Kann man Geschmack kaufen?

Am Beispiel von Mariah C.

Geschmackvolle Haltung äussert sich in allen Ansichten. Montage: Nathalie Blaser

Es gibt Menschen ohne Geschmack, meine Damen und Herren. Das ist faszinierend. Und ein solches Faszinosum ist allem Anschein nach Mariah Carey. Sie wissen ja, dass ich schon seit längerer Zeit tapfer für Sie «Mariah’s World» verfolge, diese ungeschönte Langzeitdokumentation aus dem wechselvollen Leben einer gebeutelten Künstlerin, und ich denke, nun bin ich soweit, dass ich die Feststellung treffen darf: Neben Mariah Carey erscheint Donald Trump wie Giorgio Armani. Die Ausstattung von Mariahs Welt folgt einem Dogma, für das ich das Etikett «Neronischer Casinostil» vorschlagen möchte. Mar-a-Lago ist der Barcelona-Pavillon dagegen.

Das Interessante an dieser Art von Geltungskonsum ist die Ansicht, dass Geschmack käuflich sei. Nun ist aber Geschmack ja nicht so sehr, oder nicht allein, der Ausdruck ästhetischen Gefühls, Urteilssinns, Gefühls für Harmonie, sondern auch ein Gespür für Angemessenheit. Man könnte sagen: Geschmack drückt schon (ansatzweise) die moralische Haltung eines Menschen aus. Ein Mensch etwa, der sich geschmackvoll anzieht, hat Verständnis für Situationen, also wird er alles Sinnlos-Laute, Klischeehaft-Plakative und Pseudo-Provokative meiden wie der Teufel das Weihwasser. Dieser Mensch kennt ferner seine eigenen äusseren Vorzüge und Nachteile, das heisst, er ist geübt in der schwierigsten Disziplin von allen, der Selbsterkenntnis. Mit dem Geschmack verhält es sich also ähnlich wie mit der Rücksicht: Die rücksichtslose Haltung äussert sich in jeder Handlung, geschmackvolle Haltung äussert sich in allen Ansichten. Sie ist nie eine Frage der Kaufkraft.

Das heisst aber auch: Die wahre Provokation ist stets geschmackvoll.

Und nun entschuldigen Sie mich. Ich muss «Revenge Body» schauen. Mit Khloé Kardashian.

5 Kommentare zu «Kann man Geschmack kaufen?»

  • Jacques sagt:

    Man könnte auch sagen, quasi als Dandy-Variante: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden“. (Oscar Wilde).

    • Pedro Riengger sagt:

      Das Problem ist nur, dass dieser Spruch gerne von Leuten wie Mariah Carey zitiert wird, die benen nicht wissen, was das Beste ist.

  • Kristina sagt:

    Eins nach dem anderen? Wieso nur kann ich nicht einfach in der Mitte anfangen oder wo es mir gerade gefaellt? Wenn wir schon beim Anstand sind. Koennen wir uns darauf einigen das Dritte Reich jetzt endlich mal eine Diktatur zu nennen? Das lass ich mir nicht aufschwatzen.

    Fuer Kloe bin ich leider etwas zu alt. Bei Mariah moechte ich fuer allezeit folgendes gerne festhalten: Mariah, du bist der lebendige Beweis dafuer, dass Schamgefuehl etwas Anerzogenes ist.

  • Sonia sagt:

    Was mich nun ausserordentlich interessiert ist, ob Sie tatsächlich Revenge Body mit Khloé schauen? Falls ja, erwarte ich sehnlichst eine Liste der must see Reality-Trash-TV Sendungen Ihrer Wahl. Erwartungsvoll. S.

  • Meinrad sagt:

    „Die wahre Provokation ist stets geschmackvoll.“ Daran hat sich Heinrich Mann offenbar nicht gehalten, im Gegensatz zu seinem Bruder Thomas (vgl. Hermann Kurzke, Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk, 2006, S. 74). Ok, ich habe gegoogelt. – Das erinnert mich an die Karikaturen aus Dänemark und Paris, die nichts anderes als geschmacklose Provokationen waren. Dann heisst es, Satire dürfe alles. Dem folge ich nicht, da solche Karikaturen völlig unnötig sind. Zwar habe ich mich schon als Verfechter moralisch schrankenloser Meinungsäusserungsfreiheit bekannt. Aber da habe ich zu wenig weit gedacht, weil es natürlich verwerfliche Meinungsäusserungen gibt. Hinzu tritt hier zu Recht die Forderung nach geschmackvollem Gehalt, dessen Ursprünge bis zum Jesuiten Gracián y Morales (1601-1658) reichen.

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