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«Lieber weniger verdienen und viel bewegen als umgekehrt»

Mathias Morgenthaler am Samstag den 31. Dezember 2016


Eine Postkartenschreiberin, ein Schokolade-Revolutionär mit grossem Herz, ein Bildhauer, der das erste abhörsichere Smartphone erfindet, und ein Banker, der auf einem Zeltplatz wohnt und Beton-Badewannen baut. Diese Interview-Portraits aus dem zu Ende gehenden Jahr zeigen: Je weniger Sicherheiten der Arbeitsmarkt bietet, desto wichtiger wird es, seine Talente zu kennen und zum Unternehmer in eigener Sache zu werden.

Mathias Morgenthaler

Jeder Berufsberater hätte vermutlich die Hände verworfen, wenn Sabine Rieker ihm von ihrem Vorhaben erzählt hätte: Postkartenschreiberin – dafür gab es weder Bundesordner mit einem Berufsbeschrieb, noch Vorbilder, noch eine günstige Prognose. Zum Glück hat die junge Frau niemanden gefragt und einfach losgelegt vor drei Jahren.

Postkartenschreiberin Sabine Rieker.

Postkartenschreiberin Sabine Rieker.

Durchs Schreiben fand sie nicht nur näher zu sich, sondern sie löste mit den handschriftlichen Texten berührende Reaktionen aus. Manche der Adressaten beschenkten die Postkartenschreiberin, andere zahlten sie dafür, dass sie Dritten Postkarten schrieb, wieder andere offerierten ihr Schreibaufenthalte in ihren Ferienhäusern. So erfüllte sich ihr Kindheitstraum, Schriftstellerin zu werden, zumindest teilweise. Weit über 1000 Postkarten hat die 30-Jährige in den letzten zwei Jahren geschrieben. Sie lebt heute vom Schreiben und fürs Schreiben, ergänzend gibt sie während einiger Wochen pro Jahr Segelunterricht in Hamburg. Nach mehr Jobsicherheit sehnt sie sich nicht, im Gegenteil: «Ich habe mich im letzten Jahr sehr in die Freiheit verliebt und könnte vermutlich nicht mehr zurück in einen Angestelltenjob», bilanzierte sie im Interview.

Das Interview mit Sabine Rieker war eines von 51 Portraits, die 2016 in der Rubrik Beruf+Berufung erschienen sind. So verschieden die Lebensgeschichten der Portraitierten sind, gibt es doch einen gemeinsamen Nenner: Alle üben sie einen Beruf aus, den es ohne sie so nicht gäbe. Sie füllen nicht nur ein Jobprofil aus, sondern schaffen etwas Persönliches, schreiben ihre eigene Geschichte. Das ist nicht jederzeit von Erfolg gekrönt, aber weitaus erfüllender, als nur in fremder Mission unterwegs zu sein.

Der lange Weg zum «Leseglück»

Auch Regula Tanner träumte in der Schulzeit davon, Schriftstellerin zu werden. In einem Haus in Italien sitzen und einen Roman schreiben – dieses Bild beseelte und berauschte sie in jungen Jahren. Noch hat sich der Traum nicht erfüllt, folgenlos blieb er aber nicht. Über das journalistische Schreiben fand die gelernte Kindergärtnerin zu ihrer heutigen Passion. Im Büchercafé «Das Leseglück» in Steffisburg bietet sie nicht nur literarische Entdeckungen an, sondern auch Kaffee, Kuchen und Kurse in kreativem Schreiben. Auch Regula Tanners Geschichte von der Annäherung an die eigene Berufung hat viele Leserinnen und Leser bewegt. Nicht nur strömten nach Publikation des Interviews Neugierige aus der halben Schweiz ins Leseglück, sondern es meldeten sich auch zwei Verleger bei ihr. Sie signalisierten ihr Interesse, den noch ungeschriebenen Roman frühzeitig zu lesen.

Das iStone von Bildhauer Horst Bohnet.

Das iStone von Bildhauer Horst Bohnet.

Viele meiner Interviewpartner, die bei ihrer Arbeit ganz in ihrem Element sind, leisten sich den Luxus, etwas Unvernünftiges oder gar Unproduktives zu tun: Der Bildhauer Horst Bohnet etwa erfand das iStone, das erste Smartphone, das ohne Strom auskommt, strahlungsfrei und komplett abhörsicher ist. Sein Objekt aus schwarzem Granit sieht dem iPhone zum Verwechseln ähnlich, kennt aber nur den Offlinemodus. 25‘000 Exemplare seines iStones hat der Bildhauer innerhalb von zwei Jahren verkauft. Bohnet sieht sich als «Hofnarr in unserer durch und durch digitalen Kultur», der uns zum Innehalten und Nachdenken bringen will. Ausser dem iStone besitzt Bohnet kein Mobiltelefon. Als die Nachfrage nach seinen iStones den Höhepunkt erreichte, stellte er die Produktion ein und wendete sich wieder der klassischen Bildhauerei zu. Auch der Typograf Ivo Moosberger ist regelmässig in unvernünftiger Mission unterwegs: Er wandert monatelang ziellos durch die Schweiz, schafft aus Blättern, Ästen, Steinen und Schnee vergängliche Kunstwerke, hält sie mit der Kamera fest und zieht weiter. Seine Vortragstournee, die er am 10. Januar in Angriff nimmt, musste auf 30 Abende ausgebaut werden, so gross war das Publikumsinteresse.

Der vermessene Angestellte

Berater Reinhard Sprenger fordert von den Unternehmen «mehr Anstand durch Abstand». Foto: Reto Oeschger

Berater Reinhard Sprenger fordert von den Unternehmen «mehr Anstand durch Abstand». Foto: Reto Oeschger

Warum wollen so viele einem eher introvertierten Landart-Künstler zuhören? Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Langsamkeit, Überschaubarkeit, Selbstbestimmung und Naturnähe, welche die Leute in die Säle treibt. Und der Kontrast zum eigenen Arbeitsalltag. Viele Angestellte werden da nämlich «pausenlos befragt, vermessen, gesteuert, optimiert und fürsorglich belagert», wie Reinhard Sprenger im Interview diagnostizierte. Der Unternehmensberater kritisierte, die Firmen seien «dermassen zugepackt mit Erniedrigungsbürokratie, dass die Mitarbeiter kaum mehr atmen, geschweige denn etwas Eigenständiges schaffen können». Ähnlich sieht es Arbeitspsychologe Felix Frei: «Die Chefs oben versuchen, mit immer grösserer Regeldichte, Mikromanagement und ausgebautem Controlling die Mitarbeiter zu steuern. Aber wenn Mitarbeiter sich nur noch in einem Korsett bewegen können, beginnen sie, das System zu unterlaufen.» Oft müssten sich Angestellte entscheiden, ob sie «das System befriedigen» oder etwas Sinnvolles tun wollten.

Die Erfolgsfirma ohne Chefs

Christian Stocker, Mitbegründer einer Firma ohne Chefs und Budgets.

Christian Stocker, Mitbegründer einer Firma ohne Chefs und Budgets.

Was also tun? Leiden im Angestellten-Job oder in die Selbständigkeit flüchten? Manche Unternehmer zeigen, dass es einen dritten Weg gibt. Christian Stocker, Mitgründer der Software-Firma Liip, war als Chef der rasch wachsenden Firma eine Art hoch dotierter Bremsklotz. Als er nicht nur seine Chef-Funktion, sondern auch die Budgets und fast alle Regeln abschaffte, übernahmen die Mitarbeiter mehr Verantwortung. Heute organisieren sich die 140 Angestellten weitgehend selbständig und agieren in kleinen Teams. Ähnlich radikal ging auch Hermann Arnold vor, langjähriger Chef der Firma Haufe-Umantis. Mit 37 Jahren gab er die Leitung der Firma ab, blieb aber im Unternehmen. Der demokratisch gewählte neue Chef hatte einst als Praktikant angefangen und durfte nun dem Gründer Weisungen erteilen. «Temporäres Zurücktreten bringt die Führungskraft und die Firma voran», bilanzierte Arnold. Haufe-Umantis wählt inzwischen die gesamte Geschäftsleitung demokratisch. Und bei Premium Cola verdient der Chef Uwe Lübbermann, der sich «zentraler Moderator» nennt, nur 18 Euro in der Stunde, alle Entscheidungen werden konsensdemokratisch gefällt, selbst die Kunden werden einbezogen.

Der Banker auf dem Campingplatz

Ex-Banker Andy Keel in seiner Betonküche.

Ex-Banker Andy Keel hinter einer seiner Betonküchen.

Und wenn wir schon beim Geld sind: Ein hoher Lohn mag angenehm sein, aber viele zahlen einen sehr hohen Preis dafür in Form von Anpassung und Entfremdung. Kein Wunder also, hatten drei Interviews mit Aussteigern die grösste Resonanz im 2016: Jenes mit Swiss-Re-Manager Tomer Lanis etwa, der sich eine halbjährige Auszeit gegönnt und mit der Familie die Welt bereist hat. Oder jenes mit dem früheren UBS-Direktor Andy Keel, der nur noch einen Viertel seines früheren Gehalts verdient, im letzten Jahr hauptsächlich auf einem Campingplatz lebte, als Unternehmer Badewannen aus Beton herstellte und als Vater viel Zeit mit seinem Sohn verbrachte. Keels Motto lautet seit Jahren: «Lieber weniger verdienen und viel bewegen als umgekehrt.»

Und schliesslich war da noch Christoph Inauen, der für ein Jahr ganz auf einen Lohn verzichtete, um eine Schokoladerevolution anzuzetteln. Sein Ziel war es, Kakaobauern in Peru von schlecht bezahlten Rohstofflieferanten zu Unternehmern zu machen. Er gründete zu diesem Zweck die Firma Choba Choba, welche die Schokolade ohne Zwischenhandel vertreibt und die Kakaobauern direkt beteiligt. Keine zwei Tage nach Publikation des Interviews mit Inauen war die gesamte Produktion ausverkauft, Inauen erhielt zahlreiche Bewerbungen von hoch Qualifizierten, die sich in seiner Firma engagieren wollten, viele davon unentgeltlich. Sie empfanden wohl ähnlich wie Augustiner-Pater Hermann-Josef Zoche, der im Interview bilanzierte: «Eine Welt, die nur dem kapitalistischen Imperativ gehorcht, ist ein kalter Ort. Erst wenn Qualitäten wie Gemeinsinn, Vertrauen und Liebe dazukommen, lohnt sich die ganze Anstrengung.»

 

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4 Kommentare zu “«Lieber weniger verdienen und viel bewegen als umgekehrt»”

  1. Johannes Decker sagt:

    Habe leider keine dieser Interviews gelesen, bin begeistert, diese Seite jetzt aufzuschlagen. Möchte wissen ob diese interviews nachzulesen sind und wenn ja, wo? Ist für mich ein positiver Leseanfang im jungen 2017. Passt zum Film “Tomorrow”.

  2. Josef Marti sagt:

    Das typische Narrativ bei Bankern: Sich zuerst dumm und dämlich verdienen und dann mit der Kohle sich selbst verwirklichen, das ist ja schon ok, aber in anderen Branchen schafft man das nicht. Und schon gar nicht kann sich jeder eine halbjährige Auszeit für eine Weltreise leisten um zu sich selbst zu finden. Sodann können unmöglich alle plötzlich selbständigerwerbende und Unternehmer werden, dann gäbe es ja nur noch Ein Mann Betriebe (und schon gar keine Konzerne) und keine Arbeitsteilung mehr.

  3. Josef Marti sagt:

    Nachtrag: Jeder Betrieb der Erfolg hat stellt irgendwann immer mehr Mitarbeiter ein. Überdies werden nur dann mehr Angestellte angeheuert wenn für den Unternehmer ein Mehrwert davon abfällt, andernfalls ist der Unternehmer nur ein Wohlfahrtsinstitut. Wenn der Profit nicht mehr über allem stehen würde dann wären genossenschaftliche- und Mitarbeiterbeteiligungsstrukturen denkbar.

  4. Sacha Maier sagt:

    Der erfolgreiche Aussteiger – quasi das Komplämentäre zur Tellerwäscher-Karriere, funktioniert eben nur dann, wenn man nach dem Exit genug Bares auf der Seite hat, um sein Geschäftsmodell auch durch die Durststrecke der Gründerjahre zu führen (typisch 3…5 Jahre). Hat man das nicht, lösen sich die vielversprechendsten Anfänge in Schall und Rauch auf. Oft ist auch das PK-Vermögen weg. Noch schwieriger ist es, wenn man sich als Forscher mit Energietechnologien beschäftigt hatte, welche die Mineralölsteuer gefährden. Dann kommen BWIS/GKG/KMG zum Zug und es gibt einen ganzen Strauss Restriktionen.

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