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«Der wahre Luxus ist nicht Geld, sondern Zeit»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 11. März 2017
Sandra Neumann gab ihren Kaderjob auf und gründete mit zwei ETH-Forschern eine eigene Firma. Foto: Frank Schellenberg

Sandra Neumann gab ihren Kaderjob auf und gründete mit zwei ETH-Forschern eine eigene Firma. Foto: Frank Schellenberg

Als sie vierzig wurde, erstellte Sandra Neumann eine Liste mit wichtigen Vorhaben. Zwei davon setzte die Pharma-Managerin umgehend in die Tat um: Sie gab als Sängerin Konzerte und gründete ein Unternehmen. Angst vor dem Scheitern hat sie nicht. Sie hält es für «wesentlich riskanter, wichtige Dinge jahrelang auf später zu verschieben».

Interview: Mathias Morgenthaler

Frau Neumann, warum haben Sie Ihre Kaderstelle in einem internationalen Pharmakonzern aufgegeben und sich auf das Abenteuer Selbstständigkeit eingelassen?

SANDRA NEUMANN: Ich sah die Chance, selber etwas aufzubauen und persönlich zu gestalten. Wie toll ein Job in einem grossem Unternehmen auch immer ist, der Gestaltungsspielraum ist in den meisten Fällen relativ klein. Ich mochte meinen Job bei Baxter auch nach acht Jahren noch, die Leitung des Schweizer Geschäftsbereichs Nierendialyse war spannend. Eine ETH-Untersuchung gab uns wertvolle Hinweise, mit welchen Schwierigkeiten Nierenpatienten kämpfen, welche die Blutreinigung mittels Dialyse zu Hause durchführen wollen. Und da wurde mir im Austausch mit den ETH-Forschern klar: Ein Gerät zu entwickeln, das die Dialyse zu Hause einfacher und sicherer macht, ist eine interessante Business-Idee, eine einmalige Gelegenheit.

Hatten Sie keine Angst vor dem Aufwand und den Risiken?

Ich wollte es unbedingt versuchen, weil ich mir sicher war, dass ich es später bereuen würde, wenn ich mich nicht getraut hätte. Hilfreich war, dass ich an der ETH in den Produktentwicklungs- und Design-Spezialisten Stephan Fox und Mirko Meboldt zwei Mitstreiter fand, die sich mit der gleichen Energie auf das Projekt stürzten wie ich. Wenn du plötzlich merkst, dass du etwas Neues, Eigenes gestalten kannst, wachsen dir Flügel. So verliess ich meine Manager-Stelle und wir gründeten zu dritt das Start-up Peripal mit dem übergeordneten Ziel, einen Beitrag zur Reduktion der Gesundheitskosten zu leisten und mehr Patienten die Therapie zu Hause zu ermöglichen. Derzeit führen nur 12 Prozent der Nierenpatienten die Dialyse zu Hause durch, weil dies für die meist älteren und an mehreren Krankheiten leidenden Menschen schwierig und riskant ist. Alle anderen gehen dreimal pro Woche für einen halben Tag ins Spital zur Dialyse, was Kosten von mehr als 100’000 Franken pro Jahr und Patient verursacht. Unsere Eigenentwicklung soll die Heimdialyse wesentlich einfacher und sicherer machen.

Wie hat der Entscheid, eine eigene Firma zu gründen, Ihr Leben verändert?

Im ersten Jahr nach der Gründung verdiente ich keinen Rappen, danach deutlich weniger als die Hälfte meines Managerlohns. Aber wenn man begeistert ist von dem, was man tut, und überzeugt vom Potenzial, fällt es relativ leicht, auf Sicherheit und Annehmlichkeiten zu verzichten. Anlässlich meines 40. Geburtstags machte ich für mich eine Art Zwischenbilanz und merkte, dass es mir relativ egal war, welcher Titel auf meiner Karte stand, ob ich einen eigenen Parkplatz vor dem Haus hatte und auf die Dienste einer Assistentin zählen konnte. Wenn du 40 bist, wird dir bewusst: Der wahre Luxus ist nicht Geld, sondern Zeit. Das Geld kann man endlos weiter anhäufen, die Zeit wird aber knapp – und umso dringlicher die Frage, was man im Leben wirklich tun möchte. Ich schrieb eine Liste mit Dingen, die ich noch erleben wollte. Ein Punkt war: eine Firma gründen. Ein anderer: wieder auf der Bühne stehen. Ich hatte verschiedene Gesangsausbildungen absolviert, aber das Singen zugunsten der Karriere zurückgestellt.

Und dann haben Sie parallel zur Start-up- auch gleich Ihre Kabarettistenkarriere lanciert?

So kann man das sagen, ja. Geplant war es nicht. Ich wollte einfach ein Konzert für zwei Dutzend gute Freunde geben. Ich hatte nichts zu verlieren, sang an diesem Abend nicht nur Lieder, sondern erzählte dazwischen pointierte Geschichten über die vielen Missverständnisse zwischen Frau und Mann. Die Rückmeldungen auf dieses Wagnis fielen so positiv aus, dass ich das weiterzog und ein eigenes Comedy-Programm entwickelte. Und bei jeder Aufführung merkte ich, wie glücklich mich das machte. Ich war auf der Bühne gleichzeitig ganz bei mir und in einem riesigen Ozean – dem Energiefeld, das sich zwischen mir und dem Publikum aufgebaut hatte. So geht es mir bei jedem Auftritt: Erst kostet es mich Überwindung, dann kommt unendlich viel mehr zurück, und danach fliege ich die nächsten zwei, drei Tage durchs Leben.

Was beschäftigt Sie als Start-up-Unternehmerin derzeit?

Der Spagat zwischen Strukturiertheit und Beharrlichkeit auf der einen und Vertrauen und Gelassenheit auf der anderen Seite. Man darf und muss in der Aufbauphase so viele Dinge selber entscheiden, dass man unmöglich alles im Griff haben kann. Man konzentriert sich einfach darauf, einen Stein nach dem anderen, der auf dem Weg liegt, aus dem Weg zu räumen und nicht nur dem Intellekt, sondern auch der Intuition zu vertrauen. Entscheidend waren in diesen ersten knapp zwei Jahren seit der Gründung die Wahl des richtigen Produktionspartners, die Zusammenstellung eines guten Teams und die Finanzierung. Nun sind wir parallel zur Produktion daran, eine schlagkräftige Distribution aufzubauen zur Belieferung unserer Kunden, sprich: der Ärzte. So planen wir, in neun oder zehn Monaten mit dem Produkt auf den Markt zu kommen.

Und wenn dies nicht gelingt?

Ich bin da sehr zuversichtlich. Wir sind dank den Investoren Zürcher Kantonalbank, Aargauer Kantonalbank und Geldern aus dem Netzwerk Start-Angels solide finanziert und kommen bei der Produktentwicklung gut voran. Zudem kenne ich den Markt und die Anliegen der Patienten aus acht Jahren Berufserfahrung und unzähligen Gesprächen. Aber klar, jede falsche Entscheidung kann schwerwiegende Folgen haben bis hin zum Genickbruch. Da trage ich heute mehr Verantwortung als vor der Gründung, aber ich lasse mich dadurch nicht verrückt machen. Ich arbeite zwar viel, gehe aber an den Wochenenden immer wieder bewusst auf Distanz – wer zu sehr im eigenen Hamsterrad verharrt, verliert leicht den Blick für das Wesentliche. Zudem sollte man das Risiko des Scheiterns nicht dramatisieren. Wer in der Schweiz mit einem Unternehmen scheitert, landet sehr sanft. Ich halte es deshalb für wesentlich riskanter, wichtige Dinge jahrelang auf später zu verschieben.

Woran werden Sie in drei Jahren ablesen können, ob Sie erfolgreich waren mit Peripal?

Wenn unser Gerät in mehreren Weltregionen auf dem Markt verfügbar ist und so mithilft, die Gesundheitskosten zu senken, haben wir das erste Ziel erreicht. Schon heute haben wir viele Ideen, wie das Produkt nach Markteinführung weiterentwickelt werden kann. Und irgendwann wird sich die Frage stellen, ob es in einer grösseren Organisation nicht besser aufgehoben wäre. Ein späterer Verkauf ist gut denkbar, aber derzeit zerbreche ich mir darüber nicht den Kopf – es gibt noch viel zu viele Steine aus dem Weg zu räumen bis zur Markteinführung.

Information: www.peripal.com oder info@peripal.com

 

Berufungs-Forum in Zürich

Am 27. März ab 18.15 Uhr ist Sandra Neumann zu Gast am Berufungs-Forum zum Thema «Selbständigkeit» im Impact Hub Zürich. Details zum Programm und Anmeldung: www.beruf-berufung.ch/impulse

 

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4 Kommentare zu “«Der wahre Luxus ist nicht Geld, sondern Zeit»”

  1. Jörg Peter sagt:

    Schön, wenn man zum Beruf machen kann, was man als Berufung verspürt.
    Viel wichtiger scheint mir, dass man seinen Lebensunterhalt mit einem Beruf bestreiten kann undnicht immer wieder mit neuen Jobs sein Leben zu bestreiten hat.
    Das Loblied auf Flexibilität bringt mehr Probleme als Erleichterungen

  2. F.Vogel sagt:

    Gerade um 40 ist oftmals eine Veränderung heutzutage gang und gäbe. So war es auch bei mir,Spült es einem aus dem jetzigen Beruf oder man will etwas anders machen- einen Seitenwechsel. Die Basis hierfür legt man in seinen 30ern. Ueber Jahre gezielt bis man den momentanen Job herausgewachsen ist oder eine Chance , die einem quasi der Arbeitgeber vorgibt durch Umstruktuierung oder durch die geschäftsinternen kulturellen Veränderungen. In jedem Fall ist es weise alle 4-5 Jahre eine ausführlliche 360C Standortbestimmung vorzunehmen. Viel Erfolg und Zufriedenheit wünsche ich hierbei Frau Neumann..

  3. Zellweger Jakob sagt:

    Naja: letztlich müsste Sie ja dem Staat 50% des Gewinns geben. Was alles konnte die Frau Neumann dort mitnehmen an know how. Es gibt ja viele Beispiele. So gab es eine Zahnimplantate-Hersteller, der Mia. wurde. Der hat auch an der Uni angefangen, geforscht. Ist dann gegangen und hat innert wenigen Tagen in seiner neuer Firma Produkte hergestellt. Aber da ist der Staat halt einfach selber Schuld, wenn er solche Leute mit “Goldwissen” ziehen lässt und das vertraglich nicht regelt. Ich kenne viele, die haben gratis know how von Unis erhalten und als man genug wusste, hat man Gewinn daraus…

  4. Manum sagt:

    Nun wenn man viel verdient hat als Kader hat man diese Möglichkeit. Fragen sie mal die Kassiererin an der Migros oder der Gärtner mit 2 Kindern ob sie ein Abenteuer wagen würden…..