Konsum und Regression

Über die Sehnsucht nach Beruhigung.
Als kulturelles Phänomen bedenklich: Die Idealisierung des Ländlichen. Montage: Nathalie Blaser

Als kulturelles Phänomen bedenklich: Die Idealisierung des Ländlichen. Montage: Nathalie Blaser

Konsum ist Sehnsucht, meine Damen und Herren, der Mensch umstellt sich mit Dingen, die ihm sein ideales Selbst und Dasein verkörpern. Und diese Ideale sind der Mode unterworfen. Ich möchte in unserer heutigen Konsumrubrik auf ein alltagskulturelles und lebensweltliches Phänomen der Gegenwart zu sprechen kommen, das wohl auch dem vorwiegend in paradoxer Dauerkrisenstimmung befindlichen Zeitgeist geschuldet ist, nämlich: die Sehnsucht nach Beruhigung.

Urbanität reglementieren

Beruhigung. Das war übrigens einer der Slogans von Marine Le Pen: Die Beruhigung Frankreichs, la France apaisée, die Plakate zeigten Madame Le Pen vor ländlicher Kulisse. Nicht nur (aber auch) konsumtechnisch artikuliert sich die Sehnsucht nach Beruhigung in der Idyllisierung des Landlebens (was man, auch in der Schweiz, beispielsweise am Erfolg solcher Printmedien ablesen kann, die sich mit besagter Idyllisierung befassen) und einer Verdörflichung der Stadt, das heisst der kulturellen Tendenz, vieles, was Urbanität ausmacht, also Lärm, Verkehr, eine gewisse Unordnung, Menschenmassen, abzuschaffen oder wenigstens stark zu reglementieren. Man sieht das in vielen Metropolen, auch solchen, die immer noch für wild und weltläufig gelten, wie New York oder Berlin. In Berlin-Mitte servieren jetzt lumbersexuelle Bartträger in Karohemden auf rohen Schieferplatten regional gezogenes Gemüse und selbst gebrautes Bier.

Aus dem Chaos in die Zukunft

Dies ist als Mode eventuell unproblematisch, als kulturelles Phänomen jedoch bedenklicher, denn zur Urbanität gehört eben auch Chaos. Das begründet nicht zuletzt die Entwicklungsfähigkeit der Stadt, ihren Charakter als Labor und Zukunftsmaschine. Die Idee der Befriedigung, Einkehr und letztlich Provinzialisierung negiert einen entscheidenden Motor und Stimulus der Kultur: den Optimismus des Metropolitanen.

11 Kommentare zu «Konsum und Regression»

  • p.s.g. sagt:

    Intressanter Artikel, aber ich komme zum umgekehrten Schluss wie der Autor: gerade die Metropolen als Quelle des Optimismus und der Kreativität triggerten die Idee der Einkehr und Provinzialisierung. Urban Gardening war z.B. in Sydney bereits vor mehr als 25 Jahren angesagt, seit ca. 5 Jahren ist es auch bei uns angekommen. Der Trend zur Provinzialisierung hat nun also sozusagen die Provinz erreicht. Alles easy, der Autor sollte sich keine Sorgen machen. Übrigens bin ich nun wirklich kein zweiter Gery Weibel: die Tatsache dass selbst ich mich damit beschäftige mal selber ein Bier zu brauen ist für mich das untrügliche Zeichen dass dieser Trend bald mal vorbei ist. Sie waren deshalb in Berlin bloss in falschen Beiz, oder sie war bereits so post-post-modern, dass Sie es nicht erkannt haben.

  • Eduardo sagt:

    „… sie sollten laut, chaotisch, unruhig, manchmal auch gefährlich sein.“ – Glauben Sie mir, den naiven Wunsch nach Gefahr würden Sie zutiefst bereuen, wenn Sie selbst mal zum Opfer zum Beispiel eines Diebstahls, eines Raubes, einer Schlägerei oder eines Anschlags würden.

  • Bernhard Schlegel sagt:

    Ich war einmal in einem kleinen asiatischen Dorf und verstand erst dort, worum es eigentlich geht im Leben. Aber hey, Rom wäre meine Traumwohnort…

  • Flo, die echte! sagt:

    2 Kommentare zu «Konsum und Regression» ? ? ?

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