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«Ich möchte die Kindheit der Mädchen verlängern»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 6. Mai 2017
Bankerin mit einem Herz für Puppen: Theresia Le Battistini bringt ihre eigene Kollektion auf den Markt.

Bankerin mit einem Herz für Puppen: Theresia Le Battistini bringt ihre eigene Kollektion auf den Markt.

Nach der Geburt ihrer ersten Tochter hat Theresia Le Battistini ihre Stelle bei der UBS gekündigt, um ein unternehmerisches Abenteuer in Angriff zu nehmen. Nun bringt die Ex-Bankerin ihre eigene Puppenkollektion auf den Markt. Für die Entwicklung hat sie «die besten Beraterinnen» engagiert – alle im Alter zwischen 9 und 13 Jahren.

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Le Battistini, Sie haben Wirtschaft studiert und waren als Analystin und Projektleiterin bei der UBS tätig. Wie kamen Sie als Bankerin auf die Idee, eine eigene Puppenkollektion zu lancieren?

THERESIA LE BATTISTINI: Ich erlebte bei der Bank einige turbulente Jahre, im Support des obersten Managements und als Analystin. Im Mutterschaftsurlaub nach der Geburt meiner ersten Tochter fragte ich mich: Was machst du da eigentlich? Ist das deine Leidenschaft, oder bist du da einfach reingerutscht und machst jetzt immer so weiter? Und: Was ist mit deiner kreativen Ader – warum beschäftigst du dich so sehr mit Zahlen und so wenig mit Formen und Farben? Hätten meine Eltern mehr Geld gehabt, wäre ich vermutlich Modedesignerin geworden statt im Banking gelandet.

Warum haben Sie die kaufmännische Lehre absolviert und Wirtschaft studiert?

Meine Eltern sind aus Vietnam in die Schweiz gekommen. Ich suchte zu Beginn nach Sicherheit und finanzieller Absicherung. Deshalb die Entscheidung fürs KV, für das Wirtschaftsstudium und die Bank. Ich bereue nichts davon, denn vieles, was ich dabei gelernt habe, kommt mir nun in der Selbstständigkeit zugute.

Aber gerade die Bankerin hätte doch wissen müssen, dass es eine verrückte Idee ist, als Start-up-Unternehmerin eigene Puppen zu verkaufen.

Diese Entscheidung ist langsam gereift. Ich hatte schon als Kind leidenschaftlich gerne mit Puppen gespielt, sie stundenlang eingekleidet, frisiert, geschmückt. Als ich mit meiner Tochter wieder Spielzeugläden besuchte, stellte ich mit Erstaunen fest, dass die Puppen immer noch aussahen wie in meiner Kindheit. Es dominierten diese kleinen, überschminkten Barbie-Puppen, darüber hinaus gab es fast nichts. Ich begann zu recherchieren und analysieren, führte Gespräche mit Spielwarenhändlern, besuchte die Messe in Nürnberg und kam zum Schluss: keine Innovation, keine Vielfalt, keine Angebote für ältere Mädchen. So schrieb ich gegen Ende meines Mutterschaftsurlaubs meinem Chef, ich würde nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren, sondern eine eigene Idee verwirklichen wollen.

Vor zwei Jahren haben Sie gekündigt, vor einem Jahr die eigene Firma gegründet. Wie lanciert man als Einzelperson eine neue Puppenkollektion?

Einer der ersten Schritte war, mir die besten Beraterinnen ins Haus zu holen: rund 20 Mädchen zwischen 9 und 13 Jahren, welche die Entwicklung der Puppen mit grosser Leidenschaft und sehr offenem Feedback begleitet haben. Diese Mädchen sind sehr anspruchsvoll, haben ein viel stärker ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein, als wir es vor 30 Jahren hatten. Sie wachsen in einer Flut von Spielwaren auf und hatten relativ klare Vorstellungen bezüglich Name, Farbe, Gesichts- und Körperform, Frisur und Verpackung der Puppen. Die Mädchen waren sehr motiviert, via Whatsapp-Gruppe und bei wöchentlichen Treffen bei der Entwicklung der Puppen mitzuwirken – nicht primär des Taschengeldes wegen, sondern weil sie Teil eines wichtigen Projekts sein konnten.

Wo wurden die Puppen produziert, die Sie nächste Woche auf den Schweizer Markt bringen?

In China, wie 95 Prozent der Spielwaren. Ich dachte zuerst, wir könnten in Spanien produzieren, aber die Produktionsstätten dort sind nicht auf dem neuesten Stand. So besuchte ich viele Produzenten in China und Hongkong, welche seit über 40 Jahren Puppen für grosse amerikanische und europäische Firmen produzieren. Meine asiatischen Wurzeln halfen mir – bei der Evaluation der besten Partner, aber auch in den Verhandlungen mit ihnen. Ich wählte schliesslich mehrere Lieferanten aus, um von keinem abhängig zu sein.

Gibt es nebst dem Marktpotenzial einen anderen Grund, dass Sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen haben?

Mich stört, dass viele Mädchen schon mit acht, neun oder zehn Jahren erwachsen werden, kaum noch spielen – ausser vielleicht vor einem Bildschirm. Ich kenne so viele Mütter, die ihre Mädchen von einem Termin zum anderen fahren, von der Schule zum Förderkurs, in den Ballettunterricht, in die Theatergruppe oder zum Reiten. Es bleibt heute kaum noch Zeit zum Spielen. Ich möchte die Kindheit dieser Mädchen verlängern, möchte sie dazu verleiten, wieder einmal richtig zu spielen, in nicht elektronische Fantasiewelten einzutauchen und spielerisch ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ihnen gefällt. Wir werden auch Bastel-Styling-Events für Kinder und Eltern organisieren.

Werden dadurch nicht Stereotype zementiert? Womöglich wäre es besser, dass Mädchen sich frühzeitig mit Technik beschäftigen, statt bis ins Teenager-Alter Puppen zu schmücken.

Man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen. Unsere Hauptzielgruppe sind die sechs- bis zehnjährigen Mädchen und ihre Mütter. Für junge Teenager können Puppen ein gutes Medium sein, auf sozialen Medien wie Facebook oder Instagram ihren Style zu zeigen – indem sie ihre Puppen inszenieren, statt sich selber im Bild zu zeigen. Das funktioniert etwa bei der Mattel-Tochter «American Girl», die mit ihren Puppen 500 Millionen Dollar pro Jahr umsetzt, sehr gut. Und was die Stereotypen betrifft: Dass heranwachsende Mädchen sich intensiv mit dem Thema Schönheit beschäftigen, ist unvermeidlich. Wir haben deshalb sehr sorgfältig abgewogen, wie dünn oder dick die Beine, wie schmal die Taille, wie voluminös die Lippen der «I’m a Girly»-Puppen sein sollen. Es war uns wichtig, kein zweites Barbie zu kreieren. Und zudem wollen wir keine Abfallberge produzieren: Bei unseren Puppen ist alles ersetz- respektive wiederverwendbar. Die Verpackungsschachtel wird beispielsweise zum Kleiderschrank.

Sie haben für dieses Vorhaben einige Risiken in Kauf genommen. Wie stark mussten Sie sich finanziell einschränken?

Es war ein Kraftakt nötig, um dieses Projekt zu starten und die Anfangsinvestitionen zu finanzieren. Ein Glück ist, dass sich mein Mann und ich schon in jungen Jahren kennen gelernt haben und wissen, dass wir auch mit weniger Geld glücklich sein können. Er hat mich von Anfang an unterstützt und teilt meine Passion.

Sie haben eine zweieinhalbjährige Tochter, sind hochschwanger und wollen es nun als Kleinstunternehmerin mit Spielzeugkonzernen aufnehmen. Woher nehmen Sie Ihre Gelassenheit?

Ich bin doch nicht gelassen – es vergeht kein Tag, ohne dass ich daran zweifeln würde, ob das alles wirklich zu stemmen ist. Aber ich würde es mir später bestimmt vorwerfen, wenn ich es nicht versuchen würde. Und ich habe zum Glück von meiner Mutter ein hohes Energielevel geerbt. Wenn ich von einer Sache beseelt bin, kann ich sehr lange arbeiten, ohne müde zu werden. Nun werden wir die ersten drei Puppen mit mehr als 100 Accessoires lancieren und schauen, wie sie aufgenommen werden. Bis zum Weihnachtsgeschäft und zur Kindermesse in Paris im Januar werden wir erste Anhaltspunkte haben, wie gross wir denken dürfen. Wenn ich mir vor Augen führe, wie sehr die Augen unserer jungen Mitentwicklerinnen geleuchtet haben, als sie die ersten Puppen in den Händen hatten, bin ich sehr zuversichtlich.

Kontakt und Information:

www.imagirly.com oder theresia@imagirly.com

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