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Wenn der Zement-Manager in Indien die Spiritualität entdeckt

Mathias Morgenthaler am Samstag den 22. April 2017
Markus Oberle: Vom Steuerkommissär zum Berater und Manager in der Zementindustrie.

Markus Oberle: Vom Steuerkommissär zum Berater und Manager in der Zementindustrie.

Sein erstes Berufsziel hatte Markus Oberle mit 26 Jahren erreicht, danach absolvierte er als «Mann der Resultate» eine steile Karriere in der Zementindustrie. Nun gibt der 65-Jährige die Leitung des 600-Millionen-Franken-Geschäfts in Indien ab, um sich vermehrt um sein Waisenhaus zu kümmern.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Oberle, Sie störten sich an den vielen Aussteigergeschichten in dieser Rubrik und schrieben mir aus Hyderabad, Sie seien auch nach 50 Berufsjahren als Angestellter noch mit Elan bei der Sache. Wie wurden Sie überhaupt zum international gefragten Manager in der Zementindustrie?

MARKUS OBERLE: Ich hatte im Alter von 26 Jahren mein erstes Lebensziel erreicht und wollte deshalb eine Kehrtwende machen. Als ich auf der Gemeindeverwaltung die kaufmännische Ausbildung absolvierte, bewunderte ich den Steuerkommissär und nahm mir vor, eines Tages auch zu diesem kleinen Kreis zu gehören. Dann erreichte ich dieses Ziel schon 10 Jahre nach Lehrbeginn und konnte mir ausrechnen, mit welchem Lohn ich 39 Jahre später in Pension gehen würde. Diese Voraussehbarkeit erschreckte mich, sodass ich bald darauf als Steuerspezialist zur Unternehmensberatung Arthur Andersen wechselte. Doch auch das befriedigte mich auf Dauer nicht. Ich wollte nicht ein Leben lang für die zweitunterste Linie der Erfolgsrechnung verantwortlich sein. Die Post ging weiter oben ab, im operativen Geschäft, nicht bei den Steuern.

Wie entkommt man als Steuerberater seinem Fachgebiet?

Ich publizierte ein Stellengesuch und hoffte, auf diesem Weg meine Lebensstelle zu finden. Bald darauf erhielt ich einen Anruf von Thomas Schmidheiny, damals der starke Mann bei Holderbank (später Holcim, heute LafargeHolcim). Er bot mir eine Stelle als Controller im traditionsreichen Zementkonzern an und schickte mich bald ins Ausland mit der Begründung: «Als Controller kostest du mich Geld – es ist an der Zeit, dass du Geld erwirtschaftest für das Unternehmen.» Ich war sehr dankbar für diese Chance. Als Aargauer hatte ich schon in jungen Jahren einen engen Bezug zur Zementindustrie gehabt. Meine erste operative Aufgabe war allerdings happig. Bei der Übernahme der Sächsischen Baustoffunion in Dresden musste ich 2000 von 2500 Stellen abbauen, sprich: vier von fünf Namen der Belegschaft rot ankreuzen. Da lernte ich: «Speed is the name of the game» – man muss schnell schlanke Strukturen schaffen, um Geld zu verdienen.

In der Folge kletterten Sie die Karriereleiter zackig hoch, wurden zunächst Generaldirektor in Belgien, dann Verantwortlicher für die Benelux-Länder.

Ja, die zwölf Jahre in Brüssel und Rotterdam waren sehr lehrreich. Ich erwarb mir einen Ruf als «Mann der Resultate», der bei aller Härte fair handelt und mit Akademikern ebenso gut reden kann wie mit einfachen Arbeitern. Selber stamme ich aus einfachen Verhältnissen, mein Vater war Werkmeister in der metallverarbeitenden Industrie und Gemeindeammann, meine Mutter stammte aus einer Wirtefamilie. Umso schöner, dass jedes unserer vier Kinder später studieren konnte.

Sie haben Ihrer Familie einiges zugemutet. Wegen des Jobs in Dresden waren sie drei Jahre abwesend, und als die Familie in Brüssel Wurzeln geschlagen hatte, nahmen Sie einen neuen Job bei Holcim in Moskau an.

Wir blieben zwölf Jahre in Brüssel, danach kehrten die beiden älteren Kinder in die Schweiz zurück, die beiden jüngeren kamen mit nach Moskau, wo sie mit Putins Töchtern die deutsche Schule besuchten. Ich hatte die Aufgabe, die Firmengruppe Alpha Cement, an der Holcim als Minderheitsaktionärin beteiligt war, zu verkleinern und zu konsolidieren. Ich glaube nicht, dass die Familie in Moskau gelitten hat, es war für alle eine interessante Zeit. Aber es kam dann tatsächlich zu einer Zäsur in Form der Scheidung von meiner damaligen Frau. Beruflich wechselte ich innerhalb der Zementindustrie zur französischen Vicat-Gruppe. Dort durfte ich erst den Schweizer Markt ausbauen, dann eine neue Zementfabrik in Kasachstan realisieren und schliesslich den Eintritt in den indischen Markt verantworten.

Haben Sie sich in all den Jahren nie gefragt, wozu das alles gut ist?

Nein, ich habe überall unternehmerische Freiheiten genossen. Französische Konzerne gelten ja als überreglementiert, es heisst, man müsste dort vor allem stark sein im theoretisch-akademischen Argumentieren. Dennoch haben sie bei Vicat einem Macher wie mir die wichtigste Auslandsinvestition anvertraut. Ich konnte in Indien dank Milliardeninvestitionen zwei grosse Zementwerke bauen. Heute erzielen wir in diesem Markt mit 2500 Angestellten einen Umsatz von 600 Millionen Franken. Darauf bin ich stolz. Zement ist ein Basisprodukt zum Aufbau von Dörfern und ganzen Volkswirtschaften. Diese Zementwerke sind nicht einfach Industriebauten, sondern Kathedralen, die bleibende Werte schaffen und Tausenden von Mitarbeitern Arbeit geben. Zudem hat mich Indien auch spirituell geprägt. In Indien spielt der Glaube eine so zentrale Rolle, dass man automatisch entschleunigt wird und sich mit Sinnfragen auseinandersetzt.

Auch mit der Frage, warum man so sehr für die Karriere gelebt hat?

Ja, auch darüber habe ich in Indien nachgedacht. Ich war tatsächlich der Aussen- und Finanzminister in unserer Familie, habe das Feld zu Hause fast vollständig meiner Ex-Frau überlassen und wenig Zeit und Werte mit meinen Kindern geteilt. Ich wünschte mir, ich hätte eine engere Beziehung zu meinen Kindern aufgebaut, hätte mich früher um die Entwicklung der weichen Faktoren gekümmert. Leider kann man solche Dinge nicht nachholen.

Mit 65 Jahren verantworten Sie als Geschäftsführer nach wie vor das operative Geschäft von Vicat in Indien. Wie soll es weitergehen?

Im Juni gebe ich die operative Leitung ab und werde Verwaltungsratspräsident. Das lässt mehr Raum für andere Aufgaben. Ich habe mit meiner zweiten Frau, einer promovierten Psychologin, in Indien ein Waisenhaus für 40 Kinder und 10 Mütter gebaut, die Opfer von Gewalt wurden. Dieses Engagement weiterzuführen, ist für uns eine Lebensaufgabe. Vielleicht können wir auf diese Weise noch eine ganz andere Geschichte schreiben – jenseits von Industrie- und Renditedenken.

Kontakt: markus.oberle@vicat.com

 

 

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4 Kommentare zu “Wenn der Zement-Manager in Indien die Spiritualität entdeckt”

  1. Alfred Steimüller sagt:

    Spannend. Aber auch einmalig. Heute müsste Herr Oberle 200 Bewerbungen schreiben mit 32, wenn er schon nur von Buchhaltung ins Controlling wechseln wollte. Beim Bund hat es zur Zeit auf 240 Dossiers 8500 Bewerbungen… Und das Beste ist ja, dass Leute, die eigentlich auch viel Glück hatten, den Erfolg immer sich selber zu schreiben. Zudem ist es schade, dass das Thema Asbest nicht thematisiert wurde: daran starben Hunderte Menschen. Da könnten man vielleicht mal kritischer interviewen? So oder so: ich wünsche Herrn Oberle viel Erfolg mit seinen sozialen Projekten.

  2. Max Oppliger sagt:

    Heute würde er durch einen Inder ersetzt. Sei es in der Schweiz oder in Indien. UBS, Novartis und Co. lassen grüssen.

  3. Schibli-Birchmeier Rosmarie sagt:

    Rosmarie Schibli-Birchmeier
    07. Mai 2017

    “Zum Erfolg gibt es keinen Lift – man muss die Treppe benützen!”
    Ganz herzliche Gratulation zu deinem beachtlichen Lebenswerk. “Freude herrscht”!
    Meine schulische Tätigkeit in Full (1958-1964) ist mir noch immer in lebhafter Erinnerung. Im besonderen denke ich auch gerne an deine lieben Eltern Martha und Erwin und an deine Schwester Edith zurück.

    Mit herzlichen Grüssen, deine Unterstufenlehrerin
    Rosmarie Schibli-Birchmeier

  4. Anna Lisa sagt:

    Bei einem solchen Lebenslauf wäre ich auch kein Aussteiger. Als Entsandter ins Ausland hat man viele Möglichkeiten jedoch wenig Kontrolle und verbunden mit viel Verantwortung macht dies auch das Angestellten-Leben spannend. Er sollte sich bewusst sein, dass die Minderheit der Angestellten solche Freiheiten hat und eher in einem 9-5 oder soll ich besser sagen 9-20 kontrolliertem Job gefangen ist, da würde vermutlich auch er zu einem Aussteiger.