Regeln für den Heiratsmarkt

Denn auch da muss man sich benehmen. Irgendwie.

Wer beim Date dann tatsächlich auftaucht, ist oft eine Überraschung. Montage: Nathalie Blaser

Wir leben in der digitalen Spätmoderne, meine Damen und Herren, und es scheint für Menschen, die wider Willen alleine sind, vollkommen akzeptabel, ihr Glück online zu suchen – zum Beispiel über Dating Apps oder Dating-Portale. Der deutsche Soziologe Heinz Bude hat darauf hingewiesen, dass solche spätmodernen Dating-Märkte ihren Kunden eine Illusion andrehten: die Illusion der Wahlfreiheit. Wie man sie auch als Konsument auf dem Markt geniesst. Das klappt aber beim Dating nicht. Weil die Ware hier nämlich auch wählt. Und zwar nicht selten etwas anderes. Das ist der letzte Unterschied zwischen Dating und Shopping.

Völlig anderes Aussehen

Ein uraltes Problem auf Märkten ist hingegen das der sogenannten asymmetrischen Information. Für den digitalen Heiratsmarkt bedeutet das: Die Online-Profile vieler Menschen sind als virtuelle Repräsentationen meist idealisiert. So kann es passieren, dass Ihr Date beim Treffen in der wirklichen Welt plötzlich völlig anders aussieht als bei Tinder. Oder Cuddlr. Oder Grindr. Oder Whatever. Und mit «völlig anders» meine ich: sehr viel schlechter. Hier nun müssen Sie sich nicht oberflächlich vorkommen, wenn Sie sich nach einem höflichen Hinweis auf besagte Diskrepanz wieder verabschieden. Man will ja nicht die Katze aus dem Sack kaufen. Wenn die Katze aussieht wie Flat Eric. Es sei denn, man mag den Typ. Sie wissen, was ich meine. Nichts gegen Flat Eric. Ich habe eigentlich ein Leben wie Flat Eric, wenn ich drüber nachdenke. Doch ich schweife ab.

Diskretion ist das oberste Gebot

Wo war ich? Genau: Andererseits gibt es bekanntlich im gesellschaftlichen Umgang viele Situationen, wo Schweigen die höflichste Lösung darstellt; eine solche Situation liegt vor, wenn Sie überraschenderweise das Profil einer Bekanntschaft auf einem Kontaktanbahnungsforum im Internet entdecken. Diskretion ist hier das oberste Gebot. Getreu der Grundregel des Buckingham Palace bei kompromittierenden Situationen: «Ignorieren – Ignorieren – Ignorieren». Dies gilt grundsätzlich auch, wenn eventuell Interessen Dritter berührt werden, weil die fragliche Person sich etwa in einer Beziehung befindet oder unzutreffende Angaben über ihr Aussehen macht. Denken Sie daran, dass Sie keine Informationen darüber haben, welches private Arrangement hier gilt oder was für Zustände überhaupt hinter den Kulissen herrschen. Das wissen wir ja nicht einmal im Fall von Buckingham Palace.

5 Kommentare zu «Regeln für den Heiratsmarkt»

  • Benjamin Kraus sagt:

    Interessante Ausgangslage für ethisch-juridische Überlegungen im Fall, wenn Interessen Dritter involviert sind: Macht man sich da zum Komplizen für (versuchten) „Betrug“? Und falls man mit der dritten Person befreundet ist, hätte man da Freundschaftspflichten verletzt? Ab wann wäre Diskretion ein Vertuschen? Wie taktvoll umgehen, ohne die eigene Integrität zu verlieren?

  • Macek sagt:

    cherchez la femme:-)

  • Kristina sagt:

    Als wir damals, das war 1963, Sie können sich vielleicht noch an die Seegfrörni erinnern, an den Opernball eingeladen waren, war es ganz natürlich, dass alle ohne Einladung sich zurück hielten um wenigstens einmal vornehm zu schweigen.

  • Tina Balmer sagt:

    Ebenfalls fährt man gut, wenn man einerseits klar sagt, was man möchte (und was eben nicht), auch wenn das die Gefahr birgt, die eine oder andere pikierte (oder sogar aggressive) Nachricht zu erhalten. Andererseits tun beide Geschlechter gut daran, das Profil genau zu lesen und sich dabei bewusst sein, dass es ein bisschen wie mit einem Flussdiagramm ist: je mehr „Bedingungen“ man knapp bis gar nicht erfüllt, desto eher ist eine Kontaktaufnahme eine völlige Zeitverschwendung. Wenn ein Mann explizit eine zierliche Partnerin sucht oder eine Frau ihren zukünftigen Partner auf keinen Fall überragen möchte, auch wenn es nur ein bisschen ist, dann ist das halt so – move on, don’t try to bargain! Und überhaupt – wer will denn schon eine Zwischenlösung sein, bis was „Besseres“ kommt?

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