahren. Heute redet niemand mehr davon. Auch die Leiden der Zeit sind eben ein Zeichen derselben und also vergänglich. In diesem Sinne folgen hier nun zu Ihrer geneigten Betrachtung noch ein paar weitere brandaktuelle Pathologien. Mal sehen, wie lange die halten.

  1. Larry-David-Hand

    Verletzungen durch Teppichschneider beim Versuch, denselben zur Öffnung von Produkt-Totaleinschweissungen (zum Beispiel bei Zahnbürstenköpfen) einzusetzen.

  2. Prada-Nerv

    Temporäre Taubheit in der Fingerkuppe infolge der Einschnürung von Nerven durch die Kordel einer Tragtasche, wie sie im gehobenen Preisniveau üblich ist. Ist mir auch schon passiert.

  3. Tinder-Finger

    Handballenhypertrophie durch stundenlanges Swipen.

  4. Phantom-Text

    Imaginierte Vibration zum Beispiel auf der Höhe des Oberschenkels, wo sich üblicherweise das Mobiltelefon in der Hosentasche befindet.

  5. Multioptionslähmung

    Wo essen? Wo Ferien machen? Welchen Beruf? Welchen Partner? Welche Feuchtigkeitscreme? Regloses Verharren.

 

 

11 Kommentare zu «Achtung, Schnittwunden»

  • Alberto La Rocca sagt:

    Multioptionslähmung, wie treffend. Doch seien wir getröstet: dank Internet wird sich über kurz oder lang ein Oligopol von Amazon, Apple und Alpha (Google) einstellen, alle anderen Anbieter werden verschwinden. Ach, Sie glauben es nicht? Was ist aus Friendster geworden? Das kennen Sie nicht? Das war „Facebook“, bevor es fb gab – und zu Beginn war der Unterschied nicht wirklich überwältigend zugunsten von fb.

  • Kristina sagt:

    Blau malen? Orange gehen? Grün liegen? Lila träumen? Rot sehen? Ja, ein Grund das Chaos der Welt zu mögen.

  • Jacques sagt:

    1. Dafür gibt Schweizer Taschenmesser – wie CyberTool 34. -> Skip Punkt 5.
    Dafür gibt es das „Taschenmesserbuch – Werken mit dem Taschenmesser“. Auf gutes Gelingen. Und dann damit eine Flasche Wein entkorken. Santé!

  • Lori Ott sagt:

    Es gibt halt Leute die sind avocadoof.

  • Castelar sagt:

    Cool geschrieben!! Hat Spass gemacht und hat den Zeitgeist getroffen.
    Fazit: Forsicht mit fremdländischen Gemüse

Kommentar

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