Scham ist out

Warum man sich schämen können sollte.

Wer sich schämt, kann seine Mitmenschen – und ihre Scham – besser verstehen. Foto: Camdiluv (Flickr.com)

Wir müssen wieder einmal über Scham sprechen, meine Damen und Herren. Weil der spätmoderne Mensch für vieles selbstverantwortlich ist, was er früher dem Schicksal überantworten konnte (zum Beispiel: Beziehungsstatus, Aussehen, Karriere), steigen die Versagensmöglichkeiten. Und damit die Möglichkeiten für Scham. Zusätzlich aber folgt aus dem spätmodernen Autonomie-Ideal von Rollensicherheit, Kreativität und Selbstvertrauen, dass die Scham selbst schambesetzt wird: Scham wird negativ und als Schwäche beurteilt, das Schamgefühl verliert seine Bedeutung als Tugend und Wert, weil sie sich mit dem Individualitätscode so wenig verträgt; Scham darf nicht gezeigt werden, weil sonst zugegeben würde, dass man von andern abhängig ist. Die Folge ist Schamangst, die Angst vor der Scham. Und dass Scham als soziale Sanktion umso stärker in den Vordergrund tritt: Der selbstverantwortliche Mensch ist empfindlicher und leichter zu beschämen.

Bremse der Selbstbezüglichkeit

Wenn Scham zum Tabu des Individualitätsbewusstseins wird, gerät der persönlichkeitsbildende Aspekt der Scham in Vergessenheit. Es gerät in den Hintergrund, dass Schamgefühle für die Entwicklung von Charakter und Persönlichkeit von grundsätzlicher Bedeutung sind. Denn Scham ist ja ein schmerzlich wahrgenommenes Defizit am eigenen idealen Selbst, sie entsteht, wie der Soziologe Georg Simmel feststellte, immer dann, wenn man einen «Riss zwischen der Norm der Persönlichkeit und ihrer momentanen Verfassung» erlebt. Scham hat also mit Selbsterkenntnis zu tun. Zur Persönlichkeitsentwicklung gehört die Fähigkeit, sich schämen zu können (und zu dürfen). Diese Schamfähigkeit setzt dem eigenen Narzissmus Grenzen und trägt zur Selbstdistanz bei, zur Fähigkeit, zwischen Idealbild und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Wer Schamgefühle annehmen kann, kann sie übrigens auch bei anderen besser verstehen: Er ist empathischer. Und wird seinerseits nicht zu Beschämungen neigen. All das könnte man als «Schamkompetenz» bezeichnen: Scham im Sinne zivilisierter Dezenz, als Bremse der schrankenlosen Selbstbezüglichkeit.

Trump ist eine Ikone der Schamlosigkeit

Neulich befragte ich anlässlich der «Berner Reden» die Historikerin Ute Frevert, die sich als Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin mit der Geschichte von Emotionen befasst, wieso Menschen sich zum Beispiel in Fernsehformaten öffentlich beschämen lassen. Die Antwort: Für viele Menschen ist negative Aufmerksamkeit immer noch besser als gar keine. Das erklärt Leute, die bei «Embarrassing Bodies» die Hosen runterlassen (buchstäblich). Aber es erklärt auch die Immunität des amtierenden amerikanischen Präsidenten gegen Kritik. Trump ist eine Ikone der Schamlosigkeit. Und die Tatsache, dass er es mit der klassischen Wahrheit nicht so genau nimmt, heisst schliesslich nicht, dass er nicht authentisch wäre. Niemand kann sagen, dass man bei Donald Trump nicht gewusst hätte, dass er laut, selbstbezüglich und vereinfachend agieren würde, dass er einen Wechsel der Gefühlskultur wenn nicht inspirieren, so doch vorantreiben würde: Von Empathie als Kernelement des westlichen Zivilitätsdiskurses zurück zum vormodernen Mittel der Beschämung des Gegners – real oder eingebildet.

24 Kommentare zu «Scham ist out»

  • Benjamin Kraus sagt:

    Ein Buch das Tinglers Idee durchdekliniert:
    „Scham: Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls“
    von Jennifer Jacquet

  • marli sagt:

    oder: Scham die Hüterin der Menschenwürde – Stephan Marks
    Ein wunderschönes Buch und es viel mir ein Meer von Schuppen von den Augen.

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