Warum wir Werte brauchen

Über Rückschritt und Postfaktizität.

Jeder Mensch nutzt ein bestimmtes Repertoire von Begriffen, um seine Welt zu erfassen: Gespräch unter Frauen in Lissabon. Foto: Pedro Ribeiro Simões (Flickr)

Alle Welt redet vom postfaktischen Zeitalter, meine Damen und Herren, und hierzu hat neulich der Psychoanalytiker und Kulturkritiker Slavoj Žižek, Sloweniens berühmtester Export gleich nach Melania Trump, etwas sehr Interessantes gesagt, nämlich: Er, Žižek, könne dem Begriff der Postfaktizität nicht viel abgewinnen, nicht zuletzt weil dieser impliziere, es hätte irgendwann ein Zeitalter der Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegeben. Das Problem, so Žižek weiter, sei vielmehr: der Verfall von Sittlichkeit, die Erosion von Werten.

Werte sind wieder wichtig, Werte sind wieder in der Diskussion, eine kleine Welle von Büchern zum Thema hat uns bereits überrollt, gute und weniger gute, und eins der besseren ist «Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt» des Kulturphilosophen Urs Andreas Sommer. Und so, sagt Sommer, funktionieren Werte: Sie setzen Lebensentwürfe gleich, die ungleich sind und zunächst nichts miteinander zu tun haben; sie machen Perspektiven vergleichbar und austauschbar. Werte (wie zum Beispiel Aufrichtigkeit, Konsequenz, Authentizität) lassen Sphären, die an sich getrennt scheinen, miteinander konvertibel werden (beispielsweise die ökonomische Sphäre mit der politischen oder der ästhetischen) und brechen damit die überbordenden Geltungsansprüche einzelner Sphären und ihrer Leiturteile. Im Falle der spätmodernen Marktgesellschaft heisst das: Werte können zum Beispiel das Überwuchern eines allenthalben verbreiteten ökonomistischen Optimierungskalküls und seiner trivialen Zweckrationalität eingrenzen.

Zweifel am eigenen Vokabular

Dabei dürfen Werte nie starr sein. Beziehungsweise, falls Sie das lieber buddhistisch gewendet haben wollen: Auch bei der Wertbildung wichtig ist das Gewahrsein, dass das Selbst über keinen fixen Wesenskern verfügt, sondern im Flusse ist, wie alles. Das aus psychologischer Sicht stabilste Ich entsteht paradoxerweise durch die Nicht-Identifikation mit einem Ich. Dazu gehört auch das Vokabular. Werte drücken sich in Worten aus; und ein anderes Vokabular bedeutet neue Alternativen.

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat eine spezifische Vorstellung, ein eigenes Konzept des Vokabulars; Rorty geht davon aus, dass jeder Mensch ein bestimmtes Repertoire von Begriffen benutzt, um sein Leben und seine Welt zu erfassen, das Richtige vom Falschen und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Diesen Wortschatz nennt er das «abschliessende Vokabular» einer Person (abschliessend deshalb, weil die von diesem Vokabular beschriebene Weltsicht nicht weiter mittels der Zuhilfenahme eines anderen Vokabulars begründbar ist). Das abschliessende Vokabular ist jenes, auf dessen Basis wir Werturteile fällen und das uns dabei hilft, einer unübersichtlichen, konfusen und chaotischen Welt einen Ordnungsrahmen überzustülpen.

Nun liesse sich sagen: Jeder Wertewandel rüttelt ein bisschen am abschliessenden Vokabular, und das ist schon mal gut so. Nach Rorty sind die eigenen Zweifel am eigenen Vokabular unerlässlich für den Diskurs und die Selbsterkenntnis. Insofern hat Wertewandel das Potenzial eines Erkenntnisprozesses. Allerdings kann die Dynamik auch regressiv verlaufen. Das ist das, was Žižek mit Verfall bezeichnet: der zivilisatorische Rückschritt. Werte dürfen nie starr sein, aber wir brauchen das Fundament der Aufklärung.